Hohe Erwartung, kaum Enttäuschung: $uicideboy$ – I Want To Die In New Orleans // Review

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49 Projekte insgesamt, unzählige „Kill Yourself Saga“-EPs im letzten Jahr – $uicideboy$ waren in einem regelrechten Release-Flow. Unterbrochen wurde das Ganze vom berüchtigten Debütalbum „I Want To Die In New Orleans“. Kein Projekt der Cousins hat sie und uns $uicider so viel Nerven und Zeit gekostet. Das erste Release-Date war auf Dezember 2017 angesetzt, doch private Probleme, Unzufriedenheit und vielleicht auch ’ne Prise Perfektionismus haben das Release auf den 7. September 2018 verschoben. Nun ist das Grab der Boy$ endlich geschaufelt und wir haben sofort reingehört in die Hymnen aus der Hölle.

Foto: Nina Francesca Nagele

Foto: Nina Francesca Nagele

Eröffnet wird das 14 Tracks starke „I Want To Die In New Orleans“ von einem $crim, der entweder den Tränen oder dem Wahnsinn (oder beidem, Yung Christ halt) nahe ist. Wie können zwei so abgefuckte Dudes was verändern? Doch ob er’s glauben mag oder nicht, musiktechnisch haben die beiden seit 2014 wohl unser aller Leben auf den Kopf gestellt. Ja, es ist HipHop, aber vergleichbar ist $uicideboy$‘ Stil wohl mit keinem. Horrorcore, mit Einflüssen aus Screamo, bisschen Trap hier, bisschen Punk-Rock da und massig Inspiration von dem OG Memphis-Sound á la Juicy J und Three 6 Mafia. Und wenn sie Bock drauf haben, schreiben sie halt ’ne Ballade, ’nen Lagerfeuerlied oder ’nen Gospelsong. Sie droppen, woran sie Spaß haben und wohinter sie stehen.

Deswegen musste im Laufe der Produktionsphase auch ein neuer Name her, wie Ruby auf seinen Socials erklärte: „We started recording this album in the beginning of 2017. Initially we wanted to write about our experiences on the road and express how our lives become slightly more extravagant. After travelling the globe (…), spending an insane amount of money on drugs, losing friends, making enemies and witnessing this scene that we helped create turn into what it is now; we have decided that none of this fame or money will ever make us happy.“ So wurde aus „I Don’t Want To Die In New Orleans“ eben das Gegenteil (passend, wenn man bedenkt, dass sie die $uicide- und nicht die $upportgroupboy$ sind).

How do these two motherfuckers from New Orleans… How do they change music?

$crim – King Tulip

Der suizidale Sinneswandel zeigt sich gleich im Lead-Track „King Tulip“. Eine Neuauflage des Day-One-Songs „Prince Tulip“ von 2014, der Drogen, krasse Ekstase und eine „No-fucks-given“-Attitude in den Himmel lobt. Doch die Boy$ haben sich zu Männern entwickelt und verpassen dem Auftakt zum Ableben eine Menge Melancholie, inklusive Rubys gospelartigen Gesängen. Entgegen der Erwartungen verläuft die erste Hälfte des Album dann aber doch recht ruhig und monoton. „Nicotine Patches“ sticht noch mit einprägsamer Hook, $lick Sloths hypnotisierendem Flow und einem von Glockenklängen untermalten bouncigen Beat heraus. Downgepitchte Instrumentals und abgefuckte Singrap-Ästhetik verleihen „122 Days“ diesen „Ich starre sentimental aus dem Fenster“-Vibe, der im zweiten Part des Tracks aber durch einen gestärkten Bass zerschossen wird. Ein Track voller Ups und Downs, Hoffnung, Kraft und Verlust, der sich wirklich anfühlt als würde man die Gefühle eines halben Jahres durchleben (keine Sorge, klingt belastend, aber… ja eigentlich ist es das auch).

Hoffnung hat sich in den ersten Sekunden von „Wartime All The Time“ breit gemacht: Spannungsaufbau, der schon nach Moshpit ruft, Schüsse, die den Beat killen, aber dann: ein einfach monoton weiter rappender $crim. Die erwartete apokalyptische Kriegsstimmung bricht dann erst in der Mitte des Tracks aus, ebbt aber genauso schnell wieder ab.

Fuck the fame, remember my name, until your memory fades.

Ruby – Nicotine Patches

In der zweiten Hälfte der LP ballen sich dann die Banger, unter denen auch schon die beiden Auskopplungen „Meet Mr. Niceguy“ und „Carrollton“ sind. „Coma“ klingt wie eine Kirche der Unterwelt: tiefe, schwere Glockenklänge rahmen das geniale Zusammenspiel von Oddy und Yung Christ. $crim beginnt mit einem super interessant verzögernden Flow, während Ruby als creepy Backgroundsänger und anschließendem flehenden, pushenden Rap den Song voran bringt. In „Long Gone (save me from this hell)“ holt $now Leopard wieder seine Monsterlunge raus und verwöhnt unsere Ohren mit einem wunderschönen Chorus.

„Meet Mr. Niceguy“ ist der herzergreifendste Song über verlorene Liebe im Horrorcore, mit dem sanftesten Soundkonstrukt, das wir bei G59 wohl je zu hören bekommen. Der Bezirk ihrer Heimatstadt NO „Carrollton“ liefert den nächsten Bühnenkiller. Mit boomendem Beat, $crims rauer tiefer Stimme und Rubys heftig cleanem Flow holt der Track die Crème de la Crème der $uicide-$kills raus. Mit „Carrollton“ können wieder patriotisch G59-Parolen vor den Stages dieser Welt geschrien und zu Ehren der Anti-Gods Moshpits der Extraklasse eröffnet werden. „I no longer fear the razor guarding my heal (IV)“ als 7-minütiges Outro stellt den vierten Part dieser Reihe dar, vereint wieder mehrere Tracks in einem und ist damit abwechslungsreicher als der ganze erste Teil des Albums (hate incoming, sorry). Ein instrumentaler Einstieg mit verzerrtem Beat wird abgelöst von Gitarrenklängen und Lagerfeueratmosphäre, damit ein dröhnender Bass dann den düsteren Apokalypsenpart einläutet, der das Grab besiegelt.

Und dann ist da noch der vorletzte Track. Dieser eine Track der hier besonders viel Aufmerksamkeit bekommen sollte: „FUCK The Industry“. Nicht nur weil wir es lieben, wenn Rap-Misfits gegen die sinnlosen Normen eines sinnlosen Systems schießen, sondern vor allem wegen des Outros. Wir sind nämlich der festen Überzeugung, dass es sich bei dem Sprecher um niemand anderen als Bones handelt. JA, BONES! Der Bones, der anscheinend Beef mit den Suizidjungs hat. Der Bones, der sich selbst manchmal als Rick bezeichnet. Der Bones, der in diesem Outro die $uicideboy$ als Legenden bezeichnet. Wir können euch nicht versichern, dass wir mit diesen Vermutungen richtig liegen. Falls das aber so sein sollte, geht dieses Outro in die Geschichte ein!

Now my eyes always hurtin‘, wiping tears with diamond rings.

Ruby – Carrollton

Die verdammten letzten Worte. Naja, insgesamt haben die $uicideboy$ nicht die nie da gewesenen Beats und Melodien ausgepackt, die man normalerweise von ihren Projekten kennt. Auch die „2nd Hand“-Ekstase, die selbst auf dem Friedhof Moshpits auslöst, bleibt leider aus. Doch dass es viele der Songs wieder auf unsere All-Time-Favourite-Playlist schaffen, steht außer Frage. Während der erste Teil des Albums recht ruhig und melancholisch dahin fließt, kann man dem Strom des zweiten nicht entrinnen. Abwechslungsreich und unvergleichbar flowen die beiden über gewaltige Soundkonstrukte und kreieren dabei die verschiedensten Stimmungen. „I Want To Die In New Orleans“ ist vielleicht nicht Innovation pur (vielleicht haben wir uns einfach zu viel erwartet), aber ein Statement wurde auf jeden Fall gesetzt. $uicideboy$ stehen wie immer zu ihren Non-HipHop-Einflüssen und zelebrieren die Freiheit sich aus jeder Schublade bedienen zu können. Fame, Geld und Drogen sind Nebensache, was sie wirklich brauchen, ist die Musik, sich und ihre treuen $uicider.