Kex Kuhl: „Ich habe versucht, immer das Positive mitzunehmen“ // Interview

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Zwei Jahre nach der „5und30“-EP hat Kex Kuhl nun sein Debütalbum „Stokkholm“ veröffentlicht. Die Zeit dazwischen war turbulent: Angststörungen, Depressionen samt Klinikaufenthalten und allem drum und dran, nebenbei lief natürlich auch die musikalische Entwicklung um einige Meilen weiter. Herausgekommen ist ein organisch klingendes und reflektiertes Album, dass Taha Cakmaks Status in der Szene festigen sollte. Grund genug, sich mal ordentlich mit ihm zu unterhalten.

Die erste Bekanntheit hast du ja damals wie viele andere übers VBT bekommen. Was hat diese Zeit mit deinem musikalischen Werdegang gemacht?

Es hat mich auf jeden Fall erkennen lassen, dass Punches und Battlesongs zu schreiben viel einfacher geht, als ich dachte. Und dass viele Leute Scheiße feiern. Dass auch Müll irgendwo seine Daseinsberechtigung hat.

Jetzt hast du ja ganz gut den Absprung aus diesem Kosmos geschafft – Findest du, das ist anderen Kollegen von damals genauso gut gelungen?

Ach klar, gibt natürlich welche, die da voll drauf hängengeblieben sind und immer noch nur so Battlezeug machen. So Punch Arogunz-mäßig. Da gibt’s andere, wie zum Beispiel Duzoe, der ja heute auch releast, der hat den Absprung voll geschafft, obwohl er ja nur durch das Battle-Ding bekannt war. Der hat das Ruder ganz schön rumgerissen.

Ich hab mal bisschen recherchiert und mir ist aufgefallen, dass deine Tracks ungefähr 10mal so viel gestreamt werden, als auf Youtube geklickt. Hast du das Gefühl, durch Streaming verlieren Musikvideos sehr an Wert?

Hab ich mir auch gedacht, natürlich ist diese “Youtube stirbt”-Panik auch in meinem Kopf rumgegangen. Aber dann habe ich mir andere Videos angeschaut und da ist das ja oft nicht so Vielleicht mach‘ ich auch einfach nur beschissene Videos (lacht). Ich hab‘ das Gefühl, ich mach‘ gute Videos. Vielleicht hab‘ ich einfach kein Videogesicht, vielleicht ist es nur die Stimme.

Trotzdem scheint es, als ob Musikvideos dir sehr wichtig wären, du hast 4 Videoauskopplungen gemacht – Du hast ja Film an der Merzakademie Stuttgart studiert, machst du bei deinen Videos auch alles selbst?

Ja, ich versuche, da so wenig wie möglich abzugeben. Kamera habe ich früher abgegeben, weil das konnte ich ja nicht selbst machen… Wobei, manchmal hab ich’s auch noch selbst gemacht. Aber der Typ, der meine Videos macht, den ich mir heute leisten kann, dem vertrau‘ ich da blind, der hat mich damals in die Film- und Videowelt eingeführt, ich hab‘ ihm assistiert. Also da geb ich gerne ab, aber so Grafikkram mach ich gerne immer noch und bei Videos red‘ ich immer extrem viel mit, das ist vielleicht für andere nervig, aber ich kann nicht anders.

Du hast in Augsburg damals schon mal an einem Videowettbewerb teilgenommen, mit einem Video zu Künstlern und Kulturschaffenden in Augsburg – Gab’s da schon ’ne große HipHop-Szene?

Ja, es gab schon ’ne große HipHop-Szene, aber keine Rapper. Es gab eben extrem viele Graffitii-Artists. Es gab da echt keine Rapper, mit denen ich nicht direkt vernetzt war. Aber ich hab natürlich immer noch meine Freunde da. Einer von denen war letztens in der BILD, weil er Gras in Baumkronen angebaut hat (lacht). Aber schrecklich, dass du dieses Video gefunden hast… Da gab’s halt ein Preisgeld!

Offen sein. Das ist das Wichtigste und Beste, was du gegen Angststörungen machen kannst.

Kex Kuhl

Lass uns mal über dein Album reden! Auf dem „Alte Götter“ geht’s darum, wie Fame das eigene Leben verändert – Konntest du das bei dir auch schon beobachten?

Das hat schon mit dem VBT angefangen. Plötzlich war’n die Leute, die sich immer über Rap lustig gemacht haben, die, die mir geschrieben haben von wegen Gästeliste und “Eyyy, lass mal treffen”. Ich bin ja noch echt ein kleiner, unbekannter Artist, aber im direkten Umfeld merkst du das schon. Ich bin deswegen auch sehr picky, was Freunde und den engsten Kreis angeht.

Das thematisierst du ja auch auf „Menschen“ I-III. Hattest du Probleme damit, Freundschaften zu halten, während deiner starken Panikstörungen? Und hat das auch dein musikalisches Umfeld beeinflusst?

Nee, auf mein musikalische Umfeld hatte das, glaube ich, keine Auswirkungen. Na klar hat das viel verändert, aber eher ins Positive, weil sich da viele Freundschaften gefestigt haben. Ein alter Freund aus Augsburg zum Beispiel, mit dem ich eigentlich nichts mehr zu tun hatte, hat mich dann angerufen und so gesagt: “Ich hab das mit einen Angststörungen und Depressionen gehört, wenn du reden willst, bin ich da. Ich hatte den Scheiß jahrelang und nehm‘ die gleiche Medizin wie du.” Und dann haben wir ewig lang gequatscht. Ich habe da echt versucht, immer das Positive mitzunehmen.

Um deine Angststörungen geht’s ja auch auf „Höhlenmenschen“ – Hattest du das schon von klein auf, diese Anxiety?

Ich war schon immer ein ängstlicher Typ. Ich kann mich an Kindergeschichten erinnern, wo ich einfach ein richtiger Schisser war. Beim Seepferdchen bin ich ins Wasser gesprungen und hab‘ erstmal ’ne Panikattacke bekommen, weil ich irgendeinen Schatten gesehen habe. Aber irgendwann ist das richtig schlimm ausgebrochen. Es hat sich so angeschlichen, irgendwann war irgendein Punkt überschritten und ich weiß bis heute nicht, was das war. Und dann hat es mich komplett eingenommen… Aber jetzt geht’s.

Was ist dein Ratschlag für Leute, die damit zu kämpfen haben?

Offen sein. Das ist das Wichtigste und Beste, was du gegen Angststörungen machen kannst. Und Sport – ich sehe jetzt vielleicht nicht aus wie der sportlichste Typ, aber in der Zeit habe ich über 30 Kilo abgenommen. Ich bin wirklich jeden Tag rausgegangen und habe Sport gemacht. Immer, wenn ich dabei alleine war, hatte ich sogar diese Panikattacken und richtig Angst, zu sterben. Und trotzdem bin ich so ums Haus gejoggt, damit mich Leute sehen, falls ich umfalle. Aber echt, körperliche Betätigung und Offenheit sind das beste, was du da machen kannst.

„Stockkholm“ ist ja ein wahnsinnig – nicht abwertend gemeint – unangenehmer Song, das Video auch… Kennst du Personen, die so oder so ähnlich behandelt wurden?

Ja, so in die Richtung. Natürlich schwingt auf jedem Song ein bisschen was von mir selbst mit. Auch die krassen, unangenehmen Themen haben den Ursprung in meinen Erlebnissen. Ist mir auch schon öfters passiert, auch wenn ich’s aus der anderen Perspektive geschrieben hat. Also natürlich lag niemand in meinem Wandschrank, aber ich hatte auch schon metergroße Nachrichten vor meinem Balkon (lacht).

Woher kam die Entscheidung, keine krassen Rap-Beats zu benutzen, sondern hauptsächlich Band-Arrangements einzubinden?

Naja, ich wollte eigentlich schon immer mehr mit Gitarren machen. Ich hab schon immer alle Produzenten, mit denen ich gearbeitet habe, als erstes gefragt, ob sie irgendwas Geiles mit Gitarren haben, irgendwas Rockiges. Ich habe dann solche Leute gezielt gesucht und irgendwann Silkersoft gefunden, bei der „5und30“-EP. Das sollte eigentlich ein Album werde, wäre es das geworden, hätte man’s auch da schon gehört. Dann kam natürlich der Umbruch mit Depression und der ganzen Scheiße. Aber irgendwann dachte ich dann: Wieso sollte ich das eigentlich mit Beats angehen? Warum sollte ich das nicht wie ein normaler Musiker angehen, der nur solche Sachen macht? Also: Schreib die Songs, geh zu ’nem Produzenten und lass sie dann ausproduzieren.

Welche Musik hast du während dem Entstehungsprozess wirklich viel gehört, was hat dich beeinflusst?

Ich hab voll viel Musik gehört, aber sehr wenig Deutschrap. Ich höre generell keinen Rap, wenn ich schreibe, ich versuche dann immer nur Musik zu hören, die ich vorher nicht kannte. Und zu der Zeit hatte ich noch nie bewusst Bob Dylan gehört. Das hab ich dann sehr viel gehört, das ist ja auch sehr glückliche Musik. Man hört natürlich, dass Pixies viel gehört wurde. Ich hab sogar ’ne Playlist auf Spotify gemacht, die heißt Radio Stokkholm, da ist alles drin, was ich zu der Zeit gehört habe.

Das Album hat Alex Sprave produziert, der vor allem mit Pop-Musikern wie Mando Diao, Max Prosa, Tim Bendzko zusammenarbeitet – Wie kam da die Connection zustande?

Über Department Music, über Jan Simon. Wir haben ’nen Produzenten gesucht, wir hatten das Album ja geschrieben und dann nur noch jemanden gesucht, der das ausproduziert. Wir haben das auch selber versucht, hat aber nicht so gut geklappt. Dann haben wir über Jan den Sprave gefragt, ob der Bock drauf hat und er wär natürlich eigentlich vieeel zu teuer gewesen.A ber wir haben ihm das geschickt und er meinte, er versteht das von vorne bis hinten und dann ist das mehr so aus Leidenschaft und Bock entstanden.