Kali Uchis: „Leute sind verwirrt, wenn sie merken, dass Frauen für sich selbst sorgen können.“ // Interview

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Während sich auf unserer Seite ein Potpourri aus Stress und Verspätungen zusammengetan hat, sah die Welt bei Kali Uchis am Interviewtag auf dem Melt Festival (ja, das Festivalgelände, das eine Woche zuvor von uns splash!-Gängern verwüstet wird) im wahrsten Sinne des Wortes rosig aus. Frische Blumen auf dem Tisch, Duftkerzen-Geruch in der Luft und eine tiefenentspannte (und frisch manikürte!) Kali, die während des Gesprächs ganz im Mariah-Carey-Manier auf dem Sofa lag. Mit ansteckender Ruhe erzählte die gebürtige Karly-Marina Loaiza unter anderem von ihrem aktuellen Album „Isolation“, ihrer Art von Self Care, ihren ersten musikalischen Schritten mit Snoop Dogg und vielem mehr.

Hey Kali, willkommen in Gräfenhainichen. Hast du irgendwelche Verbindungen zu oder weißt du irgendwas Bestimmtes über Deutschland?

Naja, mein Manager ist Deutscher (lacht). Und ich habe ein paar deutschsprachige Künstler gehört als ich jünger war.

Es ist gerade hochoffiziell „Cancer Season“ und du bist auch Krebs von Sternzeichen. Du glaubst an Astrologie, richtig?

Ja, von klein auf!

Was macht dich zu einem typischen Krebs?

Ich denke alle Eigenschaften eines Krebs‘ treffen auf mich zu. (lacht) Es passt natürlich nicht auf jeden, glaube ich, aber auf mich schon – ich bin durch und durch Krebs.

Wir haben deinen Insta-Account gestalkt und sehen dich immer umgeben von Kerzen, badend, gutes Essen essend. Es scheint so, als würdest du viel Wert auf Self Care legen. War das schon immer so?

Meine Tante hat mich so aufgezogen und mir gesagt, dass man sich Zeit für sich selbst nehmen muss. Aber es gab auf jeden Fall Abschnitte in meinem Leben, in denen ich schlecht gegessen habe und so weiter, weil ich mir diesen Luxus und all solche Dinge einfach nicht leisten konnte. Also versuche ich jetzt das Beste aus der Situation zu ziehen, in der ich gerade bin und in der ich die Möglichkeit habe, mir die Zeit zu nehmen. Aber selbst als ich nicht gut essen, ständig baden konnte usw. habe ich trotzdem immer mit kleinen Sachen für mein Wohlbefinden gesorgt – ich habe zum Beispiel immer meine Nägel gemacht. Das gehört aber auch zu meiner kolumbianischen Kultur.

Also gehst du an sowas sehr bewusst ran?

Das sind Sachen, über die ich nicht mehr wirklich nachdenke. Wenn ich meine Hände oder Füße angucke und irgendetwas unordentlich aussieht, stört es mich sofort.

Um bei dem Thema zu bleiben. Du hast kürzlich getwittert „I dunno ab u guys but i’m gonna let these blessings roll into my life & no longer let myself feel unworthy of good things”. Kannst du erklären, wie du das meintest?

Ich glaube, Leute, die von anderen immer das Gefühl bekommen haben Dingen unwürdig oder allgemein nicht gut genug zu sein, verstehen ganz genau, was ich meine. Es gab Zeiten in meinem Leben, zu denen ich dachte, dass nichts von dem was ich mache, gut genug sei. Das ist eine riesige Blockade, es hält dich davon ab, so zu scheinen und zu strahlen, wie du es eigentlich solltest.

Dass die Zeit der Menschen als so wertlos angesehen wird, stört mich am meisten.

Kali Uchis

Du bist eine Person, die viele Menschen stärkt und empowert, vor allem Frauen. Du gibst ihnen Selbstbewusstsein. Aber oft steht hinter solchen Personen, eine Person, die sie wiederum ermutigt hat. Gab es bei dir so jemanden?

Mein Umfeld, meine Freunde, die Leute, die mich lieben und mein Team sind eine große Unterstützung. Man sollte sich immer mit Leuten umgeben, die einen unterstützen. Das ist sehr wichtig. Ein konkretes Idol, zu dem ich aufgeblickt habe, hatte ich nie.

Viele sagen, du hast einen Vintage-Vibe. Dein Look, deine Musik. Ich weiß nicht, ob du das auch so siehst, aber hast du eine bestimmte Epoche, in Bezug auf Kultur, die du magst?

Ich denke nicht, denn jede Zeit hat ihre eigenen Vorzüge. Die 60er, 70er, 90er sind toll, ich liebe Musik aus den 80ern. Jede Ära, jede Kultur hat Dinge, die man von ihr lernen und mitnehmen kann.

Wo wir schon bei Stil sind. Kannst du mir etwas über deine persönliche Entwicklung in Sachen Stil erzählen? Wie hast du dich z. B. als Jugendliche gekleidet?

Ich bin durch viele Phasen gegangen. Ich habe zum Beispiel eine Zeit lang nie schwarz angezogen. Meine Haarfarbe hat von Platinblond zu Rot und Pink gewechselt. Jetzt liebe ich meine natürliche Haarfarbe. Man wächst einfach, findet sich selbst und durchläuft dabei verschiedenen Phasen des Erwachsenwerdens. Du merkst, was deine Persönlichkeit am besten ausdrückt. Mein Stil passt sich einfach der Situation an, in der ich mich gerade befinde, meinen Gedanken und Gefühlen.

Kommen wir nun zu deinem Album und einigen Songs. Kannst du mir etwas über den Hintergrund von „Your Teeth In My Neck“ sagen? Es scheint so, als würde es um deine persönlichen Erfahrungen in der Musikindustrie gehen.

„Your Teeth In My Neck“ ist ein Song, der auf alle Branchen anspielt. Es geht um Kapitalismus, das Gefühl, dass wir alle nur Gefangene der Gesellschaft sind und die einzige Perspektive und das einzige Ziel Geld und Erfolg sind. Wir denken, dass diese beiden Sachen uns glücklich machen. In Wirklichkeit arbeiten die meisten aber für einen Mindestlohn, während die Personen an der Spitze das wirklich große Geld machen. Dass die Zeit der Menschen als so wertlos angesehen wird, stört mich am meisten. Und dass Leute von Arbeitern profitieren, die täglich um ihr Leben, das ihrer Kinder, ihrer Familie kämpfen müssen und die gerade mal genug Geld verdienen um sich ernähren zu können.

Auf „Miami“ singst du: „They look at me funny when I write a check, ‚cause they assumed I would be paying in sex“. Könntest du die Line etwas näher erläutern, auf was spielst du an? Die Leute in der Branche?

Es handelt unter anderem davon, dass Leute verwirrt sind, wenn Frauen für sich selbst sorgen können (lacht). Wenn du eine Frau bist, denken viele, dass irgendwer für dich sorgt, dich dahin gebracht hat, wo du jetzt bist und für dich zahlt, wenn du deine Haare und Nägel machen lässt. Sie sind überrascht, wenn sie merken, dass du das alles allein geschafft hast.

Auf „Tomorrow“ erzählst du: „Daddy said he needed money, so he put her on the street, she had just turned 13, got a family to feed. Yeah, we grew up in a hurry, daddy got a little worried.“ Wie kamst du auf dieses Thema?

Der Song handelt von Kinderprostitution. Es geht darum, dass Mädchen das Gefühl haben, schnell erwachsen werden zu müssen, weil sie für ihre Familien da sein müssen. Es war immer ein Thema, das mich bewegt hat, weil ich viele Personen kannte, denen dieses Schicksal zuteil wurde. Eine der traurigen Realitäten, in der wir leben. Viele von uns können nicht lange kleine Mädchen sein, unsere Jugend wird uns genommen. Wir werden schneller Frauen, als wir es eigentlich sollten. Ich möchte mit diesen Mädchen wegrennen, sie aus diesen Situationen rausholen. Ich möchte, das Kinderehen verboten werden, dass alle diese Dinge enden – die Sexualisierung von kleinen Mädchen. Es ist verstörend und ein Thema, das mir sehr nahe geht.

Eine letzte Frage: 2014 hast du einen Song mit Snoop Dogg aufgenommen. Wie ist das denn passiert?

Das war die Zeit, in der ich mein erstes Mixtape produziert habe. Ich nahm 17 Songs auf, quasi über Nacht und releaste sie willkürlich. Daraufhin hatten mich viele Leute auf dem Schirm und auch kontaktiert – Snoop war einer von ihnen. Ich hatte das große Glück, mit Leuten wie Snoop, Tyler und Diplo zusammenarbeiten zu können, als ich nach L. A. kam. (kichert)

Dann vielen, vielen Dank. Hast du noch ein paar letzte Worte für die deutsche HipHop-Szene?

Nee, nicht wirklich (lacht).

Fotos: Till Wilhelm

Text: Till Wilhelm & Miriam Davoudvandi