Die besten Tapes der Woche // Weekly Release

von am

Ach Leute, was für ein Release-Fest! Neben dem Future & Juice WRLD-Highlight (zu dem am Sonntag die große Review kommt) gibt es fast unendlich viele andere wundervolle Tapes, die wir nun das ganze Wochenende lang auf Dauerschleife hören können.

Serious Klein – You Should’ve Known

Wem Serious Klein bis dato immer noch kein Begriff ist, wenn es um qualitativ hochwertigen englischsprachigen Rap aus Deutschland ohne Fremdschämen geht, dem bleibt nur zu erwidern: „You Should’ve Known“! Auf dem gleichnamigen Debüt Album des Bochumers bewahrheitet sich, was schon seit geraumer Zeit abzusehen war: Auf insgesamt 16 Tracks punktierter Flow gepaart mit Vibe und Delivery auf hochkarätigen Beats, eine Kombination die man sonst nur von Künstlern aus Übersee gewohnt ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Seri als einer der talentiertesten Nachwuchsrapper hierzulande gehandelt wird und auch über Deutschland hinaus Aufmerksamkeit erfährt. Neben dem bereits im Vorfeld veröffentlichten Banger „91 Flex“ befindet sich auf dem Longplayer mit „Henny Money“, „Voodoo Money“ und „Coochie Money“ eine Trilogie über die Fallen und Tücken auf der Jagd nach Ruhm und Geld. Subtilität sucht man auf „You Should’ve Known“ vergebens, Seri’s gerapptes Wort hat Gewicht und Tiefgang und das ist auch gut so – mit diesem Alleinstellungsmerkmal sticht der MC aus der restlichen Raplandschaft in Deutschland heraus. Wir sind uns zwar sicher, dass der LP auch wunderbar ohne Features funktioniert hätte, dennoch sorgen unter anderem Ahmad Mateen, Cocoa Sarai, Farr, Jerome Thomas, Juju Rogers und Romeo für Gastparts und catchy Hooks. Am Ende bleibt uns nur zu sagen, dass wir Seri zum mehr als gelungenen Debütalbum gratulieren und ihm viel Erfolg wünschen, auch über die Landesgrenzen hinaus – er hat’s mehr als verdient!

Lieblingstracks: Alle

Brent Faiyaz – Lost

Schrillende Polizeisirenen, knatternde Rotorblätter und hektische Fußtritte – mit diesen akustischen Eindrücken einer Verfolgungsjagd eröffnet Brent Faiyaz seine zweite Solo-EP „Lost“. Das Anfangsszenario wird noch greifbarer, wenn der Baltimore-Native auf „Why’z It So Hard” mit schauriger und erschöpfter Stimme beginnt zu singen „Don’t test their bullets might press / Why they want to see me dead, I ain’t even grown yet“. Das verbale Spiegelbild einer Situation, die in Amerika leider immer noch zum Alltag gehört. Schon auf seinem Debütalbum „Sonder Son“ überzeugte Faiyaz mit offenen und tiefgründigen Lyrics und auch auf dem Nachfolger zieht der Sänger wieder seelisch blank. „Trust“ ist eine bittere Offenbarung der Einsamkeit, „Came Right Back“ eine lebhafte Ode an den Liebeskummer und „Around Me“ ein Appell an die Freundschaft. Die EP schließt mit dem Track „Target On My Chest“, Soul gepaart mit einem E-Gitarren-Solo des Producers Los Hendrix – Seelenstriptease auf höchstem Niveau, der Lust auf ein zweites Soloalbum macht.

Lieblingstracks: „Why’z It So Hard” , “Target On My Chest”

Asian Doll – So Icy Princess

Nicht nur hierzulande beginnt das Thermometer zu fallen und man beginnt langsam zu frösteln, auch in Amerika ist mit Asian Dolls „So Icy Princess“ offiziell die Eiszeit eingeläutet. Die selbsternannte „Queen of Teens“ droppt über Gucci Manes Label 1017 Records ihr neuestes Projekt und das hat es in sich! Mit ihrer dreisten Attitude und dem gewohnt aggressiven Flow zersägt die Rapperin Trap-Bretter von Produzenten wie Southside, Charlie Heat, und Bankroll Got It und stellt dabei ihre Feature-Kollegen (unter anderem Lil Yachty, Dreezy, Smooky MarGielaa, Go Yayo, YBN Nahmir und Yung Mal) auf dem Album oftmals in den Schatten. Es ist also nicht verwunderlich, dass Gucci, bei solch geballten Skills gar keine andere Wahl blieb, als Asian Doll mit in das Label-Roster zu holen. Als Ritterschlag gibt sich der Guwop himself die Ehre und steuert einen Gastpart auf dem Track „1017“ bei. Die Energie, die sich von Anfang bis Ende des Albums durchzieht, liefert brauchbares Feuer für die nahende Eiszeit und macht Lust auf mehr.

Lieblingstracks: „1017“, „Hardest Doll“ , „No Cap“

SAM – Avision

Ja, die Liebe zur Musik kann schon manchmal die härteste sein. Das haben auch die Brüder Chelo und Samson erfahren müssen. Ihre Alben „Kleinstadtkids“ von 2017 und „True Two Brothers“ von 2014 lösten nicht den heftigen Hype aus, den die beiden nach so viel Arbeit, Leidenschaft und wichtigen Messages erwartet hatten. Und was macht man, wenn man am tiefsten Punkt einer Beziehung angekommen ist? Man ändert nochmal die Richtung, um die Liebe neu zu entfachen. So geht’s vom sehr ernsten Storytelling über in kurzlebige Thematiken, in die Vermittlung von Leichtigkeit und Emotionen. Klar besingen die beiden auf der „Avision“-EP immer noch den Kulturclash, ihr Leben zwischen zwei Welten, die Probleme, aber auch Vorteile, die das Ganze mit sich bringt. Doch auf den fünf Tracks geht es auch ums Jungsein, Scheiße bauen, Feiern, Frauen und flüchtige Gefühle – es geht um ihr Jetzt, keine Oden an die schwierige Vergangenheit oder die vielversprechende Zukunft. Dementsprechend sind die Beats und Melodien sehr experimentell, aber dennoch eingängig. So machen Wassergeräusche die Auskopplung „Bad Ting“ aus und fließen problemlos über in die Mischung aus verdammt umfangreichem Gesang und nasty Rap. Auf diese Weise metamorphosiert die flehende Ballade in einen Afrobeat-Banger par excellence. „Da wo du herkommst“ ähnelt der Thematik der vorhergehenden Projekte des Brüderpaares wohl noch am ehesten: „zu weiß für den Afroshop, aber zu schwarz für den Countryclub“. Doch pfeiffende Sounds, protzige Lines gepaart mit Samsons Croonerstimme lockern den Track auf und gliedern in perfekt in das „Gesamtkonzept“ ein. Emotionaler wird’s dann auf „Dashiki“, das mit Klaviermelodien eine melancholische Atmosphäre schafft. Diese wird durch die interessant verpackte Hook noch verstärkt: wie durchs Telefon hört man eine zärtliche englische Soul-Stimme. In den Verses geht’s dann im Staccato-Flow auf Deutsch weiter. „Mein Babe“ klingt so, wie sich ein sonniger Herbsttag anfühlt: optimistische Instrumentals von gepitchter Gitarre und Schlagzeug tragen die pushenden Vocals über die unbeschwerten Zeilen. Zu diesen stellt „Unten“ einen krassen Stilbruch dar. Umgeben von zupfenden Synths und atmosphärischen Kompositionen finden sich SAM in den schwierigen Zeiten wieder, als ihre Motivation schon an einen Tiefpunkt gekommen war: „ganz weit unten, ganz weit, tief gesunken“, fleht die Singstimme des Kleinstadtkids. Doch mit dieser EP haben sich die Brüder wieder nach ganz, ganz oben gesungen: thematisch eher leichte Kost, die einen aber doch mit der ein oder anderen Line nochmal nachdenklich aus dem Fenster blicken lässt. Dazu deutscher Dancehall, für den man sich nicht schämen muss, der der HipHop-Welt sogar noch etwas Innovatives, Passioniertes hinzufügt und trotzdem mit den Genre-Erwartungen (means einer wuchtigen Bassline, groovigen Vibes und warmen Stimmen) kohärent ist. Mit „Avision“ haben unsere Playlists auf jeden Fall gleich fünf herausragende Songs mehr und machen gespannt auf das, was die Neuauflage von SAM noch zu bieten hat.

Lieblingstracks: „Mein Babe“, „Bad Ting“

Lil Yachty – Nuthin‘ 2 Prove

Nach einer sehr kurzen Kreativpause nuschelt sich Lil Yachty mit seinem zweiten Album „Nuthin’ 2 Prove“ zurück in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Auch zwei Jahre nach seinem Durchbruchstape „Lil Boat“ bleibt seine Musik dabei immer noch Geschmackssache. Ein paar Veränderungen gibt es allerdings schon. Die Beats sind trendy und die Features einige der größten Namen im Rapgame. Vor allem das süße Hin und Her zwischen Yachty und Juice WRLD und ein ignoranter Banger mit Playboi Carti sind Highlights. In seinen besten Momenten ist das Album nicht zu formelhaft, sondern albern und nervig auf diese irgendwie charmante Weise, die man von Lil Yachty kennt und (vielleicht) mag. Damit bietet es auf jeden Fall mehr Persönlichkeit als die meisten “Pop Rap 101“-Tapes der letzten Zeit. Boat in Bestform!

Lieblingstracks: „Get Dripped“, „Yacht Club“, „Everything Good, Everything Right“

Genetikk – Y.A.L.A.

Es wäre leicht über „Y.A.L.A.“ und Genetikk generell den Stab zu brechen: Großspurige, künstlerische Aussagen, stetige Ankündigung des Next-Levels, früher die Inszenierung als deutscher Wu Tang Clan, heute als deutscher A$AP Mob. Doch so leicht ist es, hört man die Musik der Saarländer, dann doch nicht. Sikk und Karuzo, die beiden Hauptfiguren hinter Genetikk, wissen, vor allem soundtechnisch, abzuliefern. Allein im Eröffnungstriple „Goat“, „Wake Up“ und „Flames“ wagt man sich musikalisch mehr als 95% anderer Releases (nicht nur im Deutschrap). Beispiel gefällig: Wer bricht nach gut zwei Minuten einen düsteren Banger in einen psychedelischen Trip mit verschwommenen Gesangsspuren um? Wir kennen niemanden. Neben dem Durchmarsch zu Beginn sticht später „Bitches“ hervor. Karuzo schafft es hier Wörter 15 Mal (!) zu wiederholen, ohne dass es komplett debil erscheint. Selten hat ein Artist Ignoranz besser zum Ausdruck gebracht. Ein weiteres Highlight stellt „Magic“ dar, welches schlicht gute Laune verbreitet. Eingängige Nummer, die auf jedem aktuell zeitgeistigen Werk bestehen würde. Ein großer Kritikpunkt sind jedoch Karuzos Texte, die oft eher als freie Assoziationen und Geistesblitze als konzeptionelle Zusammenhänge wahrgenommen werden können. Damit befinden sich Genetikk bei ihrem Bruder im Geiste Ye, der auf seinen letzten Veröffentlichungen auch oft scheinbar zusammenhangslos assoziierte. Außer dem vermittelten Mindstate und einem gewissen Flair kann der Hörer hier aber recht wenig Nachhaltiges mitnehmen. Ob „Y.A.L.A.“ dem künstlerischen Überbau gewachsen ist, in den es Genetikk im Vorfeld gesteckt haben, liegt am Ende im Auge des Betrachters. Festzuhalten bleibt, dass Genetikk sich auf keinen Fall auf früheren Lorbeeren ausruhen und auf ihrem mittlerweile siebten Studioalbum einen Schritt nach vorne wagen.

Lieblingstracks: „Goat“, „Wake Up“, „Magic“

Khalid – Suncity

Auch wenn sich Khalid immer in die R&B-Kategorie reinmogelt, am Ende ist er doch ein waschechter Pop-Artist. Spätestens wenn in „Saturday Nights“ die Country-Gitarre ausgepackt wird oder man im Titeltrack zu Latin-Rhythmen schunkeln kann, ist man mitten im Radio-Mainstream. Khalid klingt wie die vielen anderen angepassten Künstler, die einem zwei Mal die Stunde vorgesetzt werden. Aber der Reihe nach: „Suncity“ ist die erste große Veröffentlichung des 20-jährigen Texaners seit seinem Debütalbum „American Teen“ Anfang letzten Jahres. War dieses mehr Publikums- als Kritikerliebling, wird sich dies mit seiner fünf Songs (plus zwei Skits) starken EP wohl fortsetzen. „Vertigo“ und „Better“ sind locker-leichte Pop-Nummern, die sich schnell festsetzen und durch ihre Instrumentierung einen leichten R&B-Anstrich verpasst bekommen haben. Dem gegenüber steht die zuletzt noch verbleibende Nummer „Motion“. Auch ein leichter Pop-Track, der aber nicht ins Ohr geht, sondern links rein und rechts gleich wieder raus. Hier präsentiert sich Khalid ohne Ecken und Kanten. Was so am Ende bleibt, ist ein Rundumschlag in viele Richtungen. Khalid ist weit entfernt von der Hit-Treffsicherheit, bei gleichzeitiger Experimentierfreudigkeit, die zum Beispiel ein Miguel an den Tag legt. So tut „Suncity“ nicht weh und taugt perfekt als Hintergrundmusik.

Lieblingstracks: „Vertigo“, „Better“

Sugar MMFK – Allô Allô

Playlisten: Kann man den momentan angesagten Sound leicht an der Füllung dieser Listen erkennen, funktionieren die meisten Nummern nur in diesen Mikrouniversen. Veröffentlicht ein Künstler einen Langzeitspieler, so dienen die restlichen Songs leider oft nur noch als Füllmaterial um das Release zu rechtfertigen, die Playlist-Hits stechen heraus und funktionieren im Kontext nicht. Bei Sugar MMFK ist das etwas anders. Zwar befinden sich Nummern „Haram Money“ oder „Wieder dabei“ in den bekannten Playlists und entsprechen dem aktuellen Zeitgeist, die restlichen Tracks seines aktuellen Werks „Allô Allô“ sind aber mehr als nur Statisten. Woran das liegt? Es sind einfach alles Hits. Angefangen vom namensgebenden Titeltrack über „Für die €‘s“ bis zu „Mona Lisa“ versteht es Sugar einprägsame Nummern zu schreiben, die in Blut und Tanzbein gehen. Man merkt an jeder Ecke, dass sich der Künstler scheinbar eher direkt von den französischen Vorbildern hat inspirieren lassen, als von ihren deutschen Kopien. Das Soundbild mag so zwar nicht neu sein, klingt aber frisch. Dabei versteht er es außerdem gut immer wieder nachdenkliche Lines mit einzustreuen, die beim ersten oder zweiten Hören von den offensichtlich funktionierenden Hooks überstrahlt werden – der Titeltrack ist hier ein gutes Beispiel. Diesen ist es zu verdanken, dass „Allô Allô“ mehr ist als nur gute Laune und auch auf längere Distanz funktionieren wird. Der Bonner schafft es so, über sieben Lieder hinweg aus seiner Welt zu berichten, authentisch zu bleiben und gleichzeitig die Hits für die Hood zu liefern.

Lieblingstracks: „Allô, allô“, „Haram Money“, „Für die €‘s“