Am Lagerfeuer in Wyoming: Kanye Wests „Ye“ ist da // Review

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Ach Kanye du mystisches Wesen, wie soll man nur endlich klare Worte zu dir finden? Die letzten Wochen, Monate oder sogar Jahre waren eine verdammte Achterbahnfahrt. Es gab musikalische Höhen, die immer wieder das Genie von Herrn West festigten. Dann ging es aber mit widersprüchlichen Interviews wieder steil Bergab, in denen zum Beispiel Sklaverei als eine Entscheidung der Versklavten selbst betitelt wurde. Ob man dieses ganze Spektakel rund um einen der kontroversesten Rapper unserer Zeit komplett vergessen kann, um aus rein musikalischer Sicht sein neustes Werk „Ye“ zu beurteilen? Klappt wahrscheinlich nicht ganz, soll es vielleicht auch garnicht. Unsere Autorin Nina hat sich den Stream reingezogen und versucht, passende Worte zu finden. Was wir euch jetzt schon sagen können: es fiel ihr verdammt schwer.

Kayne West ist einer der wenigen Menschen auf dieser Welt die ein „Motherfucking“ als zweiten Vornamen mit Würde tragen können. Unser aller Yeezus hat sich nämlich Dank seines musikalischen Genies für immer eine Position in der Rap-Welt gefestigt, die er wahrscheinlich auch durch die wahnsinnigsten Aktion nicht erschüttern kann – Ye bleibt Ye. Nun hat er seinen engen Kreis nach Wyoming geladen, um sein neuestes Album zu spielen: am Lagefeuer, irgendwo im Nirgendwo und natürlich mit hochkarätigen Gästen.

Wir waren auch dabei! Joke. Ich habe mir nur eine geleakte Version des Streams angeschaut. Nun versuche ich alles in Worte zu fassen. Dafür muss ich aber erstmal ein bisschen weiter vorne anfangen. Ein bisschen sehr viel. Und zwar mit der Frage, ob man außermusikalische Aktivitäten, also das Leben des Künstlers selbst, bei einer Betrachtung seiner Werke ausblenden kann. Antwort: Nein. Genausowenig, wie ich ignorieren kann, wenn sich irgendwelche Rapper mit schweren Missbrauchsfällen rumschlagen, kann ich auch in diesem Fall die öffentliche Persona des Künstlers nicht komplett ausblenden. Das Leben eines Artists beeinflusst seine Musik maßgeblich – Das macht Musik aus.

The most beautiful thoughts are always besides the darkest.

Kanye West

Gleich auf dem ersten Song spielt West wohl das wichtigste und gleichzeitig schlimmste seiner Themen an: seine Selbstmordgedanken. Eine Tracklänge erzählt er darüber, wie düster seine Gedanken teilweise sind und wie absurd es wäre, dass er sich umbringen wolle, obwohl er sich selbst mehr liebt als uns alle. Immer mal wieder sprach Kanye in der Vergangenheit über seine psychische Gesundheit, doch so kompromisslos und straight in unser Face, wie auf „I Thought About Killing You“ haben wir es bis jetzt wohl noch nicht serviert bekommen.

Vielleicht ist es dieser erste Song, der mich dazu bewegt hat, Kanyes Werk großteils in Bezug seines Seins zu beurteilen. Vielleicht gebe ich dem ganzen auch viel zu viel Gewichtung. Ich bin aber immer noch der festen Meinung, dass Mental Health-Issues und die aktive Auseinandersetzung damit in der Musik so vieler aktueller Künstler, eines der besten Dinge ist, die unserer Generation passieren hat können. Und genau aus diesem Grund, bin ich auch der Meinung, dass man Kanyes Interview-Wahnsinn nicht einfach als Wahnsinn abtun darf, ohne sich nicht ausgiebig mit seiner Persona zu befassen. Ganz nebenbei: Man denke nur kurz an den gesellschaftlichen Druck, der auf deinen Schultern liegt, wenn du einer der bekanntesten und einflussreichsten Künstler auf dieser Welt bist – Und zu dieser Überzeugung komme ich nicht, weil ich Kanye-Fan bin, sondern weil sogar meine Mutter im Tiroler Hinterland weiß, wer verdammt noch mal Kanye West ist und eine Meinung zu seinem Leben hat.

I love myself way more than I love you.

Kanye West

Aber ok, genug dazu. Genau so kontrovers wie Kanye selbst, ist eben auch teilweise der Inhalt von „Ye“. Weiter geht es nämlich auf „Yikes“ mit Worten zu seiner Bipolaren Störung, die Kanye aber nicht als Einschränkung, sondern als seine Superkraft sieht – „I’m a superhero“. Dabei droppt er auch die Line “Russell Simmons wanna pray for me too/Wanna pray for him ’cause he got MeToo’d.”. Naja, irgendwo musste doch dieser Kopfschüttel-Moment kommen. Er reißt kurz die TMZ-Geschichte an und seine vergangene Medikamenten-Abhängigkeit. (Wie schnell hat er bitte die Songs fertig bekommen? Das TMZ Interview ist jetzt ein Monat her.)

„All Mine“ mit Ty Dolla Sign bringt dann den anscheinend immer notwendigen Sex-Faktor im Rap-Game. „Let me hit it raw like fuck the outcome/Ay, none of us would be here without cum“ – Ja, zugegeben ziemlich witzig und wahr. Auch die Line über die Liebe zu den „Titties“, die beweist, dass sich Herr West auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren kann, ist durchaus erwähnenswert. Dann kommt noch ein Lovesong á la Yeezus („Wouldn’t Leave“) und als Closing-Track gibt’s ein paar berührende Worte über Mütter und vor allem seine Töchter North und Chicago.

Die Produktionen laufen unangestrengt und teilweise fast schon meditativ über das Trommelfell, wobei man das Producer-Schaffen von West eh schon längst als einwandfrei abgetan hat. Außerdem verwöhnt uns „Ye“ mit feinst selektierter Feature-Kraft: Ty Dolla $ign, Kid Cudi, John Legend, Valee, PARTYNEXTDOOR, Jeremih, Charlie Wilson und Nicki Minaj.

Auf „Ghost Town“ mit John Legend, 070 Shake und Kid Cudi gibt’s dann massig überzeugende Gitarren-Riffs, die sich bewundernswert passend zwischen die Future-Laserschuss-Sounds und den „Wir wollen frei sein und Leben genießen und chillen“-Charakter des Tracks legen. Dabei gehen die größten Gast-Props an 070 Shake – Die Stimme der New Yorkerin bohrt sich immer wieder direkt in mein Herz hinein.

Name one genius that ain’t crazy.

Kanye West

Ich kann nur nochmal sagen: Ye du mystisches Wesen. Zwar bin ich immer noch erschüttert von dem Donald Trump-Support (Ich versteh’s einfach nicht), doch hat Kanye meinen vollsten musikalischen Respekt. Wie ihr vielleicht gemerkt habt, spielt meiner Meinung nach Kanyes Persona eine sehr bedeutende Rolle bei seinem neusten Werk. Wegen dem ganzen kontroversem Bullshit vielleicht noch eine viel größere Rolle, als bei seinen letzten Releases. Kanye hat es geschafft trotz seiner nicht vertretbaren Aussagen und Aktionen mich mit „Ye“ vollkommen zu überzeugen. Und zwar auf kompletter Ebene: lyrisch, soundtechnisch und konzeptionell. Vielleicht bin ich einfach selbst so ein sentimentales Wrack, dass mich seine Ehrlichkeit und seine teils unerwartete reflektierte Herangehensweise an dieses Werk über so manch fragwürdige Lines hinweg schauen lassen. Vielleicht ist Kanye aber auch einfach wirklich nur dieses verrückte Genie, dass die Grenze zwischen Genialität und Wahnsinn als nicht existent ansieht und genau deshalb seine Musik konstant einen Schritt in die Zukunft treibt. Wie hat er auf dem „Life Of Pablo“-Track „Feedback“ schon so schön gesagt: „Name one genius that ain’t crazy“.