Luciano – L.O.C.O. // Review

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„Immer dankbar“: Auch wenn es allein der zeitliche Zusammenhang ist, so scheint die Wahl des Release-Dates kein Zufall zu sein. Am Freitag nach Thanksgiving tischt Luciano seinen Members und Memberinas mit „L.O.C.O.“ sein zweites Studio-Album auf – den Nachfolger von „Eiskalt“ (2017). Auf dem knapp einstündigen Langspieler unterstreicht der Berliner seine Ambitionen, sich in der Führungsriege des Deutschrap-Games zu etablieren. Schließlich ist der LocoSquad-Anführer alles andere als satt.

Wenn selbst ein gewisser Ronaldinho zum Loco Move ansetzt und Frederick Lau deine Musik pumpt, musst du irgendwas richtig machen. Aber was genau macht dieser Patrick Großmann, den alle Luciano nennen, eigentlich richtig? In erster Linie ist er einfach nur authentisch. Außerdem wäre da sein aggressiver, hemmungsloser Flow, mit dem er seine Strophen ins Mic spuckt und der in Deutschland seinesgleichen sucht. Und nicht zuletzt gelingt es ihm mit seiner geradlinigen Delivery, schwierige Lebenssituationen in einfache Worte zu fassen, ohne dabei stumpf zu klingen. Wenn Luciano also über Depressionen, das Leben auf der Straße oder Träume von lila Scheinen rappt, erreicht er damit eine breite Masse. Ob er es so wollte oder nicht, der Berliner MC ist längst im Mainstream angekommen – ohne, dass seine Air Max dabei aber die Bodenhaftung verloren hätten. Was im Umkehrschluss dazu führt, dass Philosophie-Studenten aus Dahlem genauso Zugang zu seinen Zeilen finden wie (Nachwuchs-)Kicker der Bundesliga-Clubs oder Insassen der JVA Moabit. Auf irgendeine Weise findet sich jeder in Lucio Locos Musik wieder.

Während Luciano auf „Eiskalt“ noch vom großen Erfolg träumte – erst kurz zuvor hatte er einen satten Deal bei Universal unterzeichnet – kostet er auf „L.O.C.O.“ seinen Durchbruch und die damit verbundenen Lorbeeren aus. Und womit? Mit Recht: Schließlich ist er innerhalb von gerade mal einem Jahr ein beachtliches Stück vorangekommen. Bis darauf, dass sein Kontostand ein anderer ist, er mit seinen Chababs wahrscheinlich häufiger in Clubs als an Spätis chillt und die gelbe Limousine (sorry, BVG) durch Karossen mit Stern auf der Motorhaube ersetzt wurde, hat sich aber eigentlich gar nicht so viel verändert. Fußball- und Fashion-Referenzen bestimmen Lucios Texte und abgesehen von seinen psychischen Problemen, mit denen er geradezu schonungslos umgeht, gibt er so wenig wie möglich über sein Privatleben preis.

„Massari viel, doch es ist nicht einfach / Ist die Seele tot, hilft dir auch kein Maybach“ (Outro)

Luciano

Inhaltlich und stilistisch wagt sich Luciano auf „L.O.C.O.“ nicht aus seiner Komfortzone und trotzdem ist es ihm gelungen, den nächsten Entwicklungsschritt zu machen. Ein Blick auf die Tracklist legt zwar die Annahme nahe, dass Langatmigkeit ein ernstzunehmendes Problem werden könnte – macht „L.O.C.O.“ seiner Bezeichnung als Langspieler mit 18 Anspielstationen doch alle Ehre. Was steht dann aber 52 Minuten später unter dem Strich? Ein Album ohne Ausfälle. Lucianos Verse sind ausgeklügelter als je zuvor, die Beats sind hochwertiger als auf „Eiskalt“, was unter anderem auch darauf zurückzuführen ist, dass der Erstling fast ausschließlich in der Kammer eines Beatmakers entstanden war: Hamed Anousheh aka Deemah. Beim Zweitwerk hingegen haben deutlich mehr Hände mitgemischt, was in diesem Fall auch der Qualität des Albums zu Gute kam. Als Architekt des Erfolges von „L.O.C.O.“ ist insbesondere Iad Aslan zu nennen. Bei mehr als der Hälfte der Tracks taucht jener als Produzent und Autor in den Credits auf; darunter Hits wie „MoneyGram“, „Valentino Camouflage“ oder „Ballin“, aber auch Sleeper wie „Sie will“ oder das Outro.

“Granit Xhaka, mach‘ Krawall / Ali Baba, Taj Mahal / Visum, Pascha überall / Bin nicht krasser, bin brutal“ (MoneyGram)

Luciano

Nicht zuletzt beweist aber auch Lucianos Gästeliste, dass er es bis nach ganz oben geschafft hat: D-Rap-Zugpferde wie Capital Bra, Nimo, Kalim, Yung Hurn oder Eno tummeln sich genauso auf der Tracklist wie Kalash Criminel und Fredo, die für den (fast schon obligatorischen) internationalen Flavor sorgen. Sie alle performen. Und fügen sich beziehungsweise ihre Parts in ein rundum stimmiges Gesamtbild ein.

Das alles ist Indiz dafür, dass Luciano reifer geworden ist, ohne auch nur ansatzweise seine Seele verkauft zu haben. Vorbei sind die Zeiten, als sich Luciano als Bandit(-orinho) über Wasser hielt. In Zwanzichachtzehn geht er lieber mit seinem Babe im KaDeWe shoppen. Doch trotzdem bleibt Patrick Großmann der Straße und seinen Wurzeln treu – und chillt immer noch auf Traube-Minze im Café. Flex.