Redaktionscharts: Rami Eiserfey // Jahresrückblick

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2018 neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu und wir blicken mal wieder zurück. Insgesamt war vieles schlecht, vieles langweilig, vieles einfach nur verachtenswert. Musikalisch gesehen gab es zum Glück dennoch einige teilweise sehr helle Lichtblicke. Aber weil auch das bekanntlich Geschmackssache ist, haben wir unsere Schreiberlinge auch dieses Jahr gefragt, welche zehn Momente, Songs, Alben, Pranks oder was auch immer ihr HipHop-Jahr geprägt haben. Heute gibt es den splash!-Mag-Freund, Sneaker-Connaisseur und Praise-Mag-Autor Rami Eiserfey.

10

XXL Freshman Cypher mit Lil Pump, Smokepurpp, Blocboy JB

Die jährlich stattfindende XXL Freshman Cypher war schon einige Male das Sprungbrett für aufstrebende Rapper in den USA. Wer es hierhin geschafft hatte, war bereits etabliert oder konnte sich auf eine vielversprechende Karriere einstellen. Leider waren die Paarungen nicht immer ganz glücklich, weswegen einzelne Rapper in bestimmten Cyphern unter-performt und dadurch die gesamte Cypher gekillt haben. Glücklicherweise hatten in diesem Jahr Lil Pump, Smokepurpp und Blocboy JB sichtlich Spaß an ihrer Cypher. Das sieht man dem Ergebnis an: alle drei Rapper liefern gute Parts ab, unterstützen sich gegenseitig und schaffen einen schönen Vibe. Davon gerne mehr in 2019!

09

Everybody hates Russ

Dass Russ weltweit ziemlich unbeliebt ist, sollte nach 2018 JEDEM bekannt sein. Der eigentlich solide Musiker machte vor allem neben seinen Auftritten und Songs von sich reden. So waren es in diesem Jahr seine persönlichen Schlägertrupps, die für Gesprächsstoff sorgten, z. B. als er den YouTuber No Jumper verprügeln ließ, als dieser bei der Maniküre saß. Für so viel Feigheit gemischt mit fragwürdiger Selbstjustiz gibt es von mir den Titel als „dümmste Sau des Jahres“. Gratulation Russ! Die Leute reden wieder von dir!

08

102 Boyz x BHZ

Ich habe so meine Probleme mit der deutschen Raplandschaft. Newcomer schaffen es selten, den Zeitgeist zu treffen, während sich Ewiggestrige lieber ihr Leben lang dieselben Platten aus den 90ern anhören als Newcomern eine Chance zu geben. Eine große und erfrischende Ausnahme waren für mich in diesem Jahr die 102 Boyz und BHZ. Beide Crews sind jung, mutig und neu. Eine lockere Einstellung zu Alkohol, wöchentlicher Output und ein Spirit, der mich an die frühen K.I.Z.-Alben erinnert, macht diese beiden Acts für mich zum interessantesten Phänomen in der hiesigen Deutschrap-Szene. Wenn diese beiden Crews 2019 keinen Major-Deal bekommen, weiß ich auch nicht.

07

OG Keemo – Skalp

Wie gesagt: Deutschrap ist schwierig. Die meisten Acts scheitern schon bei so einfachen Dingen wie Individualität, Flow und Disziplin. Umso erfreulicher ist es, wenn sich in meine Fitnessstudio-Playlist ein Track von OG Keemo einschleicht. Ich hatte den Rapper seit seinem Feature mit Jace auf „Trappen“ auf dem Schirm und war sofort erstaunt, wie versiert, cool und stylisch der junge Mann da seine Zeilen vorträgt. Sein Album „Skalp“ sprießt nur so vor Wortwitz, guten Punchlines und einem einzigartigen Style. Wenn Keemo nicht bei Chimperator gesignt wäre, würde man ihm auch nicht intuitiv das Stigma des „wohlhabenden Schwaben“ zusprechen. Denn Keemo könnte nicht mehr Straße sein! Wenn es der Rapper schafft 2019 mit Leuten aus seinem Metier zusammenzukommen, prophezeie ich ihm eine große Karriere.

06

Virgil Abloh goes Louis Vuitton

Ein paar von euch haben eventuell meinen Artikel über den neuen Mann bei Louis Vuitton gelesen. Falls nicht: Virgil Abloh hat Hip Hop in die Highfashion-Szene gebracht! Während in Paris Rassismus noch zur Tagesordnung gehört, hat es der Designer mit ghanaischen Wurzeln geschafft, dass das wohl konservativste, französische Label ihn als Menswear-Designer anstellt und ihm freie Hand lässt. Die dazugehörige Fashion-Show in Paris gilt wohl als eine der meist diskutiertesten Runaway-Shows aus den letzten Jahren. Mit im Gepäck waren so illustre Persönlichkeiten wie Playboy Carti, Skepta, Pharrell Williams und natürlich Kanye West, der seinem langjährigen Weggefährten am Ende der Show weinend in die Arme fiel. Mode und Politik können einhergehen. Das hat uns Virgil in diesem Jahr exemplarisch vorgeführt. Hoffen wir, dass die Modewelt dieser Richtung auch in den kommenden Jahren folgen wird und Faktoren wie Herkunft, Nationalität und Sexualität endgültig keine Rolle mehr spielen.

05

$uicideboy$

Es fühlt sich gut an, wenn man sieht, dass bestimmte Acts gefeiert werden, aus dem simplen Grund, dass sie einfach gut sind. Das haben Ruby und $crim aka die $uicideboy$ aus New Orleans in diesem Jahr vorgemacht. Nachdem die Beiden bereits in den letzten Jahren gezeigt haben, dass sie live nahezu unschlagbar sind, konnte dieses Jahr mit ihrem Album „I Want To Die In New Orleans“ ein neuer Meilenstein in der Karriere der Beiden verzeichnet werden. Die dazugehörigen Club-Konzerte haben umso mehr Spaß gemacht, da die Shows auf jeweils 300 Hardcore-Fans reduziert waren, was eine einzigartige Stimmung erzeugt hatte. Inzwischen könnte ich mir die Jungs monatlich reinziehen. Vielleicht sogar wöchentlich? Ihr Auftritt auf dem splash! Festival kommendes Jahr steht zumindest jetzt schon ganz oben auf meiner Bucket-List!

04

Migos Carpool Karaoke

Ich amüsiere mich immer darüber, wenn in deutschen Kommentarspalten die „gute alte Zeit“ herbeigesehnt wird. Als Hauptgrund nennen die kritischen Stimmen die fehlende Innovation, die junge Künstler an den Tag legen. Diesen Leuten empfehle ich das Carpool Karaoke mit den Migos-Jungs. Wer nach diesen knapp 15 Minuten immer noch keine Liebe für ikonische Adlibs, viel Bling und allgemein der Migos-Mentalität aufbringen kann, hat in seinem Leben noch nie geliebt und sollte bitte wieder zum Lachen und Raphören in den Keller gehen. Kaum war ein Carpool Karaoke so unterhaltsam und relatable wie das der drei Migos. Zieht es euch rein! Ich geh indessen meine Adlibs üben…MOMMA!

03

Denzel Curry

Immer wenn ich „alt-eingesessenen Oldschool Eimsbush Hamburg“-Fans neue Musik zeigen will, die ihnen vermutlich auch gefällt, mache ich etwas von Denzel Curry an. Es gibt nur wenige neue MCs, die ähnlich polarisieren. Jeder, der denn Mann mit den ikonischen Haaren schon einmal live gesehen hat, weiß um seine Qualitäten am Mic. Mit seinem Album „Taboo“ hat er aus dem Schatten seiner Weggefährten Pouya und Fat Nick geschafft und seine Musik einer millionenschweren Audience vorgestellt. Diese feierten umgehend seinen Song „Clout Cobain“ und machten den „Ultimate“-Rapper zum meist gefeierten Newcomer aus diesem Jahr. Neben dem Mic ist Denzel übrigens ein sehr herzlicher und witziger Typ, dem Star-Allüren ein Fremdwort sind. Das merkt man vor allem Backstage oder bei Interviews wie dem splash! Mag Punchline-Quiz. Denzel, du machst das gut! Denzel, wir lieben dich!

02

Lil Peep/XXXTentacion

Leider stand dieses Jahr nicht nur im Zeichen der guten Nachrichten. Nachdem Lil Peep im November 2017 mit knapp 21 Jahren verstarb, folgten in diesem Jahr zahlreiche andere Musiker, darunter der 20-jährige Rapper XXXTentacion, der in Miami in diesem Jahr erschossen wurde. Sein Tod berührte viele. Sein Sound war dermaßen facettenreich und qualitativ hochwertig, dass die gesamte Musikszene gespannt war, wie es mit dem jungen Mann aus Florida weiterging. Sein Release „?“ ist für mich persönlich das beste Album, das dieses Jahr erschienen ist. Und obwohl sowohl er, als auch Lil Peep nicht mehr unter uns weilen, ist ihr Sound unsterblich. Sobald ein Song von den Beiden gespielt wird, singt ein komplettes Publikum mit. Neben so Evergreens wie „99 Problems“ von Jay-Z oder „Shook Ones PT. 2“ von Mobb Deep, werden auch „Look at me“ und „Witchblades“ Songs sein, die wir auch noch in 20 Jahren im Club hören werden. Und ihre Alben „Skins“ und „Call Me When You’re Sober PT. 2” halten den Sound dieser viel zu früh von uns gegangen Talente für die Nachwelt fest.

01

Mac Miller

Wenn wir über 2018 reden, kommen wir nicht an das Lebenswerk des gerade einmal 26-jährigen Malcolm James McCormick aka Mac Miller vorbei. In den letzten Jahren bekam man den mentalen Kampf des Rappers immer mal wieder mit. Auch musikalisch konnte Mac nur schwer an seine alte Form anknüpfen. Als „Swimming“ in diesem Jahr erschien, waren die Fans erleichtert. Ein durchweg grandioses Album mit einem zeitlosen Sound und einem gereiften Mac Miller, der nach gefühlt zehn Jahren Karriere seinen Weg gefunden hatte – umso schwerer traf uns die Nachricht von seinem Tod. In den Tagen darauf schaute ich mir viele Interviews und Live-Sessions von Mac Miller an. Er war stets ein witziger Typ, der mit einem Lächeln auf seinem Gesicht und Soul in seinem Blut seine Mitmenschen glücklich machte. Leider war auch hier, ähnlich wie bei Lil Peep, ein tödlicher Cocktail mit Fetanyl der Grund, warum es Mac Miller nicht einmal in den Club 27 geschafft hatte. Sein Tod hat uns gezeigt, dass „Mental Illness“ nach wie vor ein ernstes Thema ist, das uns alle betrifft. Es ist an uns, die Hilferufe aus unserem Umfeld ernst zu nehmen und denjenigen zu helfen, die unsere Hilfe brauchen. Für Mac Miller ist es leider zu spät. Was uns von ihm bleibt, sind fünf Alben und der Anspruch uns und unsere Mitmenschen mit Liebe zu begegnen. So hätte es Mac bestimmt auch gewollt. Vielleicht vergeht dann auch mal ein Jahr, in dem keiner unserer Idole stirbt.