Hunney Pimp: „Mit Schmäh lässt sich leichter eine Attitüde vermitteln.“

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Das Trinkwasser Österreichs scheint mit Swag angereichert worden zu sein, vermuten Deutschrap-Spezialisten schon seit Yung Hurn, Crack Ignaz oder auch Brenk Sinatra. Mit ihrem aktuellen Mixtape „Zum Mond“ konnte nun auch die Wienerin Hunney Pimp über die österreichischen Landesgrenzen Plays und Likes von und unter anderem unserem #ttw-Kolumnisten Fionn Birr eintüten. Dieser unterhielt sich für das splash! Mag mit der Newcomerin, die bis vor Kurzem noch unter dem Namen Madda Rah rappte, über abstrakte Kunst, Alltagsflucht und Aggro-Berlin-Texte.

Kannst du dich bitte einmal vorstellen?

Ich bin Hunney Pimp und mache Musik.

Als Erstes fällt auf, dass sich „Zum Mond“ stilistisch sehr unterscheidet von deiner Musik, die du als Madda Rah veröffentlicht hast. Warum hast du deinen Namen geändert und sämtliche Releases aus dieser Zeit gelöscht?

Da die Herangehensweise und der Schreibstil des Mixtapes ganz anders waren, erschien es mir logisch, einen anderen Namen dafür zu verwenden. Ich habe jahrelang auf Boombap-Beats gerappt und ständig probiert, mich zu verbessern. Das hat mir lange Zeit viel Spaß gemacht, aber irgendwann war es sehr nervig und zu anstrengend. Dann hab ich diesen neueren Sound entdeckt und es war eine richtige Erleichterung für mich. Ich habe begonnen mich intensiver damit zu beschäftigen und viel Neues ausprobiert.

Du hättest doch aber auch beides machen können. Darf ein Künstler nicht ambivalent sein?

Ein Künstler darf natürlich ambivalent sein, Menschen sind sowieso von Natur aus ambivalent. Madda Rah sleept jetzt aber erst mal ein wenig, die is miad. Vielleicht wacht sie auch nicht mehr auf, vielleicht macht sie auch nur mehr Beats – keine Ahnung. Hauptsächlich habe ich die Sachen aber gelöscht, weil die Qualität miesestens war.

Die Ansätze und Ansprüche innerhalb dieser zwei Rap-Stile sind sehr unterschiedlich. Wie bist zu Rap gekommen?

Ich habe immer extrem viel und sehr unterschiedlichen Rap gehört. Mit elf, zwölf Jahren hab ich angefangen, englische Rap-Texte ins Deutsche zu übersetzen. Ich bin dann viel mit Ausländern abgehangen, die haben immer Tupac, Eminem oder Aggro-Berlin-Texte nachgerappt und den Lifestyle imitiert. Bei mir zu Hause war es lange Zeit ziemlich schwierig – da habe angefangen, mich mit diesen Outlaws und dieser Musikrichtung sehr wohl zu fühlen. In der höheren Schule habe ich dann Leute kennengelernt, die das ganze Rap-Ding schon ernsthafter betrieben haben. Da habe ich viel Stuff wie Beginner, A Tribe Called Quest oder Fugees gepumpt. Wir haben mit einem Live-Mic und Socken drüber aufgenommen, sind auf Jams gefahren und meine Homies haben immer gefreestylet. Ich hab mich nie zu freestylen getraut, aber war immer extrem beeindruckt davon. Das war eine nice Zeit. Ich war generell schon immer sehr geflasht von der ganzen HipHop-Kultur.

Hast du eine musikalische Ausbildung? Wer hat dich beeinflusst?

Ich hab keine musikalische Ausbildung, ich hab gar keine Ausbildung. Als ich ein Kind war, hat mein Papa in einer Band gespielt und im Chor gesungen, da war ich oft und gern dabei. Ich und meine Geschwister haben auch immer viel gesungen. Beeinflusst haben mich so viele Musiker, Künstler und Freunde, ich könnte gar nicht sagen was da am prägendsten war. Ich höre auf jeden Fall immer verschiedensten Stuff, von Ella Fitzgerald über Funkverteidiger bis Kroko Jack.

Auf deinem Facebook-Profil hast du neben einer Bleistiftzeichnung aus verschiedenen Geometrie-Figuren, auch ein Bild aus dem Film „Collective Invention“ gepostet, in dem es um einen Mann geht, der durch ein Medikament zu einem Fisch-Mensch-Hybrid mutiert. Woher kommt diese Affinität für bildende Kunst und insbesondere Abstraktionen?

Ich weiß nicht, ich male halt gern und ich schau mir gern Bilder an. Immer wieder habe ich Zeiten, wo ich nur malen will und mir nichts anderes vorstellen kann. Da existiert dann auch Rap nicht. Malen is halt arg beruhigend. Das Bild mit dem Fischmensch ist von René Magritte, er ist so ein nicer Surrealismus-Künstler. Surrealismus generell zaht mich ziemlich. Ich habe gar nicht gewusst, dass das in einem Film vorkommt, werd ich mir mal reinziehen. Mein Onkel malt auch in diese Richtung und meine Mama malt auch, vielleicht kommt diese Affinität da her.

Man kann das Mixtape schon in die Kategorie „Cloud-Rap“ stecken. Aber, weil so viel gesungen wird, könnte man es auch als Pop einordnen, finde ich. Vielleicht ist es R’n’B-Dub-Rap.

Die Produktion aus „Zum Mond“ wurde schnell als Cloud-Rap kategorisiert. Inwiefern trifft diese Klassifizierung deiner Meinung nach auf dich zu?

Ich hab keine Ahnung. Wenn man so will, kann man das Mixtape schon in die Kategorie Cloud-Rap stecken. Für mich persönlich ist es “irgendwas” einfach – irgendwas mit Sprache und Melodie oder so. Weil so viel gesungen wird, könnte man es auch als Pop einordnen, finde ich. Vielleicht ist es aber auch düster-schmalziger R’n’B-Dub-Rap. Aber ich feiere diese Art von HipHop gerade sehr, besonders was aus Österreich kommt. Es ist alles so easy, locker, fresh und sad, aber immer mit einem leichten Augenzwinkern. Ich mag das.

Wie würdest du deinen Sound selbst beschreiben? Was macht die Rap-Künstlerin Hunney Pimp aus?

Ich rappe oder spreche oder singe über Beats, die mir gefallen. Jetzt gerade auf eher trappige Beats, es wird aber auch wieder irgendwas auf Boombap-Beats kommen. Hunney Pimp nimmt das Rap-Ding an sich nicht ernst, sie macht alles nach Gefühl und Laune. Sie gibt keinen Fick einfach. Hauptsache es macht Spaß. Vielleicht mache ich auch ein Album nur mit Gesang. Ich habe mir da keine Grenzen gesetzt.

Wie ist das Tape entstanden?

Sehr plötzlich. Ich hab länger nicht gerappt, viel neue Musik gehört und dann 20 Tracks in paar Tagen geschrieben. Das war ziemlich befreiend. Ich hab Rap lange mit so komischen Maßstäben bewertet, das hab ich abgelegt. So ist dann das Mixtape in relativ kurzer Zeit entstanden. Ich hab mir weder Themen überlegt oder über Reime nachgedacht, noch irgendeine Idee gehabt, was das konkrete Ziel ist. Ich habe einfach Beats aufgedreht und mich leer geschrieben. Außerdem habe ich ziemlich viel gekifft in der Zeit, das hört man wahrscheinlich ein bisschen raus.

„Zum Mond“ handelt sehr viel von Liebeskummer und Einsamkeit. Wie unmittelbar muss so eine Erfahrung für dich sein, um in deiner Musik passieren zu können?

Ich finde eigentlich nicht, dass es so viel mit Liebeskummer und Einsamkeit zu tun hat. Zumindest nicht mehr, als mit Langeweile oder Ficken oder Sucht oder Verlust. Aber ich versuche immer so gewaltige Emotionen ein bisschen zu belächeln und mit einer Distanz zu betrachten, weil sie im Moment so niederschmetternd erscheinen können. Das klingt ja allerdings auch wieder ab. Es ist zwar alles voll tragisch, aber auch alles eigentlich scheißegal. Ich weiß nicht, wie unmittelbar das sein muss – es kann alles und muss nichts. Also wenn, ich jemanden in einem Text zerstückele, muss ich das nicht unbedingt erlebt haben. Die Wut, die ich damit ausdrücke, ist halt echt. Bei diesem Mixtape habe ich sehr persönliche Sachen verarbeitet, das war aber nicht geplant.

Kann Musik nur durch Schmerz entstehen?

Mhm … vielleicht entsteht alles durch Schmerz. Ich denke auf jeden Fall, ich mache so viel Musik oder Kunst generell, um mehr Fun zu haben. Des heißt weniger Schmerz. Und damit mir nicht fad wird.

Inwiefern ist Musik im Generellen eine Art „Alltagsflucht“ bzw. „Realitätsflucht“ für dich?

Ich würde sagen, meine Kunst ist meine Realität. Ich kriege mein Money immer irgendwo her, mache schon immer irgendwas und kann mich nicht länger mit einer Sache beschäftigen. Ich bin in dieser Welt unterwegs und muss hier überleben, aber mich interessieren diese künstlichen Maßstäbe nicht. Dass die meisten Menschen sich damit zufrieden geben, einem eintönigen, viel zu schlecht bezahlten 40-Stunden-Job nachzugehen, damit müssen die klarkommen, aber nicht ich. Ich kann das einfach nicht als meine Realität akzeptieren. Fliehen kann man da eh nicht, man kann sich es aber so gestalten, dass die meiste Zeit angenehm ist. Es gibt mich ohne Kunst nicht, ich wär nicht fähig zu existieren. Das war schon immer so, jetzt wird es nur mehr sichtbar.

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass österreichischer Mundart-Rap mittlerweile auch außerhalb des betreffenden Sprachraums funktioniert?

Ich denke, das eine ist die Aussprache und Betonung der Worte. Dialekt ist halt so weich und schwammig, es klingt einfach alles geschmeidig. Das Zweite ist wahrscheinlich dieser ‚Schmäh‘. Wenn man vieles mit einem Augenzwinkern betrachtet, kommt einem des Leben gleich lockerer vor. Mit der Sprache zusammen lässt sich da sehr gut eine Attitude vermitteln. Es is einfach lässig, das feelen die Leute, da muss man nicht jedes Wort genau verstehen.

Wie stehst du zu anderen deutschsprachigen Rap-Acts?

Generell hör ich gerade eher Beats, als irgendwas mit Sprache. Aber ich bin schon ein Deutschrap-Fan. Da gibt’s so viel Verschiedenes, das mich zaht. Diese Hanuschplatzflow-Dudes feier ich gerade alle sehr. Bambus, Fatoni und Silentists habe ich mir die letzten Tage gut gegönnt. Die finde ich alle arg nice.

Was kommt als nächstes?

Ich arbeite grad an einer EP mit Melonoid, die in die Richtung des Mixtapes geht. Das Projekt wird so im Herbst/Winter fertig sein, denke ich. Melonoid macht die flashigsten Beats, ich bin sehr begeistert von allem. Auf dem Album „Salamanderschnaps“ von Aloof Slangin und Young Krillin bin ich auch als Featuregast vertreten, was mich sehr freut. Ansonsten, weiß ich noch nicht wirklich – es ist einiges in Planung, mal schauen, was passiert. Einfach weiter. Rock’n’Rolln!