Mura Masa: „Der Erfolg hat mein Leben gerettet.“ // Interview

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Bevor Mura Masa das Melt Festival standesgemäß mit einer beeindruckenden Show abgeschlossen hat, durften wir ihn noch in seinem Backstage-Räumchen besuchen. Der britische Producer, bürgerlich Alex Crossan, hat in den letzten Jahren durch seine vielseitigen Kompositionen einen Aufstieg genossen, der ihm unter anderem Features mit A$AP Rocky, Desiigner und Demon Albarn beschert hat. Unser Autor Till Wilhelm hat sich mit ihm über seine bisherige Karriere, Kollaborationen und Cultural Appropriation unterhalten. Und UK-Newcomer Octavian hat auch mal vorbeigeschaut.

Du hast schon mal auf dem Melt gespielt, 2016 – Kannst du dich noch daran erinnern? Wie war deine Erfahrung?

Ich habe es genossen. Ich glaube, ich erinnere mich ganz gut, manchmal verschwimmen die ganzen Shows ein bisschen ineinander. Aber ich glaube, es war eine richtig gute Show, Skepta hat vor oder nach mir gespielt. Das war auch eines der ersten Male, dass ich in Deutschland gespielt habe.

Ich habe deinen Auftritt vor ein paar Monaten in Berlin gesehen, mir ist aufgefallen, dass du die meisten Instrumente komplett live einspielst. Wie wichtig ist das für eine gute Live-Show als Producer?

Naja, ich wollte einfach etwas machen, dass spannend anzusehen ist. Ein DJ-Set ist die eine Sache, aber jemandem zuzuschauen, wie er alles live spielt und dabei noch eine Sängerin zu haben scheint mir viel interessanter.

Lass uns mal über die Sängerin reden. Was kannst du über Fliss sagen? Wie ist es dazu gekommen, dass ihr zusammen tourt?

Wir haben Fliss eigentlich aus einer Musikschule rekrutiert, in der ein Freund von mir unterrichtet. Sie war eine seiner Schülerinnen und wir haben einfach gefragt, ob sie mit auf Tour gehen möchte. Und sie ist fantastisch, sie erweckt die Songs zu neuem Leben.

Du bist jetzt 22 Jahre alt, hast mit 15 Jahren angefangen, Musik zu machen und warst auch schon in jungen Jahren erfolgreich. Wie hat das deine persönliche Entwicklung beeinflusst?

Der Erfolg hat mein Leben gerettet, glaube ich. Ich hatte nicht wirklich Pläne, jemals eine richtige Arbeit zu finden. Ich bin zur Universität gegangen und dachte, ich würde Anwalt werden, habe aber irgendwann gemerkt: Ich mache überhaupt nichts für das Studium, ich mache nur Musik. Aber ich hatte richtig Glück, zu der Zeit habe ich immer mehr Hörer gefunden und so konnte ich die Uni verlassen und trotzdem weiterleben.

Und das hat sich ja ausgezahlt – Dieses Jahr warst du für die Grammys nominiert. Wie hat sich das angefühlt? Erinnerst du dich noch an den Moment, als du es rausgefunden hast?

Ja, ich hab eigentlich nur durch Twitter gescrollt, als die Liste der Nominierten rauskam und hab aus reiner Neugier nachgeschaut. Auf einmal sehe ich, dass mein Name gleich doppelt drauf steht, also rufe ich meinen Manager an und frage: Wusstest du, dass ich für die Grammys nominiert bin?” – Und er sagt nur “Yeah”, es hat ihn nicht besonders gekümmert. Ich musste ihm dann sagen, dass er das mir hätte ruhig mitteilen können, das ist ja schließlich wichtig (lacht).

Wie war die Zeremonie so für dich?

Die Grammy-Verleihung war diesmal in New York, was komisch war, weil sie ja normalerweise in L.A. stattfindet. Die Grammys sind cool – offensichtlich eine große Institution, aber es war auch witzig, weil du da sitzt und es wird live übertragen und deswegen gibt es andauernd Werbepausen. Und dann sitzt du nur da und wartest, bis die Moderatoren zurückkommen und das Fernsehpublikum wieder willkommen heißen. Und du darfst auch keinen Alkohol trinken, also ist es wirklich ein langer Tag, das geht ja acht bis neun Stunden. Aber die Performances waren sehr cool.

Du bist auf der britischen Kanalinsel Guernsey aufgewachsen. Wie bist du da zum ersten Mal auf HipHop oder elektronischer Musik gegestoßen?

Als Kind hab’ ich durch “Need for Speed: Underground” HipHop kennengelernt. Der Soundtrack ist eine richtig gute Mischung aus HipHop und Metal und noch einigen anderen Sachen. Und da hab ich diesen Lil John & The East Side Boys-Song “Get Low” gehört, weißt du? (fängt an zu summen). Und das war das erste Mal, dass ich HipHop gehört habe und ich wusste direkt: Das ist es. Was elektronische Musik angeht, erinnere ich mich noch daran, wie ich zum ersten Mal James Blake gehört habe, das hat mein Leben ein bisschen verändert. Aber auch viele dieser UK-Electronica-Geschichten haben mich inspiriert.

Dein Vater war ja Bass-Spieler in einer Rockband, “The Difference” – Was hielten deine Eltern von deinem Musikstil?

“The Difference”, wie kannst du das wissen? (lacht) Sie lieben es. Meine Mutter ist sehr unterstützend, ich war auch diese Woche mal wieder zu Hause und sie hat mir nochmal gesagt, wie stolz sie auf mich ist. Und ja, mein Vater hat in den 80ies in ein paar Rockbands Bass gespielt, er hat mir quasi alles über’s Musik machen beigebracht.

Gibt es eine Producer-Szene in Guernsey?

Naja, es gibt eine Musikszene in Guernsey, nicht viele Producer, aber viele Folkbands, viel Rock und Metal.

Wie hast du dann deine ersten musikalischen Kontakte geknüpft?

Ich habe in vielen kleinen Punk- und Metalbands mitgespielt. Das war auch zur gleichen Zeit, als ich auch schon als Mura Masa produziert habe. Ich habe mit ersterem nur aufgehört, weil ich dann weggezogen bin.

Danach hast du in Brighton gelebt. Bist du da noch vernetzt?

Nicht mehr so viel, wie als ich dort gewohnt habe. Aber ja, ich fahre manchmal immer noch runter zu Show oder zu “The Great Escape”, dem großen Festival dort. Die Szene ist großartig dort, Brighton ist eine gute Stadt für Musik.

Gilt das auch für London?

Oh ja, ich liebe London. So viele kreative Menschen, so viele Künstler jeder Sorte. Ich habe echt gemerkt, dass mir die Stadt gut tut, seitdem ich dort wohne.

Du hast mittlerweile unter anderen mit Demon Albarn, A$AP Rocky, Desiigner zusammengearbeitet. Wie zur Hölle bist du eigentlich an diese riesigen Stars rangekommen?

“Wie zur Hölle”, völlig richtig. Ich weiß auch nicht, sehr langsam, geduldig. Das wichtigste ist, dass alles organisch, natürlich passiert. Es ist völlig sinnlos, einfach nur einen Haufen Musik rauszuschicken und Leute zu fragen, ob sie darüber rappen wollen. Wir haben uns unsere Zeit genommen und es hat ein paar Jahre gedauert, aber ich bin froh, dass wir gewartet haben. Die endgültige Featureliste ist einfach (macht Schussgeräusche).

Wie wichtig ist es für dich, mit Vokalisten und insbesondere Rappern zusammenzuarbeiten?

Extrem wichtig. Schon als ich angefangen habe, Musik zu machen, wusste ich das. Was ich an HipHop schon immer wirklich geliebt habe, ist die Produktion, ich habe mich für Sampling und das alles interessiert. Also wusste ich auch später, dass ich mit wirklich authentischen Künstlern zusammenarbeiten will. Und da bin ich zum Beispiel auch bei Rocky echt froh, er hat “Love$ick” eigentlich komplett gefreestylet. Ich konnte ihm dabei zuschauen, wie er sich das alles plötzlich ausdenkt. Daran sieht man einfach, wer ein richtiger Rapper ist.

Du wurdest vor allem auch durch deine bekannten Features berühmt. Hast du das Gefühl, du solltest den Leuten jetzt was zurückgeben, indem du Newcomer wie Octavian supportest?

Nein, ich genieße einfach die Londoner Szene. Ich meine, Octavian braucht mich nicht, er ist berühmt genug. Ich habe nie auf jemanden auf diese Weise herabgeschaut, so: “Dir gebe ich jetzt eine Chance, berühmt zu werden.” Am Ende des Tages geht es nur um die Zusammenarbeit. Es geht mir darum, den Style anderer auch zu genießen und gerade Octavian ist einfach ein cooler Typ, er kommt auch gleich, um heute Abend mit mir zu performen.

Es wird ja sehr viel über Cultural Appropriation diskutiert und dein Erfolg kommt nicht zuletzt auch durch Einflüsse aus verschiedensten Stilen und Kulturen. Denkst du, das könnte problematisch werden? Oder findest du es eher schwierig, sich zu sehr auf kulturelle Identität zu fokussieren?

Ich glaube schon, dass es da die Gefahr gibt, sich zu sehr reinzusteigern und dann gar nichts mehr genießen zu können, was nicht direkt “zu dir gehört”. Ich glaube, Einflüsse aus anderen Kulturen zu nehmen, wird nur dann wirklich problematisch, wenn du verleugnest, woher du sie hast und keinen Respekt an die Ursprünge gibst. Es gibt geschmackvolle Wege, verschiedenste Einflüsse zu verwenden. Ich könnte jetzt auch gar nicht allzu viele Namen nennen von Leuten, die ich für kulturelle Aneignung für schuldig befinden würde. Und ehrlich gesagt, muss in dem Kontext auch viel mehr mit Leuten geredet werden, die direkt betroffen sind. Im Moment gibt es weltweit in der Popmusik viele Einflüsse aus Dancehall, karibischer und jamaikanischer Musik. Aber die meisten Dancehall-Artists, mit denen ich gesprochen habe, finden es fantastisch, dass die Welt endlich auf ihre Weise, Musik zu machen, aufmerksam wird und sie finden, dass das eine gute, gesunde Sache für die Szene ist. Solange du respektvoll bleibst und niemanden betrügen willst, ist alles cool.

Okay, letzte Frage: Worauf freust du dich wirklich?

Neue Musik zu machen, ganz ehrlich, ich will mein nächstes Album anfangen. Ich kann noch nichts dazu sagen, aber bald geht’s wieder ins Studio.

Fotos: Till Wilhelm