Kodie Shane: “Frauen haben die Welt schon immer beherrscht, so langsam sehen es alle.“ // Interview

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Als First Lady von Lil Yachtys Sailing Team rappt sich Kodie Shane im Jahr 2016 erstmals auf die Bildfläche eines größeren Publikums. Knapp drei Jahre, einen Major-Deal bei Epic Records und ein gefeiertes Debüt-Album ‘Young HeartThrob‘ später ist Kodie Shane ein vertrauter Name in der Musikwelt – und dabei gerade mal 20 Jahre alt. Vor ihrem Konzert in der Kantine am Berghain haben wir uns mit der Künstlerin aus Atlanta über den Verlust ihrer Karaoke-Jungfräulichkeit, ihre Liebe für Frank Ocean und die Fälle 21 Savage und R. Kelly unterhalten. Mutter und Managerin Hope Shumpert steuerte dem Gespräch ein paar Fun Facts bei.

Kodie, schon im letzten Sommer warst du in Berlin, als du im Rahmen der ‘Bread & Butter’ aufgetreten bist. Hattest du überhaupt schon eine Gelegenheit dazu, dir die Stadt anzuschauen?

Ein bisschen habe ich schon von Berlin gesehen. Am Abend vor meiner Show in der Berghain Kantine sind wir in eine Bar gegangen, wo ich meine Karaoke-Jungfräulichkeit verloren habe. (Lacht) Es war offensichtlich, dass die Leute ‘Poison‘ von BBD (Bell Biv DeVoe, Anm. d. Verf.) seit Jahren nicht mehr gehört hatten. (Lacht) Das hat echt Spaß gemacht.

Auch wenn das dein erster Auftritt in einer Karaoke-Bar war, wusstest du schon im Alter von 13 oder 14 Jahren, dass du dein Geld damit verdienen willst, Musik zu machen.

Ja, genau. Spätestens mit 15 oder 16 wusste ich, dass ich es mit der Musik richtig ernst meine!

Was war seitdem der schwierigste Schritt auf deinem Weg nach oben?

Wenn Leute deine Stärken erkennen und verstehen, wie viel Potenzial du wirklich hast, kann das zum Problem werden und dazu führen, dass sie in dir eine Gefahr sehen. Sie wünschen dir zwar, dass es bei dir läuft, wollen aber verhindern, dass du besser wirst als sie es sind. Das kann echt hart sein.

Hast du jemals überlegt, deinen Traum aufzugeben?

Ich war mehrmals kurz davor, einen ganz normalen Job anzufangen: Es hätte also passieren können, dass Kodie Shane heutzutage bei Target oder Chipotle arbeitet. Dann würde ich halt nur in meinen Mittagspausen singen. (Lacht) Spaß beiseite: Natürlich habe ich mir oft Gedanken darüber gemacht. Das geht aber allen so. Du hast dir wahrscheinlich auch schon mal gesagt: “Ich hab‘ die Schnauze voll! Ich weiß nicht mal mehr, welche Fragen ich in Interviews stellen soll.” Jeder hat solche Phasen. Diese Phasen zu überstehen und über diese Zweifel hinwegzukommen, ist der größte Test. Die Frage ist, ob man stark genug ist, diesem Druck standzuhalten und weiterzumachen.

Dir hat dabei wahrscheinlich auch geholfen, dass du von klein auf ein Entertainer sein wolltest.

Ich wollte schon immer auf einer Bühne stehen!

Warst du früher in der Schule ein Klassenclown?

Schule war für mich, wie auf einer Bühne zu stehen.

Also hast du die Schule geliebt?

Nein. Ich hab’s gehasst! Shoutout an alle Schulen, auf denen ich Scheiße gebaut habe. (Lacht) Ich meine nur, dass ich mich schon in der Schulzeit immer präsentieren wollte – wie auf einer Bühne. Ich habe mir immer gesagt: “Ich bin die Beste hier, alle sollen mich lieben!”

Deine Familie scheint dich schon immer geliebt und auch unterstützt zu haben. Deine Mutter, Hope Shumpert, ist schließlich gleichzeitig deine Managerin. Inwiefern ist das vorteilhaft?

Der größte Vorteil daran ist, dass niemand sich so sehr um dich kümmern wird und immer schauen wird, dass es dir gut geht, wie deine eigene Mutter. Außerdem wird niemand mehr in deine Karriere investieren als du selbst. Deine Mom vielleicht aber schon, weil du nun mal ihr Sprössling bist.

Als ich zum ersten Mal den Namen deiner Mutter gelesen habe, habe ich mich gefragt, ob ihr mit Iman Shumpert verwandt seid, der mittlerweile für die Houston Rockets in der NBA spielt.

Kodie Shane: Low-key.
Hope Shumpert aus dem Hintergrund: Wir sind tatsächlich entfernte Verwandte! Als ich Iman mal getroffen habe, hat er seine Großmutter angerufen, um sie nach Ray, meinem Dad, zu fragen. Und sie wusste sofort, wer Ray ist. Meine Familie väterlicherseits ist also mit Imans Familie verwandt.

Das ist umso spannender, wenn man bedenkt, dass du, Kodie, früher selbst Basketball gespielt hast.

Das stimmt, ich habe in der Middle und High School Basketball gespielt, als wir noch in Chicago gelebt haben.

Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt, Basketball-Profi zu werden?

Ich wollte immer mit den Jungs zocken und die erste Frau in der NBA sein! Als ich dann aber lernen musste, dass das nie passieren wird, habe ich gesagt: “I’m out!“ (Lacht)

Bist du dennoch ein großer Sportfan?

Ich mag die NBA Playoffs. Als Derrick Rose noch für Chicago spielte, waren die Bulls mein Team. Bevor wir auf Tour gegangen sind, war ich in Atlanta zum ersten Mal überhaupt bei einem NBA-Spiel. Das hat echt Spaß gemacht und ist etwas, was ich viel öfter machen möchte.

Apropos Atlanta. 21 Savage wurde vor ziemlich genau einer Woche in Atlanta von der US ICE (United States Immigration and Customs Enforcement) in Gewahrsam genommen. Seitdem sitzt er in Haft. Inzwischen kam heraus, dass er gebürtiger Brite ist und ihm wird vorgeworfen, er halte sich seit Jahren ohne gültiges Visum in den USA auf. Im schlimmsten Fall könnte 21 Savage deportiert werden. Teilweise wird seine Festnahme als Beispiel für die rassistische Agenda der US-Regierung gesehen. Wie schätzt du das ein?

How many problems he got? A lot! (Lacht) Im Ernst: Shoutout an 21 Savage! Er ist ein reicher Mann und hat Jay-Z auf seiner Seite. Er kann gar nicht verlieren. Es ist zwar schlimm, was 21 gerade alles durchmachen muss und ich leide mit ihm mit. Ich bin mir aber sicher, dass er das überstehen und da wieder rauskommen wird.

Selbst abgesehen von 21 Savages Inhaftierung ist gerade einiges los. 6ix9ine sitzt in Untersuchungshaft und wird voraussichtlich eine lange Strafe absitzen müssen.

6ix9ine ist ein fucking Informant! Wahrscheinlich verrät er just in diesem Moment wieder seine Leute. (Klatscht) Glückwunsch an ihn, er hat wirklich alle betrogen, Millionen von Leuten: Fans, ‘seine‘ Jungs aus der Hood und noch einige andere. Und jetzt kooperiert er mit den Behörden – das ist erschreckend.

Jede einzelne Frau, die von Missbrauch betroffen ist, tut mir schrecklich leid. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass man R. Kelly sein künstlerisches Genie nicht absprechen kann.

Kodie Shane

R. Kelly ist ein weiterer Künstler, der aktuell heftigen (Missbrauchs-)Vorwürfen ausgesetzt ist.

(Fängt an zu singen) My mind’s telling me nooo, but my body is telling me yeees! (Lacht) Shoutout an R. Kelly!

Ernsthaft?

Ich meine… verdammt, nein. Ich habe einfach nur das Gefühl, dass er bei weitem nicht der einzige ist, der getan hat, was ihm nun vorgeworfen wird. Und das rechtfertigt es natürlich nicht und befreit ihn von keiner Schuld. Aber es passiert einfach überall, viele Leute tun, was R. Kelly getan hat – mit dem Unterschied, dass er ‘erwischt‘ wurde, ähnlich wie Bill Cosby. Das macht es wirklich nicht besser und jede einzelne Frau, die von Missbrauch betroffen ist, tut mir schrecklich leid. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass man R. Kelly sein künstlerisches Genie nicht absprechen kann.

Genau das ist ja immer die Frage: Ist es okay, die Musik von der Person, die dahintersteckt, zu trennen? Wie stehst du dazu?

Das ist eine wirklich schwierige Frage. In vielen Fällen ist es so, dass ich schon die Person selbst nicht leiden kann und somit also auch die Musik dieser Person nicht mögen werde. Genauso oft ist es aber auch so, dass ich die Musik liebe, die Person dahinter aber nicht. Das kommt wirklich auf den Einzelfall an. Ich bin einfach der Meinung, dass man einen Menschen nicht allein aufgrund seiner Taten definieren sollte. In R. Kellys Fall bedeutet das: Ich kann nicht leugnen, dass er ein unglaublich guter Sänger ist und dass ich mit meinen Eltern zu seiner Musik getanzt habe. Gleichzeitig sage ich aber auch ganz klar, dass er Dinge getan und Entscheidungen getroffen hat, die nicht cool sind.

Das Gleiche gilt wohl auch für XXXTentacion.

Absolut. Wir leben in einer verrückten Welt. Rest in Peace, X. Auch ihm kann man nicht absprechen, dass er tolle Musik gemacht hat. Für Chris Brown gilt das ebenso.

Um mal auf eine positive Entwicklung zu sprechen zu kommen: Es scheint so, als würde momentan eine neue Generation junger, starker Künstlerinnen heranwachsen. Ich denke da, abgesehen von dir, etwa an 070 Shake oder Tommy Genesis.

Tierra Whack liebe ich zum Beispiel auch! Gerade ist echt eine tolle Zeit für junge, weibliche Künstler. Natürlich gibt es draußen auch viel Müll, aber gleichzeitig eben auch sehr viel gute Musik mit Substanz, die noch lange relevant sein wird. Cardi B und Nicki Minaj haben uns die Türen geöffnet und viele Frauen inspiriert. Nicht nur in der Musik, sondern auch in allen anderen Teilen unserer Gesellschaft. Frauen haben die Welt schon immer beherrscht, so langsam sehen es alle.

Du hast mal den Wunsch geäußert, dass Leute deine Musik bewusst mit Kopfhörern hören und nicht nur, wenn sie zufällig im Radio läuft. Vor wenigen Wochen hat The Weeknd einen deiner Songs (’No Way’ feat. Trippie Redd) gepumpt und sich dabei gefilmt. Was war deine erste Reaktion darauf?

Ich liebe The Weeknd! Ich muss etwa 13 Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten Mal auf seine Musik gestoßen bin; ‘Thursday‘, ‘House of Balloons‘ und so weiter. Ich war besessen davon. Dann, Jahre später, zu sehen, wie er im Auto sitzt und meine Musik, meine Stimme hört… das war ein Vibe! (Lacht)

Auf ‘Sing to Her‘, einem der Songs auf deinem Debütalbum, singst du: “Sorry, I’m too mannish.” Einen Hehl aus deiner sexuellen Orientierung hast du sowieso noch nie gemacht.

Punkt. Ich bin queer as fuck und glücklich darüber! Ich liebe es, so zu sein wie ich bin.

Was ist deine erste Erinnerung daran, dich zu fühlen als…

…stünde ich auf Mädchen? Das muss in der Middle School gewesen sein, in der achten Klasse. Im Sportunterricht merkte ich, dass ich auf ein anderes Mädchen stehe und habe ihr das auch gesagt. Sie fand das völlig in Ordnung. Und danach war es einfach ganz normal. Alle wussten es. Dadurch, dass ich immer mit mir im Reinen war und in meiner Wahrheit gewandelt bin, haben es alle respektiert. Ich wurde nie aufgrund meiner sexuellen Orientierung gemobbt. In der High School gab’s Jungs, die auf Jungs standen und abgesehen von mir noch andere Mädchen, die auf Mädchen standen – manche davon sogar auch auf mich. (Lacht)

Und trotzdem hast du das Gefühl, dich dafür entschuldigen zu müssen, dass du ‘anders’ bist?

Manchmal habe ich das Gefühl, in der Regel aber nicht. Ich muss mich für gar nichts entschuldigen!

Wenn du in der Vergangenheit auf deine sexuelle Orientierung angesprochen wurdest, hast du gerne auf Kehlani verwiesen, die sich ebenfalls als queer geoutet hat. Wer inspiriert dich außerdem, zu wem schaust du hinauf?

Ich liebe Frank Ocean. Er ist jemand, der mich schon mein ganzes Leben inspiriert hat. Natürlich gibt es aber auch noch einige andere, die mich inspirieren, zum Beispiel Lauryn Hill, André 3000, Lil Wayne oder Future. Genauso sehr inspirieren mich Filme oder Kinder.

Welchen Film hast du zuletzt im Kino gesehen?

(Überlegt) ‘Glass‘! Ich war ehrlich gesagt super verwirrt, bis am Schluss alles aufgelöst wurde und ich mir nur dachte: “Ohhh, habe ich die ganze Zeit nicht aufgepasst, oder was?!“ (Lacht) Der Film war wirklich gut!

‘Titanic‘ ist dein all-time-favorite, oder?

Nein, ‘The Notebook’ ist mein Shit! (Lacht) Meine Stiefmutter hat mir früher immer gesagt, dass ich den unbedingt sehen muss. Ich dachte nur so: “Yo, der ist bestimmt kacke.“ Aber dann habe ich mir den Film irgendwann tatsächlich angeschaut und wurde eines Besseren belehrt.

Hope Shumpert: Ich habe Kodie einmal zu einem Date mitgenommen. Irgendwann fragte sie den Typen, den ich ausgeführt habe: “Hast du ‘The Notebook‘ gesehen?“ Er meinte dann: “Nein, was soll das sein?“, woraufhin Kodie nur sagte: “Lass uns gehen, Mama, der Typ hat kein Date mit der verdient. Wenn er ‘The Notebook‘ nicht gesehen hat, weiß er nicht, was wahre Liebe ist!“ (Alle lachen)

Kodie Shane: Wir haben an dem Abend Hummer gegessen, das weiß ich noch genau! (Lacht)

Falls dein Leben jemals verfilmt werden sollte: Wer würde Kodie Shane spielen?

Wer mich spielen würde? (Überlegt) Kodie Shane würde Kodie Shane spielen. (Lacht) Ich bin die einzige, die diese ungefilterten Emotionen wiedergeben kann. Ansonsten vielleicht am ehesten noch ein junges, light-skinned Model, das noch neu in der Szene ist, mit einem hübschen Gesicht und schönem braunem Haar. (Lacht)

Hope Shumpert: Amandla Stenberg?
Kodie Shane: Das stimmt, Amandla Stenberg könnte die Rolle gut erfüllen.

Eine Sache, die ich noch wissen wollte – zumal du hier gerade in schwarzen Yeezy 500s sitzt: Wie sieht deine Sneaker-Rotation auf der Tour aus?

Ich habe mir gedacht, wenn ich nach Europa komme, muss ich meine schmancy-fancy Sneakers auspacken. Ich habe Pradas, Louis Vuittons und sogar ein Paar Chanels mit, die ich sonst nie trage. Sobald ich dann aber wieder in den Staaten bin, werde ich wieder nur in Turnschuhen rumrennen! (Lacht)

Ansonsten ist außerdem noch offensichtlich, dass du eine Leidenschaft für Tattoos hast. Welches war dein erstes?

Shoutout an The Good Perry! Wir haben mal eine Show in Kanada gespielt. Danach meinte er: “Ich will mir ein Tattoo stechen lassen. Willst du mitkommen?” Und wir haben es dann wirklich gemacht. Ich habe mir einen Blitz auf meiner linken Hand stechen lassen. Mama konnte das zuerst nicht glauben. Und von da an ist gefühlt jeden Tag ein neues Tattoo hinzugekommen.

Was deinem Vater nicht gerade zu schmecken scheint. Als du dir vor kurzem eine Rose auf den rechten Unterarm hast stechen lassen und deine Mom gefacetimet hast, meinte sie: “Dein Vater wird uns umbringen!“

(Lacht) Zum Glück wird er das nicht tun! Es ist aber wirklich so, dass er jedes Mal, wenn er mich sieht, fragt: “Hast du schon wieder ein neues Tattoo?“ Dazu muss man wissen, dass mein Dad selbst absolut gar keine Tattoos hat. Shoutout to my Dad!

Fotos: Nina Francesca Nagele // @uglybutbroke