Kuso Gvki: „Es ist nicht die Aufgabe der Künstler unsere Gesellschaft zu reformieren“ // Interview

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Kuso Gvki kam 2017 aus dem Nichts mit einem wahnsinns (self-titeld) Debütalbum und war plötzlich fester Bestandteil unseres Musikkosmos. Verschiedene Medien bezeichneten ihn als Beat-Wunderkind, seine Visuals wurden hochgelobt und seine wahre Persona versteckt der junge Producer bis Heute hinter einer japanische Nō-Theatermaske. Ende 2017 legte er dann mit der „Lean, Hoes & Autotune“-EP – ein Kollabo Projekt mit Young Person, das zeitgleich anscheinend das letzte Projekt von Kuso selbst sein sollte. Dem war zum Glück aber nicht so.

Vor ein paar Wochen hat Kuso Gvki nämlich mit Track plus Visual sein kommendes Tape angekündigt, das im Frühjar 2019 aus unseren Lautsprechen wummern soll. Wir haben den jungen Düsseldorfer und seine Crew beim Videodreh zu „Konichiwa“ begleitet und euch ein paar Behind The Scenes-Fotos mitgebracht, bevor wir uns dann kurz nach Release mit ihm hingesetzt haben um nocheinmal in Ruhe zu quatschen. Das Producer-Wunderkind (mittlerweile ja eher junger Erwachsener) hat nämlich so einiges zu erzählen.

Nach dem schlechten Feedback zu „Lean, Hoes & Autotune“ – hauptsächlich bezüglich der Vocals, nicht der Beats – hast du dich ja nach deinem mega erfolgreichen Debütalbum, einer splash! Mag-Premiere und so weiter ziemlich theatralisch zurückgezogen. Was hat dich jetzt dazu bewegt wieder anzufangen?

Dazu bewegt hat mich eigentlich gar nichts, ich hatte ja immer vor weiterzumachen. Ich hatte nur längere Zeit keinen Output, weil ich mit Schule beschäftigt war. Dieser Rückzug aus der Musikindustrie war eigentlich nur eine sarkastische Antwort auf die ganzen Hater-Kommentare über das Projekt, das einfach zu ernst genommen wurde. Ich dachte es wäre offensichtlich, dass es nicht so gemeint war, scheinbar war es das aber leider nicht (lacht). Ich habe das aber auch ziemlich schnell wieder relativiert. Vor dem letzten Videorelease des Projekts wollte ich einfach nicht sagen: „Nee Leute, das ist alles nur Quatsch“. Denn in dem wird die Thematik ja aufgegriffen, ich steige in diesen Sarg und erstehe wieder auf. Ich dachte das wäre ein eindeutiges Statement dafür, dass es weitergeht. Aber auch das wurde nicht so verstanden.

Dein neuester Track heißt ja „Konichiwa“, auf dem deine Mutter ein japanisches Volkslied über deine Beats legt. Im Video geht’s auch wieder rund um deine traditionelle Maske. Ist das einer der Kernpunkte deiner Musik, deine Wurzeln, und ist das auch der Hauptgrund für dich eine Maske zu tragen oder gibt es da noch andere?

Nein, eigentlich ist das nicht wirklich der Grund dafür. Die Maske ist tatsächlich primär Mittel für Anonymität. Ich habe auch keine Lust mich als Privatperson in den Fokus zu rücken. Der Fokus ist meine Musik. Ich möchte mich in der Form einfach nicht profilieren, dass ich irgendwo lang laufe und jedem erzähle, dass ich Kuso Gvki bin. Das muss niemand wissen. In diesem Rahmen dann einen traditionellen Bezug zu wählen, war irgendwie nahe liegend.

Also ist es dir wichtig deine Wurzeln in deine Musik einzubinden oder ist es einfach nur ein schönes Nebendetail?

Ja, mir ist es schon wichtig, aber ich glaube der größte Teil kommt einfach automatisch. Man setzt sich viel mit seinen Wurzeln auseinander. Aber man findet in meiner Musik Einflüsse aus allen möglichen Kulturen, mit denen ich mich ebenfalls auseinander setze. Zum Beispiel finde ich auch Baile Funk aus Brasilien sehr interessant, diesen ganzen Enchufada-Sound. Hat ja mit meinem Background überhaupt nichts zu tun, aber ich greife es super gerne auf. Auch Trends wie Trap und so weiter. Musik ist heutzutage generell etwas sehr multikulturelles. Wenn man sich davon frei machen wollen würde, dann muss man halt Volksmusik machen (lacht). Ansonsten wirst du immer beeinflusst werden von vielen Richtungen.

Neben deiner Musik zeichnest du ja auch und postest deine Sketches und Zeichnungen auf Insta. Neulich hast du auch ein Bild zu einer Szene aus dem „Konichiwa“-Video gepostet und eine Zeichnung von dir, die stark daran erinnert. Hat dieser Sketch als Inspiration für das Video gedient? Ist dir das wichtig, in alle Angelegenheiten rund um deine Musik involviert zu sein?

Also die Zeichnung war keine direkte Inspiration, wahrscheinlich eher unterbewusst. Es ist mir tatsächlich erst im Nachhinein aufgefallen, dass es super ähnlich aussieht. Es war auf jeden Fall nicht so geplant, also ich wollte nicht unbedingt dieses Bild von früher im aktuellen Video umsetzen. Aber ich möchte auf jeden Fall in alles involviert sein und bin es auch. Ich möchte am Videokonzept mitarbeiten und auch dort Einfluss auf die Ästhetik haben. Das Ganze einfach nicht komplett aus der Hand geben.

Du würdest also keinem einfach nur eine Anweisung geben, was du ungefähr möchtest und denjenigen dann machen lassen. Du möchtest bei jedem Schritt informiert sein.

Natürlich kommt es auch drauf an, wer es ist. Wenn es jemand ist, dessen Ästhetik ich total abfeiere und zu dem auch ein gewisses Vertrauen da ist, dass am Ende etwas rauskommt, was auch ich gut finde, dann würde ich das schon machen. Aber ich arbeite eh schon mit Leuten zusammen, die ich super gut kenne und mit denen dieser Schaffensprozess auch immer interessant ist. Sich zusammensetzen und gemeinsam etwas schaffen, ohne strikte Aufgabenverteilung und diese reine Verbindung über Email-Verkehr oder so. Es ist schon ein Familien-Projekt.

Wie du schon sagtest, ist Musik sehr multikulturell und das zelebrierst du ja auch. Aber in diesem Sinne beschäftigst du dich auch mit dem negativen Pol: die Formen von Diskriminierung, unter anderem Sexismus, die ja gerade immer mehr thematisiert werden, auch in der HipHop-Szene. Du als junger Mann, wie stehst du denn zu diesen Themen? Findest du es gut, dass immer mehr Leute aufschreien oder bist du eher auf der Seite, die sagt: das ist Rap bzw. Kunst, hier darf man sagen, was man will?

Das ist natürlich eine sehr schwierige Frage, die immer wieder diskutiert wird, auf die man keine eindeutige Antwort geben kann. Es ist schwierig auszumachen, wo da die Grenze verläuft. Klar bin ich irgendwo in diesem HipHop-Kosmos angesiedelt und habe dadurch vielleicht einen krasseren Zugang zu dieser Thematik, als wenn ich zum Beispiel Pop-Musik machen würde. Wobei Pop-Musik vielleicht auf einer subtileren Ebene auch sexistische Inhalte transportiert, die dann aber weniger angesprochen werden, weil sie gar nicht als solche wahrgenommen werden. Dadurch dass es aber wie gesagt im HipHop sehr präsent ist, setze ich mich damit auch notgedrungen auseinander und möchte mich von dieser HipHop-Sparte auch klar distanzieren. Dieses Frauenbild, was dort zum Teil propagiert wird, ist nicht der Rap, den ich feiere. Auch wenn das auf der andere Seite teilweise Künstler sind, die ich eigentlich höre. Da kommt dann die Frage zum Tragen, was davon Kunst ist und an welchen Stellen man das sehr ernst nehmen sollte. Bei einigen Leuten ist das eindeutig auf eine humorvolle Art und Weise aufgegriffen, die auch tatsächlich lustig ist, bei anderen ist es hingegen einfach nur plump. So ein MC Bomber zum Beispiel macht auch nichts anderes als die ganzen Bunker-Rapper vor zwanzig Jahren. Ich verstehe dann nicht, was daran innovativ und witzig sein soll. Sehr nah an Innovation und Witz dran ist dann zum Beispiel Karate Andi, der schon hin und wieder Lines kickt, die mich zum Lachen bringen. Es ist manchmal grenzwertig, aber man muss es nicht so ernst nehmen, das hat Wortwitz und es ist so dumm und plump, dass es dadurch eine gewisse Komik hat.

Also sagst du, dass man mit gewissem Feingefühl und gewissen Mitteln solche Grenzen dehnen kann, aber es nicht überspannen sollte?

Klar kann man Grenzen dehnen. Es ist halt wie gesagt wichtig, was für eine Ernsthaftigkeit dort zu erkennen ist. Ob das Battlerap, humorvoll gemeint ist oder auf einer subtilen Ebene agiert, wie zum Beispiel Drake, der in seiner Pop-Musik manchmal Lines droppt wie: „Wenn du dich nicht benimmst, dann schick ich dich halt wieder zurück ins Ghetto. Halt deine Fresse, ich hab dir doch Bling-Bling gekauft, meine Affären haben dich nichts anzugehen.“ Da macht man sich schon Gedanken darüber, was für ein Frauenbild da propagiert wird. Dort ist es ja ganz klar kein Humor, sondern ein völlig ernsthaftes Statement, das komplett konservativ und rückständig ist. Sowas kann man eigentlich nicht droppen, aber er ist halt trotzdem ein Star.

Findest du in dem Sinne, dass Künstler mehr Stellung und eine stärkere Vorbildfunktion einnehmen sollten?

Das finde ich wiederum gar nicht. Es ist nicht die Aufgabe der Künstler unsere Gesellschaft zu reformieren. Aber diesen Schuh müssen sie sich ganz oft anziehen, weil es von ihnen erwartet wird. Es ist dann auch immer eine einfache Antwort auf eine sehr komplexe Frage, sowas wie: „Bushido ist schuld daran, dass unsere Jugend verroht“ oder so ähnlich. Erstens stimmt es meiner Meinung nach gar nicht, dass die Jugend verroht. Aber in wie vielen Talkshows wurde er schon attackiert von Leuten, die sich völlig darauf einschießen, dass er der Böse ist. Es ist so super ignorant zu glauben, dass ein Rapper so einen Impact hat. Natürlich hat er irgendwie eine Vorbildfunktion, aber er kann doch nicht gerade rücken, was gesamtgesellschaftlich schiefläuft.

Aber normalerweise wirkst du bei solchen Themen immer ziemlich bedacht. Eine Insta-Caption von dir war beispielsweise, dass du es nicht gut findest, dass Männer auf ihren Besitz und Frauen auf ihre Erscheinung reduziert werden etc. Dadurch hatte ich immer das Gefühl, dass du schon gern eine Vorbildfunktion einnimmst und dir das auch wichtig ist?

Ja, mir persönlich ist das halt ein Anliegen. Ich möchte auch über meine Musik hinaus, gerade weil es nur Instrumentalmusik ist, eine Aussage treffen. Das ist mir schon wichtig, aber ich erwarte nicht von anderen Leuten, dass sie das Gleiche tun. Gerade wenn es irgendeine Kunstfigur ist, wäre es absurd sich da hinzustellen und irgendwelche politischen Themen auszudiskutieren. Die Leute können sich ja auf anderen Wegen positionieren, das muss man nicht zwangsläufig in seiner Musik tun.

Um das Thema dann abzuschließen: was sind deiner Meinung nach Themen, die, auch wenn es nicht unbedingt die Aufgabe der Künstler ist, in der Musikbranche mehr diskutiert werden sollten?

Ich weiß nicht, ob unbedingt etwas mehr diskutiert werden sollte. Vielleicht sollte es eher die Frage sein, wie man Sachen diskutiert. Oft befinden sich nämlich die Leute, die diskutieren, im weitestgehend selben Meinungsspektrum und erscheinen dann in einer gewissen moralistischen Haltung mit Zeigefinger-Attitude. Dann wird gerne mal gesagt: das ist falsch, das sind die bösen, so geht’s nicht und Bushido ist zum Beispiel schlecht. Ich denke mir dann immer: wen erreichst du damit, außer dich selbst? Wie wäre da eine offenere Kommunikation möglich? Wie kann man die Leute erreichen, die wirklich mal ihre Meinung überdenken sollten?

Ja, es kann schwierig sein, wenn man das Gefühl hat, dass sich eine Diskussion nur um ein Argument in verschiedenen Formulierungen dreht.

Genau. Wenn fünf Akademiker zusammen in einer Talkshow im Öffentlich-Rechtlichen sitzen.

Es wird halt viel übereinander und zu wenig miteinander geredet.

So ist es. Es kommt überhaupt nicht dort an, wo das Problem eigentlich stattfindet. Ich bin auch nicht der Typ, der sagt, man muss immer mit den Leuten in den Dialog treten. Gewisse Dinge sind einfach indiskutabel, da muss man nicht versuchen sich anzunähern an zum Beispiel irgendwelche rechten Leute oder so. Man sollte gucken, wie man Themen etwas einladender angehen könnte. Ich werde auch oft konfrontiert mit Vorwürfen von Leuten, die eigentlich auf der gleichen Seite wie ich stehen, aber meinen sich bekriegen zu müssen. Das Hauptproblem liegt doch ganz wo anders als bei meiner politisch nicht korrekten Sprache. Du wirst die Welt nicht ändern, wenn du mich zum korrekten Gendern bringst.

Da hast du Recht. Kommen wir jetzt aber zu einem etwas weniger ernsten Thema: Du hast neulich in Berlin gespielt, mit einer Live-Band. Wie ist es dazu gekommen? Ist dir so eine organische, lebendige Instrumentierung und Inszenierung wichtig?

Natürlich ist es etwas ganz anderes mit Leuten zusammen Musik zu machen. Ich war nicht mehr ganz zufrieden mit der Live-Show und habe mir darüber Gedanken gemacht, wie man das weiterentwickeln und interessanter für das Publikum machen könnte. Dann kam auch relativ schnell die Idee auf mit Band aufzutreten. Ich habe gute Freunde, die auch verdammt gute Musiker sind und sehr schnell am Start waren. So war das Projekt schnell geboren.

Sehr cool. Also habt ihr auch gar nicht so lange daran geprobt?

Nein, tatsächlich haben wir zwei Tage vor dem Konzert das erste Mal geprobt. Wir waren also relativ unvorbereitet, es gibt also noch viel zu tun.

Aber für dich war es ein gutes Erlebnis und ist auch beim Publikum gut angekommen?

Ja, es ist wirklich super gut angekommen, hat richtig viel Spaß gemacht und so würde ich auch gerne weitermachen.

Dann bleiben wir mal bei der Zukunft. Dein nächstes Tape soll ja im Frühjahr 2019 erscheinen. Kannst du uns dazu schon etwas sagen? Und wo soll es mit dir und deiner Musik insgesamt noch hingehen? Willst du mehr Künstler featuren, vielleicht auch international?

International wäre natürlich interessant. Das möchte ich auf jeden Fall noch hinkriegen. Die Kontakte nach Deutschland sind da, internationale leider noch nicht so viele, weil man auch erstmal gucken muss, wie man in der internationalen Szene am besten Fuß fassen kann. Zurzeit sind auch Projekte in der Pipeline für andere Künstler, auf meinen Soloprojekten hab ich hingegen nicht vor so viele andere Künstler zu featuren. Aus dem einfachen Grund meinen Signature-Sound zu wahren und diesen nicht zu stark in die Hände anderer zu geben, die diesen dann vielleicht zu sehr dominieren würden.

Verständlich. Als Producer kann man leider schnell untergehen.

Auf jeden Fall. Am Ende wird es dann nur eine Compilation von irgendwelchen Artists und mir ist es einfach wichtig, dass meine Produktion im Vordergrund steht.

Fotos by mare