SAINt JHN: “Ich sollte verantwortungsvoll sein, aber ich bin nur ein junger Dude aus Brooklyn.” // Interview

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SAINt JHN ist ein Künstler, der schwierig in eine Schublade zu stecken ist, da er seine unterschiedlichen kulturellen Einflüsse in einer Kunstform kombiniert, die sich zwischen Rap, Pop und R&B bewegt. Geboren als Sohn eines Predigers, wächst er zwischen Guyana und Brooklyn mit acht Geschwistern auf. Nach der Veröffentlichung seiner ersten Projekte (“The St John Portfolio” und “In Association”) im Jahr 2011 beginnt er mit dem Songwriting für Musiker wie Joey Bada$$, Usher und Jidenna. 2016 kommt es mit seiner Video Single “Roses” zu einem beeindruckenden Comeback, gefolgt von seinem 2018er Projekt “Collection One”.
Wir hatten im vollen und lauten Backstage des Zoom Clubs in Frankfurt die Gelegenheit zu einem Gespräch mit ihm. Lernt den Typen kennen, der gewillt ist, eine spontane Shoulder-Shake-Competition mitzumachen (“Deiner ist eigentlich ganz okay”) und dessen Schwächen es ist, keine Seide zu tragen.

Wie sieht dein Songwriting-Prozess aus?

Das ist unterschiedlich und die Methode wechselt. Normalerweise schreibe ich mit Instrumenten aber nicht mit voll ausgearbeiteten Beats. Ich brauche lediglich etwas, was mich inspiriert. Am Ende des Prozesses wird der Beat vollendet und dieser beinhaltet alles: Die Produktion, die Komposition, die Lyrics… Songwriting hat mir dabei geholfen, ein besserer Künstler zu werden und Einblicke in das Geschäft zu bekommen, in dem ich sein wollte.

Was können wir von deinem nächsten Projekt erwarten?

Wenn es soweit ist, wissen wir mehr. Es entwickelt sich organisch durch die Eindrücke, die ich sammle. Ich lebe wirklich all diese Erfahrungen und ich rede über mein Leben während es passiert. Manchmal in Echtzeit, manchmal vorausschauend, weil ich mir Sachen vorstelle, wie sie passieren werden. Aber ich bin erst in “Collection One”. Das ist, wer ich zur Zeit bin. Ich bin jetzt in diesem Moment, in diesem Raum, in dieser Zeit. Ich habe von einem Moment wie diesem schon vor einer langen Zeit geträumt und jetzt bin ich hier. Deswegen will ich kurz meine Füße hoch legen, mich umschauen und realisieren, was hier gerade passiert.

Wie fühlt es sich an in Deutschland zu sein und hast du dazu einen persönlichen Bezug?

Meine Onkels sind früher von Guyana nach Deutschland gekommen, aber ich habe nie verstanden warum. Das waren alles Rastafaris. Jetzt verstehe ich es. Es sind die deutschen Wirtschaftsgüter. Die Fahrzeuge funktionieren einfach besser (lacht).

Welchen Einfluss haben das Touren und Deutschland auf dich?

Ich weiß es noch nicht. Ich möchte mehr Zeit hier verbringen. Hier gibt es eine Kultur zu entdecken. Als ich in Berlin war, habe ich schon einiges davon mitbekommen. Ich war dort länger als in jeder anderen Stadt und ich habe einfach den Vibe gefühlt. Das hat mich sehr neugierig gemacht und das war nur eine Stadt. Ich war auch in Frankfurt und Köln und die Energie die ich sehe, wenn es draußen dunkel ist, gefällt mir. Ich will mich weiter vertiefen und dann sehen, wie es mich beeinflusst.

In deiner Instagram Story hat es den Anschein gemacht, dass du dir nicht sicher warst, ob du in Frankfurt oder Amsterdam gelandet bist?

Das ist verrückt. Das liegt daran, dass wir in so vielen Städten waren, dass du die Orientierung verlierst und nicht mehr weißt, in welcher Zeitzone du bist. Deswegen dachte ich, dass wir nach Amsterdam geflogen sind.

„Es gab einen Moment, in dem ich mich gefühlt habe, als ob die Frau, über die ich ‚Some Nights‘ spreche, direkt vor mir stand.“

SAINt JHN

Wie war der Vibe zum Frankfurter Publikum heute Abend?

Es gab einen Moment, in dem ich mich gefühlt habe, als ob die Frau, über die ich “Some Nights” spreche, direkt vor mir stand. Der ganze Abend war auf einem sehr intimen Level.

Siehst du klare Unterschiede zwischen dem Publikum der USA und dem aus Europa?

Lass‘ mich die Tour beenden, damit ich die Gelegenheit habe, diese Frage zu beantworten (grinst). Als ich im Dezember hier war, bin ich in Amerika noch nicht getourt. Europa war verrückt, als ich hierher gekommen bin. London war ausverkauft und die anderen Städte gut besucht… Aber dann ging die Amerika-Tour los und es war die absolute Zerstörung. New York war kaputt, L.A. war kaputt und so weiter… Ich komme langsam in die Position, in der ich das vergleichen kann. Wenn ich wieder in London gespielt habe, dann kann ich es dir sagen, dann habe ich die Möglichkeit akkurat zu vergleichen.

Wie fühlt es sich an, dass du die Fähigkeit dazu besitzt Menschen mit deinen Songs zu berühren, auch wenn diese nicht zwangsläufig verstehen was du sagst?

Ich habe das Gefühl, dass ich verantwortungsvoll sein sollte, aber ich bin nur ein junger Dude aus Brooklyn. Der einzige Unterschied zwischen mir und anderen ist die Vision, die ich für mich habe und die Dinge, die mich umgeben. Aber ich fühle mich verantwortlich. Ich sollte etwas damit machen.

Veränderst du durch das Wissen über deine Einflussmöglichkeiten dein Verhalten?

Ich glaube ich bin aufmerksamer. Ich werde dir nicht sagen, dass du etwas tun sollst, das ich nicht auch selber tun würde, weil ich mir über den Einfluss meiner Worte auf die Zuhörer bewusst bin. Aber trotzdem: Ich lebe ein abgedrehtes Leben und ich fick’ mit dir. Ich will, dass du verstehst, was für ein Leben ich lebe, aber ich werde dir nicht sagen, dass du von einer Brücke springen sollst, nur weil es cool klingt. Ich sage nichts, was ich nicht auch so meine.

Gibt es noch etwas, was du deinen deutschen Fans mitgeben möchtest?

Ich danke euch dafür, dass ihr mir eure Aufmerksamkeit schenkt. Es war ein langer Weg für mich. Ich bin nur ein Junge aus Brooklyn, East New York. Ihr hört meine Stimme in Deutschland? Meine Worte können Ozeane überqueren? Sie berührt Land, dass ich selbst noch nicht besucht habe? Ich danke euch aufrichtig für’s Zuhören!