Juice WRLD: „Ich schreibe generell keine Texte mehr. Ich freestyle.” // Interview

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Inmitten seines Promo-Runs in Berlin sitzt er also da, in einem x-beliebigen Konferenzraum von Universal Music, mit einer Flasche Jägermeister in der Hand, auf unser Interview wartend: Juice WRLD. Dieses Phänomen, dieser Teenager aus Chicago, Illinois, der in seinem Heimatland innerhalb kürzester Zeit regelrecht durch die Decke gegangen ist – mit zwei astreinen Hits („Lucid Dreams“ und „All Girls Are The Same“) im Gepäck. Wenn er auf Letzterem rappt, „Fuck Sippin‘/I’ma down a whole bottle/Hard liquor, hard truth, can’t swallow“, bekommt das anfangs erwähnte Bild nochmal eine ganz andere Wirkung. Ja, man könnte Juice WRLD ohne Probleme in die Schubladen des Emo- oder Cloud-Raps stecken. Gerecht werden würde man seinem gebündelten Talent damit jedoch bei Weitem nicht. Wer sich jetzt fragt, was das konkret bedeuten soll, dem sei sein einstündiger (!) Freestyle bei OG Tim Westwood ans Herz gelegt. Am Vorabend seiner Clubshow im Prince Charles hat sich unser Autor Anton Fahl mit Juice WRLD über den Startschuss seiner Karriere, düstere Lebensphasen und den viel zu frühen Tod von XXXTentacion unterhalten.

Juice WRLD, eine Frage vorab: Du bist gerade mal 19 Jahre alt, oder?

Yup, das ist richtig!

Als ich hier hochkam, habe ich dich mit einem Jägermeister in der Hand gesehen…

…die Flasche habe ich gerade gekillt. (Lacht) Ich hab das Zeug noch nie zuvor getrunken und wollte mal was Neues testen – und ich muss sagen: ‚Jäger‘ schmeckt ziemlich gut! Ab welchen Alter darf man hier eigentlich Alkohol trinken?

Ab 16 darf man Bier kaufen.

Wie bitte?! Ihr dürft schon mit 16 Bier trinken? Kein Wunder, dass hier so viele betrunkene Menschen auf den Straßen unterwegs sind. (Lacht) Ich habe hier aber auch schon viel getrunken. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich super friedlich bin, selbst wenn ich Alkohol konsumiert habe. Im betrunkenen Zustand bin ich zu allem in der Lage, sogar zum Recorden.

Womit wir beim eigentlichen Thema – deiner Musik – wären. Wenn man deinen SoundCloud-Kanal durchforstet, stellt man fest, dass du deine ersten Tracks noch unter dem Künstlernamen JuiceTheKidd veröffentlicht hast. Heutzutage kennen dich alle nur noch als Juice WRLD. Welche Bedeutung hat dieser Name für dich?

Am Anfang habe ich meinen Namen nur aus Spaß zu Juice WRLD geändert. Heute hat der Name eine große Bedeutung für mich: Er verkörpert den Gedanken der Weltherrschaft. Ich will mit meiner Musik alle Menschen dieser Erde erreichen. Und nun sitze ich hier in Berlin!

Wann hast du angefangen, Musik zu machen?

Seitdem ich denken kann, hat Musik eine zentrale Rolle in meinem Leben gespielt. Musik hat mich schon immer in ihren Bann gezogen, sodass es völlig natürlich war, dass ich irgendwann angefangen habe, Musik zu machen. Das ist nichts, was ich erzwinge oder was mich stresst. Ganz anders also, als zum Beispiel Schule, die mich immer gestresst hat.

Apropos: Hast du einen Highschool-Abschluss?

Die Highschool habe ich abgeschlossen, auf’s College bin ich aber nicht gegangen. Direkt nach der Schulzeit habe ich angefangen, in einer Autofabrik zu arbeiten. Das war schrecklich! Weißt du, was das Traurigste dabei war? Ich habe dort mit Leuten zusammengearbeitet, die drei- oder viermal so alt waren wie ich und schon ihr ganzes Leben dort gearbeitet haben. Als ich das realisiert habe, habe ich mir gesagt: „Ich kann und will das nicht.“ Schließlich hat genau das dazu geführt, dass ich immer härter an meiner Musik gearbeitet habe.


Deprimiert zu sein ist nicht das Ende der Welt – auch wenn es sich so anfühlen kann.

Juice WRLD

Für wen machst du Musik?

Ich habe das Gefühl, dass jeder in seinem Leben an einen Punkt kommen wird, an dem er meine Musik hören wird, um mit einem bestimmten Umstand klarzukommen: Das können Depressionen, Selbstmordgedanken, Einsamkeit oder Herzschmerz sein. Außerdem habe ich die Fähigkeit, Musik zu machen, die Genregrenzen sprengt. Bands wie Black Sabbath, Blink-182 oder The Beatles inspirieren mich genauso wie Chief Keef, Kanye West, Kid Cudi oder Nas – diese Liste könnte ich unendlich lange fortsetzen. Hinzu kommt, dass meine Musik eng mit meinem echten Leben zusammenhängt – ich thematisiere alles, was ich durchmache. Das Leben ist eine Achterbahn und meine Musik repräsentiert genau das: Sie ist eine Achterbahn der Gefühle. Was nicht zwangsläufig etwas Trauriges ist. Betrübte Emotionen sind schließlich nicht die einzigen Gefühle, die wir Menschen haben. Jeder einzelne Tag hat seine Hoch- und Tiefpunkte. Es ist echt wichtig, dankbar für das zu sein, was man hat. Man sollte alles dransetzen, die eigenen Hochs genau wahrzunehmen, um sich an sie erinnern zu können, wenn man sich schlecht fühlt. Deprimiert zu sein ist nicht das Ende der Welt – auch wenn es sich so anfühlen kann. Egal, wie hart es einem erscheint, man kann diese schwierigen Phasen immer überstehen. Klar ist aber auch: Physische Schmerzen sind ein Witz, mentale Schmerzen sind dagegen echt abgefuckt.

Auch wenn sich in den letzten Jahren schon einiges getan hat, habe ich nach wie vor das Gefühl, dass Menschen, die offen über ihr seelisches Innenleben sprechen, immer noch stigmatisiert werden. In deiner Musik thematisierst du schonungslos, was in deinem Inneren abgeht. Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, über Gefühle und psychische Krankheiten zu sprechen?

Weil mir scheißegal ist, was andere Leute denken. Musik ist meine Therapie. Ich möchte alle Menschen erreichen und meinen Teil dazu beitragen, dass jeder irgendwann Frieden mit sich schließt. Natürlich ist mir aber auch bewusst, dass ich nun im Rampenlicht stehe. In der Zukunft wird es einfach sein zu sagen: „Da hat er einen Fehler gemacht!“ oder „Das hätte er besser machen können!“ Am Ende des Tages bin ich aber auch nur ein Mensch, wir machen alle Fehler, niemand ist perfekt. Die Leute versuchen immer, Berühmtheiten zu glorifizieren und den Anschein zu erwecken, dass sie makellos wären. Es gibt auf der Erde aber nicht eine einzige perfekte Person.

Du hast gerade schon angesprochen, dass Musik deine Form der Therapie ist. Bist du schon immer so offen und ehrlich mit deinen Gefühlen und inneren Kämpfen umgegangen?

Absolut nicht. Musik ermöglicht es mir, meine Individualität auszudrücken und zu sagen, wer ich bin, was ich mache, was ich repräsentiere, was ich gutheiße und was nicht.

Vor etwa zwei Wochen wurde Jahseh Dwayne Onfroy, besser bekannt als XXXTentacion, Opfer eines grausamen Gewaltverbrechens. Wo warst du, als du davon erfahren hast und was war dein erster Gedanke?

Zu dem Zeitpunkt war ich gerade auf dem Weg zu einem Fotoshooting. Aus heiterem Himmel zeigte mein Manager auf sein Handy und meinte: „Guck dir das an!“ Worauf ich nur antworten konnte: „Damn, X wurde angeschossen.“ In den ersten Berichten hieß es ja zunächst noch, dass er nicht ansprechbar sei. Erst etwas später wurde er für tot erklärt. Ruhe in Frieden, X.

Wie gut kanntest du ihn?

Anfang des Jahres habe ich X zum ersten Mal persönlich getroffen und in letzter Zeit habe ich ihn immer besser kennengelernt. Wir haben ein paar echt tiefgründige Unterhaltungen geführt. Ehrlich gesagt habe ich nicht mit allen seiner Ansichten übereingestimmt, er hat aber nie etwas Schlechtes über mich gesagt. Ganz im Gegenteil: Er hatte immer einen Ratschlag für mich parat und hat mich immer aufgebaut. Er war ein enorm positiver Mensch, der aus seinen Fehlern gelernt hat. Natürlich hat sich X manchmal falsch verhalten und Mist gebaut. Man sollte aber nicht vergessen, dass er gerade mal 20 Jahre alt war. Das ist ein Alter, in dem man sich erst noch finden muss. Ich finde es auch unfair, eine Person zu verurteilen – wie es teilweise in den Medien geschehen ist – die noch so jung ist. Seien wir mal ehrlich: Mit 20 ist man im Prinzip noch ein Kind. Er hatte gute Intentionen und wollte positive Botschaften vermitteln. Ich kann nichts Negatives über X sagen. Ganz zu schweigen davon, dass ich ein riesiger Fan seiner Musik war und bin. Jahseh ist eine Legende, er ist der 2Pac unserer Generation. Ich weiß, dass das eine sehr starke These ist, ich zögere aber keinen Moment, das so deutlich zu sagen.

Man sollte nicht vergessen, dass er gerade mal 20 Jahre alt war. Das ist ein Alter, in dem man sich erst noch finden muss.

Juice WRLD

Am Tag nach XXXTentacions Tod hast du mit „Legends“ und „Rich And Blind“ zwei Tracks veröffentlicht, auf denen du dich unter anderem mit dem Schicksal von X und Lil Peep auseinandersetzt. Wie sind diese Songs entstanden?

Diese beiden Tracks habe ich noch in der Nacht, in der er erschossen wurde, aufgenommen. Dazu muss man wissen: Ich schreibe generell keine Texte mehr. Ich freestyle. Den Text zu ‚Lucid Dreams‘ und die erste Strophe zu ‚All Girls Are The Same‘ habe ich noch geschrieben, der Rest meines Debütalbums ‚Goodbye & Good Riddance‘ ist gefreestylet.

Eine Line auf ‚Rich And Blind’ ist mir ganz besonders im Gedächtnis geblieben: „I know I have a purpose, but I don’t see the purpose”. Kannst du diese Aussage näher erläutern?

Meine Bestimmung ist es, die Jugend zu berühren und Leute zusammenzubringen. In der Welt passieren zurzeit aber so viele verrückte Dinge, dass ich den Eindruck bekomme, mit meinen Worten nichts zu erreichen. Gleichzeitig spüre ich aber sehr wohl, dass meine Botschaften bei den Leuten da draußen ankommen. Das ist also echt ambivalent.

Was ist deine Botschaft an die Jugend?

Es ist okay, mit sich im Unreinen zu sein. Es ist okay, Scheiße zu bauen. Es ist okay, Spaß zu haben, manchmal auch auf die vermeintlich falsche Art und Weise. All das ist okay, solange man aus seinen Fehlern lernt und die richtigen Schlüsse zieht.