Ewiges Warten und viel Liebe: Travis Scotts „Astroworld“ // Review

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Es war ein verdammt langer Weg bis hierher, doch nach über zwei Jahren Wartezeit öffnet Travis Scott endlich die Pforten nach “ASTROWORLD“. Wir haben reingehört und sagen euch in aller Ausführlichkeit, ob sich das Anstehen gelohnt hat oder nicht.

Kaum ein Anderer hat den Sound des aktuellen Rap-Mainstreams so enorm beeinflusst wie Travis Scott. Seine Liveshows bieten nicht nur jede Menge Material für Memes, sondern sind nebenbei auch noch bekannt dafür, vor roher Energie so sehr zu strotzen, dass schon einige sie nicht heil überstanden haben. Vom exzessiven Lifestyle, den er in seinen Raps nicht nur auf die positive Art darstellt, bekommt man abseits von der Musik allerdings nicht wirklich viel mit. Der Kombination aus alldem hat Travis Scott sein Image als einer der neuen Rockstars unserer Zeit zu verdanken. Nachdem er 2015 mit „Rodeo“ ein fast durch die Bank gut angenommenes Debüt abgeliefert hat, das mit seiner düsteren und kunstvollen Herangehensweise an Trap-Rap überzeugt hat, waren viele Fans vom Nachfolger „Birds in the Trap Sing McKnight“ ziemlich enttäuscht. Es wirkte, als hätte Travis den eigenen Stil verwässert und sich dem aktuellen Sound angepasst, anstatt ihn wie vorher selbst zu bestimmen. Wo findet nun also “ASTROWORLD“ seinen Platz?

Naja, es lassen sich auf jeden Fall ein paar Veränderungen zu den bisherigen Alben feststellen. Vom düsteren, nächtlichen Sound auf „Rodeo“ gibt es zwar noch Überbleibsel, insgesamt klingt das Album allerdings an vielen Stellen noch leichtfüßiger und zugänglicher als schon auf „Birds“. Das ganze erinnert irgendwie an 21 Savage’s “Issa Album“, das auch deutlich wärmer klang als sein durch und durch düsterer Vorgänger “Savage Mode“. Ja, auch Travis Scott kann sich der Liebe nicht entziehen. Das fällt an vielen Zeilen und Songs im Album auf, die offensichtlich Wifey Kylie Jenner gewidmet sind.

“We just rocked Coachella, I gave her half of the check“

Travis Scott

Das ist an sich ja alles schön und gut, aber dann doch leider nichts Neues oder Spannendes, was Travis auf Songs wie “Goosebumps“ nicht schon besser gemacht hätte. Insgesamt fällt das ganze allerdings nicht so ins Gewicht, da Travis Scott ohnehin nie jemand war, der mit seinen Texten zu beeindrucken wusste. Für mich waren es schon immer eher die düsteren Produktionen, die viel durchdachter sind als das, was man von anderen Rappern seines Kalibers normalerweise zu hören bekommt. Auch was er mit seiner Stimme macht war schon immer spannender, als was er eigentlich sagt, und das ist auch in Ordnung so.

Jetzt aber zurück zur Liebe. Davon hat er auf dem Album nämlich auch jede Menge für seine Heimat Houston. Schon der Album Titel ist nach einem mittlerweile geschlossenen Freizeitpark in Houston benannt und auf dem gesamten Tape sind Referenzen an Südstaatenrapper versteckt. Der Song “5% TINT“ ist an den Song “Cell Therapy“ vom Goodie Mob aus Atlanta angelehnt und nutzt dasselbe Sample, während der Titel sich auf Slim Thug’s Song “Still Tippin“ bezieht. Rückbezüge wie diese funktionieren einwandfrei und helfen sehr dabei, dem Album so etwas wie ein Konzept oder einen thematischen Überbau zu geben. Auch dem ein oder anderen gefallenen Rap-Helden zollt Scott auf Songs wie „R.I.P. SCREW“ seinen Respekt.

“Rest in peace to Screw, tonight we take it slowly“

Travis Scott

Auf dem Song “STOP TRYING TO BE GOD“ behandelt Travis ein interessantes Thema, das mit dieser Self-Awareness von ihm sehr unerwartet kommt, vor allem weil mit Kanye West einer der wichtigsten Wegbereiter seiner Karriere den öffentlich am besten dokumentierten Gott-Komplex unserer Zeit hat. Stattdessen ist es Travis wichtiger, sich selbst treu zu bleiben und nicht zu vergessen wo man herkommt. Mit Stevie Wonder, James Blake und Kid Cudi hat Scott außerdem ein unglaublich starkes Line-Up am Start, die das ganze musikalisch noch um einiges bereichern und zu einem der beeindruckendsten Momente des Albums machen. Stevie’s Stimme bekommt man leider nicht zu hören. Stattdessen gibt’s ein Mundharmonika-Solo. Is that it?

Wo wir gerade bei Features sind: Die Vielzahl an absolut hochkarätigen und interessanten Gästen auf „ASTROWORLD“ ist verdammt beeindruckend und die Liste ist einfach zu lang, um sie hier alle zu nennen. Als weitere Feature Highlights gibt’s eine Hook von Frank Ocean und auch Juice WRLD überrascht mit einem kurzen aber schönen Gesangspart. Der Song “SKELETONS“ ist in Zusammenarbeit mit Australia’s very own Kevin Parker entstanden. Das hört man leider so sehr, dass das ganze eher wie ein Tame Impala Song mit Travis-Scott-Feature klingt. Trotz ein wenig verschenktem Potential funktioniert der Song insgesamt aber gut und bringt einen starken Kontrast in die Tracklist.

“I’m just trying to get the paper, stayin’ out the papers“

Travis Scott

Wer den typischen Travis-Scott-Sound auf „Birds“ vermisst hat, bekommt diesen zumindest stellenweise auf Songs wie “HOUSTONFORNICATION“ oder “NO BYSTANDERS“ zu hören. Hier gibt es die flächigen Synth-Bässe und die düsteren Melodien, die schon “Rodeo“ so gut gemacht haben. Dazu gibt es wie gewohnt jede Menge Drug-Talk und Geschichten aus H-Town.

Macht das ganze denn jetzt Spaß oder nicht? Insgesamt lässt sich sagen, dass das Album als Liebeserklärung an Houston ein großer Erfolg ist. Alles was Travis dorthin gebracht hat wo er jetzt ist, findet sich auch hier wieder. Auch wenn bei den vielen Features und stilistisch unterschiedlichen Produktionen oft als letztes Bindeglied zwischen den Songs wirkt, funktioniert das Album als wilde Achterbahnfahrt voller Drogen, Sex und Diamanten ausgesprochen gut. Etwas Anderes sollte man auch nicht erwarten, wenn man “ASTROWORLD“ betritt.