Jugo Ürdens – „Entweder sie beschimpfen mich als Nazi, oder als scheiß Ausländer“

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Jugo Ürdens wurde in Mazedonien geboren, wohnt in Österreich und will keine wacken Politik-Tracks machen – so ungefähr könnte man den Wiener in einem Satz zusammenfassen. Um aber den Sound des Wiener Pretty-Boys wirklich zu verstehen, sollte man kein Feind von Ironie und Provokation sein. So rappt er auch mal mit seiner auf zwei Millimeter gestutzten Stoppelglatze über die Zwiebelfahne und den rot-weiß-roten Reisepass („Österreicher“). In Wien kennt man Jugo spätestens seit seiner „Ajde“-EP. Weihnachten 2016 fand seine Musik dann auch den Weg über die Landesgrenzen der Schnitzel-Hauptstadt hinaus: auf „Alle Jahre Wieder“ wurden auch deutsche HipHop-Medien aufmerksam. Mit liebevollem Wiener-Schmäh und trappigem (Straßen-)Rap sicherte er sich einen Vertrag bei Gerards neugegründetem Label Futuresfuture. Nina Nagele hat Jugo Ürdens in Wien getroffen und mit ihm einen türkischen Vorspeisenteller verspeist. Miteinander gequatscht haben sie auch ein bisschen.

Foto: Nina Francesca Nagele

Foto: Nina Francesca Nagele

Du hast der Wiener Gratis-Zeitung Heute ein Interview gegeben, die den Ruf eines rechtsorientierten Boulevardblattes hat. Hattest du keine Bedenken davor?

Ja, klar hatte ich Bedenken. Die Heute vertritt halt doch eine gewisse Moral und Werte, mit denen ich mich nicht identifizieren kann und will. Aber ich dachte mir: „Egal, lass machen.“ Das Interview hatte doch eine akzeptable Reichweite, es hat knapp 1.600 Klicks auf YouTube – mehr als so manche Videos von irgendwelchen Wiener Untergrund-Rappern. Das macht schon alles irgendwie Sinn – und es war im Endeffekt sehr witzig. Ich hatte im Vorhinein aber gleich mal einen Snap gemacht, auf dem ich verträumt ins Nichts schaue und mich frage, wieso ich der Heute ein Interview gebe. Aber naja, was soll’s? Ich glaube, die Leute verstehen schon, dass ich das alles nicht so ernst meine.

Dein Künstlername weist ja gleich darauf hin, dass du aus dem ehemaligen Jugoslawien kommst. Bist du manchmal mit Erwartungen und Vorurteilen konfrontiert, gerade weil do so offensichtlich als „Jugo“ auftrittst.

Nein, nicht wirklich. Ich bin ja weiß und habe blaue Augen. Das klingt echt krass, aber ich glaube, dass es auch damit zusammenhängt. Ich persönlich hatte noch wenig mit Diskriminierung zu tun, da ich ausschaue wie ein Österreicher. Es sind eher die Hipster und Bobos, die mit „Brate“ oder „Brrruda“ ankommen. Ich verstehe nicht, wieso die nicht normal mit mir reden können. Das sind dann aber meistens die Pseudo-Aufgeklärten, die glauben, sie hätten’s verstanden.

Wieso überhaupt Jugo Ürdens? Ist Udo Jürgens deine Secret Love?

Nein, weißt eh, besoffen halt. (lacht) Der Kaul Kwappen, ein Kumpel von mir, hat mich irgendwann so getauft. Das wurde zum Running Gag und hat als Aufhänger gut gepasst. Mit der Glatze und der Ästhetik rundherum passt das Gesamtbild einfach. Vielleicht spricht es deswegen ein paar mehr Leute an, weil es auch provokant ist. Politisch passend, aber trappig genug, dass es in die Zeit passt.

Kein Piano-Beat und keine Texte über mein hartes Leben. Es gibt schon genug wacke Tracks über Integration und Politik.

Jugo Ürdens

Auf „Österreicher“ besingst du den Ösi-Reisepass.

Ich wurde ja in Mazedonien geboren und bin mit sieben Jahren nach Österreich gekommen. Ich habe den österreichischen Reisepass aber immer noch nicht. Also beantragt und so schon, aber halt noch keinen offiziellen Pass. Die Bürokratie ist da richtig nervig. Das dauert alles ewig, man muss tausende Formulare ausfüllen und irgendwelche Unterlagen bringen. Zum Beispiel ein Leumundszeugnis aus Mazedonien, um zu beweisen, dass man nicht straffällig geworden ist – nochmal kurz: Ich war 7 als ich nach Österreich zog. (lacht) Und es kostet unglaublich viel Geld. Also muss man den Tag, an dem man diesen Wisch endlich in den Händen hält, darf man schon feiern.

In deinen Tracks finden immer wieder gesellschaftskritische Themen statt. Wie aktiv willst du dich damit auseinandersetzten?

Ich möchte niemals ein politischer Rapper sein. Zumindest nicht auf die Art „Ich mach jetzt aufmerksam auf die Missstände aus meinem Untere-Mittelschicht-Leben“. Mir fehlt es ja eigentlich an nichts, was soll ich da groß rumheulen? Ich möchte meine persönlichen Erfahrungen als Österreicher einbringen – aber auf keine scheiß Art. Kein Piano-Beat und keine Texte über mein hartes Leben. Es gibt schon genug wacke Tracks über Integration und Politik. Dann lieber halt einmal richtig, mit ein bisschen Witz, und dann nie wieder.

Ja, du arbeitest ja auch mit sehr viel Schmäh und Ironie, zum Beispiel auf „Alle Jahre wieder“. Hast du manchmal Bedenken, dass Leute deinen Humor nicht verstehen?

(lacht) Am besten einfach 16Bars-Kommentare lesen. Da geht’s krass ab, richtige Hass-Kommentare: „Der nächste Fotzen-Act, der hier representet wird, safe disslike. Was ist das für ein Hurensohn? Wer fährt mit mir nach Österreich und bringt ihn um?“ So auf die Art. Also echt heftig. Entweder sie beschimpfen mich als Nazi oder als scheiß Ausländer – sie konnten sich nicht wirklich entscheiden. Ein paar meinten auch, ich hätte in zweieinhalb Minuten HipHop getötet. Es gibt also genug Leute, die es nicht verstehen. Aber diese Menschen wird es immer geben und dagegen kann man nicht wirklich etwas machen. Manche Menschen können mit derartig ironischen Provokation einfach nicht umgehen.

Du rappst auf einem Track darüber, wie du „Hietzinger (Wiener Bezirk; Anm.d.Aut.) Schlampen zerfickst“.

Witzige Story dazu: Wir wollten im Au spielen, das ist eine Event-Location in Wien. Auf die Anfrage haben wir dann die beste Antwort bekommen: dass das Au nicht die richtige Location für „einen Jugo Ürdens“ sei, der in seinen Texten irgendwelche Schlampen zerfickt. Ich verstehe schon, dass man sowas ein bisschen krass finden kann und man solche Zeilen teilweise nicht versteht. Vor allem, wenn sich jemand nicht mit meiner Musik befasst. Aber andererseits schmuse ich in meinem ersten Video mit einem Typen rum. Ich finde, das relativiert sowas halt eigentlich schon. Man sieht und hört was man hören will, aber ich finde, wenn man sich mit meiner Musik wirklich auseinandersetzt, versteht man die Ironie. Gestern ist auch irgendein Wiener Underground-Rapper auf mich zugekommen, ohne Vorwarung, und meinte zur mir: „Du bist Jugo Ürdens, oder? Du bist echt wack.“ – Dann ist er wieder gegangen. Ich finde sowas aber eher lustig, als dass ich mir darüber zu viele Gedanken mache.

Siehst du dich denn als Teil der Wiener Rap-Szene?

Nein, nicht wirklich. Aber ich glaube, dass ich von vielen krassen Rap-Heads gehatet werde. Aber eigentlich ist es doch eh egal, solange es noch irgendwelche Mädels gibt, die mir auf Snapchat Nacktbilder schicken. (lacht) Nein, Spaß! Aber ich mache mir keinen Kopf über irgendwelche Rap-Szenen. Ich glaube, ich bin noch zu klein, um über eine Akzeptanz in irgendeiner Szene nachzudenken und es ist mir auch relativ egal.

Solange es noch irgendwelche Mädels gibt, die mir auf Snapchat Nacktbilder schicken, ist es doch eh egal.

Jugo Ürdens

Was sind denn deine musikalischen Einflüsse?

Ich höre ganz viel deutschen Straßenrap. Haftbefehl ist richtig krass – nicht auf ironisch, sondern ernst. Die KMN Gang finde ich auch richtig heftig, Azet und so. Aber eigentlich alles: Audio88 & Yassin, Zugezogen Maskulin, K.I.Z und so. Was Ami-Rap angeht, höre ich immer noch „Life of Pablo“ – ich habe es immer noch nicht tot gehört. Ich war ein bisschen vom neuen Kid Cudi enttäuscht. Das Intro war mega krass, aber alles andere war eher Müll. Ich verstehe nicht, dass er seine Depression so krass öffentlich macht, das lenkt übelst von der Musik ab. Ich persönlich würde sowas nicht machen. Ich würde das niemandem erzählen. Aber „Frequency“ ist so Killer – das Video und der Beat. Irgendwann will ich auch solche Beats machen.

Du produzierst ja auch selbst, aber unter dem Namen Jue. Wieso produzierst du unter einem anderen Namen?

Ich produziere fast alle meiner Tracks selbst. Für das Producer-Alter-Ego gibt es einen ganz simplen Grund: „Jugo Ürdens – Songtitel (prod. by Jugo Ürdens)“ – das sieht echt beschissen aus. Das hat also rein ästhetische Gründe. Ich finde, Produzieren macht eigentlich viel mehr Spaß als Rappen – ich lege viel mehr Wert auf Beats. Ich bin nicht der beste Beat-Bastler, dafür mache ich das noch nicht lange genug. Aber ich liebe es. Ich produziere jetzt auch die EP von Einfachso, der den Feature-Part bei „Trainer“ gerappt hat. In dieses Rap-Ding bin ich irgendwie so reingestoplert. Ich war vorher bei Sprachsex, das ist auseinander gegangen, weil wir einfach keine Kompromisse mehr eingehen wollten. Danach habe begonnen, alleine Musik zu machen. Ich dachte mir, ich versuch es halt mal. Und das beste an einer Solo-Karriere ist, dass ich gar keine Kompromisse mehr eingehen muss. Ich muss niemandem was erklären, niemanden von meinen Ideen überzeugen. Ich kann einfach machen, was ich will.

Ist es dir wichtig, deine Herkunft auch in deine Musik einfließen zu lassen und mazedonische Musik zu samplen?

Ja, voll. Ich sample sehr viel aus dem Balkan-Bereich. Ich finde das nicht unglaublich wichtig, aber es ist schon cool, wenn man so aus von seinem Herkunftsland musikalisch beeinflusst wird. Das macht alles irgendwie Sinn – und es macht echt viel Spaß. Die ganzen älteren Balkan-Songs haben so einen schiefen, schrägen Touch. Keine schönen Tonleitern, das ist alles ein bisschen besonders. Aber: Wenn’s Sample geil ist, ist das Sample geil – egal wo es herkommt.

Man sieht ja auch an deinen Videos, dass du sehr viel Wert auf Ästhetik legst. Bist du kunstinteressiert?

Ich bin nicht krass into Kunst. Aber es muss alles schön aussehen. Ästhetik ist das Wichtigste. Ich höre auch selbst viel lieber einen Song an, der ein richtig geiles Video hat. Das macht die Musik noch interessanter und ist einfach besser als ein Video mit wackeliger Kameraperspektive, drei Schnitten und In-die-Fresse-Stil. Man braucht mittlerweile echt nicht mehr viel, um ein schönes Video zu drehen. Deshalb ist es für mich schon sehr wichtig, dass das Visuelle auch stimmt. Da geht es wieder um das Gesamtbild.

Für Volume hast du mit dem Wiener Fotografen Echtfleisch ein Fashion-Editorial geshootet. Interessierst du dich für Mode und Style?

Ein bisschen, aber ich drehe nicht durch, wenn ich einen Supreme-Hoodie sehe. Diese Fashion-Heads, die für Streetwear sterben würden, sind mir alle ein bisschen zu krass. Ich find das alles ganz cool, aber man kann auch übertreiben. Aber das soll jeder machen, wie er will.