Mishlawi: “Ohne J. Cole hätte ich nie mit Rap angefangen“ // Interview

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Nicht erst seit seinem gleichnamigen Song ist bekannt, dass J. Cole als ‘Middle Child‘ des Rap über die seltene Gabe verfügt, Trueschooler und Newschooler für sich zu gewinnen und zu inspirieren. Die Strahlkraft des Dreamville-Oberhauptes reicht dabei bis nach Portugal, wo Mishlawi vor etwa einer Dekade zum ersten Mal mit Sprechgesang in Berührung kommt – King Cole sei Dank. Im Alter von 22 Jahren ist genau jener Mishlawi nun wiederum in seiner Heimat ein Star. Im Interview spricht er über vergessene Geburtstage, verrückte Fußballfans und, na klar, Jermaine Cole.

Mishlawi, spielst du gern Karten?

Gar nicht mal so sehr. Ich habe mein Debütalbum vor allem deshalb ‘Solitaire‘ genannt, weil der Titel zu meiner Situation passt. Ein Künstler in der Musikindustrie zu sein, ist vergleichbar mit Solitaire: Es ist ein Spiel, bei dem du auf dich allein gestellt bist. Am Ende legst du deine Karten auf den Tisch und dann gewinnst oder verlierst du. ‘Solitaire‘ ist auch ein sehr persönliches Album. Ich wollte den Leuten zeigen, in welche Richtung ich mit meinem Sound gehen möchte; ich habe mir bis auf zwei ‘kleine‘ Features auch keine Gäste auf das Album geholt.

Der vielleicht persönlichste Track auf dem Album ist ‘Selfish‘. Auf diesem Song richtest du dich an deine Familie und einen Bruder, wobei du unzufrieden mit dir selbst bist, weil du sie in der Vergangenheit immer wieder enttäuscht hast. Du sagst beispielsweise: “Word to my brother / To the one who understand like no other / I‘m so insecure about dissapointing, I wonder / How I let you down another time and another”. Worauf beziehst du dich da genau?

Ich spreche da über einen meiner besten Freunde, einen leiblichen Bruder habe ich nicht. Diesen Song habe ich zu einer Zeit geschrieben, als ich so fokussiert auf meine Musik gewesen bin, dass ich meine Verantwortungen als Person vernachlässigt habe – gegenüber meiner Familie, meinen Freunden und allen Leuten, die mir nahestehen. Mir ging es immer nur darum, das nächste Level zu erreichen und den nächsten Erfolg einzufahren. Dadurch konnte ich manchmal für Leute, die mich gebraucht haben, nicht da sein. Das war nicht mal aus böser Absicht von mir, ich habe da zu der Zeit überhaupt nicht drüber nachgedacht. Und das hat mich irgendwann selbst angewidert. Aus dieser Situation entstand das Konzept für diesen Song.

Direkt im Anschluss an die zitierten Lines sagst du: “Word to my family /To the only ones I think that could stand me”. Wo kommt diese Unsicherheit her?

Das ist nicht super wörtlich zu verstehen. Es ist nur so: Du kannst es dir mit deinen Freunden richtig verkacken. Und dann wird es Leute geben, die sagen: “Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben.“ Mit meiner Familie ist es aber so, dass ich weiß: Egal, wie viel Scheiße ich baue, sie werden mich immer lieben, sich um mich kümmern und mir nur das Beste wünschen. Das ist bedingungslose Liebe. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, nicht genug Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Manchmal vergesse ich zum Beispiel, mich bei meiner Schwester zu melden, die noch in den Staaten wohnt. Dann denke ich mir: “Damn, meine Familie liebt mich so bedingungslos und kümmert sich mehr um mich als jeder andere. Und trotzdem schaffe ich es nicht immer, ihnen diese Liebe zu 100 Prozent zurückzugeben.“ Manchmal habe ich sogar das Gefühl, meinen Freunden mehr zu geben als meiner Familie.

Bist du auch jemand, der schlecht darin ist, sich Geburtstag zu merken? Obwohl man von seinem Handy an Geburtstage erinnert werden kann, verchecke ich es trotzdem ständig, den Leuten zu gratulieren.

Was das angeht, bin ich unfassbar schlecht. Dann rufe ich am nächsten Tag an und sage: “Oh Shit, Bro, sorry!“, weil ich auf facebook gesehen habe, dass die Person Geburtstag hatte. (Lacht)

Du hast gerade schon indirekt deine Herkunft angesprochen. In New Jersey bist du zur Welt gekommen, wenig später ist deine Familie nach Phoenix gezogen. Als du zehn Jahre alt warst, seid ihr dann nach Portugal…

… davor waren wir für zwei Jahre noch in Italien – da war ich acht Jahre alt.

Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit? War es sehr schwierig für dich, aus den USA nach Europa zu kommen, neue Sprachen zu lernen und neue Freunde zu finden?

Es war auf jeden Fall hart. Ich bin als Baby nach Phoenix gekommen und dortgeblieben, bis ich acht Jahre alt war. Ich kannte nichts anderes als die Freunde, die ich dort hatte, die Nachbarschaft, in der wir gewohnt haben und die Schule, auf die ich gegangen bin. Als mein Vater eines Tages nach Hause kam und meinte, dass er ein Jobangebot aus Italien bekommen hat, das er annehmen muss und dass wir dementsprechend mit ihm nach Europa ziehen müssen, dachte ich mir nur: “What the fuck?! Wie soll das nur werden?“

Was macht dein Dad beruflich?

Er arbeitet für einen Pharmakonzern, der injizierbare Medizin herstellt – also im Grunde genommen: Drogen. (Lacht) Jedenfalls ist es mir anfangs schwergefallen, mich damit abzufinden. Als wir dann aber in Italien ankamen, war ich offen für die neue Erfahrung. Es ist auch nicht so schwierig, mit acht Jahren neue Freunde zu finden, wie es vielleicht der Fall ist, wenn man 15 oder 16 und in der Pubertät ist. Ich war noch so jung, dass ich einfach zu den Nachbarn gehen konnte, um zu fragen, ob jemand mit mir spielen will. Außerdem hat es sehr geholfen, dass ich sowohl in Italien als auch in Portugal auf eine internationale Schule gegangen bin. Dort gab es viele Leute, die in einer ähnlichen Situation steckten wie ich.

Die Dynamik und das Überraschungsmoment einer Show sind ganz anders, wenn du mit einer Band auftrittst.

Mishlawi

Aufgrund deiner Biografie ist es also wenig überraschend, dass du sowohl Englisch als auch Portugiesisch fließend sprichst. In deinen Songs singst und rappst du auf Englisch. War es zu Beginn deiner Karriere eine Überlegung, auf Portugiesisch Musik zu machen?

Nein, weil Englisch mit Abstand die ‘einfachste‘ Sprache für mich ist, um mich auszudrücken. In der Sprache fühle ich mich am wohlsten und am authentischsten. Wie du gesagt hast, spreche ich zwar fließend Portugiesisch, es ist aber nun mal nicht meine Muttersprache. Ich habe aber auch schon Lieder mit Portugiesen gemacht, was ziemlich cool ist, gerade für Fans, die aus Portugal kommen.

Das stimmt, ‘Rain‘ ist eins dieser Lieder – und gleichzeitig sogar eins deiner bis dato erfolgreichsten.

Ja, genau. Auf dem Track ist Plutónio, ein Rapper aus Portugal und ein guter Freund von mir.

Wie regelmäßig bist du noch in den Staaten? Und fühlt es sich überhaupt noch wie zu Hause an, wenn du dort bist?

Mehr oder weniger. Es fühlt sich nicht so an wie Portugal. Ich bin einfach schon so lange in Portugal, dass ich mich an die Kultur, das Essen und den gelasseneren Lifestyle gewöhnt und angepasst habe. Es gab aber auch definitiv schon Zeiten, in denen ich häufiger in den USA war. Mittlerweile bin ich nur etwa noch etwa einmal alle zwei Jahre dort. Vor allem natürlich, weil meine Schwester und ein paar weitere Familienmitglieder noch da leben. Letztes Jahr war ich zum Beispiel vor Ort, als meine Schwester geheiratet hat.

Erst vor wenigen Tagen hast du im nahezu ausverkauften Coliseu dos Recreios in Lissabon eine Show gespielt. Was war das für ein Gefühl, vor knapp 4.000 Menschen in deiner Stadt zu stehen?

Es war unglaublich und auf jeden Fall ein emotionaler Tag für mich! Das war die erste Headline-Show überhaupt, die ich in Lissabon gespielt habe. Wir haben in Portugal unheimlich viele Festivals – in jedem noch so kleinen Ort. Du kannst also durch das ganze Land touren und 50 Shows pro Jahr spielen, ohne auch nur ein einziges ‘eigenes’ Konzert zu geben. Manche Künstler machen das sogar überhaupt nicht und sind trotzdem riesengroß in Portugal. Für mich war das also überragend, dass so viele Leute bereit waren, ein Ticket für meine Show zu kaufen. Und alle von ihnen konnten die Lyrics meines Albums auswendig! Das war total verrückt. Als ich hoch auf die Ränge geguckt habe, dachte ich mir auch für einen Moment: “Oh Shit, dort oben habe ich normalerweise keine Zuschauer, sonst sind alle immer direkt unten vor der Bühne.“ Das war echt cool. (Lacht)

Du hast bei deinen Konzerten immer eine Band, die dich unterstützt. Was ich persönlich super finde, was allerdings – gerade im Hip-Hop – alles andere als der Regelfall ist. Was ist der größte Vorteil daran, mit einer Band aufzutreten statt ‘nur‘ einen Tour-DJ zu haben?

Das kommt ein bisschen darauf an, welchen Effekt man erzeugen möchte. Ich verstehe jeden, der den Sound seiner Musik auf Konzerten so nah wie möglich an den Studioversionen halten möchte. Ich respektiere das. Dennoch kommt dadurch ein Aspekt zu kurz: Die Dynamik und das Überraschungsmoment einer Show sind ganz anders, wenn du mit einer Band auftrittst. Mit einer Band kannst du deine Songs in der Liveversion abändern und ganz neue Energien aufbauen. Und natürlich macht es allein schon einen Unterschied, ob nur eine Person plus DJ auf der Bühne steht oder ob da viele talentierte Leute sind und viel passiert. Ich habe logischerweise aber auch immer noch einen DJ, der zum Beispiel die trappy Hi-Hats und Snares abspielt, die du mit einem herkömmlichen Schlagzeug nicht spielen kannst.

J. Cole ist auch einer der Künstler, die fast immer mit einer Band auf der Bühne stehen. Jedenfalls war das bei den Konzerten, die ich bis jetzt von ihm gesehen habe, immer der Fall

(Unterbricht) Du hast J. Cole schon mehrfach gesehen? Ich bin so neidisch! Ich habe ihn noch nie live erlebt, er war noch nie für ein Konzert in Portugal. Ich müsste also extra nach London oder so reisen, um ihn zu sehen. Das werde ich bestimmt auch mal machen, bis jetzt hat es sich aber noch nie ergeben.

Ich spreche Cole aber vor allem deshalb an, weil du in der Vergangenheit betont hast, wie sehr er dich inspiriert. Abgesehen davon, dass er genau wie du auch immer mit einer Band performt: Was macht ihn aus deiner Sicht so besonders?

Das ist schwierig, in Worte zu fassen. Er beeinflusst mich nicht so sehr in dem Sinne, dass meine Musik ähnlich wie seine klingt – unsere Sounds unterscheiden sich im Großen und Ganzen schon sehr. Es ist vielmehr so, dass ich J. Cole von Anfang an verfolgt habe: Alles, was er bis heute veröffentlicht hat, von seinen ersten Mixtapes – ‘The Come Up‘, ‘The Warm Up‘ und ‘Friday Night Lights‘ – über sein erstes Album ‘Cole World: The Sideline Story‘, bis hin zu seinen neueren Releases, hat mich berührt. Was ich damit sagen will: Wenn ich seine Musik nicht gehört hätte, hätte ich wahrscheinlich nie selbst angefangen zu rappen. Sein Songwriting und die Art und Weise, wie er Musik macht, ist einfach sehr in Einklang mit mir; wie er gewisse Dinge formuliert und sagt. Da dachte ich mir oft: “Fuck, ich wusste nicht, dass man diese Dinge so sagen kann!“ Das war sehr inspirierend. Meine Freunde meinten damals oft zu mir: “Wer zur Hölle ist das? Was hörst du dir da an?“ Heute hört ihn jeder und meine Freunde sagen: “Okay, J. Cole ist sick!“

Das kann ich komplett nachvollziehen. Man kann sich unheimlich leicht mit ihm identifizieren und die Dinge, die er sagt, nachempfinden. Und trotzdem gibt es nicht wenige, die J. Cole immer noch als ‘langweilig‘ empfinden. Wahrscheinlich vor allem deshalb, weil er nicht wirklich in der Öffentlichkeit stattfindet und seine Social-Media-Kanäle wenig bis gar nicht nutzt.

Er ist einfach ein unauffälliger Typ. Und ich respektiere ihn dafür, dass er Social Media so wenig benutzt. Es ist ein bisschen nervig zu sehen, wie es heutzutage Künstler gibt, die super bekannt sind – die ohne Instagram aber niemand kennen würde. Ich weiß zum Beispiel genau, wie Trippie Redd aussieht, was er sagt und tut – ich kenne aber vielleicht gerade mal fünf seiner Songs.

Das kommt mir auch bekannt vor. Manchmal stolpere ich auf Instagram über Profile von Rappern mit mehreren Millionen Followern und frage mich: “Wer bist du?“

Tekashi (6ix9ine, Anm. d. Verf.) ist so einer. Wenn er kein Instagram gehabt hätte, wäre er niemals so berühmt geworden. Das ist natürlich auch ein Weg, eine Karriere zu starten. Diese Leute sind aber mehr Unterhalter als Musiker. J. Cole ist dagegen ein echter Musiker – das schätze ich sehr.

Auf deinem Album-Opener ‘Win Some Lose Some‘ sagst du: “I don’t wanna be famous, I hate it / When they tryna hit me up for favors“. Hast du oft mit deinem Ruhm und Reichtum zu kämpfen?

Ich bin immer noch in einem Abschnitt, wo so viel vor mir liegt. Es wäre also Quatsch, wenn ich sagen würde: “Es gibt so viele Leute, die mich ständig nerven“ oder so was in der Richtung. In Portugal wird es langsam aber schon ein bisschen verrückt. Es ist der Klassiker: Manche Leute, mit denen du aufgewachsen bist, haben die ganze Zeit an dich geglaubt und du warst immer eng mit ihnen befreundet. Aber dann gibt es eben auch die Leute, die damals meinten: “Scheiß‘ mal auf den Typen und seine Musik. Warum rappt der überhaupt?“ Oder Leute, mit denen ich nie etwas zu tun hatte, die mich nun treffen und fragen: “Bro, kannst du dich dabei filmen, wie du meinem Freund alles Gute zum Geburtstag wünschst?“ Das gehört zwar dazu, nervt aber auch.

Nochmal zurück zu deiner portugiesischen Heimat: Bist du Fußballfan?

Ich bin ein großer Fan. Ich bin kein Ultra, aber Benfica ist mein Team. Die Champions League schaue ich mir gerne an. (Lacht) Aber es ist schon absurd: In Portugal – wie hier in Deutschland auch – gibt es Leute, die für Fußball über Leichen gehen. So einer bin ich nicht. Wenn du dich ernsthaft mit mir an einen Tisch setzen willst, um mit mir über Fußball zu streiten, sage ich dir: “Bro, du musst mal chillen!“ (Lacht) Fußball ruft die Urinstinkte der Menschen hervor. (Lacht)

Ist Cristiano Ronaldo…

…der Gott. The G.O.A.T.!

So etwas in der Art wollte ich hören. Er hat so ziemlich alles gewonnen, hat eine fast schon unmenschliche Arbeitsmoral und trainiert unfassbar hart. Gibt es Eigenschaften, die Cristiano mitbringt und die du gerne – für dich und deine Karriere – übernehmen würdest?

Er hat ein Selbstvertrauen und einen Swag, den du bei einer durchschnittlichen Person nicht siehst. Klar: Er ist Ronaldo, er ist nicht mehr normal. Er muss aber auch viel einstecken, selbst in Portugal, seinem Heimatland. Du brauchst nur den Fernseher einzuschalten, dann hörst du da Dinge wie: “Cristiano Ronaldo vergewaltigt Frauen?“ oder “Ist Cristiano Ronaldo schwul?“ Das ist einfach schwachsinnig. Er wird von vielen Seiten verurteilt und bricht trotzdem nie ein. Er ist immer obenauf. Das muss man an ihm lieben. Er ist ein Monster.

Abschließend hast du die Chance, uns Musiktipps mit auf den Weg zu geben. Welche portugiesischen Künstler sollte man auf dem Schirm haben?

Richie Campbell. Er ist nicht nur ein guter Freund von mir, sondern hat mir auch schon viel geholfen und mich in die portugiesische Musikszene geholt. Er ist in Portugal schon lange angesagt, hat früher Reggae gemacht, geht in letzter Zeit aber mehr in die Richtung R&B und Dancehall. Richie ist der größte Künstler, den wir aktuell in Portugal haben. Er ist sehr talentiert und macht seine Musik ebenfalls auf Englisch. Ihn kann ich euch auf jeden Fall empfehlen!