Redaktionscharts: Maximilian Baran // Jahresrückblick

von am

2018 neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu und wir blicken mal wieder zurück. Insgesamt war vieles schlecht, vieles langweilig, vieles einfach nur verachtenswert. Musikalisch gesehen gab es zum Glück dennoch einige teilweise sehr helle Lichtblicke. Aber weil auch das bekanntlich Geschmackssache ist, haben wir unsere Schreiberlinge auch dieses Jahr gefragt, welche zehn Momente, Songs, Alben, Pranks oder was auch immer ihr HipHop-Jahr geprägt haben. Nun ist unser freier Autor Maximilian Baran an der Reihe.

10

Jesus Honcho – The Prayer (Video)

Ein Song wie ein Sonnenaufgang leitete mir die warmen Monate in diesem Jahr ein. Jesus Honcho derweil ist ein unscheinbarer Rookie. Einer, der in dem Überangebot an jungen und hungrigen Rappern, die uns der Markt dieses Jahr präsentiert hat, untergegangen ist. Dabei sind seine ersten beiden Tapes „7 Vibez“ und „7th Dimension“ wirklich gut, auch wenn einzig eben „The Prayer“ dabei herausragend bleibt. Wenn Honcho seine große Stärke (Flow) noch ausbauen und die augenscheinliche Schwäche (Inhaltsleere) überwinden kann, wird er 2019 eine hochinteressante Rolle spielen. Wenn nicht, so hat er zumindest für immer diesen schwerelos schönen Song gedroppt – und das sogar bei WorldstarHipHop!

09

Young Thug – Slime Language (Album)

Die Messlatte hängt seit „Beautiful Thugger Girls“ (und eigentlich jedem Release von Thugga 2016/2017) schwindelerregend hoch. Und zugegeben, in diese Kategorie stößt „Slime Language“ nicht. Trotzdem markiert es einen vorläufigen Höhepunkt Thuggas bewundernswerter Winning Streak. Mit drei ordentlichen Mixtapes (von denen „Hear No Evil“ mir am besten gefiel) und seinem Feature bei „Havanna“ (ein toller Song, der völlig zurecht ein Welthit wurde), knüpft dieses Album an ein insgesamt wieder einmal überragendes Thugga-Jahr an. Ich würde mir ein Kollabo-Album von Young Thug und Lil Uzi, bestehend aus zwanzig solcher Tracks die alle so klingen wie „It‘s a slime“ wahrscheinlich noch tagelang in Dauerschleife hören.

08

Bhad Bhabie – 15 (Album)

Dass Danielle Bregoli irgendwann mal ein Rap-Album veröffentlichen wird, das dachten wir uns schon Anfang 2017 bei ihrem quasi karrierestartenden Auftritt in der Dr. Phil Show. Unerwartet dagegen war schon, wie qualitativ hochwertig die Musik von Bhad Bhabie letztendlich ist. Seitdem geht alles sehr schnell, plötzlich spielt eine gerade mal 15-jährige Konzerte in Europa und hat eines der Alben des Jahres gedroppt. Selbst ein Lil Yachty, den ich eigentlich eher langweilig finde, ist plötzlich Teil eines echten Hit-Songs – dank Bhad Babie. Dieses Debüt-Album wird in einigen Jahren ein Klassiker sein, mark my words. Meiner Meinung nach das unterhaltsamste Rap-Album des Jahres, nicht zuletzt wegen dem Sound von Hi Bich, des biografischen Outros und dem großen Highlight: Geek‘d.

07

Ersguterjunge (Label)

Ehrlich gesagt war 2018 in meinen Augen ein eher schwieriges Deutschrap-Jahr. Vieles hat sich schnell wieder überhört, es gibt so viele Artists wie noch nie, doch von denen bleiben nur einige ausgewählte Charaktere wirklich hängen. Umso bemerkenswerter, dass EGJ nach so langer Zeit im Game nach wie vor so viel Relevanz ausstrahlt. Vor allem nachdem schon die ersten Schadenfrohen sich zum Jahresbeginn schon freuten, Ersguterjunge aus den verschiedensten Gründen nun tatsächlich untergehen zu sehen. Alles kam anders und Bushido hat es – mal wieder – allen gezeigt. Mit dem Capi-Signing hat sich der Labelboss den diesjährigen Deutschrap-MVP (Statistiken lügen leider nicht) wortwörtlich ins Haus geholt. Hinzu kommt Samra, mein derzeitiger Lieblingsnewcomer im deutschen Hip Hop (in einem coolen Paralleluniversum ist Rohdiamant statt Cataleya auf Eins gechartet), auf dessen zukünftige Karriere ich jetzt schon Bock habe. Tja, und Bushido selbst macht ja auch noch Musik, welche auf „Mythos“ sogar mal wieder klingt wie früher. Übrigens: EGJ wird nächstes Jahr schon 15. Feel old yet?

06

„Rap regiert die Welt“ (Phänomen)

So schreibt es zum Beispiel die deutschsprachige Rolling Stone und hat Recht. Unsere Kultur hat gefühlt schon längst, in diesem Jahr aber nun auch hochoffiziell und in Zahlen (die durch den Altersschnitt kaufkräftiger Rap-Fans fast schon altbacken wirkende) Rockmusik als beliebtestes Musikgenre überholt. Spotify hat das Game verändert, das ist keine Neuheit mehr, jedoch ist es schon ein für viele noch recht neues Gefühl. Wessen Liebe zum Rap anfing, als HipHop noch eine Nische war, findet sich in einer utopisch wirkenden Gegenwart wieder, in welcher Drake (laut Spotify) der relevanteste Musiker der Welt ist, deutsche Teenager dem Style von SoundCloud-Rappern nacheifern und selbst die größten Rap-Feinde einen „aber den find‘ ich ganz cool!“-Lieblingsrapper haben. Verrückte Zeiten, welche dieser Kultur allerdings viele Chancen eröffnet. Eine so große Jugendbewegung könnte literally die Welt verändern, sollte sie dieser Verantwortung gerecht werden. Und wir können davon ausgehen, dass dieses gewaltige Wachstum auch 2019 noch lange nicht vorbei sein wird. Es ist nun also wichtiger denn je, mal wieder auf „Each one teach One“ zu machen und für die Grundwerte des HipHop einzustehen.

05

Cardi B – Invasion of Privacy (Album)

Ein offensichtlicher Pick, auf den sich auch (hoffentlich) so gut wieder jede/-r einigen kann. Wer 2017 es sich noch erlaubte, Cardi zu verschlafen, wurde spätestens in diesem Jahr bitterböse bestraft. „Invasion of Privacy“ jedenfalls war ein nahezu perfektes Album und „Bodak Yellow“ der dazugehörige Mega-Hit (um es untertrieben auszudrücken). Unglaublich eigentlich, dass es sich auch hierbei um ein Debüt (!) handelt. Cardis Reime sind lustig oder clever (oder beides), aber man kann und sollte ihren Flow auf Beats in jedem Club spielen, wenn man die Chance dazu hat. Apropos Chance: „Best Life“ ist für mich die zweite tragende Säule des Albums. Spätestens als ich den Text dazu bei Genius nachlas, wurde Cardi B eine meiner Lieblingsrapperinnen.

04

Mac Miller – Selfcare (Video)

An dieser Stelle hätte ich auch „Falling Down“ von Lil Peep & XXXTentacion picken können. Oder etwas mit Bezug zu Fredo Santana. Denn ich könnte 2018 nicht beschreiben, ohne von verstorbenen Rappern zu berichten. Dabei hat gerade Mac Millers Tod mich und mein Umfeld viel zu kalt erwischt. Noch während (völlig zurecht) darüber diskutiert wurde, wie man sich zu Xs Taten zu Lebzeiten nach dessen Ableben positionieren sollte, war Mac plötzlich weg. Er hinterlässt eine unnachahmliche Diskografie, trauernde Rap- wie auch Pop-Fans und einen unmissverständlichen Fingerzeig: „Self Care“.

03

Travis Scott feat. Drake – SICKO MODE (Video)

„Astroworld“ war ein fast perfektes Album mit krassen Songs, aber dieser Song war der Krasseste. Der Soundtrack zum diesjährigen NBA2K ist voll mit coolen Sounds die zum Basketball-Vibe passen, aber keiner ist so cool wie „SICKO MODE“. Und in diesem Jahr wurden einige chillige Runden mit den Friends von Musik eingeleitet, aber kein Song wurde dabei (zumindest in meinem Freundeskreis seit dem Release von „Astroworld“) so oft benutzt als Auftakt verwendet wie dieser. Es gibt nicht viel zu sagen: Drakes Intro ist ikonisch (schon alleine für den Doggo-Vergleich) und den Rest erledigt Travis im Astro-Modus. Wahnsinn, so muss Rap von Superstars an ihrem Zenit klingen. Die Quintessenz: Man kann Video- wie auch Audio-Effekte übertrieben spammen, wenn man dafür ein Händchen hat, sieht es am Ende irgendwie futuristisch und gelungen aus.

02

Flatbush Zombies – Vacation in Hell (Album)

Vielleicht ein Album für die Ewigkeit. Vor zwei Jahres haben Meech, Juicy und Architect mit ihrem Debüt „3001: A Laced Odyssey“ ein extradickes Ausrufezeichen bereits gesetzt. Anfang April dieses Jahres erschien nun dieses Meisterwerk als weites großes Flatbush-Album und es ist ringt in meinem Kopf heftigst mit Travis Scotts „Astroworld“ um meinen persönlichen Album of the year Award. Diesen Kampf gewinnen wohl die Zombies, denn ihr Urlaub in der Hölle klingt musikalisch am besten, spricht die wichtigen Themen an (Liebe, Hass, Freundschaft, Träume, Selbstfindung und -reflexion, Ehrlichkeit, Ausgrenzung und Rassismus sowie Respekt und Toleranz oder mental health) und hat mit „Chunky“ einen echten Gamechanger auf der Tracklist. Beinahe ebenso überragend: „U & I“ sowie „Facts“.

01

Childish Gambino (Phänomen)

Person of the year. Keiner hat in diesem Business zuletzt so großartige Arbeit geleistet wie Donald Glover, meiner Meinung nach. Und das eigentlich auch schon jahrelang, doch 2018 scheint dies endgültig eine massentaugliche Tatsache geworden zu sein (und das war überfällig). Ob als Musiker, Schauspieler oder einfach nur hochintelligenter Mensch – auf jedem dieser Gebiete, in denen sich viele für uneinholbar halten, besticht Gambino mit ehrlicher Arbeit und Liebe zum Detail, mit Wortwitz und Melodie und besonders viel Hingabe. Personenkult ist etwas Schlechtes, doch ich bin wirklich überzeugt davon, dass Donald Glover mehr von seinen Fachgebieten versteht als die meisten anderen. Beweise auf musikalischer Ebene gibt es genug, allerspätestens seit „Redbone“ und in diesem Jahr dank „Feels Like Summer“ zum Glück auch einmal mehr in Videoform, von der politischen Treffsicherheit bei „This is America“ ganz abgesehen. Jetzt bleibt abschließend die Hoffnung, dass Childish Gambino nie oder zumindest nicht in absehbarer Zeit aufhört mit der Musik!