Redaktionscharts: Jonathan Nixdorff // Jahresrückblick

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Das Jahr neigt sich dem Ende zu und wir beginnen, zurückzublicken. Insgesamt war vieles schlecht, vieles langweilig, vieles einfach nur verachtenswert. Musikalisch gesehen gab es dennoch einige Lichtblicke. Aber weil auch das bekanntlich Geschmackssache ist, haben wir unsere Schreiberlinge gefragt, welche zehn Momente, Songs, Alben, Pranks oder was auch immer ihr Hip Hop-Jahr geprägt haben. Diesmal mit unserem emeritierten Chefredakteur Jonathan Nixdorff.

10

Ray BLK feat. Stormzy – My Hood (Song)

Neben der großartigen und in dieser Liste irgendwie durchgerutschten Jorja Smith hat Ray BLK die schönste neue Stimme im britischen Pop-Universum. Das Songwriting ihres ersten kleinen Hits „My Hood“ ist einfach, aber messerscharf und verliert nur durch die leider viel zu flache Produktion ein wenig an Druck. Das wird aber durch Ray BLKs herzzerreißende Delivery und Stormzys wunderbar trockenen Part 1000x wettgemacht. Trotzdem warte ich sehnsüchtig auf einen ordentlichen Remix. Pls pls.

09

e m o t i o n a l g r u n g e (Playlist)

Folgend auf die Ikonisierung von Lil Peep und die aus obskursten Ecken kommenden Beileidsbekundungen für Peeps und zuvor Chester Benningtons Tod, kann man die Rückbesinnung auf alte Nu-Metal-Eskapaden wohl kaum noch als edgy Guilty Pleasure entschuldigen. Aber auch so erlaube ich mir, meine jugendlichen Tränen noch einmal zu vergießen. Follow the „e m o t i o n a l g r u n g e“.

08

Sunni Colón – Little Things (Song)

Eine Neuentdeckung, die in den vorangegangenen Jahren komplett an mir vorbeigegangen ist: Sunni Colón hatte bereits einen respektablen Katalog großartiger Singles und eine EP vorzuweisen, als ich über „Little Things“ stolperte. Die unwiderstehliche Kaytranada-Kombination aus funky Bassline, sattem Drum-Loop und simpler Synthie-Fläche veredelt der in L.A. geborene Sänger und Visual Artist mit psychedelischen Vocals. Sunni Colóns 70er-Attitüde erinnert ein wenig an die Großtaten von Blood Orange, bleibt aber etwas humorvoller und ungezügelter hängen.

07

S. Fidelity – A Safe Place to Be Naked (Album)

Viel zu viele Alben von Produzenten neigen dazu, gar nicht nach Album und viel mehr nach liebloser Kompilation liegengebliebener Loops zu klingen. Das ist vor allem deswegen so traurig, weil das Format unglaublich viel Spielraum eröffnet, auf dem sich die Gelangweilten nur mal austoben müssten. Wieviel möglich ist, demonstrierte mein Freund und – Disclaimer! – Business-Affiliate S. Fidelity auf seinem Jakarta-Records-Debüt „A Safe Place to Be Naked“. Das titelgebende mystische Leitmotiv übersetzte er in eine hochpersönliche visuelle und soundästhetisch komplexe Welt. Das Ergebnis ist eine feingliedrige Ode aus Rhodes-Flächen und 808-Spielereien an den wunderbaren Zustand, abzuschalten und unvermittelt zu erschaffen.

06

King Krule – The OOZ (Album)

Ohne die verspulte Rotzigkeit der vorherigen Platten zu verlieren, ist „The OOZ“ die bisher klarste und definierteste Platte von Archy Marshall, nun mal wieder unter seinem wohl bekanntesten Alias veröffentlichend. Als gereifter Produzent und Songwriter ließ sich King Krule diesmal etwas weniger von den britischen Post-Punk-Idolen inspirieren und baute mehr Jazz-, Soul- und Blues-Anleihen ein als zuvor. Den nötigen Raum für Punk und Pathos füllt er weiterhin mit seiner denkwürdigen Stimmgewalt aus. King Krule hat mit „The OOZ“ ein Epos geschaffen, pünktlich zur düsteren Jahreszeit und für mich gekrönt von einer mitreißenden Show im Berliner Astra.

05

Burial – Rodent (Song)

2017 markierte nicht nur das zehnjährige Jubiläum des besten und einflussreichsten elektronischen Albums der vergangenen Dekade, sondern auch den Zenit eines erst durch diesen Klassiker ermöglichtes Un-Genre: s/o an Burials „Untrue“ und Lo-Fi-House. Stellvertretend für die Ambient- und Garage-induzierten Hits der DJ Seinfelds, Ross From Friends‘ und Mall Grabs erwähne ich lieber den Maestro selbst: Burials „Rodent“ demonstriert die verzaubernde Schönheit eines einfachen Loops – und damit auch die Essenz von Lo-Fi.

04

BROCKHAMPTON (Crew)

„‚Why you always rap about being gay?‘ – Cuz not enough nias rap and be gay.“ Mit Zeilen wie dieser sezieren Kevin Abstract und seine ultrakreative Boyband BROCKHAMPTON die auch 2017 zu bekämpfende oft lahme Realität des amerikanischen (Rap-)Mainstreams. Rohe Emotionen, absolute Identifikation mit der Crew und unstillbarer Erfolgshunger – die Kernkompetenzen der in Texas gegründeten Kombo erinnern sicher nicht grundlos an Awful Records und die frühe OFWGKTA-Posse. Einmalig ist dagegen die Gradlinigkeit von BROCKHAMPTON: Die eigenständige Soundästhetik und ungehörten Songkonzepte haben sie in eine minutiös aufeinander abgestimmte Dramaturgie eingearbeitet – sicht- und hörbar in Form von drei unwiderstehlichen Crew-Alben, wahnwitzigen Zeitgeist-Visuals und obskur-sympathischen Weltübernahmeplänen. Einziges Problem: Ich scheitere immer noch daran, alle Namen fehlerlos den dazugehörigen Stimmen zuzuordnen.

03

Alfa Mist – Antiphon (Album)

Alfa Mists kommerzielles Debüt hat London einmal mehr als europäische Hauptstadt für progressiven Jazz bestätigt. Zwar haben Protagonisten der Szene wie Kamaal Williams und Yussef Dayes (2016), das Ezra Collective (2017) und Gilles Peterson mit seinem erst etwas mehr als einjährigem Worldwide.fm-Netzwerk kaum weniger dafür geleistet, doch die filigrane „Antiphon“-Platte war für mich herausstechend. Bestimmt auch, weil die HipHop-/Beatmaker-Sozialisation des Keyboarders so allgegenwärtig durchzuhören ist und mir, dem Jazz-Banausen, einen weichen Einstieg in die so komplexe Hochkultur (lol) ermöglicht hat.

02

Collard – Sofa (Song)

Der beste Song des Jahres wurde in London geschrieben: von Collard und dessen produzierenden Gitarrist Zach Nahome. Von keinem der beiden hatte ich vor Veröffentlichung von „Sofa“ auch nur einen Ton gehört; dabei haben sie im Herbst 2016 in gleicher Konstellation und ähnlich unbeachtet bereits eine bezaubernde EP veröffentlicht. Auf „Sofa“ perfektionieren sie das Muster aus reduzierten Arrangements und nackter Atmosphäre, das sie bereits auf „Clean Break“ angelegt hatten. Diesmal reichen ein einfacher Drum-Loop, eine dezente Bassline und entrückt angeschlagene Akkorde, um die bittersüße Afterhour-Poesie Collards zu instrumentieren, dazu Nohomes theatralisches Solo und das screwed Outro – Perfektion!

01

Whitney Houston – Greatest Love Of All (Anthem)

Weit weg von Real Rap, diesem oft so stumpfen Spektakel, habe ich mir 2017 die nötige Zeit genommen, mein Leben mal durcheinander zu wirbeln, um es neu zu ordnen. Währenddessen versicherte mir Whitney immer wieder, dass alles gut sei: „The greatest love of all is easy to achieve.“ Ich habe ihr geglaubt und hatte ein wunderschönes Jahr.