JPEGMAFIA: „Punk heißt: Entschuldige dich nicht für das, was du bist“ // Interview

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Based in Baltimore, hat sich Barrington „Peggy“ DeVaughn Hendricks in letzter Zeit in unsere Herzen gerappt. Anfang des Jahres erschien sein viertes Album „Veteran“, auf dem ordentlich Schüsse in Richtung Rap-Szene, Alt-Right und Medien verteilt werden. Bevor er im November auf drei Tourstopps in Deutschland vorbeischaut, haben wir den Rapper nochmal angerufen und über das Internet, Punk und Perfektionismus gesprochen.

Du wirst von Medien meistens in eine Art Bewegung experimenteller Rap-Artists eingeordnet, die gerade stärker wird. Siehst du dich in dieser Rolle?

Ja, definintiv. Ich denke, ich bin einer derjenigen, die versuchen, das krass zu pushen. In jeder Musikrichtung gibt es ja Phasen, in denen alle versuchen, einfach das gleiche zu machen. Einfach, weil es funktioniert. Im HipHop sind wir gerade an dem Punkt, an dem das nächste große Ding ansteht, aber wir wissen noch nicht, was es ist. Ein paar andere Artists und ich versuchen, irgendwie zu diesem nächsten großen Ding zu kommen.

Welche Artists würdest du noch damit assoziieren?

Äh… (Überlegt) Denzel Curry, Injury Reserve, Slowthai, auch Zillakami, viele sehr junge Artists, die einfach außerhalb des Standards denken. Die bekommen nicht so viel Aufmerksamkeit, aber es gibt echt viele, die diesen neuen Scheiß machen. Der Rest der Welt muss da erstmal nachziehen.

Große Artists wie Drake und A$AP Rocky hast du ja auch schon gerne gedisst – Gibt es zur Zeit überhaupt Vorbilder für dich in der Rap-Szene?

Kanye ist immer noch einer der ganz Großen für mich, auch wenn er in letzter Zeit etwas durchdreht. Aber sein Einfluss kann man sich nicht wegdenken. Auch Danny Brown, Earl Sweatshirt. Das sind einfach auch Wegbereiter für das gewesen, was ich jetzt mache.

Was ist mit den alten Idolen? Du bist ja auch großer ODB-Fan.

Ich bin mit den Anfängen von HipHop aufgewachsen. Ich respektiere die großen MCs, KRS One, Public Enemy, Ice Cube. Gerade für meinen Style, dass ich über viele politische Angelegenheiten rappe, waren die Künstler der 80er und 90er sehr wichtig.

Was regt dich an der aktuellen Szene am meisten auf?

Das Schlimmste für mich ist, dass die Leute andauernd sterben. So viele bekannte Rapper sind dieses Jahr gestorben. Mac Miller, XXX… Ich weiß nicht genau, wie ich das sagen soll, aber es passiert gerade so oft und so sinnlos. Das ist scheiße.

Denkst du, das HipHop von vornherein progressiv ist?

Ja, so sollte es zumindest sein. Ich glaube schon, dass HipHop den anderen Genres immer einen Schritt voraus ist – auch weil sich das Genre so schnell verändert. Rock hat sich seit 50 Jahren eigentlich nicht mehr verändert. Die machen immer noch den gleichen Scheiß wie in den 60ern und denken, dass es funktioniert und das tut es nicht (lacht). Ja, ich denke, HipHop ist das progressivste Genre, wahrscheinlich das progressivste aller Zeiten.

Wie findest du dann dieses ganze „Work Hard, Play Hard“-Theme? Ist das nicht schon irgendwie neoliberal?

Naja, es stimmt ja schon, man muss hart arbeiten, um es zu schaffen. Aber der größte Part ist eigentlich Timing. Die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit. Hart zu arbeiten ist definitiv wichtig, aber es kommt immer so viel Scheiß zufällig, mit dem man nicht rechnen kann.

Deine Musik hat ja einen ziemlichen “In Your Face”-Vibe. Würdest du dich als aggressive, impulsive Person beschreiben?

Ja, ich habe schon eine aggressive Persönlichkeit. Jetzt bin ich ja 28, aber als ich jünger war, war ich richtig aktiv-aggressiv, das lag natürlich auch an der Phase und der Situation, in der ich gesteckt habe. Ich bin immer noch sehr impulsiv, aber ich benutze jetzt die Musik, um meine Aggressionen raus zu lassen, während ich im echten Leben viel entspannter bin.

Du hast deine Kindheit in Brooklyn verbracht – Hat das noch einen Einfluss auf deine Musik?

Sicher. Ich bin eben dort aufgewachsen und gehe regelmäßig dorthin zurück, es ist ein nostalgischer Ort für mich. Er inspiriert mich immer noch und lässt Gefühle aus der Vergangenheit wieder hochkommen. Ja, Nostalgie ist schon das richtige Wort dafür. Wie wenn du ein Bild von dir selbst von vor einer langer Zeit siehst und dich nicht mehr ganz daran erinnern kannst. Diese Art von Nostalgie spüre ich, wenn ich dort rumlaufe.

Welche Rolle spielt Baltimore in deinem Leben und deiner Musik?

Ich bin echt froh, dass du fragst, ich bin in meinem Leben so viel umgezogen und der einzige Ort, an dem ich mich wirklich zuhause fühle, ist Baltimore. Ich habe mich vorher auch nie irgendwo fest niedergelassen, auch im sozialen Sinn. In New York wurde ich vielleicht geboren, aber Baltimore ist wirklich eine Heimat für mich.

Kannst du uns was über Bell Foundry und die Wichtigkeit dieses Orts für die Musikszene Baltimores erzählen?

Ich weiß nicht, ob es sowas bei euch gibt, aber bei uns gibt es oft leerstehende Lagerhäuser, in denen sich Artists treffen, in denen Shows stattfinden und in denen Künstler auch einfach an ihren Sachen arbeiten können. Das war einfach ein Mittelpunkt für die gesamte Szene in Baltimore, wenn man dorthin ging, fühlte man sich, als würde man sich in ein Videospiel einloggen und auf einmal in der Lobby stehen. Wie ein Paralleluniversum voller kreativer Energie. Ich habe es geliebt und ich vermisse es, wirklich. Es war super wichtig für uns in Baltimore und jetzt wurde es zugemacht.

Lass uns mal durch ein paar Songs von deinem letzten Album „Veteran“ gehen. Auf „Baby, I’m Bleeding“ rappst du: „Chains on my body, looking like a rapper / Acting like a slave when I’m gunning for my masters.“ Kannst du die Line nochmal genauer erklären?

In erster Linie ist das ja nur ein Wortspiel. Und die Line vergleicht damit die Ketten der Rapper heute mit den Ketten der Sklaven früher, also: Mit den Ketten, die ich als Zeichen meines Reichtums trage, setze ich mich wieder in die Sklavenrolle. Und mit “gunning for my masters” vergleicht die Line wieder Sklavenhalter mit Labels.

Auf „Thug Tears“ samplest du unter anderem Mortal Kombat und Counter Strike – Wie kam es dazu?

Naja, das kommt halt direkt aus meinem Leben. Das ist halt das, womit ich meine Freizeit verbringe. Ich finde, die besten Ideen entstehen genau so. Das ist mein Leben, warum sollte ich das nicht auch in meiner Musik verarbeiten? Ich mag die Sounds und ich denke, sie passen da gut rein.

Auf „Rock n Roll is Dead“ samplest du ASMR-Sounds – Warum ist das Internet so ein wichtiger roter Faden in deiner Musik?

Wir benutzen das Internet ja alle. Keine Ahnung, wie du auf mich aufmerksam geworden bist, aber es war höchstwahrscheinlich übers Internet. Das Internet an sich ist ja eigentlich nichts, seine einzige Funktion ist es, Informationen zu verteilen. Ich benutze das Internet für meine Musik, weil ich glaube, dass es stigmatisiert wird. Dieser gigantische Datenraum wird mit einzelnen Firmen und sozialen Medien assoziiert, aber du kannst das Internet eigentlich benutzen wie auch immer du willst. Das Internet sollte mehr geehrt werden, es hat unser komplettes Leben verändert, einfach nur, weil wir Informationen schneller als je zuvor verbreiten können. Ich benutze das Motiv Internet ja nicht, um eine Agenda zu verfolgen oder einfach zu sagen “I’m an Internet N***a”, ich will, dass die Leute die Macht und die Schönheit des Internets erkennen.

Auf „Whole Foods“ rappst du: „Pitchfork told me to never be abusive / Unless I’m moving units.“ Wie sollten Musikmagazine deiner Meinung nach über problematische Artists wie XXXTentacion berichten?

Das ist eine exzellente Frage und ich habe keine abschließende Antwort. Was ich weiß und worum es mir mit der Line ging, ist die Selektivität dieser Medien. Dass sie die Energie aufbringen, um küber manche Artists zu schreiben und über andere nicht. Im Fall Pitchfork war es einfach so, dass sie einen riesigen Artikel veröffentlicht haben, wieso man XXXTentacion nicht hören sollte und zwei Wochen später haben sie eine Review zum Album geschrieben und ihm eine gute Punktzahl gegeben. Also mögt ihr ihn jetzt oder nicht? Niemand mag R. Kelly und trotzdem hat er vor ein paar Jahren beim Pitchfork Music Fest gespielt. Also ist euch das Anliegen wirklich wichtig oder ist es euch nur wichtig, was andere sagen? Ich habe nicht die Antwort, aber ich fand es einfach interessant, zu sehen, wie schnell Medien ihre Meinung ändern. Wenn ich dort arbeiten würde, würde ich meine Gefühle und Meinungen in den Vordergrund stellen, aber ich verstehe natürlich auch, dass das ein Business ist.

Du rappst nicht nur, du übernimmst auch Produktion, Mixing und Mastering selbst – Hast du Probleme damit, deine Projekte aus der Hand zu geben?

Ich weiß einfach, dass niemandem mein Sound so wichtig ist wie mir selbst. Ich hab mit dem Rappen auch zuerst nur angefangen, weil ich lauter Beats produziert hatte, auf denen niemand rappen wollte. Und dann hab ich das weggegeben zum Mixen & Mastern, aber es klang nicht so, wie ich wollte und es hat mich einen Arsch voll Geld gekostet. Also habe ich angefangen, das selbst zu machen. Ich bin der einzige, der bis 3 Uhr morgens wach bleibt, damit das so klingt, wie ich will. Einerseits vertraue ich niemandem so wie mir selbst, andererseits will ich unabhängig sein.

Wieso bist du so obsessed mit Macauly Culkin?

(Lacht) Ich habe keine Obssesion mit ihm! Ich hab’ ihn nur ein paar Mal erwähnt. Ich mag Macauly Culkin. Wenn ich an die 90er denke, als jemand, der diese Zeit als Kind erlebt hat, ist sein Gesicht eines der ersten, das mir vorschwebt. Ich glaube, ich erwähne ihn einfach oft aus nostalgischen Gründen. Yo, wusstest du, dass “Home Alone” in manchen anderen Ländern einen anderen Namen hat?

Also in Deutschland heißt es quasi “Kevin Alone At Home”.

Oh mein Gott, also ist das wahr! Ein Freund von mir war in Malaysia oder so und er meinte, dort heißt es einfach “My Parents Forgot Me” oder so. Wow, das ist so buchstäblich. Das ist einfach nur eine Beschreibung des Films.

Was bedeutet Punk für dich?

Punk bedeutet für mich, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Und die ehrlichste Version von sich selbst zu sein, die unapologetischste Version von sich selbst. Punk bedeutet, zu sich selbst und den eigenen Ansichten zu stehen, egal, ob es cool ist, oder nicht. Viele Leute stehen heutzutage nicht zu sich, weil ihnen Twitter was anderes sagt oder weil sie wollen, dass man sie für gute Menschen hält. Aber Punk bedeutet, sich frei zu machen davon. Punk heißt: Entschuldige dich nicht für das, was du bist.

Was können wir in Zukunft von JPEGMAFIA erhoffen?

Ich gehe jetzt auf Tour und versuche, nächstes Jahr wieder ein Projekt zu veröffentlichen. Ich arbeite noch an Sachen, die ich angefangen hatte, bevor “Veteran” fertig war. Aber da gibt es noch kein Releasedate, ich arbeite nur darauf hin.

Hast du irgendwelche letzten Worte?

Ja, schon… (überlegt). An alle Artists da draußen: Nehmt euren Scheiß einfach selbst in die Hand. Macht euch nicht von anderen abhängig, denen ihr eigentlich egal seid. Niemandem sind eure Sachen so wichtig, wie sie euch selbst sind. Also sorgt dafür, dass euer Scheiß gut behandelt wird. Sonst hab’ ich eigentlich nichts zu sagen, ich bin nur high von dem guten Cali-Weed gerade.