nothing,nowhere.: „Wir brauchen nicht noch mehr Malls, wir brauchen mehr Bäume.“ // Interview

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Joe Mulherin ist eine sehr vielschichtige Person. So gewann er in seiner Jugend einen Nachwuchsfilmpreis, ist ein bekennender Umweltaktivist und macht nun seit einigen Jahren als nothing,nowhere. einzigartige Musik, welche Elemente aus dem Hip Hop, Singer/Songwriter und (Post-)Hardcore miteinander vereint. Er schreibt und produziert dabei alles selbst, was sich nicht zuletzt an der emotionalen Tiefe seiner Musik bemerkbar macht. Maximilian Baran sprach mit ihm über sein neues Album „Ruiner“, Genre-Grenzen und die Natur.

Hey Joe, danke, dass du dir Zeit nimmst! Du warst auf Tour letzten Monat und dein drittes Album „Ruiner“ wurde erst vor knapp zwei Wochen veröffentlicht. Wie ergeht es dir dieser Tage?

Ich habe mich bisher ganz gut durchgeschlagen. Ich versuche, einen kühlen Kopf zu bewahren, während ich durch diese verrückte Welt steuere und gleichzeitig kreativ bleiben muss. Eins nach dem anderem, schätze ich.

Good Charlotte nahmen dich mit zu ihrer Tour, dein Song „Hopes Up“ hat ein Feature von Chris Carrabba – Fühlt es sich so an, als ob deine Kindheitsträume zurzeit wahr werden?

Total. Ich habe meine gesamte Jugend mit Tagträumen über all das verbracht. Im Unterricht habe ich nie aufgepasst, weil ich lieber Bandlogos in meinem Notizbuch skizzierte… manchmal fühlt es sich so an, als wäre all das gerade ein Traum. Arbeite hart, dann passiert auch was.

Deine Musik ist auf jeden Fall eine emotionale Unterstützung für Leute, die an Depressionen oder Angststörungen leiden. Was könntest du deinen Fans empfehlen, wie sie sich den Rücken stärken könnten, wenn sie durch schwierige Zeiten gehen?

Ich bin auf keinen Fall ein Psychologe und ehrlich gesagt lerne ich selbst gerade noch, wie ich meine eigenen Probleme bewältigen sollte. Ich würde sagen: Geht aufeinander zu. Versucht eine Therapie zu finden, interagiert mit Familie und Freunden lasst sie wissen, wie es euch geht. Isoliert euch selbst nicht, indem ihr jeden Tag zuhause bleibt – egal wie schwer es auch ist, aus dem Haus zu kommen.

Was hat dich während der Produktion von „Ruiner“ hauptsächlich inspiriert?

Vermutlich einfach das Konzept des Minimalismus und das Konzept von ungefilterter Kreativität. Dinge einfach aus mir raus zu lassen, ohne dabei übertrieben selbstkritisch oder andererseits viel zu selbstsicher zu sein. Ich verliere mich manchmal darin, was andere wohl von meiner Musik halten, also ging es bei Ruiner hauptsächlich darum, ehrlich zu mir selbst zu sein und mehr auszuprobieren.

Jay Vee (enger Freund und Co-Producer, Anm. d. Red.) behauptete auf Twitter, dass ihr beide nur zwei Wochen für das Album gebraucht hättet. Welche Songs haben dabei die meiste Arbeit gemacht?

Das stimmt. Ich glaube, keiner von den Songs hat wirklich intensiv Arbeit verursacht. Wie gesagt, bei diesem Album ging es darum, die Musik einfach von sich selbst rauskommen zu lassen. Es ist, wie es ist, weißt du? „Reaper“ habe ich damals innerhalb von sechs oder noch mehr Monaten geschrieben und produziert – und da habe ich mich wirklich um jedes noch so kleine Detail gekümmert. Ich wollte von dieser Art Arbeitsfluss endgültig wegkommen für das nächste Album und daraus ist nun „Ruiner“ geworden.

In der Vergangenheit produziertest du Filme, jetzt machst du Musik – Gibt es noch etwas, das du unbedingt ausprobieren möchtest in der Zukunft?

Ich probiere gerne neue Sachen aus, vielleicht ja Malen oder Zeichnen. Ich suche immer nach Methoden, aus meinem Kopf herauszukommen für eine Weile und auf irgendeine Weise meine Gefühle rauszulassen.

Wenn dich ein Tourist nach den schönsten Orten im Staat Vermont fragt, was würdest du antworten?

Gute Frage… das ist knifflig! Es gibt so viele besondere Orte in Vermont und alle haben sie ihre eigenen Reize und Schönheit. Ein Ort, an den ich immer wieder gerne zurückkomme, ist der Moss-Glen-Wasserfall in Granville. Dieser war schon immer etwas Besonderes für mich und ich fühle mich ihm sehr verbunden. Es gibt nichts Schöneres als die Abgeschiedenheit in Verbindung mit dem Rauschen des Wasserfalls. Außerdem wäre da noch der Sterling Pond in Jeffersonville (Vermont). Man muss ein gutes Stück auf den Gipfel eines Berges klettern, um hinzukommen, der große Teich dort auf der Spitze ist wirklich sehr beruhigend.

Könntest du uns etwas über deinen Aktivismus für öffentlichen Raum (NGO ‚The Trust for Public Land‘) und die dahinterstehende Philosophie erzählen?

Die Natur bedeutet mir alles. Sie ist sozusagen mein Anti-Angstgefühl-Mittel. Der Planet Erde ist unser einziges Zuhause und es ist wichtig, das zu ehren und zu respektieren. Das war etwas, was mir meine Familie schon sehr früh beigebracht hatte. Ich bin in bzw. bei den Wäldern aufgewachsen und ich werde auch immer bei den Wäldern bleiben. Die Weltbevölkerung wächst, die Zahl von Gewerbebauten steigt unaufhörlich; es ist also wichtig, dass wir empfindliche Ökosysteme schützen, ebenso wie Waldgebiete vor wirtschaftlichen Interessen bzw. Einkaufszentren. Wir brauchen nicht noch mehr Malls, wir brauchen mehr Bäume.

Ist die Bezeichnung ‚Soundcloud-Rapper‘ für dich eine altmodische Beleidigung oder legitime Kategorisierung eines Genres?

Es ist so ein breitgefächerter Begriff für mich. Auf Soundcloud gibt es so viele verschiedene Stilarten, nicht nur von Rap, sondern von der Musik generell. Innerhalb der Rapszene auf Soundcloud gibt es dann noch verschiedenste Leute, die Lo-Fi, Boom Bap, Spoken Word usw. machen … Die Bezeichnung „Soundcloud-Rapper“ ist zurzeit eher ein Meme als irgendwas anderes, meiner Meinung nach.

Rapper unterteilen normalerweise in ihrer öffentlichen Figur und der Privatperson – Was ist deine Meinung über Realness im Hip Hop heutzutage?

Als ein White Guy, der in Vermont lebt, weiß ich darauf wahrscheinlich am wenigsten eine Antwort. Mehr kann ich dazu nicht sagen. (lacht)

Deine drei persönlichen Lieblingsalben aus der Post Hardcore/Screamo-Zeit der 2000er?

Underoath – „They’re Only Chasing Safety“
Alexisonfire – „Alexisonfire“ (self titled)
Saetia – „A retrospective“

Gibt es noch etwas, das du deinen europäischen Fans sagen möchtest?

Die Europäer waren eine der ersten Regionen, die mir Liebe gezeigt haben. Ihr wart von Anfang an mit dabei und ich bin gespannt darauf, euch allen endlich zu begegnen.