Rapsody: „In meinen Augen ist es extrem wichtig unsere Geschichte festzuhalten und zu lehren!“ // Interview

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Im Juli 2016 gab Jay-Z bekannt, dass er sich Lyricism-Göttin Rapsody in den Roc Nation-Kader geholt hat – seitdem haben wir gespannt auf ihr offizielles Label-Debüt gewartet. Als uns dann letzte September, ein bisschen über ein Jahr später, „Laila’s Wisdom“ erreichte, war klar wieso Hova diese Entscheidung gefällt hat. Rapsodys Tape ist ein kleines Meisterwerk aus kraftvollen, vorantreibenden Produktionen gepaart mit genialen Texten voller politisch und gesellschaftlichen unverzichtbaren Statements. Unsere Autorin Naima Limdighri hat mit der Rapperin telefoniert und die wichtigsten Themen besprochen.

Auf „Lampin“ (vom Thank H.E.R. Now Album, 2011) hast du dir mit Produzent Eric G. fast zwei Minuten Zeit genommen um eine Vielzahl an Danksagungen für Hip Hop als Kultur in das Outro des Tracks einzubinden. Alles was dir HipHop bis dato gegeben hat mal beiseite geschoben: was betrachtest du als dein persönlich größtes Opfer für diese Kunst und Industrie?

Wow, geile erste Frage. Mein größtes Opfer wäre wahrscheinlich einfach Zeit, Famile und Freunde. Seien es nun Veranstaltungen meiner Neffen und Nichten, oder eine große Party die meine Familie zu Ehren meiner 100-jährigen Urgroßmutter geschmissen hat, die ich verpasse weil ich am Musik machen bin. Diese Momente sind die größten, weil man diese Zeit nicht zurückbekommt. Es war nie Geld oder eine Liebesbeziehung. Mir sind die Dinge, die kein Preisschild tragen am wichtigsten – und das sind eben meistens Zeit und Familie.

Auf dem Titeltrack deines jüngsten Albums rappst du „I owe Sallie/but owe my people way more“. Kommt Talent mit Verantwortung und wenn ja, mit welcher ?

Für mich tut es das. Wie viele Leute sagen: mit großer Belohnung kommt große Verantwortung. Künstler sind nicht immer zwingend dabei weil sie Vorbilder sein wollen, aber ich finde man muss sich der Macht seiner Plattform und Stimme für und vor Millionen von Menschen zumindest bewusst sein und berücksichtigen. Auch wenn du diese Verantwortung gar nicht möchtest hast du Einfluss – das kommt gewissermaßen automatisch mit diesem Job. Das ist die Realität. Soviel wie du kriegst, musst du auch zurückgeben. Ich finde es sehr wichtig auf diese Art verantwortungsbewusst zu sein.

Man muss verstehen wie das Business läuft und so einfach ist es eben nicht.

Rapsody

Du warst der Meinung, dass „Laila’s Wisdom“ aufgrund mangelnder Popularität deinerseits eine Art Schwelbrand sei – sich also eher langsam Erfolg einstellen würde. Du wusstest, dass das Album dope ist, bist aber nicht mit großen Singles oder enormer Videopräsenz rausgegangen. Warum nicht zeitgleich für mehr Bekanntheit pushen, wenn du weißt wie legit deine Kunst ist ?

Ich glaube viele Leute ahnen nicht, dass das nicht immer in unseren Händen liegt oder so einfach ist – du brauchst letzlich Geld dafür. Mit Label im Rücken ist es ein Geschäft. Das heißt nicht, dass dein Label nicht an das glaubt was du vorzuweisen hast, aber wie in jedem Geschäft wird sich an Zahlen und Statistiken orientiert um rauszufinden, ob sich diese Investition lohnt. Man arbeitet eben mit dem was man hat und baut darauf auf. Ich bin immer dankbar für alles, was ich bekomme. Natürlich will man als Künstler auf den Tisch hauen und sagen „ich glaube an mein Projekt, lass uns 2 Millionen in diese Single stecken um Radio zu pushen“ aber man muss verstehen wie das Business läuft und so einfach ist es eben nicht. Für mich hat die gute Kritik und Berichterstattung extrem viel für das Album getan und es brauchte gar keine starke Radiopräsenz für eine Grammynominierung. Solange die Musik gut ist, wird es zum richtigen Zeitpunkt funktionieren.

Erykah Badu und du seid euch bereits musikalisch begegnet („20 Feet Tall“ von 9th Wonder’s „The Wonder Years“) und du hast ihre Musik als eine der für dich inspirierendsten bezeichnet. „Baduizm“ war ja damals so erfolgreich, dass der Nachfolger „Mama’s Gun“ nicht die damaligen kommerziellen Erwartungen erfüllen konnte. Erykah sagte: „Als ich wieder auf Tour gegangen bin und all diese textsicheren Leute kommen sah, sah ich mich bestätigt, dass die Arbeit nicht immer für kommerziellen Erfolg ist sondern auch für spirituelle Besserung.“ Wie hast du den Release von „Mama’s Gun“ erlebt und spricht dieses Zitat irgendwie zu dir ?

„Mama’s Gun“ hat mich von all ihren Releases komplett geplättet. Es ist mein Liebling und ein absoluter Klassiker. Als ich jung war hat mich Chartplatzierung oder Radio nicht interessiert. Ich hab die CD gekauft und sie dann 24 Stunden jeden Tag gehört. Leute sagen Zahlen lügen nicht, aber manchmal lügen Zahlen eben doch. Zahlen können nicht einfangen was für Gefühle ein Album in dir auslöst oder wie es mit einer bestimmten Community connectet. Wenn ein Album nicht mit 10 Millionen Leuten klickt, aber es das Leben von 300.000 Menschen verändert ist das fantastisch, weil es die berührt, für die es bestimmt war. Ich hab das auch mit vielen meiner alten Releases und auch mit „Laila’s Wisdom“ erlebt: man geht auf Tour und sieht die Schönheit in der Verbundenheit zwischen den Menschen und der Musik. Ich mache viele Meet n Greet’s nach den Shows und habe die Möglichkeit die Geschichten der Leute zu hören. Ein Mädchen kam letztens zu mir und meinte „ich wollte nur danke sagen, weil mein bester Freund heute gestorben ist und deine Show war das einzige was mich heute durch den Tag gebracht hat“. Für mich war das das aufrichtigste und tiefste was ich in meinem ganzen Leben gehört hatte. Man kann solche Geschichten also nicht mit Grammynominierungen, Radiohits oder Statistiken aufwiegen.

Die Aufnahmen für „Mama’s Gun“ in den Electric Lady Studios fanden zeitgleich mit denen für D’Angelo’s „Voodoo“ und Common’s „Like Water for Chocolate“ statt. In Folge dessen teilen sich diese drei Alben einen sehr eigenen Sound. Deine und Kendrick Lamar’s Musik erscheint einem akustisch oft verwandt. „Laila’s Wisdom“ hat L.A. Musiker wie Terrace Martin oder Anderson Paak gefeatured mit denen Kendrick auch – unter anderem zu „To Pimp A Butterfly“ – gearbeitet hat. Hast du das Gefühl, dass eben solche Kollaborationen zu musikalischen Parallelen führen oder zeigen sie nur ein musikalisches Zusammengehörigkeitsgefühl ?

Ich glaube von beidem ein bisschen um ehrlich zu sein. Ich glaube definitiv, dass es mit einem Zusammengehörigkeitsgefühl beginnt, wir haben alle eine ähnliche Liebe und Wertschätzung für die Kultur, Soul, Hip Hop – gewissermaßen macht uns das zu einer Sippe. Alles andere fügt sich dann recht natürlich ein. „To Pimp A Butterfly“ und noch früher D’Angelo’s „Vanguard“ haben wirklich den Sound von Musik grundlegend verändert. Es ist alles lyrischer und jazziger geworden. TPAB und „Malibu“ haben mich inspiriert und wir existieren auch im selben musikalischen Kreis. Somit ist beides wahr.

Es hat halt 2 Jahre und 80 Songs gedauert bis ich das Gefühl hatte all das was ich einfangen wollte auch eingefangen zu haben.

Rapsody

Du hast an die 2 Jahre an „Laila’s Wisdom“ gearbeitet und von um die 80 Songs auf Halde letztlich die für dein Album gepickt. Könntest du die bewusste Entscheidung treffen nur an den Songs zu arbeiten, die es wirklich aufs Album schaffen oder brauchst du diesen exzessiven Musikaufnahmeprozess um dann deine besten Stücke auszuwählen ?

Für mich ist das bei jedem Projekt verschieden. „The Idea Of Beautiful“ haben wir in 3 Monaten gemacht, alle Songs die wir da erarbeitet haben wurden auch benutzt. Mit diesem Projekt war es anders. Ich wollte mich wirklich persönlich herausfordern und pushen. Ich wollte in mir Wachstum sehen, kreativ sein, außerhalb vorgefertigter Parameter denken. Es hat halt 2 Jahre und 80 Songs gedauert bis ich das Gefühl hatte all das was ich einfangen wollte auch eingefangen zu haben. Wer weiß ob ich das nächste Projekt in zwei Wochen erarbeite(lacht). Es steht und fällt einfach auch mit dem Zustand in dem du dich befindest. Wir versuchen so effizient wie möglich zu arbeiten, aber wir wollten auf diesem Album auch keinerlei Lückenfüller, jeder Song sollte für sich stehen.

„Sassy“, wurde von einer Maya Angelou Zeile inspiriert und hat dir eine von zwei Grammynominierungen eingebracht. Du hast vor Rap Lyrik und Spoken Word gemacht. Welche schwarze, feministische Lyrik hat dich und deine Arbeit über die Jahre noch mitgenährt ?

Jemand wie Maya Angelou lebt auf jedenfall in meiner Musik weiter. Ich habe zwei ihrer Zeilen als Teil der Hook in „Sassy“ verwendet. „That I dance like I’ve got diamonds/At the meeting of my thighs“ sind zwei meiner Lieblingszeilen aus „Still I Rise“. Es geht darin darum eine phänomenale, selbstbewusste schwarze Frau zu sein und ganz abgesehen davon, dass ich von einem Haufen starker, schwarzer Frauen großgezogen wurde hat mich diese Art von Lyrik stark beeindruckt. Nikki Giovanni’s Lyrik liebe ich auch. Früher habe ich mich mehr um Gedichte gekümmert, mit der Musik habe ich anfangen das zu vernachlässigen, aber Maya und Nikki waren wichtig für mich.

Du erwähnst „Bombs over Baghdad“ zweimal auf „Laila’s Wisdom“. Klar, einerseits Outkast Referenz, aber ist das auch ein Wink Richtung internationaler Kampf um und für Menschenrechte und Racial Justice für People of Color?

Auf dem Album habe ich das mehr in einen Anti-Kriegskontext gebettet. In meinen Augen geht es letztlich um einen Kampf um Geld, Ressourcen und Dominanz. Ich sage „Bombs over Baghdad to have a flag to brag ‚bout/Don’t make you a big boy, ‚cause you got a nice stack“. Viele Leuten verlieren bei diesem Kampf um Gier und Geld ihr Leben und ich kann das null respektieren. Das war mehr der Winkel aus dem ich das angegangen bin.

Dein Mentor und Produzent 9th Wonder wurde als Hip Hop Fellow nach Harvard eingeladen um z.B. über die Reichweite und den Einfluss von Hip Hop auf schwarze Geschichte zu sprechen. Inwiefern glaubst du an die Wichtigkeit von höherer Bildung für marginalisierte Gruppen und die Archivierung ihrer Kultur?

In meinen Augen ist es extrem wichtig unsere Geschichte festzuhalten und zu lehren. Hip Hop ist, obwohl so jung, kulturell genauso wichtig wie Jazz oder Blues. Durch Hip Hop lernt man schwarze Geschichte. Als Afrikaner*innen die via Boot nach Amerika kamen haben wir Geschichte nicht aufgeschrieben sondern oral immer wieder weitergegeben. Gewissermaßen macht Hip Hop das gleiche: wir führen Buch, reden darüber was gerade um uns herum abgeht. Die Wahrheit findet sich oft nicht im Schulbuch, darum sind wir weiterhin dafür verantwortlich die Wahrheit zu sprechen und eben deswegen ist es so wichtig, dass wir unsere Kultur kennen und bewahren. Dann muss sie in Schulen, Archive und Museen weitergetragen werden um fortlaufend die Hintergründe zu erzählen. Es ist dope dass 9th diese ganzen Alben raussucht um zum einen festzustellen was überhaupt klassischer Hip Hop ist, wie das aussieht, wie das klingt und zum anderen diese Geschichten, die erzählt werden müssen, am Leben zu erhalten. Es ist eine reiche, vielfältige Kultur und 9th unterrichtet ja auch an Duke und in North Carolina schwarze Kultur durch Hip Hop an der Uni. Das ist ein tolles Mittel um Kids an der Stange und interessiert zu halten. Meiner Meinung nach sollte das an allen Schulen und Unis stattfinden.

Hier in den USA sind Gefängnisse ein privates Business und unsere Musik wird insofern missbraucht, dass sie benutzt wird um diese Kids in eine kriminelle Richtung zu verleiten.

Rapsody

Du hast die „Naturally better, versus them, it’s like flint to a cup of rain bars/ I’m on par with Rocky and Clubber Lang posse“ Line von „You Should Know“ mit „You take something pure and you dirty it, and you use it though to poison the people“ kontextualisiert. Tricia Rose, eine Koryphäe der Hip Hop Wissenschaften in den USA, betont immer wieder die Relevanz von kritischem Bewusstsein gegenüber der Kommerzialisierung und Positionierung von Mainstream Hip Hop in einem kapitalistischen System. Die Ideologie von Dominanz als Erfolg im kreativen Bereich erzeugt Komplizenschaft mit dem System.

Alles, was mit Geld versetzt wird, verliert seine Reinheit. Das ist Hip Hop passiert, vor allem auf dem Mainstreamlevel wo Waffengebrauch glorifiziert und die School-to-Prison-Pipeline weitergeführt wird. Hier in den USA sind Gefängnisse ein privates Business und unsere Musik wird insofern missbraucht, dass sie benutzt wird um diese Kids in eine kriminelle Richtung zu verleiten. Ich denke das lässt sich wieder mit dem Thema Verantwortung verknüpfen. Die Bilder, die du nach außen trägst hören nicht auf sich zu verbreiten. Wenn du Hip Hop nur aus dem Fernsehen und Radio kennst hast du ein ganz anderes Bild davon. Schön ist, dass Künstler heute nicht mehr derart auf Labels angewiesen waren wie früher. So kann ein Chance The Rapper über das Internet den Mittelmann ausschalten, seine eigene Karriere über seine Fans ausbauen und seine Wahrheit leben und sprechen. So kann der Zwang eine Agenda zu erfüllen um Geld zu machen umgangen werden. Jetzt erleben wir durch die Indiewelle eine Art Renaissance im Hip Hop und mehr Leute, die ihre Stimme erheben. Die Big Krits, Kendrick Lamars und Tis sind dabei und hören nicht auf.