Ein gewonnener Kampf gegen alte Geister? Kanye Wests & Kid Cudis „Kids See Ghosts“ // Review

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Nach dem letztwöchigen Trubel rund um Kanyes „ye“, ging’s diese Woche also weiter mit dem gemeinsamen Album von Yeezus himself und Kid Cudi. Der Albumtitel „Kids See Ghost“ ist gleichzeitig auch der Name des damit geschaffenen Duos aus den beiden Legenden. Listening Party, Livestream und ein Internetriot – Wir haben wieder kurz reingehört, monatelange Archivrecherchen betrieben um euch zu schildern, welche Geister wir auf „Kids See Ghosts“ gesehen haben.

Angefangen mit dem drum herum: Nachdem Kanye West nie wieder auf die Farm in Wyoming darf – ja, Rapper wurden für immer verbannt, kein Joke – weil er anscheinend der unorganisierteste Eventplaner auf unserem schönen Planeten ist, fand die Listening Party für „Kids See Ghosts“ eben woanders statt. Und zwar in einer verlassenen Geisterstadt irgendwo im Süden Kaliforniens mit so richtigen Saloons und allem drum und dran. Eingeladen war wieder die übliche Musik- und Kunst-Elite (falls man das so betiteln mag). Und ja, es gab auch wieder einen Livestream, der diesesmal aber eher ein Reinfall war, als ein geiles Feature. Der Stream wurde die ganze Zeit nach hinten verschoben bis er dann eine Zeit lang komplett ausfiel – die App versendete weiterhin Push-Notifications dass der Stream nun Live wäre, die einen dann aber nur auf die Errormeldung führten. Internet sei Dank, gab’s deshalb wieder genug Meme-Potential, das unsere Generation ein weiteres Mal als verdammt genial darstellte. Also im Endeffekt ist doch alles ganz akzeptabel verlaufen.

I don’t feel pain anymore. Guess what, babe? I am free!
Yeah, nothing hurts me anymore.

Kid Cudi

Dieser ausschlaggebende Satz auf „Extasy“ mit Ty Dolla $igns sticht wohl am meisten heraus, zumindest aus meiner Perspektive. Also ganz im Gegenteil zu Kanye letzte Woche, startet man nun mit einem echt gutem Gefühl in die sieben Tracks rein und das ist echt schön. Vor allem wenn man Kids Vergangenheit betrachtet: „Man On The Moon: The End Of Day“ war in meinem Musikkosmsos nach Kanyes „808s & Heartbreak“ eines der ersten Alben, das mich – und ganz sicher auch unendlich viele anderen Kids – das erste mal so richtig über meine Fühls nachdenken ließ. Vielleicht würde ich sogar soweit gehen, dass diese beiden gerade genannten Alben meine Emo Rap-Phase eingeleitet haben. Aber deshalb bin ich nicht hier, was ich eigentlich damit sagen will: Kid Cudi auf dem Mond spielte eine echt große Rolle für verdammt viele Menschen.

Mit „Speeding Bullet 2 Heaven“ verlor er meine Aufmerksamkeit dann dank unstrukturierte Produktionen, zusammenhangloser Texte und wenig Spannung, aber genau so schnell wieder, wie er sie vorher gewonnen hat. Bis zu „Passion, Pain & Demon Slayin“ – Das letztjährige Tape, das auch aufgrund der Ereignisse rund herum zu einem unglaublich wichtigem Meilenstein in seiner Karriere wurde. Cudder war zum Releasezeitpunkt nämlich in Therapie. Über seine Social Media Kanäle verkündete er ein paar Monate vor Veröffentlichung, dass er sich selbst eingewiesen habe, um seine seit Jahren anhaltenden Depressionen behandeln zu lassen. Damit zeigte er auf eine außergewöhnliche Art eine Stärke auf, die man so vielen anderen Menschen wünsche würde: Die Stärke in einer so harten, zwanghaft maskulinen Rap-Welt, in der niemand Schwäche zeigen darf, Hilfe anzunehmen und sich für eine psychologische Behandlung zu entscheiden.

Genau deshalb ist diese eine Liedzeile auch so wichtig. Sie verkündet anscheinend eine Besserung, einen Schritt nach vorne, einen vielleicht sogar schon gewonnenen Kampf gegen alte Geister: „I feel free, nothing hurts me anymore. Guess what babe I am free!“ Vielleicht interpretiere ich aber auch einfach wieder mal zu viel hinein.

On this road I find these scars I left behind.
Heaven lift me up.

Kid Cudi

Und obwohl Kid Cudi in unserem Text bis jetzt stark im Fokus stand, muss man bei diesem Kollabo-Album natürlich auch wieder das Schaffen von Herrn West betrachten. Natürlich unterliegen die verstrickten Produktionen dem West’schen Genie: Kanyes teilweise echt pop-freundlichen Anthems, die sich mit epischen Synthezisern unter Cudders weirde, psychadelische Stimmexperiemente legen, erschaffen weitläufige und vielschichtige Soundlandschaften, denen man nicht entkommen kann – Das will man eigentlich auch gar nicht, denn die Non-Genre-Welt der beiden Genies ist ein verdammt gemütliches Zuhause. Und zwischen Kanyes gewohntem halb witzigen, halb verstörenden, fragwürdigen Wortspielen findet man auch immer mal wieder Lines, die wirklich Sinn ergeben. Nach dem „ye“-Spektakel letzte Woche, hatte ich mir von „Kids See Ghosts“ eigentlich nichts anderes erwartet, als dass Ye seine angestaute Energie auch auf diesem Werk nicht minder zum Ausdruck bringen wird.

Pusha Ts quietschende Stimme leitet mit „Feel The Love“ (Spotify: „4th Dimension“) das Album ein und liefert gleichzeitig den Track mit den besten Ad Libs: „GagGagGAgagagGAg Ga bbaba pa BRahataatata“ dröhnt es aus den Lautsprechern, die man sofort zwanghaft auf volle Lautstärke drehen muss. Mos Def liefert nach „Extasy“ (Spotify: „Freeee Ghost Town Pt. 2“) mit Ty Dolla $ign auf „Kids See Ghost“ den dritten Gastbeitrag, leistet damit aber keine unvergessliche Arbeit – leider muss ich zugeben, dass der Part eigentlich gar nichts macht. Aber das ist nicht weiter schlimm, denn das restliche Album macht ja eh schon genug.

Und dann noch dieses Kurt Cobain-Sample von “Burn the Rain” auf „Devil’s Watchin“ (Spotify: „Reborn“)! Das beweist im Übrigen ein weiteres Mal, dass dem West’schen Genie kein Funke an Knowledge und Musikalität fehlt. Denn wer Kurt Cobain ehrt, ist selbst ein Ehrenmensch. (Nirvana4Life!)



Es scheint als wär unser Lieblings Kid (sorry Sierra Kid) wieder voll und ganz zu seinem spannenden und mitreißenden Sound zurückgekehrt. Dramaturgisch und produktionstechnisch bewegt sich alles auf einwandfreiem Niveau, das unsere psychedelischen Träume in einer unglaublich vielschichtigen Soundlandschaft greifbar macht. Cudder und seine Rückkehr aus dem Kampf gegen seine Depressionen stehen im Mittelpunkt, wofür Kanye aber die nötige Grundlage schafft. Ich bin begeistert und ganz offensichtlich sehr glücklich über die positiven Fühls, die mit „Kids See Ghosts“ einhergehen. Vielleicht ist Kid Cudis Kampf noch nicht gewonnen, doch er ist ganz bestimmt auf dem besten Weg!

I’m so reborn, I’m movin‘ forward.

Kid Cudi