Saba: “Der größte Nachteil ist, dass jeder süchtig danach ist.” // Interview

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Sein Markenzeichen – die ‘CARE‘-Kappe – hat er auf dem Kopf, die Kapuze seiner Sweatshirt-Jacke tief ins Gesicht gezogen. So sitzt er da, Saba, im Berliner ‘Musik & Frieden‘, und feilt an seinem Laptop an Instrumentals, die er – mehr oder weniger ernstgemeint – als “Green Room Type Beats“ bezeichnet. Bis er mit dem Interview beginnen möchte (oder muss?) braucht Saba noch ein paar Minuten. Als er so weit ist, vergisst er zunächst, die Lautsprecher seines Laptops herunter zu regeln. Später bittet er seinen Manager Rory darum.

Auf einem Couchtisch stehen halbleere Gefäße und Tüten. Kurz zuvor gab es eine Ladung Burgermeister, was Saba zum Zeitpunkt des Interviews zunächst wieder vergessen hat. Später stuft er die Mahlzeit dennoch in seine kulinarische Top 5 des europäischen Abschnitts der ‘Care For Me Tour‘ ein. Man merke: Saba hat eigentlich nur Musik im Kopf. Wirklich. Unheimlich sympathisch ist er auch – wahrscheinlich genau aus dem Grund. Ein Gespräch über Internetsucht, einen unterschätzten Rapper und Frauen-Duschgel.

Saba, dein Debütalbum „Bucket List Project“ ist seit knapp zweieinhalb Jahren draußen, dein Sophomore-Album „Care For Me“ folgte im Frühjahr 2018. Welche Dinge konntest du seit dem Erscheinen deines Debütalbums von deiner persönlichen Bucket List streichen?

2016 und 2017, als das Album herauskam, wurde ich oft nach meiner Bucket List gefragt. Mittlerweile habe ich aufgehört, darüber nachzudenken. Aber lass mich überlegen… Ich habe meiner Oma ein Auto gekauft – das ist etwas, was definitiv auf meiner Bucket List war. Die ausverkaufte Show in London auf dieser Tour ist auch eine große Sache, nehme ich an.

Anfang Januar bist du gemeinsam mit Noname und Smino in Jimmy Fallons „Tonight Show“ aufgetreten. Dein Vater war sogar auch mit vor Ort. Das ist vielleicht noch etwas, was auf deiner Liste stand.

Oh, stimmt. Ich habe schon wieder ganz vergessen, dass das passiert ist! (Lacht)

Überhaupt könnte es für dich gerade schlechter laufen. Der Chicago Tribune hat dich zum „Chicagoan of the Year“ gekürt. Was bedeutet dir so eine Auszeichnung einer lokalen Zeitung aus deiner Heimatstadt?

Das war natürlich cool. Zuerst hat es sich etwas random angefühlt. Dann habe ich überlegt, was für ein Jahr 2018 ich eigentlich hatte – und dann dachte ich mir: “Das macht schon Sinn!”

Dass das Internet und unsere Smartphones immer mehr an Bedeutung gewinnen und unseren Alltag bestimmen, ist ein großes Problem. Und, obwohl ich mir darüber bewusst bin, checke ich Twitter und Instagram pausenlos.

Saba

Ende Februar fanden in Chicago die Bürgermeisterwahlen statt. Anfang April wird es eine Stichwahl geben, da keiner der Kandidaten die erforderliche Stimmenmehrheit für sich gewinnen konnte. Unter den Kandidatinnen und Kandidaten war auch Amara Enyia, die bei den Wahlen auf dem 6. Platz landete und für die sich dein Freund und Kollege Chance The Rapper im Vorfeld der Wahl immer wieder stark gemacht hat – vor allem auch in den sozialen Medien. Hast du schon mal überlegt, deine Plattform auf ähnliche Art und Weise zu nutzen und dich politisch zu engagieren?

Nah. (Lacht) Es gibt für mich aber auch andere Wege, meine Plattform zu nutzen, um meiner Stadt und den Leuten um mich herum zu helfen. In Bezug auf Politik? Eher nicht. Ich sage aber auch nicht, dass das nie der Fall sein wird – nur im Moment eben noch nicht. Das ist gerade nicht mein Fokus. Ich weiß dafür auch einfach zu wenig über Politik, weil es mir schwerfällt, der Politik Aufmerksamkeit zu schenken.

Auf deinem aktuellen Album „Care For Me“ gibt es einen gemeinsamen Song von Chance The Rapper und dir („Logout“), auf dem ihr euch kritisch mit den sozialen Medien auseinandersetzt. Insbesondere thematisiert ihr, wie das Internet einen abhängig und unsicher machen kann. Was ist, deiner Meinung nach, der größte Vorteil von sozialen Medien – und was der größte Nachteil?

Der größte Vorteil ist, dass man im wahrsten Sinne des Wortes alles machen kann – durch das Internet ist alles möglich. Dass ich hier in Berlin sitze, habe ich im Grunde genommen der Macht des Internets zu verdanken. Der größte Nachteil ist logischerweise, dass jeder, den ich kenne – inklusive mir -, süchtig danach ist. Dass das Internet und unsere Smartphones immer mehr an Bedeutung gewinnen und unseren Alltag bestimmen, ist ein großes Problem. Und, obwohl ich mir darüber bewusst bin, checke ich Twitter und Instagram pausenlos.

Das geht, denke ich, dem Großteil unserer Generation so. Ich mache morgens nach dem Aufwachen auch nichts anderes, als direkt erstmal auf mein Handy zu gucken. Eigentlich total bescheuert.

Vor etwa zwei Wochen habe ich genau darüber einen Artikel gelesen. Dort hieß es, dass nachgewiesen sei, dass man einen besseren Tag haben würde, wenn man morgens nicht als allererstes sein Handy checkt. Seitdem wir hier in Europa sind, versuche ich, meine Gewohnheiten zu verändern. Dadurch, dass wir auf Tour sind und ich oftmals einfach nichts Besseres zu tun habe, ist es am Ende aber doch so, dass ich morgens als erstes aufs Handy gucke.

In vielerlei Hinsicht bist du so etwas wie das Gegenstück des stereotypischen Rappers. Beispielsweise hast du in der Elementary School zwei Klassen übersprungen und bist dementsprechend schon mit 12 auf die High School gekommen, anstatt die Schule abzubrechen.

Ich bin trotzdem ein Dropout. (Lacht) Das College habe ich abgebrochen.

Okay, aber die High School hast du dennoch im Alter von 16 Jahren abgeschlossen, was enorm jung ist. Welche Auswirkungen hatte das auf dein weiteres Leben?

Das ist schwierig zu sagen. Ich denke mal, ich war mit 14 schon sehr reif. (Lacht) Ich habe einfach schon immer viel Zeit mit Leuten verbracht, die älter sind als ich; mit meinem älteren Bruder und seinen Freunden. In meiner Jahrgangsstufe hatte ich nicht viele Freunde. Ich habe immer über andere Dinge nachgedacht als meine Klassenkameraden. Die Sachen, über die sie sich Gedanken gemacht haben, haben mich nicht so sehr beschäftigt. Ich wollte einfach nur Musik machen! (Lacht) Das war das Einzige, was ich in der Middle und High School machen wollte. Umso cooler ist es natürlich, dass ich jetzt beruflich nichts anderes mache.

Buddy hat mich beeindruckt. Er hat mehr Musik gemacht als jeder andere, den ich gesehen habe.

Saba

Mitte Januar hat dich eine Einladung zu den berüchtigten Recording Sessions für die kommende Dreamville-Kompilation „Revenge of the Dreamers III“ erreicht.

Shoutout to J. Cole! (Lacht)

Was war das für eine Erfahrung?

Es war unglaublich und hat sich wie ein legendärer Moment angefühlt. Alle Künstler aus der neuen, aufstrebenden Hip-Hop-Generation waren da. Zu dieser Gruppe zu gehören, war schon cool.

Insgesamt waren vom 6. bis zum 16. Januar mehr als 100 Rapper, Sänger und Produzenten im Studio, um an der Kompilation zu arbeiten. Gibt es jemanden, der oder die dir in der Zeit ganz besonders imponiert hat?

Buddy hat mich beeindruckt. Er hat mehr Musik gemacht als jeder andere, den ich dort gesehen habe. Ich war fünf Tage lang da, Buddy hat in der Zeit bestimmt um die 30 Songs aufgenommen.

Du hast in deiner Musik, aber auch in diversen Interviews, immer wieder betont, dass du noch nie in deinem Leben Gras geraucht hast. Vor ungefähr einer Woche wart ihr auf der ‘Care For Me Tour‘ in Amsterdam. Hand aufs Herz: Ist es bei deiner Einstellung geblieben?

(Lacht) Das ist witzig. Aber ja, es ist dabei geblieben.

Du trinkst keinen Alkohol, andere Drogen nimmst du auch nicht. Was ist dein Laster?

(Überlegt) Ich glaube nicht, dass ich ein Laster habe. Ich mache Musik und zocke Videospiele – das ist alles.

Im Jahr 2017 sind dein Cousin John Walt und einer deiner Großväter innerhalb kurzer Zeit ums Leben gekommen. Was hat dir dabei geholfen, diese harte Zeit zu überstehen? Abgesehen von Musik!

Du weißt, dass das die Antwort gewesen wäre. (Lacht) Meine Familie stärkt mir den Rücken und ich habe gute Freunde. Wenn so etwas passiert, ist das aber nichts, was du irgendwann überwunden hast. Das begleitet dich Tag für Tag, du lernst nur, damit zu leben. Bis heute versuche ich, damit klarzukommen. Und dafür sind die Leute, die du um dich herum hast, genauso wichtig wie du selbst.

Wie bereits erwähnt lautet der Titel deines aktuellen Albums „Care For Me“. Ich frage mich: Was tut Saba für seine Selfcare?

Ich könnte ein bisschen Selfcare gebrauchen! (Schmunzelt) Ich weiß nicht… Ich habe eine Freundin, das hilft auf jeden Fall. Frauen wissen immer genau, was sie wollen. Ich folge meiner Freundin einfach. Ich benutze ihr Duschgel. (Beide lachen) Das ist wirklich wichtig! Frauen-Duschgel ist total anders, du fühlst dich danach viel besser. Abgesehen davon versuche ich, mir Zeit für mich selbst zu nehmen. Dieses Jahr hatte ich dazu bis jetzt kaum die Gelegenheit, weil wir non-stop am Arbeiten sind. Manchmal muss man sich aber einfach mal Zeit für sich selbst nehmen. Das ist das Wichtigste, was man tun kann.

Anfang des Jahres warst du Teil einer Kampagne von Tommy Hilfiger. Ich war ein bisschen überrascht, weil ich nicht erwartet hätte, dass du auch ein Model bist. Was hast du in Zukunft noch vor?

(Lacht) Du hast gesagt, dass du das nicht erwartet hättest – warum sollte ich diese Frage dann beantworten? Lassen wir das also offen. Was du erwarten kannst, ist grenzenlos. (Lacht)

Wann kommt das Pivot Gang Tape?

Wann immer Rory – der CEO von Death Row Records – sagt, dass es herauskommen soll. (Lacht) Das Album ist fast fertig und wird bald draußen sein. Wie bald? Ich weiß es nicht, erstmal muss ich nach Amerika zurückkehren.