SLAV: „Rappen ist nicht schwer, aber Delivery ist schwieriger“// Interview

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SLAV, früher mal unter anderem Namen bekannt, ist Wiener Pole, Mitbewohner von Jugo Ürdens, Live-Rapper und noch vieles mehr. Vor Kurzem hat er sein Debütalbum „PLUSVIERACHT“ veröffentlicht und uns damit eines der besten Newcomer-Releases des Jahres geschenkt. Also haben wir kurzerhand angerufen, um mit ihm ein Gespräch über Live-Battles, Nintendo-Spiele und natürlich sein Album zu führen.

Fotos: Maša Stanić

Fotos: Maša Stanić

Hast du mal Stick and Pokes gemacht?

Ja, so zum Spaß.

Was war dein erstes selbstgestochenes Tattoo?

Ich glaube, in römischen Ziffern richtig schlecht mit Nähnadel und Tusche „3.5.“, mein Geburtstag. Es ist auch noch sichtbar! Das ist jetzt schon 5, 6 Jahre her. Mit 14, 15 oder so. Ich hatte am nächsten Tag Spanisch-Referat und wollte eigentlich lernen und irgendwann in der Nacht hat’s mich überkommen. Mittlerweile ist noch mehr dazugekommen, teils professionell, teils von Freunden. Aber Hauptsache immer nur Outlines, keine Füllung, keine Farben. Ich hasse Farben.

Du hast früher auf Battleveranstaltungen gefreestylet – War das ‚ ’ne Art Training für dich?

Ich hatte nicht genug Kohle, um meine Raps direkt an den Mann zu bringen, dann bin ich halt auf solche Events gegangen, damit Leute meine Skills hören konnten. Das ging für mich eigentlich nur bei so ’ner Freestyle Cypher. Und wenn ich was mit Headset-Mic aufgenommen hab, dann war das meistens scheiße. Das ist live schon etwas anderes, da habe ich auch mehr Power. Vielleicht kenn ich Bühnenpräsenz auch einfach schon aus der Volksschule, da war ich in der Musikklasse, wir haben Musicals gemacht und sowas. Live-Battles waren für mich vor allem Performance-Training: Wie krieg ich die Leute? Bei Live-Shows geht’s mir auch jetzt nicht darum, einfach die Songs wiederzugeben, wie man sie auf mp3 hat, sondern die Leute müssen was erleben, die müssen eingebunden werden. Rappen ist nicht schwer. Aber Delivery ist schwieriger.

Ich hab gehört, du wurdest auch als Freestyle-Legende angesehen?

Ja, BISSCHEN. Ich muss zugeben ehrlicherweise, ich hab nie das Finale gewonnen. Weil immer dann zu viel intus! Diese Sachen gingen immer bis 1, 2 Uhr und im Backstage gab’s genug Alkohol. Dann war ich irgendwann so gut drauf, dass ich dann immer im Finale verkackt hab. Aber Delivery-technisch war ich glaube ich schon ein sehr präsenter Motherfucker.

Hast du dort auch Jugo kennengelernt?

Ja, sein damaliger Mitbewohner hat das mitveranstaltet. Jugo war dann paar mal da, er hat damals nur produziert, kaum gerappt. Er hat mich auf jeden Fall gefeiert und mich dann irgendwann im Backstage gefragt, ob ich nicht mal über seine Beats rappen soll. Dann haben wir uns paar Mal getroffen, er hat auch angefangen, zu rappen und so hat diese Ära begonnen. Mit sechs Niederlagen in FIFA.

Wohnst du noch mit Jugo Ürdens zusammen?

Ja, wir machen vielleicht jetzt vielleicht sogar Umbau. Wir wollen ein Studio bei uns einbauen und planen das gerade mit unserem Sound-Engineer.

Hat er dir dann auch dabei geholfen, das ganze Rap-Ding so zu professionalisieren?

Auf jeden Fall! Durch ihn habe ich auch den Sound-Engineer Erik B dann getroffen und bin ins Studio gegangen. Ich kam dann halt aus der Live-Action-Attitude ins Studio und die haben mir dann gezeigt, wie da der Alltag aussieht. Ich war auch vorher schon mal in einem Studio, aber da kam einfach kein Workflow zustande. Da hat niemand gesagt: „Wir bauen jetzt ein eigenes Soundbild und machen uns richtig Gedanken.“ Das war Beat her, Aufnehmen, Abmischen, Fertig. Mit Jugo und Erik B habe ich mich step to step rangetastet, viele Sachen ausprobiert, das war ein wichtiger Schritt.

Du bist mit deinem neuen Tape wieder von dem „UDTZ-UDTZ“ Soundentwurf weggegangen – Woher kam die Entscheidung, in die klassische Trap-Richtung zu gehen?

Tatsächlich war das Album geplant, zur Hälfte „UDTZ UDTZ“ und zur anderen Hälfte das jetzige Album zu werden. Teile davon waren schon im Jänner 2018 fertig. Ich wollte hauptsächlich Shotgun auf diesen technoiden Sound machen. Ich glaube, das wird das nächste große Ding. Rap geht ja eh in diese Afrotrap- und Pop-Gefilde. Der nächste Schritt ist meiner Meinung nach, dass dieser Ostblock-Techno-Einfluss da reinkommt. Ich wollte die EP erstmal einfach veröffentlichen, damit es draußen ist. Damit mir später niemand sagen kann, dass ich irgendwas nachmache, wenn genau das fame wird. Ich hab dann für das „PLUSVIERACHT“-Album eben noch die 5, 6 Songs dazugemacht. Damit das dann auch einen roten Faden hat. Das Album lag jetzt auch schon ungefähr ein halbes Jahr rum, für mich ist das fast schon ein bisschen veraltet. Das nächste Projekt wird experimenteller, da werde ich viel mehr Trap, Techno und Grime auch vermischen.

Alle schauen immer nach Amerika – Warum nicht auch nach Russland schauen?

SLAV

Du hast mal gesagt, Rap und HipHop haben sich in den letzten Jahren auseinanderentwickelt – Wie bewertest du die Rolle von Rap in der deutschen Musikszene zurzeit?

Ich mein, es ist 2019, man kann Rap mittlerweile in so vielen Facetten darlegen, dass da sehr viele kleine Kulturen entstehen. Da gibt’s dann voll viele rockige Leute, die dann Lil Peep feiern, obwohl eigentlich aus dem Rap kommt. Aber halt auch HipHop-Heads, die immer noch auf 80 BPM ihre Jams machen. HipHop ist für mich halt weiterhin die Kultur, vier Elemente und so weiter. Aber Rap hat sich weiterentwickelt, das ist nicht mehr dieses eine Genre, sondern jetzt universell einsetzbar. Aber daran ist ja nichts schlecht, es gibt ja in jeder dieser Richtungen geile Musik. Aber man muss es sich ja bewusst machen, dass sich das sehr stark ausdifferenziert hat. Das sind kleine unterschiedliche Welten.

Zu welcher dieser Welten würdest du dich zählen?

Ich will auf jeden Fall diesen Ostblock-Film, das Slawische, stark einfließen lassen. Also auch dort Videos drehen, das soll sich auch im Visuellen spiegeln. Und aus Russland kommt ja auch gerade der technoide Sound, den ich so feier‘. Alle am Raven, trotzdem drauf Rappen. Alle schauen immer nach Amerika – Warum nicht auch nach Russland schauen? Aber auch Grime hat ja dieses Hooligan-Ding, das fühl‘ ich auch, weil Polen da ja auch so ’ne Generation hat. Aber diese beiden Schienen würd‘ ich gern auf Deutsch fahren, weil’s die meiner Meinung nach auch nicht wirklich gut gibt. Also ich will jetzt niemanden dissen, aber was ich mitbekomme, klingt nicht so geil wie das UK-Original.

Deine Musikvideos sehen ja auch überkrass aus – Wer steckt dahinter? Wer hat die nicen Ideen?

Naja, zum größten Teil ich. Bei den meisten Videos ist es so, dass der Song da ist und ich genau die Idee hab, was ich dazu machen möchte. Ich habe da aber immer wieder mit verschiedenen Leuten zusammengearbeitet, deswegen sind das so unterschiedliche Stile. Diese Camcorder-Sachen habe ich zum Beispiel dann auch mal selbst gedreht. Andere Sachen sind in meinem Kopf, Jugo hustlet da auch immer mit, dann sag ich dem Kameramann, wie das aussehen soll und beim Schnitt sitz ich auch meine 20 bis 30 Stunden mit dabei. Das bedeutet dann immer wenig Schlaf und viel Red Bull.

Wenn man sich deinen Instagram-Feed anschaut, scheint es, als hätte sich dein Leben gewandelt, als du Mafiamashi kennengelernt hast. Wie ist das passiert?

Ich glaube, das war 2016 auf ihrer Geburtstagsparty. Da bin ich irgendwie über jemand, der jemanden kennt, gelandet. Und sie ist halt Jugo, und dadurch, dass sie auch mit Jugo Ürdens zusammengearbeitet hat, sind wir da immer bessere Freunde geworden. Sie macht halt ihren Teil sehr geil, hat einen nicen Stil, was die Fotos betrifft. Mashas Look hat auf jeden Fall auch einen Umbruch in meiner Ästhetik gebracht. Sie ist eine Göttin der Linse.

Kommen wir mal richtig zum Album – Nennst du das überhaupt Album?

Ja, keine Ahnung, schwierigste Frage. Auf dem Vertrag steht Album, im Kopf will ich’s nicht Mixtape nennen, aber will es auch nicht irgendwann bereuen, das Album genannt zu haben. Was ist auch heute schon ein Album? Da gehört ja schon etwas mehr Konzept und roter Faden dazu. Ich versuch das immer einfach nur „PLUSVIERACHT“ zu nennen. Weil der Stil sich wahrscheinlich auch nochmal krass ändern wird. Ich bin auf jeden Fall keiner, der drei Alben macht, die alle gleich klingen.

Du betonst immer wieder, dass du nicht unbedingt ne Message brauchst – Ist das ne grundsätzliche Sache?

Naja, es gibt halt so viel Rap, der schon über alles berichtet. Ich fühl mich nicht so, als könnte ich irgendwem die Welt erklären. Ich bin ja nur irgendein 21-jähriger Dude, der geil rappen kann. Natürlich kann ich einiges erzählen und hab schon viel Scheiße erlebt, aber ich fänd’s wack, da auf Teufel-komm-raus ‚ne krasse Message unterzubringen. Vielleicht kommt das, wenn ich älter werde.

Auf „Connections“ erzählst du davon, dass man ohne Kontakte nicht weit kommt im Leben. Nervt dich das?

Nein, der Song war gar nicht böse gemeint, das sind nur Statements. Kann sich wahrscheinlich auch jeder mit identifizieren, jeder hat ja irgendeinen Kontakt für irgendwas. Der Song handelt eigentlich auch gar nicht von mir, das ist 100% Konzept. Sind auch ein paar schöne Reime am Start, das ist mir echt wichtig. Es geht auch im Video, das stark vom Klassizismus inspiriert ist, nur um die Connections, jedes Bild ist nur ein Teil des großen Ganzen. Das war ja auch so im Klassizismus: Jeder im Bild hatte eine eigene Aufgabe. Jeder hat halt so seine Connects. Stört mich aber nicht.

Du erwähnst John Dillinger – setzt du dich viel mit so Gangster-Geschichte auseinander?

Bisschen. Ich habe sehr viele Themenbereiche, mit denen ich mich so bisschen befass‘. Aber hey, er war erster Staatsfeind Nummer 1, das muss man würdigen. Keine Ahnung, wie viel Banken der gemacht hat. Aber kennst du seine Kumpanen Pretty Boy Floyd und Baby Face Nelson? Wir wollten daraus schon lange mal Pretty Boy Jugo und Baby Face Slav machen… (Lacht). Aber ja, es war mir auch wichtig, da immer mal so durchscheinen zu lassen, mit was ich mich privat so beschäftige. Aber sonst ist das Album ja eher so oberflächlich-konzeptuell.

Ich geb‘ jetzt jeden Cent für die Musik aus und hoffe halt, dass es funktioniert .

SLAV

Früher ging es bei dir auch viel um das Lowlife, aber auch auf „Film“ sagst du, dass du zwar mit dem Hunni zahlst, aber nichts sparst – Hat sich dein Leben in der Hinsicht in den letzten Jahren verändert?

Klar, jetzt Gigs, Tour, Album, Musik machen. Jetzt hat man schon bisschen mehr Kohle, aber es könnte auch noch mehr werden. Aber richtig viel verändert hat sich jetzt nicht in den letzten zwei Jahren. Ich geb‘ jetzt jeden Cent für Lifestyle und die Musik aus und hoffe halt, dass es funktioniert und das irgendwie zurückkommt. Ich steck jetzt erstmal alles in die Musik, aber damit leb‘ ich auch meinen Traum.

Wenn man jetzt mal die Songs von der TAKTAK-EP mit „Droptop“ vergleicht, fällt schon auf, dass du deine Beziehungen zu Frauen etwas reflektierter siehst, finde ich – Hast du da in den letzten Jahren auch so ’ne Entwicklung gemacht?

Voll! Mit 18, 19 habe noch ganz andere Sachen gesagt, die ich heut nicht mehr so sagen würde. Aber ich hab‘ jetzt auch keine One-Night-Stands mehr, ich hab meine Frau gefunden. Wenn ich jetzt über sowas spreche, geht es nur noch um Eine, es gibt keine Nummern mehr.

Du hast bei Rin Tour Support gespielt – Wie war es für dich vor so ner riesigen Crowd?

Das war krass! Das war’n sechs bis siebentausend Menschen, todesgeil! Wie gesagt, ich liebe ja die Bühne und das Performen und wir haben die letzten zwei Jahre ja auch schon viel Erfahrung gesammelt, aber so ’ne RIN-Tour ist noch mal ein anderes Level, auch das ganze drumherum mit Tourbus und Catering und Aufbau jeden Tag. Ich glaube, wir waren da schon gut vorbereitet, aber man muss dann in der Situation auch einfach damit umgehen können, 12 Tage durchzuhalten.

Letzte Frage: Was ist dein liebstes Game Boy Advance Spiel?

Pokémon war ich leider nie gut. Da haben mir immer nur meine älteren Homies geholfen, die haben dann alles zerfetzt. Aber mein erstes Spiel war Prince Of Persia, das ist auch mein Lieblingsspiel. Das war auch zu der Zeit ein sehr starkes Game. Mein Game Boy ist aber noch bei meinen Eltern, deswegen spiel ich nicht mehr. Ich glaube, der funktioniert auch gar nicht mehr… Heute ists eher FIFA, aber wir haben fast keine Zeit mehr dazu. Außer es gibt ’ne Playsi im Tourbus!