Pilz: „Man driftet schnell in Verschwörungstheorien ab.“// Interview

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Ein Battle mit Kopftuch, eine notwendige Diskussion darüber und ein Shitstorm, der sie unmöglich gemacht hat; eine Podiumsdiskussion über Frauen im Rap, in der sie kaum zu Wort kam, und nun ein neues Album: Bei Pilz ging es hoch her seit „Kamikaze (2016). Nun ist ihr neues Werk „TodGeburt draußen und wir sind froh, dass wir endlich wieder über Musik reden dürfen. Unser rasender Reporter Tristan Heming im Gespräch über saufende Orgi-Fans, Weiterentwicklung, Wurzeln, Punker und Weingummi.

Es soll in diesem Interview natürlich um dein neues Album „TodGeburt“ gehen. Was ist dieses Album im Vergleich zu „Kamikaze“ (2016) und „Beef „(2015) vorher? Wie hast du dich dahin entwickelt?

Ich habe gemerkt, dass ich auf „Kamikaze“ zwischen den Zeilen mehr politische Inhalte hatte; zumindest mehr als bei Beef. Es ist jetzt nicht so, dass ich mich hingesetzt habe und dachte: Okay, darüber will ich reden. Es gibt Leute, die fahren eine Woche irgendwo hin, schließen sich ein und sagen: Jetzt schreibe ich mein größtes Album. Ich lebe aber eher ganz normal mein Leben und habe hier und da Inspirationen, schreibe zwischendurch auf, was mich beschäftigt. Jetzt ist es eben noch mehr dieses gesellschaftskritische gewesen, das ich dann irgendwie mit einbauen wollte. So hatte ich dann ein Grundkonstrukt. Bevor ich einen roten Faden hatte, habe ich erstmal locker Ideen gesammelt.

„Mata Hari“ ist zum Beispiel super spontan entstanden, als wir uns beim Spektrum Festival über Mata Hari [berühmte Tänzerin und deutsche Spionin im ersten Weltkrieg, Anm. d. Autors] unterhalten haben und Rypzylon, der das Album produziert hat, hatte direkt einen Sound im Ohr und wir haben uns überlegt, was man daraus so machen könnte. Er war voll in seinem Film und zwei Tage später hatte ich den Beat.

Der Song sticht ja nicht nur soundtechnisch heraus. Sonst ist die Attitüde ja sehr battle-lastig, representen und draufgehen, und der Song hat ein ganz anderes Feel. Das ist bei „Update“ mit Blut und Kasse ja auch so: Auf einmal ist da ein Thementrack. Diese Songs sind auch nicht frei von Battle-Zeilen, aber man merkt klar, dass da was anders ist.

Das ist auch einer dieser Ansprüche, die ich an mich selbst hatte, dass ich das Album runder und zusammenpassender haben wollte. Das war von Beef zu Kamikaze für mich gefühlt ein großer Sprung und im Nachhinein dachte ich bei Kamikaze schon: Da hätte ich noch mehr in die und die Richtung gehen können; mehr abschließen innerhalb der Tracks. Ich glaube, dass ich das jetzt bei dem Album gemacht habe.

Das ist ja was, was vielen Battle-Rappern beim ersten Album passiert: Dass sie mit jedem Track kompromisslos aufs Ganze gehen wollen, immer härter und fetter, dann aber kein gutes, durchhörbares Album dabei rauskommt.

Ja man. Ich hab‘ mir immer so Beats angehört und dachte: Ja, der ist geil, und das auch, das passt aber alles gar nicht so richtig zusammen. Dass das jetzt anders ist liegt natürlich auch daran, dass Rypzylon alle Beats gemacht hat, ich dabei war und wir selbst beim Aufnehmen noch was verändern konnten. Dadurch wird dann alles stimmiger– meine hohe Stimme funktioniert ja gerne mal gegen den Beat. So konnte man das ein bisschen ausgleichen.

Du hast zum letzten Album bei „Per Anhalter durch die Hood“ gesagt, dass das Nächste, wo du dich musikalisch hinentwickelst, vermutlich Grime ist. Tatsächlich finden sich ja solche Einflüsse wieder. Hast du dir deine Vorhersage nochmal angeguckt?

RIP, der erste Song vom Album, war ursprünglich tatsächlich sehr Grime-mäßig und der war textlich zum Zeitpunkt der Interviews damals auch schon fertig. Ich war davon voll geflasht und wollte unbedingt in die Richtung, aber im Albumprozess ist es dann natürlich anders gekommen. Dann beharr ich natürlich nicht darauf. Ich finde auch, dass es durch Rypzylon einen Stil hat, den man im Deutschrap sonst nicht unbedingt hört. Er kommt eigentlich aus der Psytrance/Techno-Ecke, das hört man schon, und das finde ich auch cool. Er musste sich mir am Anfang natürlich ein bisschen anpassen, weil er am Anfang sehr überladene Beats hatte. Beats, die, wenn man sie so hört, geil sind, aber da kann man dann nicht mehr drauf rappen, da war keine Luft. Da mussten wir einen Kompromiss finden, dafür hab‘ ich dann bei vielen Tracks relativ lange Outros, wo er sich dann so ein bisschen ausspielen konnte. Mir ist aber auch immer irgendwie egal, was für Einflüsse da jetzt alles drin sind. Das ist wie mit den Instrumenten bei „Mata Hari“: Ich hab‘ keine Ahnung, wie diese Töne und was-weiß-ich-was heißen. Ist mir auch egal, hauptsache es klingt irgendwie geil.

„Ich war voll in diesem „Springerstiefel, bunte Haare“-Film, hab‘ mit Freunden Nächte auf der Straße verbracht und so.“

Pilz

Wo kommst du denn musikalisch her, was war deine „Früherziehung“? Du hast in einem Interview mal gesagt, dass deine Lieblingsbeschäftigung war, Platten zu hören und mitzurappen. War Rap deine „erste Liebe“?

Blockflöte hab‘ ich gespielt in der Grundschule, aber wer nicht. In der zweiten oder dritten Klasse hatten wir Keyboard-Unterricht und da war so mein Moment, in dem ich dachte: Krass, ich kann mich jetzt einfach hinsetzen und selber irgendwie Musik machen. Ich habe mich da stundenlang mit beschäftigt und hab‘ auf meinem Keyboard rumgeklimpert. Das hat ursprünglich mein Interesse geweckt. Ich hab‘ aber nie Unterricht genommen und kann jetzt auch keine Symphonien spielen oder so.

Dann wurde ich älter, hab‘ damit aufgehört und wollte in der Pubertät irgendwann unbedingt E-Gitarre spielen. Ich bin mit einer Freundin, die unbedingt Schlagzeug spielen wollte, zur Musikschule gegangen und wir wollten eine Probestunde machen. Dann hatte ich die E-Gitarre in der Hand und meinte nur: „Aua, das tut voll weh mit den Saiten, das mach ich nicht!“ Sie fand das mit den Trommeln auch kacke, dann haben wir einfach getauscht. Sie hat dann E-Gitarren-Unterricht genommen und ich Schlagzeugunterricht. Das war für mich so die Erfüllung überhaupt, das habe ich vier oder fünf Jahre lang gemacht. Durch die Schule hatte ich dann weniger Zeit und der Unterricht ist ja auch teuer, da habe ich dann irgendwann aufgehört. Das ärgert mich mega, dass ich das nicht weiter gemacht habe, weil mir das so Spaß gemacht hat

Ich hab‘ in der Zeit viel Korn, System of A Down und so gehört. Das war dann auch, was ich auf dem Schlagzeug gespielt habe– halt gar nichts in die Hiphop-Richtung. Ich habe aber parallel dazu immer Rap gehört.

Das war bei mir genauso, dass ich mir für’s Schlagzeugspielen einen Zweit-Musikgeschmack neben Rap zulegen musste und dann aus Versehen zum Punker wurde.

Ich war voll in diesem „Springerstiefel, bunte Haare“-Film, hab‘ mit Freunden Nächte auf der Straße verbracht und so. Komplett anders. Ich hatte aber irgendwann keinen Bock mehr darauf, weil ich gemerkt hab, dass die Leute, die da einen auf alternativ gemacht haben, auch Menschen sind, die dann gegenüber allen anderen selbst total intolerant sind. Das war mir zu Möchtegern-mäßig. Ich glaube, dass ich diese Attitüde trotzdem noch irgendwie habe, aber eben anders aussehe. Da hat es dann auch mit dem Schlagzeugspielen aufgehört und ich hab‘ mir eben was anderes gesucht, was ich musikalisch so machen konnte.

Apropos Punker: Wie erlebst du denn die Leute, die zu deinen Konzerten kommen? Da sind ja Punker dabei, Polit-Linke, Orgi-Fans, VBT-Leute, „klassischere“ Rap-Heads. Vor allem die Orgi-I-Luv-Money-Leute finde ich immer total interessant: Die überschneiden sich teilweise mit linken Raphörern, aber auch mit rechten Blitzbirnen. Wie passt das dann alles zusammen?

Das mit den Lagern ist genauso wie du sagst: Man sieht bei den Konzerten teilweise, dass in einer Ecke die Leute stehen, die mich durch Orgi kennen– die erkennst du einfach daran, wie die trinken, was die an haben und wie die drauf sind.

Die neigen dazu, sobald sie das Haus verlassen, im Festivalmodus zu sein.

Ja, die sind sofort betrunken, und dann ist es scheißegal, was andere davon halten. Das sind aber auch richtig treue Fans, die man immer sieht. Unter denen gibt es dann aber auch wieder zwei Gruppen. Die einen sind supernervig, kennen kein Lied, labern dich die ganze Zeit zu und merken gar nicht, dass sie dich nerven, weil sie so super betrunken sind. Es gibt aber auch welche, die supercool und immer da sind, aber gar nicht im Fanboy-Modus. Dann gibt’s wieder die Leute aus der eher linken Ecke, und Leute die damit gar nichts am Hut haben und mich vom VBT kennen oder so. Es ist echt krass gemischt.

Es haben ja sicher auch einige Linke ein Problem mit dir, vor allem wegen deiner Wortwahl. Wie erlebst du das?

Ich finde halt, das ist der falsche Ansatz. Ich werde öfter angefragt für Non-Profit-Auftritte auf politischen Veranstaltungen. Ich hatte es schon mega oft, dass ich gebucht war, teilweise schon Plakate gedruckt, aber dann kriege ich auf einmal einen Anruf, dass ich nicht auftreten soll, teilweise zwei Tage vorher. Das ist mir vor zwei Jahren passiert, dass Künstler nicht mit mir auftreten wollten, weil ich mit Orgi Musik mache.

Das waren aber wahrscheinlich Männer, oder?

Ja, tatsächlich. Ich bin danach auf dem Weltfrauentag 2016 aufgetreten. Die Anfrage kam kurz nachdem ich auf Twitter geschrieben hatte, dass ich nicht auf „Female Rap“-Festivals auftreten will, weil ich das bescheuert finde. Ich habe das für einen Scherz gehalten und deshalb zugesagt, aber die meinten das ernst. Da dachte ich mir: Ich trete da auf, sag denen aber, wie kacke ich das finde. Dann bin ich da hin, bin mit „Du nichts, ich Mann“ von Orgi als Intro auf die Bühne gekommen und hab‘ mich richtig dafür gefeiert. Ich habe dann auch einen normalen Auftritt gespielt, damit die Leute, die für mich da waren, unterhalten werden, aber schon bewusst die asozialen Songs. Am Ende hab‘ ich denen dann erzählt, wie bescheuert es ist, am Weltfrauentag, dem vom System dafür vorgesehenen Tag, gegen das System zu rebellieren.

Ein bisschen wie Bratwurst Essen am DGB-Stand am 1. Mai.

Ja, ich habe denen auch gesagt, dass sie bitte für ihre Rechte kämpfen sollen, aber nicht nur an diesem Tag. Wenn dir jemand an den Arsch grabscht, dann hau ihm auf die Fresse, und mach kein Frauenfestival. Ich hab‘ denen dann auch gesagt, wie wack ich sie finde, und der Freund von der einen wollte dann total wütend auf die Bühne und sie musste ihn noch zurückhalten. Die Leute sind auch teilweise aus dem Raum gegangen, aber alle, die dann zu mir gekommen sind, haben mir Props gegeben. Ich meinte später zur Veranstalterin auch: „Ey, ihr habt Pilz gebucht. Was habt ihr denn erwartet?“

Du hast die also nicht öffentlich lächerlich gemacht, sondern bist dahin gegangen, hast denen eine Show gegeben, mit der sie werben konnten und hast ihnen dadurch geholfen, aber vor Ort deine (polemische) Kritik angebracht.

Die haben auch seltsam reagiert. Wir sind dann direkt von der Bühne und haben im Backstage noch eine Flasche Schnaps mitgehen lassen, haben aber unser Banner vergessen. Ich hab‘ dann am nächsten Tag mega peinlich gefragt, ob ich das abholen kann und alle waren supernett. Erst als ich wieder weg war, hab‘ ich dann eine Nachricht bekommen: „Wir hätten das Banner ja auch gerne gegen unsere Flasche Gin zurückgetauscht!“ Super unangenehm. Ich feier das, wenn Leute einfach sind, wie sie sind.

Gute Überleitung zu der Diskussionsrunde auf dem Reeperbahnfestival und Lady Bitch Ray.

Ich feier sie durchweg, sie ist mega cool. Sie merkt ja auch, dass die Leute sie dafür haten, dass sie so redet, dass sie so ist. Ich feier das, wenn Leute so einen Fick geben.

Diese Diskussionsrunde, in der ihr zusammen gesessen habt, war ja nun leider zu guten Teilen eine Fehde zwischen Melbeatz und Lady Bitch Ray.

Aber das war ja klar. Das weiß man ja, wenn man sich mit denen befasst, dass die noch so ein bisschen Beef haben.

In der Runde hast du eine Anekdote erzählt, dass ein Mädchen bei deiner Arbeit gefragt hat, warum es überhaupt Mädchen- und Jungs-Jacken gibt und du ihr sagst, dass sie eigentlich jede Jacke anziehen kann, die sie will. Das klingt ein bisschen nach der Sozialarbeiter-Perspektive, in der Jugend anzusetzen: Wenn es viel mehr weiblichen Rapnachwuchs gäbe, würde sich das Problem ja ohnehin erledigen, ohne, dass man darüber diskutiert.

Wenn man das überhaupt will. Ich find das ja eh Quatsch. Du sagst ja auch nicht „Wir haben rausgefunden, es gibt mehr Rapper mit braunen, als mit blonden Haaren. Wir brauchen unbedingt mehr blonde Rapper.“ Warum? Das ist doch scheißegal. Es ist auch scheißegal, ob es nur fünf Frauen im Deutschrap gibt oder nicht. Klar kann man dann sagen: „Aber Frauen sind generell benachteiligt.“ Ja, das stimmt. Aber ich find diesen Zusammenhang so bescheuert. Man muss von klein auf den Kindern sagen: „Mach worauf du Bock hast!“ und denen solche Klischees ausreden. Es ergibt keinen Sinn sich irgendeine Frau von der Straße zu nehmen und der zu sagen: Du solltest jetzt rappen, wenn sie dafür nicht geeignet ist, oder keinen Bock hat.

„Diese ganzen krassen Feministen kennen mich alle und sagen, dass ich nicht klar gehe.“

Pilz

Findest du das denn cool, wie jemand wie Sookee antritt, etwas zu verändern? Klar, das ist politisch, das ist Kunst, die anstrengend sein will. Natürlich wird es dadurch immer weniger „fresh“ und „locker“. Aber glaubst du, dass das auch einen guten Effekt hat oder findest du das nur nervig?

Ich find’s ultra-nervig. Ich finde aber auch nicht, dass es weg soll. Ich hab‘ sie nie kennen gelernt. Da wo sie stattfindet, werde ich nie stattfinden. Diese ganzen krassen Feministen kennen mich alle und sagen, dass ich nicht klar gehe. Wenn wir uns je treffen, dann vielleicht durch Zufall auf einem Festival. Was sie so musikalisch macht, da kann ich überhaupt nichts mit anfangen. Das wäre bei anderen Themen aber genauso. Wenn ich Weingummi geil finde, dann kann ich einen Song machen, und das zwischendurch mal erwähnen, wie geil das schmeckt. Das kann man alles erwähnen. Aber ich würde mir jetzt keinen Song anhören, wo es darum geht, wie die Weingummis da jetzt in ihrer Schale auf dem Tisch stehen und voll lecker sind, wie sie sortiert sind, dass man die jetzt schnell essen sollte und so weiter. Man kann auch Dinge erwähnen und dem Zuhörer zeigen: Dafür steht man, das findet man gut, und das nicht, aber ich muss da jetzt keinen Song darüber machen. Das nervt doch, das will doch keiner hören. Naja, offensichtlich ja schon, und wenn sie Leute damit bewegt, ist alles cool, soll sie machen, aber ich kann es mir echt nicht anhören.

Du sagst, dass man lieber in einen unterhaltsamen Song ernste Themen einstreuen sollte, als ein Album lang zu dozieren. Das machst du ja selber genau so und sagst auf „Tod/Geburt“ mehrfach, dass du gegen das System bist. Was meinst du mit diesem „System“ nun genauer?

Das ist so eine große Frage. Man sieht das immer und überall: Es geht immer darum, was möglichst viel Geld bringt. Das fängt in der Werbung an, dass ultra-viel Kinderernährung beworben wird, die nur aus Zucker besteht, das macht einen krank, spült dann wieder Geld in die Pharma-Industrie. Und man driftet dann ja auch noch schnell in so Verschwörungstheorien ab. Aber vom Fernsehen wird man nun mal wirklich nicht schlauer.

Ich finde zum Beispiel, das gesamte Bildungssystem ist komplett für’n Arsch. Dann rufen alle groß Inklusion, aber es sind dann 25 Kinder in einer Klasse mit einem Lehrer. Und wenn dann ein Kind aus der Reihe tanzt, ist es angeblich nicht in Ordnung und kriegt Medikamente. Es geht immer darum, ein Individuum in ein System zu pressen, weil Geld gespart werden soll und mehr Lehrer und kleinere Klassen teurer wären. Es wird so viel Geld in so viel Kacke gesteckt, anstatt am Kern anzufangen und langfristig zu verhindern, dass die später kriminell werden oder so. Die Förderschulen werden abgeschafft und die sollen in die normalen Klassen, natürlich funktioniert das nicht. Keiner bleibt mehr sitzen, alle kommen mit richtig schlechten Noten durch. Dann kriegste einen Kack-Job, kriegst nicht so viel Geld, kannst dir nichts geiles zu Essen leisten, schlechtes Essen macht dich krank, du musst zum Arzt und so weiter. Es ist alles so eine Kette, und man arbeitet immer nur an Symptomen. Warum soll man irgendwo da oben mit Medikamenten ansetzen, wenn der Kern ganz unten liegt?

Zum Abschluss: Wir haben vorhin darüber geredet, wo du musikalisch her kommst. Wo willst du denn nun musikalisch hin?

Ich will gerade gar nicht irgendwo hin. Ich will mich natürlich selbst in den Möglichkeiten, die ich habe, weiterentwickeln. Ich find’s immer krass, wenn Leute so geile Storys erzählen können. Nehmen wir beispielsweise mal diesen Armageddon-Track von Kollegah. Der hat ja so viele antisemitische Anspielungen, ganz ganz schwierig. Aber was er da Storytelling-technisch gemacht hat, ist unfassbar krass, auch in dem Track mit Prinz Pi.

Deshalb ist der Track ja gerade so schlimm, weil er das so episch und gut erzählt und dabei säuselt er dir mit einer kleinen, leisen Stimme in’s Ohr: „Der Jude ist schuld!“

Ja. Dass das funktioniert zeigt ja auch, wie krass das gemacht ist. Storytelling würde ich gerne noch mehr lernen und können. Gleichzeitig aber mit der Battle-Attitüde weiterfahren. Bei „Update“ merkt man das ja schon, oder bei „Mehr Armut mehr Gewalt“.

Wenn man fies sein wollte könnte man sagen: Das Album ist wieder wie Kamikaze, eine Entwicklung die noch nicht abgeschlossen ist.

Es wäre ja auch traurig, wenn’s irgendwann zu Ende entwickelt wäre, dann wär’s ja irgendwann vorbei. Ich finde nicht, dass es negativ ist, wenn man sagt, das ist noch nicht ausgereift. Das ist halt ein Prozess. Es gibt, vor allem im Pop-Bereich, Leute, die veröffentlichen jahrelang gar nichts und kommen dann mit einem von anderen fertig geschriebenen, perfekten Produkt. Aber vor allem im Rap sieht man die Entwicklung, den Prozess. Es kann auch sein, dass ich in fünf Jahren poppigere Songs mache. Das kann ich mir jetzt auf gar keinen Fall vorstellen, aber im Endeffekt weiß ich’s nicht.