Die besten Tapes der Woche // Weekly Release

von am

Kurz vor’m ersten Advent haben wir schon ein Geschenk für euch: eine Wagenladung voll mit den besten Tapes der Woche.

Earl Sweatshirt – Some Rap Songs

Das ehemalige und vermutlich traurigste Odd-Future-Mitglied Earl Sweatshirt hat nach langem Warten sein drittes Album mit dem bescheidenen Namen „Some Rap Songs“ veröffentlicht – was für ein Understatement. Dass es nicht einfach irgendwelche wahllos zusammengewürfelte Rapsongs sein werden, war bei Earl zu erwarten. Zahlreicher Soul-Samples sei Dank, ist Some Rap Songs“ einen Hauch leichtfüßiger als der Vorgänge „I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside“. Die Songs sind größtenteils kurz, ohne auch nur den Ansatz eines Versuchs eingängige Hooks zu kreieren, dafür voller persönlicher oder geschichtlicher/politischer Referenzen. Einige Beispiele: Wie er auf „Chum“ noch verarbeitete, dass sein Vater ihn im Kindesalter verließ, beinhaltet „Some Rap Songs“ Sprachaufnahmen seiner Eltern, darunter welche seines kürzlich verstorbenen Vaters. Auf „The Mint“ feat. Navy Blue findet sich ein Sample aus dem Blaxploitation-Film „Black Dynamite“, der Intro-Song „Shattered Dreams“ beginnt mit Zitat-Samples des Schriftstellers James Baldwin und das Album endet mit einem reinen Instrumental-Stück – wie bei Tylers letztem Album. Ob ein Zusammenhang besteht, sei mal dahingestellt. Insgesamt ist „Some Rap Songs“ ein verkopftes, melancholisches, ja fast schon avantgardistisches Album, was einen extremes Gegenstück zum US-amerikanischen HipHop-Mainstream bildet. Der Sound eurer nächsten Hausparty wird es nicht, aber alle traurigen Kids da draußen: Der hier ist für euch.

Lieblingstracks: „December 24“, „Playing Possum“

JID – DiCaprio 2

Knapp ein halbes Jahr nachdem JID auf dem XXL-Cover thronte, erschien Sonntag Nacht sein lang erwartetes zweites Album „DiCaprio2“. Der East Atlanta Rapper erklärte seinen Fans, warum er auf zwei, für die Charts relevanten Tage verzichtete: „First week sales are kool for the Coles, Kdots, Drakes And Nikki’s but, that’s not the game I’m playin right now.“ DiCaprio2 kommt mit 14 Tracks und folgt auf das von Kritikern gefeierte Debütalbum „The Never Story“. Features von A$AP Ferg, J.Cole, 6lack bis hin zu Joey Badass und Method Man, begleiten sein zweites Werk. Das Albumcover zwingt einem zum genauen Hinschauen um zu erkennen, dass es sich nicht um Leonardo DiCaprio handelt. Man muss aber auch mindestens zweimal das Album durchhören. Einmal für die Flows, die JID auf die Beats einzementiert und einmal um die lyrische Präzision zu begreifen, mit der er hantiert. Zwischen dem von Kennybeats produzierten Monster „Slick Talk“ und dem an 90er-BoomBap erinnernden „Working Out“ liegen akustische Welten. Doch JID kennt sein Spiel und wechselt Atmosphären als wäre es nothing. Die Szenerie bleibt gleich und entführt uns in seine Hood: Zone6, the trappiest of all places. Mit verschiedenen Soundwelten und ohne Trapekstasen, holt er uns ab und hinterlässt uns shooked. Das eigentlich traurige East Atlanta, erzählt aus der Sicht des bodenständigen, reflektierten lyrischen Biests. Ein Must Hear zum Jahresende.

Lieblingstracks: „Slick Talk“, „Workin Out“

The Alchemist – Bread

Alan The Chemist ist und bleibt ein Produzenten-Gott, da kann man nichts mehr dagegen sagen. Seit ungefähr zwanzig Jahren beliefert er Nas , Lil Wayne, Curren$y und Mobb Deep bis hin zu den üblichen Verdächtigen wie Action Bronson und dessen Dunstkreis mit einer perfektionierten chemischen Beat-Formel, bestehend aus wunderschön, organischen Instrumentierungen und ein Feingefühl für Chor-Samples. Auch auf der aktuellen „Bread“-EP bekommt man genau das zu hören. Leider bleibt es bei nur vier Tracks, doch haben wir die Ehre zwischen Features von Rap-Misfit Earl und Real-Rap-Heads Westside Gunn und Conway hin und her zu springen. Auf The Alchemist ist Verlass und das wird auch weiterhin so bleiben.

Lieblingstracks: „E. Coli“ feat. Earl Sweatshirt

Lil Baby – Street Gossip

Lil Babys Releasmentalität is nicht zu kritisieren – 2018 hat das ATLien nicht nur bei unzähligen hochkarätigen Singles assistiert (Young Thug, Bhad Bhabie etc.) sondern auch ganz nebenbei noch ein paar Langzeitspieler gedroppt, unter anderem auch sein Debütalbum „Harder Than Ever“. Knapp zwei Monate nach dem durchaus stabilen Kollabo-Tape „Drip Harder“ mit Gunna ist Lil Baby nun mit der nächsten LP zurück. Zwischen massig Star-Features wie Young Thug, Gucci Mane, Meek Mill, Offset und noch vielen mehr, findet man vereinzelt nur wenige Solotracks, auf denen Lil Baby versucht sich aus dem Feauture-Spektakel herauszuheben und für kurze Zeit im Scheinwerferlicht zu glänzen – Nur leider gelingt ihm das nicht wirklich. Die Banger bleiben großteils aus, die Standout-Tracks sind ganz eindeutig die, auf denen Guwop, Thugger, Meek oder Gunna das Mic übernehmen, doch schafft es Lil Baby mit „Street Gossip“ ein durchaus stimmiges Tape zu liefern.

Favoriten: „Realist In It“ feat. Gucci Mane & Offset, „Ready“ feat. Gunna

James Jetski – Thot Wheels

Nachdem James Jetski (zumindest unter diesem Pseudonym) im September mit dem „Jetski Tape“ sein Debüt gefeiert hat, legt das Lichtgang-Member nun mit einer fünf Tracks umfassenden EP nach. Thematisch bleibt James Jetski im bekannten Kosmos: Moneystacks, schnelle Autos, Designerschmuck und Ekstase stehen im Vordergrund. Mit abwechslungsreichen Flowvariationen über teils sehr melodische Trap-Bretter zelebriert er dieses Highlife und leistet so seinen Beitrag zum wachsenden Katalog des Lichtgang-Movements. Produziert wurde das Tape von Yung Isvvc, der auch auf „Sickboyrari“ einen Part beigesteuert hat. Und Adidas: Hittet ihn bitte endlich up.

Lieblingstracks: „Sickboyrari“, „Comme Des Garcons“

Veysel – Fuego

Der 4-Blocks-Fame reicht nicht! Neben seiner Schauspielkarriere lässt Veysel sein Hauptgeschäft (oder ist dieses mittlerweile nur noch Nebeneinkunft?) nicht aus dem Auge. Dabei setzt der Altendorfer exakt dort an, wo er mit seinem letztjährigen Album „Hitman“ aufgehört hat und verfeinert die Formel höchstens ein bisschen. Streetstories, Autotune, tanzbare Hits. Besonderes Augenmerk liegt hier natürlich wieder auf eingängigen Hooks. Diese stehen jedoch nicht im luftleeren Raum, sondern verbinden Veysels hungrig vorgetragene Verses. Featuregäste gibt es auf „Fuego“ natürlich auch wieder. Hinter dem Ofen hervorlocken wird die Aufzählung von Summer Cem oder GZUZ, in Verbindung mit playlistentauglicher Musik, jedoch niemanden mehr. Am Ende steht so ein wenig überraschendes, aber furchtbar unterhaltsames Werk, das von Veysels Vortrag und Hitgespür lebt.

Lieblingssongs: „Tres Jolie“, „Fuego“

MXM & Pavel – Vierviertel der Takt

Die zwei Berliner MXM & Pavel aus dem Upstruct-Camp machen (eigentlich schon immer) Musik aus dem Kiez für den Kiez. Auf ihrer vierten Platte „Vierviertel der Takt“ schafft MXM es mit einer unverkennbaren Entspanntheit und Geschmeidigkeit über Pavels boombapige Instrumentals zu gleiten und dabei trotzdem ernste Themen anzusprechen und den ein oder anderen Soft-Punch rauszuhauen. Gerade Gentrifizierung und Überkonsum bekommen ihr Fett weg . Somit erschaffen MXM & Pavel ein kritisches, durchdachtes Stück Kunst, ohne dabei verkrampft zu wirken oder das Musikalische auf der Strecke zu lassen. Um Capital Bra zu zitieren: „Berlin lebt, Bratan!“

Lieblingstracks: „Eingespieltes Team“, „Kenne deinen Kiez“

Olexesh – Authentic Athletic 2Review Olexesh – Authentic Athletic 2

Ziemlich genau sechs Jahre sind vergangen, seit ein ambitionierter Rapper aus Darmstadt-Kranichstein sein Mixtape „Authentic Athletic“ zum Free Download im Internet veröffentlichte, um damit den Grundstein für eine steile Karriere im Rapgame zu legen, sein Name: Olexesh. Vier Soloalben später ist OL am Rap-Olymp angekommen und bedankt sich mit dem Nachfolger des legendären Klassikers bei seinen Fans. „Authentic Athletic 2“ umfasst insgesamt 32 Anspielstationen und liefert mit „Von vorn“ einen Einstieg, der am nostalgischen Flavour seines Vorgängers anknüpft, wenn Olexesh mit gewohnter Wortakrobatik über das Sample des Swishahouse-Klassikers „Still Tippin“ flowt. Das ist soundtechnisch betrachtet, neben „Idéal Life“, aber auch schon die einzige Parallele. Die 90’s BoomBap- und G-Funk-Ästhetik des Originals mit Samples und harten Kicks weicht Synthesizern, tiefen Bässen und Hi-Hat Rolls. Ein Update, das für Straßenrap im Jahre 2018 unumgänglich scheint. Inhaltlich bleibt allerdings alles beim Alten, auf „Knack den Novo“ wird sich mal wieder, mit Unterstützung von AK Ausserkontrolle, blickenden Spielautomaten gewidmet, mit Capital Bra werden auf „Best Friends“ zusammen die Kripos geschmiert und „Latina riecht Mango 2“ und „Alles nur für Parra“ sind würdige Fortsetzungen von Tracks, die sich bereits auf dem Erstlingswerk befanden. Neben Gastparts aus dem Hause 385i in Form von Celo, Abdi & Nimo, schafft Olexesh mit „Ice“ das Kunststück Casper und Yung Hurn auf einen Track zu vereinen. Als wäre das nicht schon kurios genug, ist „Get the Strap“ feat. Young Buck & Hanybal wohl die interessanteste Kombo des Jahres 2018, die nur noch von „4 Runden“ feat. DJ Katch getoppt wird, das das deutsche Pendant zu „Sicko Mode“ darstellt. Stellte „Authentic Athletic“ noch den Pflichtteil für OL dar, um einen Fuß in das Rapgame zu bekommen, ist „Authentic Athletic 2“ die Kür, die zwar geprägt ist vom Zeitgeist des amerikanischen Trap-Sounds, aber dennoch die aggressive und hungrige Attitüde beinhaltet, die Olexesh von Kranichstein in die Charts katapultierte.

Lieblingstracks: „500 Taxis“, „Dopeman“ , „Idéal Life“

Meek Mill – Championships

„Erfolg kommt nicht von ungefähr“ – Gäbe es nicht bereits einen gleichnamigen Lebensratgeber, hätte sich dieser wohl auch als Titel für Meek Mill‘s neues Album angeboten. Meek hat dann aber doch, wahrscheinlich der Einfachheit halber, „Championships“ gewählt.
Wie wohl kein anderer weiß Meek, wie es sich anfühlt vom Regen in die Traufe zu geraten, turbulente Jahre liegen hinter dem Rapper aus Philly. A ngefangen von der Trennung von Nicki Minaj, die Rapfehde mit Drake, bis schließlich alles im Gefängnisaufenthalt, wegen vermeintlichen Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen, gipfelte. Doch das gehört alles der Vergangenheit an, Meek Mill ist back-on-track und feiert seine Rückkehr im Rapgame mit einem epochalen Intro, das Phil Collins‘ Klassiker „In the Air Tonight“ sampelt. Auch auf „Trauma“, mit Referenzen zum Mobb Deep Klassiker „Get away“ und auf „What’s Free“ feat. Rick Ross & Jay-Z, wird nicht nur die Sample-Kultur wiederbelebt, sondern zeigt Mill mit ungewohnten Storytelling-Approach. Wer jetzt aber denkt alle 19 Tracks sind deepe Songs, mit denen Meek seine Erlebnisse in der Vergangenheit verarbeitet, hat sich getäuscht. „Championships“ verhält sich eher wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde – auf der einen Seite werden politische und gesellschaftliche Missstände thematisiert, auf der anderen Seite stehen Club-Banger wie, „On Me“ feat. Cardi B, „Splash Warning“ feat. Future, Roddy Ricch & Young Thug“ und “Pay You Back” feat. 21 Savage, auf denen gelext wird was das Zeug hält und Schüsse in sämtliche Richtungen verteilt werden. In einfachen Worten: „Championships“ soll eine möglichst große Zielgruppe ansprechen. Dies wird auch deutlich, wenn man die Liste der Features fortführt, Fabolous, Anuel AA, Kodak Black, Ella Mai, Melii, Jeremih und PnB Rock. Das aufgefahrene Starensemble findet seinen medienwirksamen Höhepunkt in „Going Bad“ der die Versöhnung mit dem ehemaligen Erzfeind Drake in musikalischer Form darstellt. Insgesamt ein Album für mit Nummern für Jedermann/frau, ob das jetzt gut oder schlecht ist, lässt sich schwer beurteilen.

Lieblingstracks: „Uptown Vibes“, „What’s free“, „Wit the Shits“

Ski Mask The Slump God – STOKELEY

Mit „STOKELEY“ droppt Ski Mask The Slump God sein bereits drittes Album dieses Jahr. Das spricht zwar für einen stetigen Output, heißt in diesem Fall aber nicht Qualitätsverlust, denn jedes seiner Projekte folgt einem anderen Konzept oder Soundbild. So wagt sich Ski auf seinem neuesten Release recht weit aus seiner Komfortzone heraus: auf dem Intro „So High“ oder dem R’n’B-Song „Save Me Pt 2“ mit Sänger Austin Lam beispielsweise wird er zum Croon God. „Faucet Failure“ überrascht mit exotischen Beats, „Nuketown“ mit Juice Wrld kommt unerwartet düster daher. Während Juice sich Skis Sound voll und ganz anpasst und dem Track keine besondere Note verleiht, beweisen Lil Baby und Lil Yachty ihre Feature-Qualitäten und bereichern das Album um weitere Facetten. Wie schon in den Kommentarspalten einiger Snippet-Videos zu sehen, war „Reborn to Rebel“ der große Hoffnungsschimmer und enttäuscht damit keineswegs. Experimentelle Synths treffen auf den bekannten LoFi-Sound und unverkennbare Adlibs, welche auf „LA LA“ ihren Höhenpunkt erreichen. Ski geht mit „STOKELEY“ sowohl beattechnisch als auch vokal einige Risiken ein, die aber in diesem Fall belohnt werden und auf ganzer Länge überzeugen. Bei keinem Song wagt man sich ihn zu überspringen, keine Bassline oder Stimmausbrüche verfehlen ihr angestrebtes Ziel. Damn, Ski!

Lieblingstracks: „LA LA“, „Reborn to Rebel“, „Adults Swim“, „Faucet Failure“

Kaytranada – Nothin Like U / Chances

Gut Ding will Weile haben – scheint zumindest in Kanada so der Fall zu sein. Mit etwas Verzögerung wurde Kanada im Oktober das zweite Land der Welt in dem der Anbau, Verkauf und Gebrauch von Cannabis vollständig legalisiert wurde, jetzt teast Kaytranada, mit der „Nothin Like U/Chances“ EP, sein langerwartetes und für 2019 angekündigtes Folgealbum zum 2016 erschienen Solodebüt „99,9 %“ an. Leider insgesamt nur drei Tracks mit Features von Ty Dolla $ign und Shay Lia, die aber richtig Laune auf den anstehenden LP des Produzenten aus Montreal machen.

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