Tränen, Rap und High Fashion: Virgil Ablohs erste Louis Vuitton Kollektion

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In der vergangenen Woche fand sich die Elite der weltweiten Modeindustrie in Paris ein, um sich neben Koks und Kaviar einzureden, dass die Welt in Ordnung und Mode nicht politisch sei. Große Shows sorgten bereits Wochen vorher für reichlich Furore. Allen voran die Louis Vuitton Spring/Summer 19-Show von dem neuen Kreativdirektor für Menswear Virgil Abloh. Es sollte nicht nur das gefragteste Event der Fashionweek sein, sondern viel mehr ein Befreiungsschlag für die komplette Streetwearszene. Ein Bild, das durch das gesamte Netz ging, zeigte einen Kanye West der seinen Freund Virgil Abloh am Ende der Show fest in seinen Armen hielt. Beide weinten. Unser Autor Rami fasste dazu seine Gedanken zusammen.

Ihr könnt euch die High-Fashion-Szene in etwa wie einen edlen Club im Herzen Mecklenburg Vorpommerns vorstellen: wenn man eine Person Of Color ist und nicht erkannt wird, werdet ihr gemieden und kommt nicht rein. Erst vor ein paar Jahren wurde selbst Oprah Winfrey in einem Schweizer Modeladen nicht geholfen, da man „Menschen wie sie hier nicht bedienen wolle“. Auch Virgil musste lange kämpfen, bis er Raf Simons, Kim Jones und Ralph Lauren mit einem High Five grüßen durfte.

Virgil Abloh wuchs bei seinen ghanaischen Eltern in Illinois auf und absolvierte 2006 einen Architektur-Studiengang, um dann drei Jahre später bei Fendi ein Praktikum zu beginnen. Dort traf er auch erstmals auf seinen besten Kumpel in Spe: Kanye West. Nachdem er als Kreativdirektor bei Wests Agentur Donda arbeitete und 2011 als Artistic Director für das gemeinsame Album mit Jay-Z „Watch The Throne“ verpflichtet wurde, gründete er schließlich seine eigene Brand namens Pyrex. Seinerzeit kaufte er Shorts von Champion für 40$, bedruckte sie und verkaufte sie für 550€ weiter. Das Konzept ging auf. Seine Shorts wurden von Rappern wie A$AP Rocky in Videoclips getragen und der Name Abloh machte seine Runde in der HipHop-Szene.

Dieser Hype war irgendwann so laut, dass nicht einmal die konservative Mode-Haupstadt Paris den Mann aus Illinois ignorieren konnte.

Rami

Nach nur einem Jahr stellte er die Arbeit für Pyrex ein und gründete Off-White. Nebenbei schloss er sich mit Matthew Williams (Gründer von Alyx Studios) und Heron Preston zusammen und gründete Been Trill. Das war die Marke mit den vielen Rauten und den großzügigen Prints. Mit Schnürsenkeln für 100$ blieb sich Virgil seiner preislichen Linie treu – leider war auch diese Marke nach nur drei Jahren wieder weg aus dem Schaufenster. Doch seine neue Brand Off-White lebte weiter. Während seine Weggefährten mit ihren eigenen Marken neue Erfolge feierten, brachte Virgil mit seiner Nike-Kollaboration im letzten Jahr die Sneakerwelt zum Kollabieren. Ein paar der Modelle werden heute für über 2000€ gehandelt. Abloh war nicht länger der modische Sidekick von Kanye West, sondern der gefragteste Mann innerhalb der Modebranche.

Alleine in diesem Jahr brachte er mehrere Nike-Modelle heraus, setzte eine Kollaboration mit dem japanischen Künstler Takashi Murakami um und kündigte seine eigene Kollektion bei Ikea an. Egal was dieser Mann machte, es schien von Erfolg gekrönt zu sein. Dieser Hype war irgendwann so laut, dass nicht einmal die konservative Mode-Haupstadt Paris den Mann aus Illinois ignorieren konnte.

Fotos: louisvuitton

Fotos: louisvuitton

Am 25. März 2018 gab Louis Vuitton, das wohl renommierteste Highfashion-Label der Welt bekannt, dass Abloh ab sofort der neue Artistic Dirctor für die Menswear-Linie in ihrem Hause sein wird. Er ist somit der erste afroamerikanische Designer, der Männermode für ein französisches Modehaus macht. Seine Vorgänger Marc Jacobs und Kim Jones kamen beide aus guten Elternhäusern und waren studierte Modeschöpfer. Er hingegen bedruckte T-Shirts und legte mit seinen Freunden auf Partys auf. Vom Praktikum bei Fendi zur führenden Persönlichkeit in der Fashionwelt.

Diese lange Reise wurde sinnbildlich in die Pariser Show eingearbeitet. So war das Leitmotiv „der Zauberer von Oz“ – eine Geschichte von einem Mädchen aus dem Mittleren Westen, das sich in eine Fantasiewelt stürzt, in der ihr der Weg zurück nach Hause offenbar vorgezeichnet ist, nur um auf diesem Weg eine Vielzahl von Hindernissen zu überwinden. Dabei entdeckt sie, dass die Meister dieser Welt so menschlich und verletzlich sind wie sie selbst. Der Zauberer ist nichts anderes als ein Mann mit den richtigen Werkzeugen und der richtigen Plattform, um mächtig zu wirken. Ein schöner Querverweis dazu, wie Abloh mithilfe von Streetwear, die Highfashion-Szene erobert hatte.

Als die Show zu Ende war, überquerten die Models die mehrfarbige Start- und Landebahn für das Finale, das sie alle nach Oz führte. Ein Paradies, das Virgil Abloh gerade für eine neue Generation umgebaut hatte. Hinter den Sitzen hatte Abloh Studenten von lokalen Kunst- und Designschulen eingeladen, die Ausstellung zu sehen und ihnen T-Shirts gegeben, die farblich auf die Sektionen abgestimmt waren, in denen sie standen. Sie sollten an vergangene Pyrex-Zeiten erinnern, als er selber nicht mehr hatte als Rohlinge und eine Siebdruck-Maschine. Die Botschaft war klar: Wenn ich das kann, kannst du es auch.

Virgils persönlicher Regenbogen waren dabei seine Freunde aus der Streetwear-, Skate- und Hip-Hop-Szene: Kid Cudi, Theophilus London, A$AP Nast, Blondey McCoy, Steve Lacy und Lucien Clarke. Playboi Carti schloss die Show in einem holografischen, silberbeschichteten Umhang ab. Virgil überquerte, wie es für einen echten Designer üblich ist, als letztes den Catwalk. Seine Freunde Kanye West, Kim Kardashian, Kylie Jenner, Travis Scott, Takashi Murakami, Rocky, Skepta und selbst Pharrell jubelten von den Zuschauerplätzen aus. In herkömmlichen Modekreisen ist es üblich, dass neue Designer Leute wie den CEO bei ihrer ersten Show umarmen. Virgil entschloss sich jedoch dazu Kanye West in den Arm zu nehmen.

Das könnte der Anfang einer neuen Ära sein, auf die wir in zehn Jahren vielleicht zurückschauen und sagen können: „Das war der Tag, an dem HipHop die Modewelt eroberte“.

Rami

Abloh und ein Großteil des Publikums brachen in Tränen aus. Der Moment war größer als sie geworden. Es war der Beweis, dass Kinder von der Südseite Chicagos, Gemeindehäusern in London und Pariser Banlieues den Planeten überqueren konnten, wenn sie wollten. Virgil zeigt uns damit: Die Streetwear- und HipHop-Kultur wird nur so stark sein, wie die Gemeinschaft, auf der sie aufgebaut wurde. „Kollaboration“ muss nicht mehr ein Marketingbegriff für zwei Marken sein, die ihre Namen auf einem Produkt platzieren, sondern echte Partnerschaften von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Disziplinen, die etwas viel Größeres schaffen, das nun bei einem Publikum auf der ganzen Welt ankommt. Wir möchten Virgil an dieser Stelle nicht zu viel Ehre zusprechen, doch was letzten Donnerstag in Paris passiert ist, könnte der Anfang einer neuen Ära sein, auf die wir in zehn Jahren vielleicht zurückschauen und sagen können: „Das war der Tag, an dem HipHop die Modewelt eroberte“.