Redaktionscharts: Till Wilhelm // Jahresrückblick

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2018 neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu und wir blicken mal wieder zurück. Insgesamt war vieles schlecht, vieles langweilig, vieles einfach nur verachtenswert. Musikalisch gesehen gab es zum Glück dennoch einige teilweise sehr helle Lichtblicke. Aber weil auch das bekanntlich Geschmackssache ist, haben wir unsere Schreiberlinge auch dieses Jahr gefragt, welche zehn Momente, Songs, Alben, Pranks oder was auch immer ihr Hip Hop-Jahr geprägt haben. Hier seht ihr, was Till Wilhelm die letzten 365 Tage intensiv beschäftigt hat.

Okay, das Jahr war irgendwie einfach verrückt. Ich habe unfassbar viele Erfahrung gesammelt und der Output in meinen liebsten Genres war fast erdrückend. Aber manchmal muss man sich durch den Jungle schlagen und zwischen großen Phänomenen und einzelnen Releases einfach mal sagen, was verdammt gut gelaufen ist.

10

Was genau soll eigentlich dieses „HipHop“ sein?

Dass die musikalischen Grenzen von HipHop und Rap irgendwie nicht ganz genau definierbar sind, sollte den meisten mittlerweile eigentlich klar sein, oder? Das wurde auch in diesem Jahr wieder mal eindrucksvoll bewiesen. Während Künstler wie Kali Uchis, Blood Orange, 6LACK und 070Shake Alben veröffentlicht haben, die sich eher im RnB-Bereich bewegen, sind dort doch massig HipHop-Anleihen zu spüren gewesen. Im gleichen Zuge haben Künstler, die eher aus der Szene kommen, Schritte in andere Richtungen unternommen: JPEGMAFIA, Joji und auf deutschem Boden Die Achse & Knowsum haben mit ihrer Rap-Sozialisierung Projekte veröffentlicht, die die Grenzen verschwimmen lassen.

09

Tyler, The Creator

Na klar, Tyler hat sein großes Album „Scum Fuck Flower Boy“ schon letztes Jahr veröffentlicht – Na und? Es ging dieses Jahr munter weiter: Ein Haufen Singles, ein Haufen Remixe, das GQ Style-Cover, eine Weihnachts-EP und die Mitarbeit am Grinch-Soundtrack. Mein Lieblingsrapper aller Lieblingsrapper bleibt nach wie vor aktiv, und das nicht nur im musikalischen Bereich. Denn die diesjährige Golf Wang-Kollektion sowie die Converse-Kollabos haben Streetwear mal wieder durchgespielt. Ganz abgesehen davon durfte ich gleich zwei Liveshows vom Flower Boy anschauen, was den Sommer perfekt gemacht hat.

08

Brockhampton

Brockhampton war schon letztes Jahr das heißeste Phänomen und hat es auch damals schon mit der „Saturation“-Trilogie in meine Jahres-Top 10 geschafft. Dieses Jahr kam dann endlich das große Album, in zehn Tagen in den Abbey Road-Studios aufgenommen und noch persönlicher, als je zuvor. Nicht nur dieses phantastische Album, sondern auch der Umgang der Gruppe mit dem ausgeschlossenen Ameer Vann, der der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde, macht das Kollektiv extrem sympathisch und respektierlich. Außerdem war die Show im Festsaal Kreuzberg wahrscheinlich das beste Clubkonzert, das ich dieses Jahr gesehen habe.

07

Photographie & Rap

Während wir auf allen Social Media-Kanälen durchgehend mit neuem Material überflutet werden, wird es immer schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen. Deshalb übernehme ich das mal kurz und gebe euch ein paar ausgewählte Follow-Tips: photokohli, alantheg, gunnerstahl.us, placesplusfaces, shotonfilmtho, rayscorruptedmind, israelshoots und voteforpatmore. In Deutschland gibt es auch so einige andere gute, allerdings mehr im Digital- und weniger im Analogbereich: olikristen, vraeter.jpg, lennartbredepictures, mmpascal, woodywoodsn, emillevy und rubchinskiy/“>darf das hier tun.

06

splash! & Melt & Konzerte

Mein erstes splash!, mein erstes Melt, generell meine ersten Festivals dieser Größenordnung habe ich dieses Jahr besucht. Und wie schön es war: Das splash! habe ich nicht nur als Ort für Party, sondern auch für Bildung und Kreativität erlebt, das Melt war der entspannteste Wochenendurlaub des Sommers. Und ganz nebenbei haben mich meine Lieblingsartists auch auf voller Länge live überzeugt. Zusätzlich gab es auch über das Jahr verteilt einige wunderbare Konzerte, die mir den Alltag versüßt haben. Highlights: Daniel Caesar, Erotik Toy Records, Octavian, JPEGMAFIA, Brockhampton, Rejjie Snow, slowthai, Vince Staples, Tyler, The Creator, The Internet, Kali Uchis, Mura Masa, Skepta.

05

Mac Miller & „Swimming“

Das ist sicher nicht das beste, was dieses Jahr passiert ist, aber für mich persönlich eine der wichtigsten Angelegenheiten. Denn Mac Millers Tod ist nicht nur eines der traurigsten Ereignisse des Jahres, das davor erschienene Album ist meiner Meinung nach auch eines der besten des Jahres. Da steckt so viel Schmerz, Liebe, Ehrlichkeit und Hoffnung drin, dass es den Verlust nur umso sinnloser macht. Die gute Seite: Es tut sich immer mehr im Bereich Rap & Mental Health. Immer mehr Rapper reden immer offener über psychische Krankheiten und das ist verdammt gut so. Hoffentlich sorgt es auch dafür, dass wir nächstes Jahr keinen Verlust dieser Art hinnehmen müssen. Den meiner Meinung nach relevantesten deutschsprachigen Nachruf auf Mac Miller hat Kollege Johann Voigt in der SZ geschrieben.

04

Deutschrap lebt!

Hatte ich letztes Jahr schon fast die Hoffnung verloren, dass im Deutschrap irgendwann mal wieder was richtig spannendes passiert, konnte ich mich dieses Jahr vom Gegenteil überzeugen lassen. Denn während die üblichen Verdächtigen weiterhin auf der großen Erfolgswelle des Raop mitschwimmen, brodelt es an anderen Ecken ordentlich. Da sind einerseits Newcomer wie unter anderen OG Keemo, die Argonautiks, Naru, Rapkreation, Ebow und die Jungs von Erotik Toy Records, die in den vergangen zwölf Monaten mein Herz mit ihrer Musik haben höher schlagen lassen, andererseits erfahrenere Spieler im Game, von denen demnächst Alben anstehen: Tua, Yassin, Döll & Dendemann. Deutschrap macht nicht nur wieder Spaß, sondern kommt auch wesentlich kritischer um die Ecke, als man auf den ersten Blick vermuten mag.

03

Musikvideos

Ist ja klar, dass ich diesen Punkt erwähne, oder? Visuals zu Songs zu veröffentlichen, ist zu seiner ganz eigenen Kunst geworden, auch abseits von Marketingmoves. Ich habe mir dieses Jahr ungefähr jedes dumme Musikvideo, um euch jetzt zu sagen, wer auf dem Gebiet hervorragende Arbeit leistet. Zu den einzelnen Videos gibt’s nochmal ’ne eigene Liste, hier sollen mal die Regisseure im Fokus stehen, die das ganze Jahr über rrrrrrrasiert haben. International fallen da neben den self-directed Künstlern Tyler, The Creator und Brockhampton vor allem Dexter Navy, White Trash Tyler, Glassface, Calmatic, BRTHR, Dave Meyers & the little homies und alles aus den 88rising-Kreisen auf. Deutschlandweit stechen vor allem die Videos aus dem Live From Earth-Kollektiv auf, genauso OG Keemo’s Jungs von Breitband, Easydoesit und Mit Freundlicher Gestaltung aus dem Umfeld der Bremer ETR-Jungs.

02

Alben

Beeindruckend viele Projekte wurden dieses Jahr veröffentlicht, die ihrer Länge nach kaum als richtiges Album gelten könnten, allerdings auch mehr sind als eine bloße Ansammlung von Tracks. Durchdachte, inhaltlich tiefgehende und musikalisch kohärente Releases, die aber nur eine Spielzeit von 20-30 Minuten aufweisen. Dazu gehören nicht nur Aminés „ONEPOINTFIVE“, Bakars „Badkid“, Jojis „BALLADS01“, OG Keemos „Skalp“, und Vince Staples‘ „FM!“, sondern auch die gesamte ye-Season. Trotz Kanyes immer wirrer und gefährlicher werdenden Aussagen hat er mit „ye“, „Daytona“ und „Kids See Ghosts“ an drei der besten Alben des Jahres mitgewirkt. „Nasir“ war allerdings Trash, sorry. (Anmerkung der Readktion: Herr Wilhelm hat bei der Auswahl von z e h n Favoriten extrem gecheatet, aber es sei ihm verziehen.)

01

Earl Sweatshirt – Some Rap Songs

Ohne Zweifel, das ist einfach das beste Album des Jahres. Natürlich muss man sich da erstmal reinfühlen, denn im Gegensatz zu all der perfekt ausproduzierten und gemischten Musik dieser Tage klingt das erstmal weird und rough. Ab dem dritten Mal hören war ich dann komplett drin: Earl überschwemmt den Hörer mit Emotionen jeder Art, einer Berg- und Talfahrt mit jeder Zeile. Die Beats dazu strotzen vor Soul und experimentellen Drums und Samples, insgesamt ist das ein Meisterwerk des Rap-Avantgardismus. Und noch nie hat ein Outro mich so mitgerissen wie „RIOT!“. Earl Sweatshirt hat sich sichtlich weiterentwickelt und ist immer noch einer der besten Musiker unserer Zeit.

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Extrarunde

Außerdem freue ich mich, dass immer mehr Rapper*innen gehypet werden und verdammt gute Musik veröffentlichen können, dass 6ix9ine in den Knast geht und dass auch sonst woker Rap immer öfter und mit klaren Aussagen zu finden ist. Toll! Ausgenommen „Some Rap Songs“, gibt’s jetzt noch (ohne spezifische Reihenfolge) meine zehn liebsten Alben des Jahres (falls die nicht schon ersichtlich waren):

Kids See Ghosts – Kids See Ghosts
Kali Uchis – Isolation
Aminé – ONEPOINTFIVE
Brockhampton – Iridescence
Blood Orange – Negro Swan
Bakar – Badkid
Doubtboy & Tightill – Deutsch-Amerikanische Schaft
Rejjie Snow – Dear Annie
Pusha T – Daytona
JPEGMAFIA – Veteran

Guten Rutsch & Frohes Neues!

Mit freundlichen Grüßen, der Dauerpraktikant