Zwischen Trauer und Hoffnung: Lil Peep – Come Over When You’re Sober, Pt. 2 // Review

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Vor ungefähr drei Jahren begann Lil Peep, mit bürgerlichem Namen Gustav Åhr, seinen Soundcloud-Channel zu füllen – da war wohl noch niemandem so wirklich bewusst, was er damit lostreten wird. Kurze Zeit später wuchs seine Emo-Rap-Nische zu einer der einflussreichsten Rap-Subkulturen heran und Lil Peep selbst wurde zum Posterboy dieses Königreiches aus Depression und Teen-Angst. Fast genau ein Jahr nachdem Gus an einer Fentanyl-Überdosis verstorben ist, erschien heute sein posthumes Album „Come Over When You’re Sober, Pt. 2 „. Wir haben versucht unsere Gedanken in Worte zu fassen – Es fiel uns verdammt schwer.

Mit grungigen Gitarren-Riffs, nostalgischen Emo-Vibes und einem so pragmatischen Umgang mit Depression, Selbstmord und jeglichen anderen Abgründen unseres menschlichen Daseins fand Peep wohl genau die richtigen Anspielpunkte, um unzählige junge Leute davon zu überzeugen, dass Emotionen real sind und Depression kein Tabu-Thema mehr sein muss. Aus 808s und beklemmender Teen-Angst entstand eine Welt irgendwo zwischen Turn-Up und Tiefpunkt, zwischen Nirvana und No Limit Records, Blink 182 und Gucci Mane – eine Welt die über wenige Jahre hinweg eine komplette Generation aus deprimierten Kids, die womöglich gerade genau so verloren waren, wie Peep selbst, ein Zuhause bat.

Doch barg dieser Hype auch unbestreitbare Schattenseiten: Medikamentenmissbrauch war, und ist immer noch, ein Hauptbestandteil von Peeps Musik. Was wir grundsätzlich aus den Ra-Gefilden ja schon kennen. Trotzdem war der pragmatische Umgang damit wahrscheinlich ein Grund dafür, dass dieser Pillen-Missbrauch zu einem leichtfertig verwendeten Stilmittel wurde und sich eine Masse an Teens, die oft noch nie mit psychischen Problemen in Kontakt gekommen sind, mit Suizid-Lines schmücken.

Lil Peep wurde zu einem Helden einer Generation, für die Probleme und Gefühle kein Tabu mehr sind. Eine Generation, die sich gleichzeitig aber auch in einem Strudel aus Xanax-Trend, Verzweiflung und Tränen als Modeschmuck verliert.

Gus‘ Depression und sein offener Umgang damit stand in all seinen Werken im Fokus – egal ob Singles, Mixtapes oder auch Interviews. Und genau das bekommen wir auch auf „Come Over When You’re Sober, Pt. 2 “ zu hören: simple 808s winden sich quer durch deprimierende Gitarren-Riffs und Lil Peeps gequälte Stimme, die zugleich immer etwas Hoffnung birgt. Schon von Anfang an bewies er sein Ohr für Melodie – seine Songs sind teilweise so simpel gestrickt, dass es kaum verständlich ist, wie schnell sie einen mit in den Strudel aus Lethargie und Gleichgültigkeit reißen können.

Soundtechnisch bewegt sich eben alles in gewohnten Welten, der einzige Unterschied: Die Texte treffen noch viel härter als zuvor. Während Gus über den Tod, Selbstmord, Sex und Drogen sinniert, schneiden die Lines immer tiefer in die selbe Stelle. Zeilen wie „Why the fuck do everybody act like they care? I was dying and nobody was there“ oder „Woke up surprised. Am I really alive? I was trying to die last night, survived suicide last night. “ hätte man vor einem Jahr wohl einfach so hingenommen.

Was jedoch ausbleibt, ist der eine Über-Hit wie zum Beispiel „Awful Things“ oder „The Brightside“ – das ist aber vollkommen okay. Jeder einzelne Track ist zu 100% Lil Peep und führt uns ein letztes Mal in die düstere und doch so wohlwollende Welt von Gus.

Über Allem steht bei diesem Projekt jedoch das Gedenken an Gustav Åhr – einem musikalischen Genie zwischen Innovation und Nostalgie, das wie so viele Künstler viel zu früh von uns gegangen ist. Ein Genie, das uns allen ein weiteres Mal gezeigt hat, dass Genregrenzen etwas für engstirnige Hater sind. Und das posthume Alben etwas unglaublich Schönes sein können, stehen wie bei „Come Over When You’re Sober, Pt. 2 “ Menschen dahinter, die den Verstorbenen nochmal in Ehre halten wollen, anstatt Profit daraus zu schlagen.

Rest in Peace, Crybaby!