Redaktionscharts: Naima Limdighri // Jahresrückblick

von am

2018 neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu und wir blicken mal wieder zurück. Insgesamt war vieles schlecht, vieles langweilig, vieles einfach nur verachtenswert. Musikalisch gesehen gab es zum Glück dennoch einige teilweise sehr helle Lichtblicke. Aber weil auch das bekanntlich Geschmackssache ist, haben wir unsere Schreiberlinge auch dieses Jahr gefragt, welche zehn Momente, Songs, Alben, Pranks oder was auch immer ihr Hip Hop-Jahr geprägt haben. Hier gibt’s die Top Ten von unserer Autorin Naima Limdighri.

Disclaimer: 10 HipHop Momente für ein Jahr ist bei dem Output an Rap fast unmöglich. S/o an Menschen wie John Known, Döll oder auch Haiyti, AsadJohn, Genetikk, Asap Rocky, TUA und ein Haufen weiterer Menschen, die dieses Jahr mindestens genau so spannende Momente zu meinem HipHop Conscious beigetragen haben, wie alle unten genannten.

10

Little Simz

Ich mag Banger, ich mag Gangsterrap, ich mag 187, sehr. Aber wenn Rapper sich auf reflektive Bars und einen besonderen Beat wie diesen einlassen können um darüber autobiographische Zeilen zu spitten, die den Struggle und das Come Up in Worte verpacken, kann ich mich dem kaum verwehren, vor allem wenn er von dieser Lady hier kommt, für die ich großen Respekt habe. Der Song kam kurz vor Jahresrückschauabgabedeadline raus und hat ein paar Großkaliber von dem Platz hier verdrängt. Weil Zeilen wie “I mastered my flow like Dizzee and Busta (legends)/ and one day buy real weed from a Rasta (real Rasta man)” bei jedem anderen Protagonisten zu Gelächter meinerseits führen würden und ich mich sehr auf ihr neues Album freue. Der Song an sich gibt gar nicht unbedingt so viel her, aber gibt einen guten Vorgeschmack auf neues Material von Little Simz. Ihre Musik hat mich bereits zu Tränen gerührt und niemand macht so bestimmt und ruhig klar: “killem with flows/ one by one or killem in bulk”. JAMANNNNNNN (*Bonez voice*).

09

Soolking – Guérilla à Planète Rap

Mein guilty pleasure in dieser Jahresrückschau. Soolking ist weder kreativ glattgebügelt und ausproduziert wie PNL oder Shay, noch stimmgewaltig wie ein Kalash oder Lefa und laut Hörensagen auch weder der schlauste was seine Businessmoves angeht, noch der höflichste und emanzipierteste unter den Rappern (so wie ungefähr fast alle). Im Outro von Guerilla nimmt er Referenz auf einen Song der algerischen Band Raïna Raï, dessen Inhalt sich auf „bring mir den Tee schöne Dame“ runterbrechen lässt – mhh danke nein, bring selber Macker – und im Video zu „Milano“ wird Catcalling normalisiert. Trotzdem: die Stimme, der Song und speziell diese Performance haben es mir angetan. Die Performance von dem Song war exklusiv, er kam danach erst als Single raus. Planète Rap auf Skyrock ist sowieso speziell, mir fehlt ein deutsches Pendant dazu schon lange. Die Kombination aus dicken Interviews, Freestyles und Spaß an HipHop seh ich hier nicht. Dann stellt sich Soolking in dieses Studio – mit 54727540 Nafris, Känäx und schwarzen Brüdern rein, die stolz ihr Hüftgold wackeln lassen und ballert seine Parts im zugekifften Studio. Dann. Setzt. Die. Unfassbar. Emotionale. Trompete. Von. Seinem. Kollegen(wer ist das?). Ein. Ciao, ich zerfließe in diasporischem Blut („Ça sera toujours nous les coupables, coupables d’être africains“), Sehnsucht nach dem Maghreb und dem „fuck-it-Guerilla-Begehren“, das der Song ausdrückt. Die Verwendung von kleinen Stückchen maghrebinischen Arabisch wie „Ma3lich“ – maaliisch ausgesprochen, arabisch für „nicht so schlimm“ – ist ein Stückchen Identität für mich. Ma3lich, dass die Mehrheitsgesellschaft kein Plan hat. Wir sind immer noch da. Ich lese die patriotisierte Liebe, die Soolking für sein Heimatland Algerien ausdrückt, weniger als plumpen Nationalstolz, sondern als Guerilla, als mutigen Widerstand, von andauernden kolonialen Machtansprüchen und kolonialer Präsenz in und um Nordafrika, sowie die andauernde Unterdrückung und rassifizierte Diskriminierung von frankophonen Nordafrikanern und anderen nicht weißen im ach so egalitären Frankreich. Die Performance, die pure Freude und das Gefühl von das ist grade unser Moment, wie feiern uns und das kann uns hier, jetzt keiner nehmen ist der größte Widerstand. Im Angesicht von Diskriminierung, Arbeitslosigkeit und Kriminalität noch Freude auszudrücken ist ein Akt der Revolte.

08

Rico Nasty – RAGE

“G-G-Goodness gracious, I might give a fuck on a rare occasion“ als Einstieg in den ersten Vers. Say no more: Trap meets Screamo. Ich bin zwar mehr Punk (Rock) im Sinne von Rise Against, Sum41 oder Fugazi aufgewachsen, aber wann auch immer jemand richtig krass ragend rumschreien kann ohne dabei den Bass zu vernachlässigen geht der Sound auf und in mein‘ Nacken – Headbanging vorprogrammiert. Rico Nasty’s musikalischer Katalog, Persönlichkeit, Rapskills und Lebensgeschichte sind inspirierend, weil sie für Individualität in der Charakterwüste Musikindustrie, das Gegenteil von Baukastenweiblichkeit (wir basteln uns Frauen so zusammen, wie die Gesellschaft gern hätte: schön zum anschauen, ficken und Kinder kriegen, kochen und unseren Alten den Arsch abwischen für weniger Geld, Rente, Anerkennung und Stimme) und Erfolg und irgendwie auch Glück trotz viel Bullshit steht. Jung Mama geworden, jung Scheiße gefressen, trotzdem Träume verwirklicht und den Kopf hochgehalten. Chapeau Madame Nasty !

07

Denzel Curry – Ta13oo

Ta13oo“ – TABOO ausgesprochen – ist das dritte Studioalbum von Indiegrinder Denzel Curry, dem selbst ernannten „Knotty Head“ aus Carol City in South Florida. Die Stärke des Projekts ist der persönliche Zugang, den Denzel uns zu Paranoia, Rachegefühlen, Liebe und seinen Nahtoderfahrungen gibt und die immerwährend hohe Qualität mit der das passiert. Florida ist der Küstenstaat, der zwischen dem Lifestyle der Reichen und (vermeintlich) Schönen à la Art Basel, Yachten, Art-Déco Hotels und der teils wirklich brutalen Armut mit viel sogenanntem „sozialem“ Wohnungsbau, hohen Kriminalitätsraten und Polizeigewalt schwankt. Schon auf seinem Debüt „Nostalgic 64 hat Curry düstere Realitäten, wie das gewaltvolle Klima in Miami und wiederkehrende Polizeimorde an POC (“Zone 3”), intensiv verarbeitet und ausgedrückt. Sein Bruder wurde 2014 von Polizisten zu Tode getasered. Weltweite Tourneen, Hochkaliber Features und einen Ärmel voller Projekte später nimmt er uns in noch mehr menschliche Abgründe mit. Er hatte es bereits angedeutet, vor fast genau zwei Jahren in Berlin, bei unserem zweiten Interview. Wir haben uns 2016 zum ersten Mal in Hamburg länger unterhalten, wo er den kleinen Donner schnell zu einem hotten Hexenkessel gerappt hat. Damals waren so hypnotische Hymnen wie „Flying Nimbus“ aktuell und haben sehr schnell klargemacht, dass dieser Flow und dieses Wordplay sehr Super Sayian outta this world und on point mäßig sind – zudem live keine Patzer, kein pubertäres Rappergehabe, einfach Bars und zwar relativ zielgenau in die Fresse. Das Energielevel von Denzel und die Computerspiel-meets-hot-South-Florida-Soundästhetik lassen seine kreativ ausgefuchsten und symbolisch sehr empowernd aufgeladenen Visuals teilweise in den Hintergrund treten. Im Vordergrund steht das, was aufs Ohr knallt und bei der Show erlebt werden kann. Er ist kein Aufklärer, betrachtet Politik von außen und exposed trotzdem massiv. Zweites Interview, irgendwo im Lager vom YAAM, der Backstage war zu laut und zugeraucht. Wir saßen auf Metallstangen rum, der Atem wurde sichtbar, so kalt war’s. Ich hab ihn gefragt was das nächste Album uns bringen wird, er sagte „TABOO“. „Ich will über Vergewaltigung, Inzest und echte Liebe sprechen“ sagte er damals sehr bestimmt. Tabus brechen, unangenehme Wahrheiten ansprechen, das hat er sich zum Credo gemacht. 2Pac sei dafür sein Vorbild und der sei nun mal tot. Im Promorun für „Ta13oo“ sprach Curry zum ersten Mal in der Öffentlichkeit über seine eigenen Erfahrungen mit (sexuellem) Missbrauch als Kind und die prekäre Lage in der männliche Opfer sich befinden. Sexueller Missbrauch und Belästigung kann jedem und jeder widerfahren und Scham spielt für alle Opfer von sexuellem Missbrauch eine Rolle. Männer haben allerdings aufgrund stereotyper Männlichkeitsideale oft zusätzliche Hürden vor sich. Einem „echten“ Mann passiert sowas nicht. Eben doch. Danke fürs öffentlich machen, wir profitieren alle davon, wenn wir mehr über unsere Wahrheiten und Abgründe sprechen.

06

Janelle Monáe – Django Jane

Sie ist eigentlich keine Rapperin in dem Sinne – Funk, Soul, R&B, und HipHop machen sie musikalisch aus, afrofuturistische, queerfeministische Utopien und ihre Cyborg Charaktere trägt sie seit über 10 Jahren in den Mainstream hinein. Politische Statements sind seit Anbeginn ihrer musikalischen Karriere zentral, aber ihre kreativen Welten spielen meist in der Zukunft. „Django Jane“ von ihrem letzten Album „Dirty Computerist dagegen sehr GLEICHBERECHTIGUNG JETZT NICHT MORGEN ODER ÜBERMORGEN und lässt die Durchschlagskraft und Rapskills einiger Kolleg*innen sehr blass aussehen. Es ist feministische Protesthymne, “We gave you life, we gave you birth, we gave you God, we gave you earth” und spezifischer auch Empowerment für schwarze Frauen „Black girl magic, y’all can’t stand it“. Ein visuelles, farbenfrohes Meisterwerk das trotz Sex-positiver Bildsprache nicht in essentialisierende Geschlechterymbolik abgleitet (die viel gefeierten „Pussy Pants“ werden nicht von allen Tänzerinnen im Video getragen, um Transfrauen zu inkludieren und klarzumachen, dass eben nicht alle Frauen Vaginas haben), sondern stattdessen Mansplaining auf seinen wohlverdienten Platz – hinten, Ruhe! – verweist. “Hit the mute button, let the vagina have a monologue.” Die konstante Bedrohung, die marginalisierte Menschen im Alltag und auf ihrem Lebensweg erfahren können diese Art Support mehr als gebrauchen.

05

AlphaMob x Tightill – Schwedische Gardinen

An wem es noch immer vorbeigegangen ist: Tightill und die gesamte Erotik Toy Records Crew aus Bremen sind allerspätestens 2018 im deutschen Rap angekommen und wir sollten ihnen allen dafür danken – alhamdudillah, schön, dass ihr endlich da seid. AlphaMob ist für jeden und jede, der/die schon mal bei Nite of The Trill, einer Veranstaltung von Phonkycool Martina und oder in diversen Clubs am Hafen in Hamburg war, kein Fremder, aber man hält sich in Memphis-Rap-Phonk Manier eben bedeckt. Beide Herren sind musikalisch ziemlich anti, das Credo des „es muss gut und fein aussehen“ zieht hier nicht. Künstlich auf hart machen ist unerwünscht. Im Memphis Rap darf Mann nämlich auch mal traurig sein, Tightill zieht sich auch mal einen Sexismus im Rap-Talk rein und versucht diese Realitäten zu reflektieren. „Schwedische Gardinen“ steht für mich als leuchtendes Verbindungsglied zwischen dieser Thematik und den beiden Künstlern. Tightill steigt mit der Hook „Mann, ich kann nicht in den Knast/ Ich hab Mama so doll lieb!“ in den Song ein und damit ist auch schon viel zu Männlichkeitsidealen, Crime Life, Rap und 2018 gesagt. Wer will für sich, die Homies oder die Gang in den Knast, wenn man im Schrebergarten Erdbeerkuchen und Käffchen haben kann? Ok, zugegebenermaßen: Leute, deren Lebenssituation so prekär ist, dass der Schritt in die Kriminalität oft die einzige Möglichkeit ist das eigene Leben zu bestreiten, seien hiervon ausgenommen. Die flächendeckende Unmöglichkeit es mit „ehrlicher Arbeit“ zu Geld zu bringen, erkennt Tightill an, genau wie die Verlockung des schnellen Gelds. Im Rap das damit verbundene toxische Bild was einen echten (harten! keinen Fick auf Knast gebenden! was mich nicht killt mach mich nur stärker!) Mann konstituiert aber völlig unkritisch weiterzutragen ist ein ganz anderer Schnack. Den Twist darauf servierte uns dieses Jahr niemand so nonchalant und augenzwinkernd ernst wie die oben genannten Nordlichter.

04

Earl Sweatshirt feat. Navy Blue – Mint

Ihr kennt locker alle diesen Moment: man hört sich durch ein Projekt und hat sich sofort am persönlichen Favorit festgehörtgebissen, muss den Rest eigentlich gar nicht mehr hören, klickt immer wieder auf zurück, um den einen Song wieder und wieder und wieder zu hören. Ich hab mir „Some Rap Songs natürlich noch in Gänze gegeben, aber wusste nach 30 Sekunden into „Mint“: der isses – zumindest für jetzt. Dann…ja, Standard: Rotation bis es einem zu den Ohren rauskommt. Auf aber auch viel ab geht es, Untergrundrapper Navy Blue setzt im ersten Vers den deskriptiv melancholischen Ton, die Produktion von Black Noi$e aus Detroit verrät seine Bone Thugs-Affinität, trägt für mich aber auch einen Joey Bada$$ „Bad Summer Knights„-Weltschmerztouch bei. Passend zu Earl’s Observationen zu Gentrifizierung, persönlichen Tragödien und Depressionstruggles. Das Outro, „Lotta blood to let, peace to make, fuck a check“ würde ich mir und vielen anderen Menschen ans Innere der Wohnungstür als kleinen oder vielleicht sogar großen Reminder kleben. Es taugt als Priorität, für den Moment, fürs nächste Jahr, für den Seelenfrieden.

03

SABA – Care For Me

2016 hat er Jazz Cartier auf dessen Europatour begleitet. Sein Auftritt war fresh, aber hat mich damals nicht vom Hocker gehauen.Care For Me hat dafür den ganzen Stuhlkreis weggefegt. SABA war damals nicht der auffälligste, Aufmerksamkeit ziehendste Performer und neben Jazz Cartiers Energie zu bestehen ist auch wirklich keine leichte Aufgabe. Chicago bringt sie aber hervor, die Künstler mit besonderen Stimmen, deren roughe Stories, Emotionalität und Musikalität sich on und off wax bewegen. SABA hat auf seinem zweiten Album mit viel Wehmut den gewaltsamen Tod seines Mentors und Cousins verarbeitet, viel Trauma und Trauer in Zeilen und Melodien gepackt und dann in die Welt losgelassen. “I’m so alone” sind die ersten Worte die wir auf „Care For Me hören und sie machen Sinn: das Gefühl von Isolation das traumatische Erfahrungen mit sich bringen, kann die gut gemeinten Ratschläge von „red doch mit mir“ oder „such dir Hilfe“ von Freund*innen und Bekannten samt allen digitalen Verknüpfungsmöglichkeiten mit Fans und Gleichgesinnten im Nichts verpuffen lassen. Standout Tracks sind für mich „Grey“ („The best song’s probably on the B side, won’t be surprised when the label deny“), „Fighter“ („You say that you care, well show it, I’m not askin‘ a lot/ I know you think you listenin‘ but you just waitin‘ to talk“) und „Calligraphy“.

02

Tierra Whack – Whack World

Das ist so unglaublich whack, whacker geht’s kaum, wie kann man nur so whack sein? Wer ein bisschen Sinn für Imagination und (haha!) Kunst hat weiß, dass der Begriff „whack“ für „Whack World“ eigentlich Untertreibung, Ironie und Riesenjoke in einem ist. Das audiovisuelle Poweralbum der Philadelphia Native Tierra macht uns eine spielerische Welt auf, wo sich Soundflows gegenseitig wie Zuckerwatte aufessen und wir eine Palette an menschlichen Gefühlen und Momenten im Zeitraffer durchmachen: Trauer und Selbstliebe, viel Freude aber auch Langeweile und eine Ansage an alle Hater inklusive. Die Hörer*innen haben genau 15 Minuten Zeit das alles aufzunehmen, zu verkraften und zu verarbeiten. Wenn ich an Philly denke, denke ich an Meek Mill, schnelle Freestyles, Wheelies, „Watermelon Womanaber auch Black Thought und Santigold. Aber auch an die historisch seit Anfang des 19. Jahrhunderts stabil gewachsenen afro-amerikanischen Künstlertraditionen von Philadelphia, das als Ort vielen schwarzen Musiker*innen und visuellen Künstler*innen – auch durch das notwendige Schaffen eigener Institutionen im Angesicht von Gleichgültigkeit der weißen Mehrheitsgesellschaft gegenüber schwarzer Kunst – mit Vertrauen in die eigenen Communities und simple kreative Exzellenz Bühne und Zuhause zugleich gab. Langer, komplizierter Akademikerinnensatz, was ich damit meine: schwarze Menschen aus Philly machen schon sehr lange derbe Kunst. Tierra ist all das und mehr, in ihrer farbenfrohen „Whack World“, ihrem Rap, der sich hin zum Experimentellen bewegt und der Selbstverständlichkeit, mit der sie das alles durchzieht. Pro Song eine Minute auf diesem Projekt. Ihr künstlerischer Anspruch toucht Base mit Surrealismus und „Whack World“ ist auch deswegen so unglaublich whack, weil Tierra hier kompromisslos sich selbst und ihre Kunst präsentiert – im Angesicht einer Industrie, die für Diversität und/oder Weiblichkeit außerhalb hypersexueller Stereotypen und sexistischer Verwertbarkeitsmechanismen nicht viel Platz hat. PS: „Fruit Salad“ für alle > danach „Watermelon Woman“ gucken.

01

Mick Jenkins – 6AM Matinee

Für diesen Künstler werfe ich journalistische Objektivität und Distanz um 6 Uhr morgens gern aus dem Fenster. Mick Jenkins vor gut zwei Jahren für ein Interview zu sprechen (er saß in New York mit Handy und FaceTime auf der Straße vor seinem Hotel, Wlan war drinnen zu schlecht und er hat teilweise Fans höflich abwimmeln müssen), war eins meiner absoluten Highlights als Rapmedienmensch. Weil er so irre intelligent und besonnen ist, weil er philosophisch unterwegs ist und der Liebe noch ihren Platz inmitten all des Hasses einräumt, weil er seiner Zeit künstlerisch voraus ist, politisch progressiv, irre talentiert, musikalisch offen und divers, immer neu dazu lernend, stetig mit einer der heftigsten zeitgenössischen Jazzbands BADBADNOTGOOD zusammenarbeitend ohne dabei die Basics – krasses Storytelling, fette Beats und miese Rhymes („HipHip iz derbe zimpel höhö“) – zu vernachlässigen. Long Fan Girl Moment cut short: beide Projekte, die dieses Jahr rauskamen – sein zweites Album „Pieces of A Man“ („Barcelona“!) und die „or more … the frustration“EP – waren heftig und ihr solltet sie hören, ich persönlich bin auf „6AM Matinee“ hängengeblieben, weil „we was on this fly shit early/ We was on the thrift shit early/ We respected women early“.