Nike vs. Donald Trump – Empowerment oder Marketing? // Kolumne

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Der Sportswear-Riese aus Oregon ist momentan in aller Munde, da er für die neueste “Just do it”-Kampagne den NFL-Sportler Colin Kaepernick verpflichtet hatte. Kurze Zeit darauf fand ein Boykott an der Marke statt – Kleiderverbrennung inklusive.

2018 scheint das Jahr zu sein, in dem Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dank dem Internet ein (weiteres) Sprachrohr gefunden haben. Rassismus in Amerika ist nach wie vor ein schwerwiegendes Problem und hat leider schon eine erschreckende Zahl an toten, jungen und meist unschuldigen Leuten gefordert. Alleine 2017 sind 995 Personen durch die Waffe eines Polizisten gestorben. 20 Prozent davon Afroamerikaner und wiederum 19 Prozent unbewaffnet. Die zur Verantwortung gezogenen Officer bleiben meist straffrei. Durch diese Ungerechtigkeit versammeln sich viele Menschen auf den Straßen, um gegen diese Missstände etwas zu tun und ganz klar Flagge zu zeigen. Eine etwas unglückliche Metapher, wenn man bedenkt, dass der NFL-Sportler Colin Kaepernick einer von ihnen war und ihm nun Verrat an der eigenen Flagge vorgeworfen wird.

Colin Kaepernick ist mit seinen 30 Jahren eigentlich im perfekten Football-Alter – dennoch ist er bereits im zweiten Jahr ohne Mannschaft und ein sog. »Free Agent«. Der Grund dafür könnte zu einem Ereignis vor exakt zwei Jahren zurückführen. Der Presse fiel irgendwann auf, dass der Quarterback der San Francisco 49ers, Colin Kaepernick, während der Nationalhymne sitzen blieb. Der Spieler begründete sein Aussitzen folgendermaßen:

»Ich stehe nicht auf, um Stolz auf eine Flagge für ein Land zu zeigen, das schwarze und farbige Menschen unterdrückt, für mich ist das wichtiger als Football, und es wäre selbstsüchtig von mir, wegzusehen. Da liegen Leichen in den Straßen, und Menschen bekommen bezahlten Urlaub und kommen mit Mord davon.«

Colin Kaepernick

Nationalstolz wird in Amerika in ganz großen Buchstaben geschrieben. Das, und die Tatsache, dass seit 2009 ein Vertrag zwischen der NFL und dem Verteidigungsministerium besteht. Die Spiele sollten patriotischer werden. Hier ein paar Überflüge mit Militärjets, ein bisschen Rekrutierungs-Werbung und Informationsstände »on how to be an American Idiot«. Das Verteidigungsministerium zahlte Millionen Dollar und die Nationalgarden schlossen sich an. Ab 2017 müssen die Spieler während der Nationalhymne an der Seitenlinie des Spielfeldes anwesend sein – ob sie stehen, sitzen oder dabei liegen müssen, ist nicht weiter definiert.

Kaepernicks kleiner Protest resultierte in einem Medienecho, der noch heute für heiße Gemüter sorgt. Donald Trump empfand das Verhalten des NFL-Spieler als – Achtung! Das ist kein Scherz: »offen rassistisch«. Weiterhin riet er ihm das Land zu verlassen. Murrica as its best. Doch es gab nicht nur Hass für den knienden Protest-Spieler. Eine Vielzahl an Fans, Mitspielern und Politikern zeigten Empathie für Kaepernick und imitierte seine Pose. Nike überbietet dies jedoch und macht den ehemaligen Quarterback der 49ers zum Gesicht und Protagonisten ihrer neuen »Just do it«-Kampagne.

Dass sich rechte Idioten nicht darüber freuen würden, war klar. Welche Menschen jedoch aktuell unter den Hashtags #boycottNike und #justburnit beweisen, dass sie aus der Geschichte nichts gelernt haben, haben selbst mich überrascht. Patriotische Pappnasen fordern zum Boykott an der Marke auf und verbrennen vor laufender Kamera ihre Nike-Schuhe. Zuletzt hatte man vor fünf Jahren noch Koran-Exemplare verbrannt. Nun ist der Feind ein Neuer und die Pyromanen, die Gleichen. Aus Sicht dieser Leute, kommt ein friedlicher Protest während der Nationalhymne, einer Beleidigung der US-Truppen gleich. Aufgebrachte Muttis von Veteranen kommentieren stolz, dass sie »vorher ihre Sachen eigentlich immer gespendet hätten, aber bei Nike definitiv alles verbrennen wollen.«

Stattdessen werden die eigenen Soldaten, als »die eigentlichen Helden« zelebriert. Vielleicht hätte Kaepernick mehr Leute erschießen sollen? Oder lag es doch an der Hautfarbe? Wie dem auch sei. Heißt es nicht: »Der Teufel kackt immer den dicksten Haufen«? Kein Wunder also, dass auch Donald Trump diese Kampagne nicht unkommentiert lassen konnte. Gegenüber dem Daily Caller bezeichnet er die Kampagne als »schrecklich« und fragt sich »ob es vielleicht einen Grund dafür gibt?« Anscheinend sind Vorfälle wie in Ferguson nicht mehr so präsent in seinem Kopf. Weiterhin räumt er ein: »Auf andere Weise ist es das, worum es in diesem Land geht, dass man gewisse Freiheiten hat, Dinge zu tun, von denen andere Leute denken, dass man sie nicht tun sollte, aber ich persönlich stehe auf einer anderen Seite.« Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, scheint unbegrenzte Freiheit nicht gewollt zu sein. Aber natürlich muss der große Misthaufen auch eine kleine Mistfliege haben, die um ihn surrt. In diesem Fall: Trumps Sohn Donald Trump Jr. Dieser »korrigierte« kurzerhand die Kampagne von Nike und ersetzte Kaepernick durch seinen Vater.

Während in Amerika also alles gewohnt den Bach herunter geht, sollten wir uns an dieser Stelle fragen, ob es nicht zu voreilig wäre, Nike an dieser Stelle zu viel Heldentum zuzusprechen. Natürlich ist es ein Riesenschritt in die richtige Richtung, wenn eine Weltmarke wie Nike sich für einen solchen Athleten einsetzt, ihn empowert und somit indirekt ein Zeichen gegen Rassismus setzt. Jedoch sollten wir den Heiligenschein nicht zu früh zücken. Nike hatte bereits mehrere Boykotts hinter sich – und nicht alle davon kamen vom rechten Flügel. Grund dafür waren zum Beispiel die Zustände in den Fabriken, wo die Schuhe hergestellt werden. Die Vorwürfe lauten Gewerkschaftsbruch, Lohndiebstahl und verbaler Missbrauch. Bis heute weigert sich die Marke vom Workers Rights Consortium – eine unabhängige Organisation zur Überwachung der Arbeitnehmerrechte – kontrolliert zu werden. Doch ein weiterer Boykott 2015 macht die aktuellen Bemühungen Nikes noch fragwürdiger. Nike feiert jährlich den sog. „Law Enforcement Appreciation Day“ – ein Tag, an dem Strafverfolgungsbehörden ermäßigte Nikes erhalten. Das Statement der Marke seinerzeit »Nike hat seit dem 11. September Rabatt-Tage in seinen Geschäften für Ersthelfer, einschließlich Strafverfolgungsbehörden und Militär, gehalten.«

Sollten Polizisten jetzt stärker sanktioniert werden oder günstiger Schuhe bekommen? Wie immer ist die Lösung hierzu nicht unbedingt Schwarz und Weiß. Eine Weltmarke wie Nike sollte, wie der Titel es schon suggeriert, für die ganze Welt da sein. Und genau so wenig, wie alle Mexikaner illegal sind, ist auch nicht jeder Polizist und Ersthelfer in Amerika ein potentieller Rassist und Mörder. Aus unserer Sicht, widersprechen sich diese beiden Aktionen nicht zwangsläufig, da Nike als Weltmarke agiert. Und unter diesem Gesichtspunkt ist es sogar noch rühmlicher, dass die Welt vom Swoosh keinen Platz für Rassismus jeglicher Art hat. So oder so ist dieses Signing ein Paradebeispiel modernen Marketings und ganz klar ein Schritt in die richtige Richtung. Obwohl Nikes Aktie um 3,2 Prozent seitdem gefallen ist, nehmen vielleicht viele die Brand nun anders wahr. Oder auch nicht.

Fotocredits: Nike