Slowthai: “Der Albumtitel soll ein Denkanstoß sein” // Interview

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‘Nothing Great About Britain‘ – klingt provokant? Gut. Denn provozieren wollte Slowthai mit dem Titel seines ersten Langspielers auch, der am 17. Mai 2019 erscheint. Dass der Brite dennoch keineswegs eine so negative Sicht auf die Lage der Dinge hat, wie es der Albumtitel vermuten lässt, stellte er nachdrücklich klar, als wir ihn in Berlin zum Interview trafen. Außerdem erinnerte sich der selbsternannte Brexit Bandit an einen Restaurantbesuch mit Lionel Richie. Einblick in das emotionale Verhältnis zu seiner Mutter und seine Freundschaft mit Skepta gewährte der 24-jährige Rapper noch dazu.

Slowthai, nachdem die Pariser Kathedrale Notre-Dame im April durch einen Großbrand stark beschädigt wurde, kamen innerhalb von 48 Stunden mehr als eine Milliarde Euro an Spendengeldern zusammen, um das Wahrzeichen wiederherzurichten. Du hast dich kritisch dazu geäußert und hast deine Follower auf Instagram gefragt: “What’s more important: The history of the past or the lives of the present?” Wie beantwortest du selbst diese Frage?

Das Leben in der Gegenwart ist wichtiger. Es ist völlig klar, dass du die Geschichte verstehen und wissen musst, wo du herkommst, um Fortschritte zu machen. Wenn du aber zu viel Zeit damit verbringst, über die Vergangenheit nachzudenken, lebst du nicht im Hier und Jetzt. Es gibt positive Geschichte und negative Geschichte. Der Großteil der positiven Geschichte wurde aber nicht so geschrieben, wie sich die Geschichte wirklich zugetragen hat – oftmals wird nicht die Wahrheit erzählt. Häufig wird eine Seite der Geschichte beschönigt, um sie besser klingen und aussehen zu lassen. Meine Frustration wurde in diesem Fall dadurch hervorgerufen, dass ich mich gefragt habe: Ist es kostbarer, Leuten zu helfen, die in Not sind und Entwicklungen vorzubeugen, die uns alle umbringen könnten? Oder ist es kostbarer, etwas zu bewahren, das in der Vergangenheit geschaffen wurde? Ich bin der Meinung, dass wir das, was war, sowieso nicht mehr verändern können. Was wir aber verändern können, ist die Zukunft – und wir können dafür sorgen, dass die Welt für uns alle ein besserer Ort wird. Das ist eigentlich ein No-Brainer.

Du hast in den Tagen nach jener Tragödie einen weiteren wunden Punkt angesprochen, indem du einen anderen Großbrand in Erinnerung gerufen hast: Jenen, der im Juni 2017 den Grenfell Tower im Westen Londons fast vollständig zerstört und eine Vielzahl an Menschen das Leben gekostet hat. Du hast die Frage gestellt: “You can ring the bells for Notre Dame and raise hundreds of millions but where was you when we lost Grenfell?”

Ich bin total dafür, Kultur zu bewahren und wichtige Gebäude zu schützen. Ich habe also nichts dagegen, dass so viel Geld gespendet wurde, um Notre-Dame wiederaufzubauen. Vielmehr wollte ich bei uns in Großbritannien Bewusstsein dafür schaffen, um zu zeigen: Wenn die Leute in Frankreich so viel Geld für etwas spenden können, das ihnen so viel bedeutet – und obwohl niemand gestorben ist; warum können wir dann nicht das Gleiche tun, wenn viele Menschen sterben? Nach dem Brand im Grenfell Tower wurden etwa 80 Millionen Pfund gespendet. Aber nur 2,8 Millionen Pfund davon gingen an die Verletzten und die Familien der Opfer. Es ging mir darum, eine Diskussion anzustoßen…

…und das hast du auch schon in der Vergangenheit immer wieder getan. Im April hast du in London mehrere großflächige Plakate mit politischen Botschaften aufhängen lassen. Einserseits, um dein Debütalbum ‘Nothing Great About Britain‘ zu promoten und andererseits, um auf diverse Probleme und Missstände unserer Gesellschaft hinzuweisen. Beispielsweise geschlechtsspezifische Lohnunterschiede oder Racial Profiling.

Jeder von uns hat schon mal von diesen Problemen gehört, wir alle kennen sie. Ich wollte sie bündeln und für alle sichtbar machen. Wenn du dir die Sätze auf den Plakaten durchliest, merkst du, wie dumm das eigentlich ist. Wir könnten diese Probleme im Handumdrehen ändern. Aber nein, niemand möchte den aktuellen Zustand verändern. Das zeigt einfach, wie arrogant viele Leute sind. Ich wollte die Plakate weniger dazu benutzen, um mein Album zu promoten. Eher hoffe ich, dass mein Album dazu beiträgt, bestimmte Dinge, über die viel häufiger gesprochen werden sollte, ins Bewusstsein zu rücken.

Als du in Julie Adenugas Beats 1-Show zu Gast warst, meintest du – natürlich nicht ganz ernsthaft -, dass du eines Tages Premierminister des Vereinigten Königreiches sein willst. Siehst du dich in Zukunft wirklich in der Politik?

(Lacht) Vielleicht eines Tages. Eigentlich ist das komplette politische System aber Bullshit. Und ich möchte nicht Teil von etwas sein, an das ich nicht glaube. Die Freedom Party of Life würde ich aber anführen. (Lacht)

“Viele Künstler vergessen, wie wichtig die Leute sind. Mein Hauptziel ist es, die Leute zusammenzubringen und mit ihnen eine große Familie zu werden!“

Slowthai

Generell bist du einer jener Künstler, die man als ‘People’s Champ‘ bezeichnen könnte. Erst kürzlich warst du auf deiner ‘99p Tour‘, deren Tickets – wie es der Name vermuten lässt – nur 99 Pennies gekostet haben. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Die Inspiration dahinter kam durch ein Eis, das es bei uns in Großbritannien gibt: 99 Flake. Das ist ein Eis in einer Waffel, mit einem Schokoladenriegel in der Mitte. Und dieses Eis war früher – wie viele andere Dinge auch – günstig und hat nur 99 Pennies kostet. Mit der Zeit wurden die Preise hochgetrieben: 99 Flakes kosten mittlerweile 1,50 Pfund, Sauce und Streusel kosten nochmal extra. Die ‘99p Tour‘ war also mein Weg, um den Leuten dieses Erlebnis zurückzugeben. Bei mir hast du für 99p alles bekommen, was du verdienst und willst.

Darüber hinaus hast du deine Fans entscheiden lassen, an welchen Orten du Konzerte spielen sollst.

Ganz genau. Ich bin an Orte gegangen, wo sonst nie jemand auftritt und wo die Leute sind, die das am meisten brauchen. Das gibt ihnen das Gefühl, dass auch bei ihnen im Ort etwas passieren kann – in Städten, die keine Szene oder keinen kulturellen Einfluss haben. Für mich war das gleichzeitig eine Chance, jene Menschen zu treffen, die mich unterstützen und ihnen ins Gesicht zu schauen. Viele Künstler vergessen, wie wichtig die Leute sind. Mein Hauptziel ist es, die Leute zusammenzubringen und mit ihnen eine große Familie zu werden! So lange du Leute hast, die an dieselben Dinge glauben und die eine Einheit sind, bist du unaufhaltsam.

Wie bereits erwähnt trägt dein Debütalbum den Titel ‘Nothing Great About Britain‘. Das klingt sehr negativ.

Der Punkt ist: Das Leben ist, was du daraus machst. Der Albumtitel soll ein Denkanstoß sein. Ich möchte dich dazu bringen, selbst zu überlegen, was großartig ist – und was nicht. Ich will, dass die Leute für sich selbst denken. Es geht nicht darum, woran ich glaube, sondern darum, woran du glaubst. Auf dem Album teile ich meinen Teil der Geschichte, wie ich die Welt sehe und wie ich aufgewachsen bin.

Was ist deiner Meinung nach ‘Great About Britain‘?

Die Gemeinschaft, die Familie. Nicht die Geschichte, nicht das Imperium. Nicht dieser Bullshit, von dem uns gesagt wird, dass wir ihn glauben sollen. Es sind die Leute, die das Land besonders machen. Damit die Welt ein besserer Ort wird, müssen wir zusammenkommen und uns vernetzen. Nur dann können wir ein glückliches Leben führen und ein fucking Lächeln im Gesicht haben. Du brauchst deine Familie, du brauchst deine Gemeinschaft. Du brauchst deinen Nachbarn, an dessen Tür du klopfen kannst, um ihn nach Zucker zu fragen. Simple Dinge wie diese machen alles leichter. Wir sollten nicht nur für uns selbst arbeiten und das Gefühl haben, wir wären allein auf der Welt. Wir sollten für das Wohlergehen aller Leute arbeiten.

Familie scheint in deinem Leben eine sehr wichtige Rolle zu spielen…

…sie ist das Wichtigste!

Aufgewachsen bist du mit einer alleinerziehenden Mutter. Woran erinnerst du dich, wenn du an deine Kindheit zurückdenkst?

Alles, woran ich mich wirklich erinnere, ist meine Mum, die sehr aufmunternd war. Sie war immer glücklich, nie wirklich traurig. Egal, wie sehr wir strugglen mussten oder wie hart die Zeiten waren. Nichts und niemand kann diktieren, wie du dich fühlst – außer dir selbst. Das war für mich, so jung wie ich war, eine gute Lektion. Natürlich haben wir auch negative Dinge erlebt. Meine Mum, meine Schwester und ich waren aber eine Einheit. Wir haben niemand anders gebraucht. Wir mussten nur zusammen in einem Raum sein, um diesen Raum in einen Palast zu verwandeln.

“Neue Musik langweilt mich sehr – alles hört sich gleich an, fast niemand hat heutzutage noch eine Botschaft. Deshalb erwische ich mich immer öfter dabei, wie ich mir ältere Alben anhöre.“

Slowthai

Hört sich so an, als hättest du eine sehr glückliche Kindheit gehabt. Was ist die unglücklichste Erinnerung, die du an deine Kindheit hast?

(Überlegt) Ich weiß nicht… Die Beziehung, die meine Mutter hatte und der Tod meines kleinen Bruders, der als Baby gestorben ist. Das war sehr schmerzhaft. Er hatte Muskelschwund und war gelähmt. Zwei Wochen, bevor er starb, wussten wir bereits, dass er sterben würde. Ich war zu der Zeit gerade mal acht oder neun. Da denkst du dir nur: Was soll das heißen? Es war schwer zu begreifen. Ich hätte es natürlich so sehen können, dass mein Bruder für immer fort sein wird. Ich habe es aber immer so gesehen, dass mein Bruder an einen glücklicheren Ort gegangen ist. Ich habe gelernt, mit Verlusten umzugehen. Uns wird beigebracht, diese Dinge von der falschen Seite zu betrachten. In der westlichen Welt wird man gelehrt, dass der Tod etwas Schlechtes sei. Dabei ist der Tod nur das Tor zu einem neuen Weg und zu neuer Hoffnung. Ganz abgesehen davon, habe ich in meiner Kindheit natürlich auch manchmal Neid empfunden; wenn wir nicht genügend Geld hatten, um bestimmte Lebensmittel zu kaufen. Und wir hatten familiäre Probleme. Ich komme eben aus einer Scheidungsfamilie. Ich hatte keine Vaterfigur – dabei glaube ich aber gar nicht mal daran, dass deine Eltern zwingend zusammenbleiben müssen. Das ist eine weitere Lüge. Ich möchte einfach eine Familie aufbauen, in der sich niemand einsam fühlt.

Klingt ganz danach, als würdest du eines Tages gerne selbst Vater werden.

(Lacht) Ich möchte auf jeden Fall Kinder haben! Als Erstes will ich ein Kind adoptieren. Es gibt da draußen so viele Kinder, die Liebe brauchen. Und um diesen jungen Menschen Liebe zu geben, müssen sie nicht deine biologischen Kinder sein. Du kannst sie trotzdem pflegen und behandeln, wie sie es verdient haben. Kinder sind die Zukunft! Uns wird beigebracht, unser inneres Kind zu töten. Wir vergessen das Gefühl von Freude, das Kindern ins Gesicht geschrieben steht, wenn etwas neu und aufregend ist. Wenn du dieses Gefühl erstmal killst, eliminierst du all die Kreativität auf dieser Welt. Wenn die Leute zu meinen Shows kommen, sehe ich dieses Gefühl aber noch in ihren Augen. Ihnen bedeutet die Musik etwas. Sie alle sind Teil der Familie. Jeder, der zu einer meiner Shows kommt, soll das Gefühl haben, zu dieser Familie zu gehören.

Wer war früher dein Lieblingsrapper?

Eminem! Slim Shady. Abgesehen davon: Skepta…

…der auch mit einem Feature auf deinem Album vertreten ist.

Das ist ein Segen! Meine Jungs und ich haben früher, als wir noch zur Schule gingen, immer Skepta gehört. Eines Tages ist er dann zu einer meiner Shows in Northampton gekommen. Ich mochte ihn schon immer – und jetzt ist er ein Freund von mir.

Das muss ein Fanmoment gewesen sein, als du das erste Mal auf ihn getroffen bist.

Das Ding ist: Ich habe eigentlich nie Fanmomente. Mehr als alles andere, ist Skepta ein Bruder für mich. Der einzige Fanmoment, den ich bislang hatte, war, als ich Lionel Richie gesehen habe. Da war ich so aufgeregt, Bro! Das war am Geburtstag meiner Freundin. Wir sind zum Essen ausgegangen – ins ‘Firehouse‘, was wirklich schick und teuer ist. Ein Omelett kostet da 50 Pfund, in den Pissoirs haben die da Eis, sodass es nicht stinkt, wenn du pinkelst. (Lacht) Jedenfalls war ich da also mit meiner Freundin und schon betrunken. Und dann sehe ich plötzlich Lionel Richie! Ich bin fast durchgedreht und habe erstmal einen Schritt zurück gemacht. Dann meinte ich nur: “Das ist er! Das ist er! Lionel Richie!“ So ein Gefühl hatte ich vorher noch nie, als ich jemandem gegenüberstand. Mit einer Ausnahme, einem Fußballer: Steven Gerrard. Dann bin ich zu meiner Dame zurückgegangen, habe ihr erzählt, dass Lionel Richie dort steht und meinte, dass ich unbedingt ein Foto mit ihm brauche. Ich wollte also zu ihm hingehen, doch sein Body Guard stellte sich sofort dazwischen und meinte: “No!“ Also ist meine Freundin zu ihm hingegangen und sagte: “Ich kenne deine Tochter Sofia.“ Und wir bekamen unser Foto. Später fragte ich meine Freundin: “Woah, du kennst seine Tochter?!“ Aber sie kannte sie überhaupt nicht. Sie meinte nur: “So bekommst du ein Foto!“ (Lacht)

Bist du jemand, der auch heute – im Zeitalter der Streams – noch rausgeht und Alben kauft?

Die meiste Zeit streame ich Musik. Ich fange aber gerade damit an, mehr Vinyls zu kaufen. Neue Musik langweilt mich sehr – alles hört sich gleich an, fast niemand hat heutzutage noch eine Botschaft. Deshalb erwische ich mich immer öfter dabei, wie ich mir ältere Alben anhöre. Es ist irgendwie romantisch, alte Alben durchzustöbern, die physischen Platten in der Hand zu halten und aufzulegen. Das bedeutet mir viel. Hin und wieder kaufe ich mir noch Alben. Zuletzt habe ich mir eins von Carrie Cleveland (‘Looking Up: The Complete Works‘, Anm. d. Verf.) gekauft. (Holt sein Handy heraus und spielt den Song ‘Love Will Set You Free‘ ab.) Das gibt mir Metronomy-Vibes. Diese Tracks möchte ich samplen. Genauso wie Earl Sweatshirt, Knxwledge, Alchemist und wie sie alle heißen das auch machen; sie loopen immer wieder Vocals. Das möchte ich auch mal ausprobieren.

Du hast Steven Gerrard bereits angesprochen. War er dein fußballerisches Idol?

Er und Michael Owen – Owen war The Guy! Stevie G hatte einfach unbestreitbares Talent.

Aufgewachsen bist du in Northampton. Hast du einen Lieblingsverein?

Liverpool! All day long. Ich bin schon mein ganzes Leben lang Liverpool-Fan.

Auf dem Outro von ‘Gorgeous‘ sprichst du darüber, wie dein Stiefvater dir früher vorgegaukelt hätte, Tickets für ein Spiel zwischen West Brom und Liverpool gekauft zu haben. Ihr seid nach West Brom gereist, hattet aber gar keine Karten, wie sich herausstellte. Ist das wirklich so passiert?

Das ist eine wahre Geschichte! Ich war so heiß darauf, zu diesem Spiel zu gehen. Die Moral dieser Geschichte ist: Lüg‘ einfach nicht! Wenn er mir gesagt hätte: “Wir haben keine Tickets, aber lass uns hinfahren und versuchen, welche zu bekommen!“, wäre ich mehr als glücklich gewesen – weil wir es versucht hätten. Mir aber fälschlicherweise zu sagen, dass wir dort hinfahren und Tickets haben – und dann meine Träume zunichte zu machen, war echt nicht cool.

Zur zweiten Halbzeit seid ihr aber doch noch ins Stadion gekommen, richtig?

Sind wir nicht! Wir sind mit dem Zug zurück nach Hause gefahren. Die letzten 20 Minuten des Spiels habe ich dann noch im Fernsehen geschaut. Ich war aber gar nicht mal so angepisst. Ich hatte einen Innocent-Smoothie und war so glücklich darüber, diesen Innocent-Smoothie zu haben, dass sich alles andere in Luft aufgelöst hat. (Lacht)

Wie findest du Jürgen Klopp?

Er ist der Größte! Er pusht das Team und die Fans andauernd, selbst wenn wir in einer schlechten Position sind. Er hat so viel Energie. Er ist zu gut. Und er hat es geschafft, den deutschen Spielstil mit der hohen Intensität und den harten Zweikämpfen in unserer Liga zu vereinen. Das ist einfach nur schön und genau das, was wir gebraucht haben. Es ist ein Segen, ihn bei uns zu haben. Klopp ist ein Genie.