Tua – Eine Erfolgsgeschichte, die sich im Niemandsland abspielt?

Was für eine Scheiße! Was für ein Genie! Pathetischer Kitsch. Perfekt. Zum Weinen. Phrasengedresche. Tiefsinnige Texte. Depressiv, zu depressiv, genau richtig. Das sind die Essenzen der Aussagen derer, denen ich den vielleicht versiertesten Künstler unseres Landes nahebringen wollte. Chimperator-Artist Tua spaltet die Meinungen. Zuletzt ging er solo mit der schwer bekömmlichen Dubstep-Axt „Raus“ auf seine Hörer los, nun folgte die (Post-Dubstep) EP „Stevia“, die Deuschte Texte mit UK-Sounds verbindet und  erneut unsere Hörgewohnheiten auf die Probe stellt.

Seine Musik zu kategorisieren gleicht einer Herkulesaufgabe. Ganz gleich, welche Schlagwörter man absondert – Elektro, Rap, Gesang, Trip-Hop, Dubstep, Post-Dubstep, Drum’n’Bass, seit neuestem gesellen sich auch Jazzanleihen hinzu – das Wabern, das am ehesten nach „Tua“ klingt, lässt sich nicht einfangen, von keiner Meinung, von keinem Magazin, von keinem Schreiberling. Vielleicht kann man sich seiner Diskographie auf einem anderen Weg nähern. Album = Gefühl, das ist einen Versuch wert.

Debütalbum „Nacht“, neun Jahre alt, das war Härte, da sprach der Reutlinger, dessen Hände nicht nur für bereits damals beeindruckende Produktionen, sondern für Faustschläge sorgen konnten, wenn sie wollten. „Grau“, das war die Depression, Momo in der Psychiatrie, eben ganz unten, das Suhlen im emotionalen Morast. „Stille“ (Re-Release von Inzwischen und Fast), was war das? Vielleicht Rastlosigkeit, eben die besungene „Überholspur“, das Nachvorne, vielleicht einfach ein Album, das nicht hätte released werden müssen. Dann „Evigila“ mit Vasee, eine Ode an die Kreativität selbst. Wüsten und Luftballons in einer Stadt aus Styropor, nichts, das nicht Kunst sein durfte.

Es folgte „Raus“, pure Wut. Angegriffene Stimmbänder und Hörer. Ein dröhnender Spuckeregen, ein musikalisches Muskelprotzen. Man merkte, da hatte sich einiges angestaut. Und nun erscheint „Stevia“ und – man verzeihe mir die schlüpfrige Metapher – entlädt sich butterweich in die Fressen der Bundesrepublik. „Stevia“, jetzt bin ich pathetisch, ist die Liebe. Liebe zur Musik, Romantik, Sehnsucht nach Ruhe. Textlich passiert eigentlich überhaupt nichts mehr, seicht schmiegen sich die Zeilen an die Instrumentale, alles wird zur reinen Frequenz. Wenn man will, man kann zuhören, aber man muss tatsächlich nicht.

„Stevia“ ist musikalisch, was die Texte des Orsons-Mitglied Maeckes sind. Ästhetischer Nihilismus, verdichtet und eingefangen, in eine Audiospur gepresst. Jetzt ist es tatsächlich Popmusik, vielleicht hat Tua sich nun – gewollt, oder nicht – doch seinen Stempel verdient. Und, nun das große Aber von oben, dennoch erntet seine Kunst die unterschiedlichsten Reaktionen. Woran mag das liegen?

Auf der Tourdokumentation, die dem letzten Orsons-Album „Das Chaos und die Ordnung“ beilag, gab es einen intimen Moment zu beobachten. Eine Handkamera filmte Tua, den Zwei-Meter-Ostblockkuschelbär, der sich mit bitterbösem Blick über die Pressearbeit zum Anti-Hit der Orsons „Horst & Monika“ auskotzte. Der beim raabschen Bundesvision Song Contest performte Song war den Mainstream-Medien zu diesem Zeitpunkt lediglich die Zeilen über das (mit 2×3 Zeilen auskommende) Cro-Feature wert.

Nebensächlich, ob man zustimmen will, die Presse als gleichgeschaltetes Werk des Teufels anzusehen: Jeder künstlerisch aktive Mensch möchte Anerkennung und Aufmerksamkeit für sein Schaffen. Wenn nebenbei noch einige wenige Spatzen von vielen Dächern pfeifen, man sei ein „verkanntes Genie“ (laut YouTube-Kommentar), dann ist beizeiten ausbrechende Frustration über den ausbleibenden, „großen“ Erfolg verständlich. Moment, ich lunze mal eben in meine Glaskugel: Auch mit „Stevia“ wird dieser nicht eintreten.

Vielleicht helfen zwei selbsterlebte Beispiele zum Verständnis. Situation Eins: Mein damaliger Mitbewohner und ich, frisch gegründete WG, wollen gegenseitig mit unserem Musikgeschmack protzen. Ich, als kompetenter Youtube-DJ, kündige ein „textliches Meisterwerk“ an. Tua – „MDMA“ („Magst du mich auch?“), Droge und Frau in Liedform verschmolzen. Gab es oft, aber selten musikalisch und sprachlich so gut umgesetzt, wie hier. Mein Mitbewohner, der während des „Hörens“ sein Smartphone begrabbelte, beließ seine Kritik bei einem Satz: „Ach, der singt doch sowieso wieder nur vom Ficken.“ (Sic!) Wir wohnen nicht mehr zusammen. Räusper.

Situation Zwei: Mein Vater am Steuer, Autofahrt. Claus Dillmann, 58 Jahre, zweifacher Vater, auf dem Kopf keine Haare. Saxophonist, selbstständiger Musiker, Tonstudioinhaber, nicht erfolgreich, aber reicht. Ich schob „Evigila“ in den CD-Spieler. Lauschen. Am Lenkrad festhalten. Glänzende Augen. „Das ist wirklich gut produziert, gefällt mir.“ Ich hatte meinem Vater, dem grummeligsten Menschen der Milchstraße, ein Lob über „meine“ Musik entlockt. Der Traum eines jeden Sohnes. Wir wohnen nicht mehr zusammen. Räusper.

Plakative Beispiele, aber sie stimmen aus meinem Leben und das tritt selbst ja eher selten künstlerisch in Erscheinung. Für die wertvollen Momente muss man eigenhändig sorgen. Vielleicht braucht man also als Hörer, um das Phänomen musikalische Ästhetik wertzuschätzen, ein Mindestverständnis, wie sie entsteht? Oder verschwendet der typische Radiohörer je einen Gedanken daran, wie viel Gefrickel und stundenlange Arbeit hinter der Produktion von ein paar Minuten Sound steckt?

Auch „Stevia“ wird in keine andere Schublade als „Tua-Musik“ passen. Darin sind Alben aufgereiht, deren Nachfolger ich mittlerweile blind bestelle. Ich honoriere Musik, der ich die Liebe anhören kann, die in ihr steckt. In Zeiten des popkulturellen EchoDesasters ist diese als Oase der Ruhe umso wichtiger. Sollte die neue EP entgegen meiner Erwartungen für einen gehörigen Schub des Reutlingers im Schneckenrennen mit dem Erfolg sorgen, können Alteingesessene immerhin in Nostalgie schwelgen und verträumt von den Zeiten erzählen, in denen man ihn mal (fast) für sich alleine hatte, den großen Künstler.

 

Mehr vom Autor gibt es auf: www.laurensdillmann.de