Die besten Tapes der Woche // Weekly Release

von am

Halloween steht vor der Tür und wir brauchen die bestmögliche Ausrede, um am Wochenende nicht bei den unzähligen, komplett überzogenen Partys teilzunehmen. Da kommen die besten Tapes der Woche doch ganz gelegen. Gönnt euch!

Joji – Ballads 1

In kurzer Zeit wurde die 88Rising-Crew zum zuverlässigen Gütesiegel. Vor allem Joji sticht mit seinen neuartigen Produktionen, einer verdammt bunten Vokal-Palette und künstlerisch ausgereiften Videos immer wieder hervor. Über das letzte halbe Jahr haben vier Auskopplungen jede Menge Spannung aufgebaut und „Ballads 1“, eine Erzählung von Veränderung und Herzschmerz, würdig geteast. Das lang erwartete Projekt startet mit „Attention“, einem Klavier-gestützten Track, der trotz boomendem Bass und vernebelten Rhythmen Jojis hypnotisierender Stimme den Vorrang lässt. Die Auskopplung „Slow Dancing In The Dark“ zeigt Filthy Frank von seiner glänzendsten Seite: ein epischer Chorus, schwebende Gesänge über Pianoklängen und ein Text, der weit über das eigentliche Albumthema hinausgeht. „Test Drive“ bietet dann lyrisch leichtere Kost, die aber durch einen stimmigen Wechsel aus gerappten und gesungenen Parts aufgewertet wird. Die Trance, in die man unweigerlich in den ersten Minuten des Albums fällt, wird durch ein E-Gitarren-Solo auf „Wanted U“ und aggressiv-industrielle Punk-Sounds auf „Why Am I Still In LA“ unterbrochen. Hier zeigt sich, dass das 12 Track starke Projekt doch nicht nur zum unbedachten Dahinhören gedacht ist. Melancholie und Post Malone’esque Vocals prägen „Yeah Right“ und locken Joji damit aus der Komfortzone seiner vorhergehenden „In Tongues“-EP. Ein kompletten Bruch mit dem Vorgänger-Projekt erfährt „Ballads 1“ dann mit „Can’t Get Over You“ und Clams Lo-Fi Cloud Rap-Produktion. Feature Trippie Redd stört auf „R.I.P.“ zwar nicht, passt aber durch seinen komplett unmelodischen Part eigentlich nicht ins Bild und fügt dem Gesamtkunstwerk auf jeden Fall nichts hinzu. Die letzten beiden Tracks „Xnxx“ und „I’ll See You In 40“ hingegen geben dem Album dann nochmal einen ganz eigenen Twist. Downtempo-Produktionen, die Jojis federleichte Stimme mit Ukulele- und Flöten-Samples speisen. Man kann es nicht leugnen, das 88Rising-Member hat einfach alles richtig gemacht. Er verbindet radiotaugliche Songs mit komplett avantgardistischen Produktionen und schafft die perfekte Balance zwischen Tracks, die einen wegfliegen lassen und welchen, die einen mit knallharten Texten über gebrochene Herzen und Selbstfindung auf den Boden zurückholen. Die teilweise nicht zusammenpassenden Arrangements aus „In Tongues“ wurden durch perfekt ineinander geblendete innovative Sounds und emotionale Vocals ersetzt. Joji ist eine der Veränderungen, die wir dringend in der verdammt konsumorientierten und nicht experimentierfreudigen Szene brauchen!

Lieblingstracks: „Slow Dancing In The Dark“, „I’ll See You In 40“

Mick Jenkins – Pieces Of A Man

Nachdem Mick Jenkins vor zwei Jahren “The Healing Component” gedroppt hat, scheint er auf seinem neuen Studio-Album doch in “Pieces Of A Man” zersplittert zu sein. Der Titel ist Soulgott Gil Scott-Herons erstem Projekt nachempfunden und auch thematisch begibt sich Mick wie seine Inspiration auf eine emotionale Achterbahn. Der MC will das bestehende Männerbild umschmeißen, natürlich auf seine eigene sehr klassische Weise, und zeigen, wie verletzlich auch das männliche Geschlecht sein kann und dass streng eingeteilte Rollen längst überholt sind. So zieht sich durch das Album nicht nur lyrisch, sondern auch instrumentell eine mysteriöse, schwere (aber nicht erdrückende) Atmosphäre. Die smoothen Beats, ein Mix aus dem überwiegenden Jazz, Funk, aber auch bouncigen Elementen wirken zusammen mit Jenkins fliehendem Rap wie geschaffen füreinander. Das wohltuende Wechselspiel nimmt mit „Heron Flow“ feat. Julien Bell seinen Anfang, auf dem der Protagonist nach einer Runde Applaus sein „Food for thought“ ankündigt. Der musikalische Beginn der Jazz-Nacht ist „Stress Fracture“ mit funky Bassline, das übergeht in einen „Soft Porn“ mit Micks seidiger Stimme. Mit simpler Ästhetik und starken Lines geht es dann auf „Reginald“ weiter, dass ausspricht, was schon lange klar sein sollte: die Wahrheit sollte nicht bestraft, sondern belohnt werden. Auch die Auskopplung „Understood“ und „U Turn“ erweitern das Bild des Albums um eine weitere Facette: sehr direkt, hart und antagonistisch geht es auf düsteren Produktionen zu. Mit Features wie Wu-Tang Clan Legende Ghostface Killah, BadBadNotGood und vielen mehr wurde zudem eine sehr supportende Wahl getroffen. Ja, das Gesamtprojekt ist wohl etwas kommerzieller als gewohnt, zeigt aber Mick Jenkins enorme Reichweite in alle Ecken der Szene auf. Seine energetischen Raps und sentimentale Ausbrüche, wie wir sie kennen- und lieben gelernt haben, gibt es aber weiterhin.

Lieblingstracks: „Soft Porn“, „Understood“

Tory Lanez – LoVE me NOw

Die Dichte des Outputs von Tory Lanez ist unbestritten, bis dato veröffentlichte der kanadische Singrapper bereits mehr als 20 Alben, Mixtapes und EPs. Diese beachtliche Diskografie wächst nun mit „LoVE me NOw“ um eine weitere Anspielstation. Der Hunger nach Hits des Toronto-Natives scheint nahezu unersättlich, denn bereits ein erster Blick auf die Feature-Liste des dritten Soloalbums und Nachfolger des Anfang des Jahres erschienenen Albums „Memories Don’t Lie“ lässt ein musikalisches Festmahl vermuten: Chris Brown, 2 Chainz, Meek Mill, Lil Baby, Trippie Redd, Gunna, Bryson Tiller, um nur einige Gäste auf dem Werk zu nennen. Tatsächlich wird ab dem ersten Track klar, Bescheidenheit und Understatement sucht man auf diesen Album vergebens. Knallharte Instrumentals, großspurige Lyrics gepaart mit Torys melodischem Flow sind an der Tagesordnung. Diese Energie war bereits auf der im Vorfeld veröffentlichten Single „Drip Drip Drip“ feat. Meek Mill zu spüren und lies erahnen, dass man sich auf ein Banger-Album einstellen konnte. „Miami“ feat. Gunna ist eine Hommage an Lanez’ gleichnamige Wahlheimat und handelt von den schönen Dingen des Lebens, wie Yachten, Jet Skis und schönen Frauen – hach, was ein life! Auch die langerwartete Kollaboration mit Bryson Tiller befindet sich auf dem LP mit „Keep in touch“, der einzige Track auf dem Tory Lanez etwas sanfter wird und zur Abwechslung mal wieder seine Gesangsqualitäten beweist, die auf den restlichen Tracks durch den Einsatz von Autotune eher untergehen. Insgesamt muss man leider sagen, dass durch die Feature-Völlerei Tory Lanez Individualität in den Hintergrund gerät, wer aber Hits gereiht an Hits erwartet hat, kommt voll auf seine Kosten.

Lieblingstracks: „Duck my Ex“ , „Keep in touch”

Eno – Wellritzstrasse

Von der Straße in die Charts war bei Eno keine Floskel. Erst vor zwei Jahren fing der Junge aus Wiesbaden, damals noch bekannt als Eno 183 an zu rappen. 2018 landet er mit „Mercedes“ einen der erfolgreichsten Deutschrap-Songs des Jahres, der wirklich jeden zum Halay tanzen bringt. Nun liefert das neueste AON-Signing mit „Wellritzstraße“ einen Nachfolger seines Debüts „Xalaz“ und erfüllt die Erwartungen eines soliden Rap-Albums mit catchy, zum Großteil gesungenen Hooks. Musikalische Ausflüge gibt es bei „Richard Mille“ oder „Chyna Whyte“ mit Daft Punk inspirierter Hook: „Hack es, streck es, pack es.“ Mit „Geldzählmaschine“ outet sich Eno als deutsche Cardi B – sein Geldzählmaschinensound „Hrrrr“ könnte das neue „Okurrrr“ werden (Joke). Mit „Kopfgeld“ feat. Azad wird das Rhein-Main-Gebiet gehuldigt und auf „Danke“ wird es endlich deeper und emotionaler – davon gerne mehr. Aber in Enos jungem Alter ist noch viel Zeit für Deepness, Emotionen und sowieso alles.

Lieblingstracks: „Mercedes“, „Danke“

Skinnyblackboy – SKINNYDIPPIN

Dass die Erotik Toy Records-Crew mit ihren Genre-ignorierenden Produktionen eine neuartige Ecke in der deutschen Szene geschaffen hat, ist unbestritten. Mit gegen den Strom schwimmt das jüngste Mitglied der Familie: Skinnyblackboy, dessen Tracks trotz der fehlenden Erfahrung ausgereift und detailliert klingen. Auch sein 12 Tracks starkes „SKINNYDIPPIN“ reiht sich in diese Erfolgskette ein. Während sein Flow hier und da an die US- und UK-Chefetage erinnert (T.N.T.), lässt sich der Bremer aber auch gerne von 80er-R’n’B und 90er-House leiten. Inhaltlich geht’s auf der einen Seite recht deep („I Wanna Know“, „Solarlight“) voran, teils sind aber auch straighte Turn-Up-Songs oder zum Chillen einladende Tracks dabei. Produzent und Homie Florida Juicy ist für die meisten Beats verantwortlich und entführt uns genau wie der Vokalist in unbekannte musikalische Gefilde. Skinny rappt: “I wanna shine bright, like a solarlight”. Mit diesem Release, das an keiner Stelle Kritik zulässt, hat er das auf jeden Fall geschafft und fügt dem ETR-Universum ein weiteres spannendes, talentiertes Mysterium hinzu.

Lieblingstracks: „Solarlight“, „W.O.R.K.“

Sero – Raw-Tape

So schnell wie Sero im Frühjahr 2017 plötzlich auf der Bildfläche von Deutschrap erschienen war, war er auch wieder von dieser verschwunden – es schien zumindest so. Denn nach seinem Debütalbum „One and Only“, das quasi über Nacht droppte und ein paar gespielten Konzerten, war erstmal kein weiterer musikalischer Output zu verzeichnen. Zu viel Hype um Nichts? Nein, der Schöneberger spielt einfach nicht nach Deutschraps Spielregeln, setzt auf künstlerische Freiheit und nutzte die Kreativpause um an seiner individuellen Version von Rap zu arbeiten. Die ersten Ergebnisse dieses Prozess konnte man Ende des Sommers auf dem „Sweet-Tape“ nachhören, wurden hier noch eher sanfte Töne auf verträumten Beats mit einem Ausflug in Richtung Afrotrap angestimmt, ist das jetzt veröffentlichte „Raw-Tape“ das exakte Gegenteil. Düstere 808s auf denen Sero mit seiner brachialen Stimme und der Arroganz flowt, die man bereits von seinem Debütalbum kennt. Waren die Beats auf „One and Only“ noch experimenteller angehaucht, ist auf Raw ein roter Faden zu erkennen, der sich durch die gesamte Platte zieht. Dennoch zeigt sich das selbsternannte Babyface variabel in Sachen Flow und Technik. Während sich die laid-back Gleichgültigkeit auf „Bang Bang“ hypnotisch in den Gehörgang einprägt, lädt das Trap-Brett „Saint“ zum Moshpit ein. Apropos Moshpit – von der Qualität der „sweeten“ und „rawen“ Sounds kann man sich auch bald live überzeugen, im November geht Sero nämlich auf RAWberry Tour.

Lieblingstracks: “Saint”, “Lucy”

Yeasyoah – Kollateral

Es gibt endlich wieder ein musikalisches Lebenszeichen von Yaesyaoh aka Neon Racer aus LGoonys Lichtgang. Mit „Kollateral“ liefert der Kölner einer kleine, feine, vier Track starke EP, die zur Hälfte von Basey und zur anderen Hälfte von Dietrich produziert wurde. Die EP ist wie gewohnt düster, „schwer wie Blei“ mit einer Prise Arroganz. Hörempfehlung!

Lieblingstrack: „Blei“