„Könnt ihr uns hören? Eine Oral History des deutschen Rap“ // Buchreview

Mit „Könnt ihr uns hören? Eine Oral History des deutschen Rap“ veröffentlichen Jan Wehn und Davide Bortot eine Oral History über deutschen Rap. Muss man sich wirklich nochmal den „Alte-Männer-Talk“ darüber, wie das damals in Heidelberg und so anfing, anhören? Unser Autor und Kultursoziologe Dr. Marc Dietrich sagt: Ja!

„HipHop ist nicht die größte Jugendkultur, sondern die größte Kultur in ganz Deutschland. Das hören ja Leute von fünf bis 50 Jahren. Man muss sich ja nur angucken, wie die Leute aussehen.“ sagt Shindy gegen Ende des Buches „Könnt ihr uns hören? Eine Oral History des deutschen Rap“. Und natürlich hat er mit seiner „Zeitdiagnose“ recht: Niemand, der einigermaßen wach durch die Welt geht und den Alltag beobachtet, kann leugnen, dass HipHop die Kultur dominiert: Da sind Ü40er und „Carharrt-Papas“, die „freshe Kicks“ und wie selbstverständlich HipHop-Marken tragen, da sind Writerskizzen und Turntables als Wohnungsaccessoires, da sind aber auch Fernsehsendungen, die Rap als Hintergrundsound nutzen (obwohl sie inhaltlich kaum weiter entfernt sein könnten). HipHop ist in Deutschland also fast dort, wo er in den USA schon längst ist: In der Mitte der Gesellschaft, manifestiert als fester Teil der (Alltags-)Kultur. Und Rap? Ist schon lange der neue Pop. Wo und wie das alles angefangen hat, wissen die meisten, die sich etwas länger mit Rap beschäftigen. Daher mal Real Talk: Muss man wirklich nochmal hören, wie HipHop in Deutschland losging? Damals, in Heidelberg, Stuttgart, Frankfurt usw. und bis in die Gegenwart? Die Antwort ist JA, weil das Buch ein Konzept hat, das überzeugt und die deutsche HipHop-Geschichte definitiv anders erzählt als vergleichbare Werke.

Für die 464 Seiten haben sich der ehemalige Juice-Chefredakteur Davide Bortot und ALL GOOD-Podcast-Hero Jan Wehn nämlich das ursprünglich aus der Geschichtswissenschaft stammende und auch musikjournalistisch recht beliebte Konzept der Oral History vorgenommen. Die Idee Zeitzeugen aus ihrer Perspektive die Kultur-Geschichte erzählen zu lassen, interpretieren sie aber konsequenter und brillianter als andere. So wurde aus über 100 Interviews mit RapperInnen, Labelmenschen und JournalistInnen über Zitate eine Geschichte – so muss man es schon sagen – „kuratiert“, die gänzlich ohne autorenseitige Kommentare oder Einschübe auskommt. Stattdessen wird Raum gegeben für alte und neue ProtagonistInnen, die die Rapgeschichte sodann polyphon erzählen. Auf diese Weise werden die Perspektiven von RapperInnen verknüpft, die nicht nur die Zeitspanne der Kultur dokumentieren (von Torch bis Hayiti wenn man so will), sondern auch recht konträre Rapper zu Stimmen eines Erzählstrangs (Prinz Pi und Blokkmonsta z. B.). Die Entscheidung, der Autoren zugunsten einer intergenerational verfassten, polyperspektivischen Erzählung in den Hintergrund zu treten, führt dazu, dass eine in großen Teilen durchaus bekannte Geschichte absolut an Lebendigkeit gewinnt. Es ist auch schlicht spannend zu lesen, wie die unterschiedlichen RapperInnen die unterschiedlichen HipHop- Konjunkturen mit ihren typischen Ästhetiken, Inhalten und regionalen Hypes einordnen. Fast noch spannender ist zu sehen, wie sie dabei auch immer ihre eigene Musik, ihren damaligen Mindstate – letztendlich die eigene Identität – in Bezug setzen.

Um die Perspektivenvielfalt auszubalancieren, kommen zusätzlich gut ausgesuchte Behind-The-Scenes-Leute zu Wort (von Götz Gottschalk über Stephan Szillus bis zur Romanautorin/taz-Journalistin Fatma Aydemir). Beigesteuert werden mindestens unterhaltsame, manchmal scharfsichtige Kommentare zu KünstlerInnen und Entwicklungen, die zu Game-Changern wurden (wie z. B. die eigenwillige, aber enorm einflussreiche Dipset-Deutschland-Phase). Dabei ist dieses Buch so nah in der Gegenwart wie kein anderes wenn beispielsweise (Ex-splash!-Mag-Kollege) Marc Leopoldseder ein kaum zu unterschätzendes Erfolgsmuster vieler aktueller Künstler auf den Punkt bringt: „Ich finde das interessant: Die wirklich erfolgreichen Leute aus der Generation Instagram sind die, die ihre Internet-Persona auch nach außen tragen können. Yung Hurn malt U-Bahnen an, nimmt Drogen und hängt mit Promis rum. Ufo361 war in Berlin schon stadtbekannt, als er noch auf rumpeligen Boom-Bap-Beats gerappt hat. Und Bonez und Gzuz sind halt wirklich zwei Meter groß und leben diesen Film jeden Tag. Das sind einfach faszinierende Persönlichkeiten, und das spüren Fans.“ Die Zitat-Krone für das dichteste und persönlichste Bild zum Aufstieg von Rap in Deutschland setzt sich dann aber Xatar auf:„Für alle, die auch in der Durststrecke durchgehalten haben, ist das ein Traum. Früher haben wir im Viertel Jogginghosen von Adidas getragen, und plötzlich sitze ich mit dieser Firma an einem Tisch. Ich mache Soundtracks für Filme, ich sitze mit Moritz Bleibtreu im alten Büro von Bernd Eichinger und spreche mit ihm und dem Chef von Constantin Film über Rap. Mehr muss man doch nicht sagen.“ So sieht’s aus.

„Könnt ihr uns hören? Eine Oral History des deutschen Rap“ von Davide Bortot und Jan Wehn erschien am 22.2.2019 im Ullstein Verlag.