Redaktionscharts: Simon Forster // Jahresrückblick

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2018 neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu und wir blicken mal wieder zurück. Insgesamt war vieles schlecht, vieles langweilig, vieles einfach nur verachtenswert. Musikalisch gesehen gab es zum Glück dennoch einige teilweise sehr helle Lichtblicke. Aber weil auch das bekanntlich Geschmackssache ist, haben wir unsere Schreiberlinge auch dieses Jahr gefragt, welche zehn Momente, Songs, Alben, Pranks oder was auch immer ihr Hip Hop-Jahr geprägt haben. Heute gibt’s die Top 10 von unserem Autor Simon.

10

Paul Mond (Producer)

Bei meiner täglichen Schatzsuche auf SoundCloud bin ich Anfang des Jahres über den Produzenten aus Darmstadt gestolpert und sein Sound, den er selbst als „future indie bounce“ bezeichnet“, hat mich gedanklich instant an weiße Sandstrände mit tropischen Temperaturen gezaubert. Mit seinem stetigen Output an energetischen Edits, Flips und Remixen (call it what you want) hat er nicht nur meine Aufmerksamkeit, sondern auch die von Joe Kay, seines Zeichen Chefkurator bei Soulection Radio, gewinnen können, der jetzt wahrscheinlich denkt, dass Darmstadt in einem Barrio in Südamerika liegt – Darmstadt am Meer, eine schöne Vorstellung.

09

Machiavelli Podcast über Rap und Politik (Podcast)

Rap und Politik führen eine mehr als seltsame Beziehung. Auf der einen Seite proklamieren Rapper immer wieder die Kunstfreiheit, die in Art. 5 Absatz 3 im Grundgesetz verankert ist, auf der anderen Seite wollen Artists dann aber wieder doch nichts mit Politik am Hut haben. Die mehr als nötige öffentliche Debatte über die Hassliebe zwischen Rap und Politik haben Vassili Golod und Jan Kawelke mit ihrem Podcast „Machiavelli“ gestartet. Starker Podcast mit sehr interessanten Themenbereichen.

https://www1.wdr.de/radio/cosmo/podcast/machiavelli/index.html

08

Jarreau Vandal – Boiler Room ‘Crowdsourced‘

Boiler Room hat seit Anfang des Jahres mit „Crowdsourced“ ein wunderbares neues interaktives live Format. Gastgeber Wize holt sich jeden Monat einen Producer ins Studio und gemeinsam wird an einem Track gebastelt. Das Beste daran ist, man kann das Ganze nicht nur live vom Bildschirm aus im Stream mitverfolgen und sich von den unterhaltsamen Visuals im Hintergrund berieseln lassen, sondern auch interaktiv am Track mitarbeiten – BESTE! Einfach Sample (das kann ALLES sein) in die Show schicken und mit etwas Glück wird es gepickt und man ist sich seiner Credits sicher.

07

070 Shake – I Laugh When I’m With Friends But Sad When I’m Alone bei COLORS (Song/Video)

Spätestens nach ihrem diesjährigen splash! Auftritt war für mich klar, dass die Rapperin aus New Jersey und G.O.O.D Music-Schützling, trotz ihres beschaulichen Outputs in Form der „Glitter EP“, schon 2018 einen Platz auf dem XXL Freshman Cover verdient gehabt hätte. Poesie verpackt in Rap und einer Stimmgewalt, die Gänsehaut schafft. Das Ganze perfekt eingefangen von den COLORS-Studios. Ob Freshman Cover oder nicht, 2019 wird das Jahr von 070 Shake.

06

Joji – Window (Video)

Zwar gibt es von Joji mittlerweile im gefühlten Wochentakt Videoauskopplungen auf Blockbuster-Niveau, ich habe mich aber ganz bewusst für „Window“ entschieden. Denn (Achtung, jetzt wird’s deep!) für mich markiert es den Zeitpunkt, an dem Joji, bildlich gesprochen, sein Fenster öffnete, die beiden Alter Egos „Pink Guy“ und „Filthy Frank“ zurückgelassen hat und auf eine Wolke gestiegen ist, um uns fortan mit bittersweeten Songs zu beschenken. Auch wenn der Inhalt des Videos überhaupt nichts mit meiner Theorie zu tun hat, enthält es dennoch die Portion Weirdness und Bildgewalt, die Joji zu einen meiner Lieblingskünstler im Jahr 2018 gemacht haben.

https://www.youtube.com/watch?v=hzhLRVyMl8

05

A$AP Rocky – Praise The Lord (Da Shine) feat. Skepta (Song)

Flöten-Samples in Kombination mit Halluzinogenen scheint auch 2018 die mehr oder weniger geheime Erfolgsformel zu sein, um Hits zu kreieren. Beispiel gefällig? Man nehme einen trippenden A$AP Rocky und Skepta, sperrt beide in ein Studio (natürlich alles unter strenger wissenschaftlicher Aufsicht) und schon erhält man am Ende den wohl größten Ohrwurm des Jahres.

04

OG Keemo – Skalp (Album)

Schon 2017 war es ahnbar, OG Ke-Mo-Sah-Bee ist losgezogen um Deutschrap zu rrra– ähh… skalpieren. 2018 liefert der Mannheimer mit „Skalp“ nicht nur den passenden Namen für diese Mission, sondern droppt für mich das beste Deutschrap-Release des Jahres. Lyrik, Technik, Flow, Atmosphäre und Beats von Anfang bis zum Ende on point.

03

FRANCONIAs FINEST

In Bayern ticken die Uhren bekanntermaßen anders, ich weiß, Bayern-Bashing geschieht oft nicht ohne Grund, doch gegenüber aller Klischees, hat sich hier im Süden in den letzten Jahren ein Nährboden für qualitativen Sound gebildet, dessen Ertrag durchaus mit dem der restlichen Hochburgen in Rap-Deutschland mithalten kann. Vor allem die Exklave, die sich von Nürnberg bis nach Würzburg erstreckt und in der ich viel Zeit während meines Studiums verbracht habe, hat besonderes Augenmerk verdient. Unter dem Motto: „Das ist Frankenland, kein Bayern“, teile ich mit euch meine persönliche Playlist mit FRANCONIAs FINEST-Artists.

02

EROTIK TOY RECORDS (Kollektiv)

Vom tiefen Süden geht es in den hohen Norden nach Bremen. Denn hier wird, ähnlich wie in Franken, fernab des restlichen Einheitsbreis, ein ganz eigenes Süppchen gekocht. Die Rede ist von Erotik Toy Records. Das Kollektiv, bestehend aus: Doutboy, Tightill, Skinnyblackboy, Florida Juicy, Young Meyerlack und Jay Pop, hat Deutschrap 2018 gewaltig vor den Kopf gestoßen. Der bunt zusammengewürfelte Haufen setzt sich über Genregrenzen hinweg und lässt sich partout nicht in eine Schublade stecken und das ist auch gut so. ETR beweisen damit, dass in einem Zeitalter, in dem Hits durch Algorithmen vorausgesagt werden können, doch noch musikalische Vielfalt, frei von Scheuklappen existieren kann.

01

Rap im Streaming-Zeitalter – Fluch oder Segen?

Im vorherigen Punkt bereits kurz angeschnitten, hat mich dieses Jahr ein Thema ganz besonders beschäftigt: Rap im Streaming-Zeitalter und die Konsequenzen daraus. Physische CD-Verkäufe stellen ein aussterbendes Vertriebs- und Verkaufsmodell dar, zwar erlebt das Vinyl derzeit ein kleines Revival, dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass Streaming-Portale längst den Markt übernommen haben und bestimmen, wie Musik erworben und konsumiert wird. Hieß es in den 80ern noch „Video killed the Radio Star“, sind heutzutage Streaming-Portale wohl der endgültige Sargnagel für das Musikformat der runden Silberscheibe. Der Fortschritt macht auch nicht vor Rap halt und obwohl sich, dank Streaming, eine ganze Bandbreite an neuen Möglichkeiten für Künstler und Konsumenten eröffnet hat, bringt die neue Technik auch neue Herausforderungen mit sich. Um einen fundierten Einblick in die Materie zu erhalten und als Grundlage für die Beteiligung an der Debatte rund um das, mehr als spannende Thema, Rap im Streaming-Zeitalter, sollte man sich unbedingt die diesjährige splash! Diskussionsrunde „Bestimmen Streaming-Playlists die Rapstars von morgen?“ reinziehen und den Artikel „Single-Flut am Freitag: Deutschrap im Streaming-Zeitalter“ des Kollegen Michael Rubach von HipHop.de lesen.