Nas neuester Streich „Nasir“ // Review

von am

Sechs Jahre musste man auf neues Material von Nasir Bin Olu Dara Jones warten, bis Kanye im April verkündete, dass er Nas zwölftes Studioalbum produziert habe und es nun bald das Licht der Welt erblicken würde. Nach dem neuen Pusha-T-Album und zwei Projekten von Yeezy selbst, ist „Nasir“ nun das vierte Werk mit Kanyes Beteiligung innerhalb weniger Wochen.

Wie alle Platten mit Kanye ist nun auch Nas neues Werk eher EP als Album. Gerade mal sieben Tracks und 26 Minuten bekommt es auf die Uhr. Weiter gehen die Parallelen zu den Veröffentlichungen der letzten Wochen: Wieder gab es eine Listening-Party, dieses Mal im Queensbridge Park in Queens, wieder war Kanyes Schickeria am Start – langsam wird es zur Routine. Das war’s dann aber auch schon mit den offensichtlichen Gemeinsamkeiten. Anders als Kanyes Kollaborateure der jüngsten Vergangenheit richtet Nas seinen Blick eher nach Außen und beschreibt seine Umgebung, als sein Innerstes freizulegen. Kann man so machen, nach den Anschuldigungen seiner Ex-Frau Kelis ist dies dann aber eher schlecht. Aber dazu später mehr.

Mit „Not For Radio“ startet Nas auf einem epochalen Beat erst einmal mit einem Rundumschlag an Verschwörungstheorien, Halbwahrheiten und Wahrheiten in die Platte. Ein paar davon: Die Spezialeinheit SWAT wurde gegründet um gegen die Black Panthers vorzugehen, die Glock wurde hergestellt, damit die Mordrate steigt, Willie Lynchs Brief über Sklaverei ist ein Hoax, FBI Direktor J. Edgar Hoover war ein Schwarzer und Fox News wurde von einem Schwarzen gegründet, die Kolumbianer haben Crack erfunden und Ronald Reagan hatte bereits während seiner Präsidialzeit Alzheimer. Wenn man so will, wendet Nas hier das gleiche Stilmittel an, das auch der Präsident seines Landes so liebt und verbreitet Fake-News. Auf diese Weise entkräftet Nas den eigentlich honorablen Hintergrund dieser Nummer vollends. Anstatt eine Black-Power-Hymne zu schreiben, versinkt er im Verschwörungssumpf. Positiv hervorzuheben ist jedoch der Einsatz von 070 Shake.

„Tell me, who do we call to report crime if 9-1-1 doin’ the driveby?“

Kanye West in „Cops Shot The Kid“

Ähnlich krude geht es gleich im zweiten Song „Cops Shot The Kid“ weiter. Das Positive zuerst: Das eindringliche Instrumental. Hier wird Slick Rick „Children’s Story“ gesampled. Immer und immer wieder wird der Satz „The Cops Shot The Kid“ wiederholt und so eine kalte, bedrückende Stimmung erzeugt. An den fokussiert beschreibenden Lyrics des Hauptprotagonisten gibt es auch hier nichts auszusetzen, keine Halbwahrheiten werden verbreitet, einzig Eindrücke der Lebensrealität dargestellt. Aber dann kommt Mr. West höchstpersönlich ins Spiel. Auch an seinen Schilderungen ist eigentlich nichts auszusetzen. Warum dann also die Kritik? Ganz einfach: Hier zeigt sich einmal mehr Yeezys Zerrissenheit und Ziellosigkeit. Stellte er sich noch vor Wochen auf die Seite der Kritiker des Black-Lives-Matter-Movements und seines Uberhomie DT, skizziert er nun das Bild der rassistischen Exekutive. Irgendwie passt das alles nicht zusammen, aber eigentlich ist auch gerade das der rote Faden in Kanyes Schaffen der letzten Zeit. Eine der nachhaltigsten Lines des Albums ist ihm dabei aber trotzdem gelungen.

Die letzte Kontroverse wartet in „everything“. Hier packt Nas auf einer poppigen Produktion, die so auch perfekt auf „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ ihren Platz gefunden hätte, neben tolle Beobachtungen der Gesellschaft wieder einmal den Impfgegner aus. Aus Sicht eines Neugeborenen rappt er: „I thought you would protect me from this scary place? Why’d you let them inject me?“ Es ist immer wieder bewundernswert, wie ein sonst so aufgeklärt wirkender Künstler sich noch immer von solchen Märchen an der Nase herumführen lässt und glaubt, dass Impfungen dem Körper schaden statt ihn zu schützen. Sieht man davon ab, bekommt man von Yeezy, Nas und The-Dream hier den zugänglichsten Track des Projekts geliefert.

„People do anything to be involved in everything. Inclusion is a hell of a drug“

Nas in „everything“

Was ist mit den anderen vier Nummern? Klassische Nas-Songs. Einzig der Piano-Beat auf „Adam and Eve“ sticht noch signifikant hervor und bringt den Track auf ein anderes Level. Ansonsten bekommt man von Nas die Beobachtungen, die man von ihm nun seit 24 Jahren erwartet. Was gänzlich fehlt ist die Auseinandersetzung mit den Anschuldigungen seiner Ex-Frau, dass Nas sie während der fünfjährigen Ehe sowohl physisch als als auch psychisch missbraucht haben soll. Dies waren nicht die ersten Anschuldigungen in diese Richtung, beschuldigte ihn 2006 auch seine Ex-Freundin Carmen Bryan handgreiflich geworden zu sein. Warum sich mit diesen Vorwürfen, auf die Nas auch außerhalb seiner Musik nicht Bezug genommen hat, auf „Nasir“ nicht auseinandergesetzt wurde, bleibt unklar. Da die aktuellste Referenz des Albums auf einen Vorfall in einem Starbucks Café in Philadelphia Mitte April verweist, scheint es, als wäre die Produktion noch zugange gewesen, als die Anschuldigungen aufkamen. Chance vertan.



Nimmt man all das zusammen, so ist „Nasir“ ein Werk, das auf dem ersten Blick vor allem musikalisch sehr interessant daherkommt. Kanye hat passende Samples gepickt und zu stimmigen, stets zu den Themen der Lieder passenden Instrumentals zusammengeschraubt. Beschäftigt man sich dann aber etwas näher mit Nas neuestem Output, so fallen viele Ungereimtheiten auf, die man von einem Künstler mit seiner Reputation als Thinking Head nicht erwarten würde. Zu oft verirrt er sich in Denkmuster, die so auch von der Gegenseite kommen könnten. Was am Ende so jedoch bleibt ist Stoff zum Nachdenken und Diskutieren. Bis auf das austauschbare „Bonjour“ bietet jeder Track Anknüpf- und Reibungspunkte.