Gzuz – Ebbe & Flut

Was wohl viele zu Beginn an Aggro Berlin faszinierte, war die inszenierte Gang-Mentalität. Gepriesen wurde Loyalität zu den Homies, auch wenn viel Gewalt im Spiel war, Drogen den Kopf gefickt haben und man sich von Weißbrot und Ketchup ernähren musste – auf die Brudis war immer Verlass. Genau diese Stimmung aus der Aggro-Anfangszeit transportiert derzeit die 187 Straßenbande, allen voran Gzuz:. Er hält seine schützende Hand über die, die zu ihm standen, während er im Knast war. Und jetzt, nach intensiver Arbeit, knallt er dir mit seinen Boys im Rücken sein Solodebüt vor den Latz.

Der Einstieg ins Albums klingt direkt wie ein riesiger Öltanker, der in deinem Gartenteich parkt. Gzuz hat mehr als genug Scheiße gefressen. Nun hat er es jedoch geschafft und jeder Pisser, der ihn immer kleinreden wollte, soll das sehen. So kommt das Intro extrem brachial daher, durchsetzt mit zarten Pianoklängen, die den verletzten Stolz der vergangen Dekade durchscheinen lassen. „Träum ich grad mein Leben oder leb ich grad meinen Traum?“ Finden wir’s raus.

Der brutale Sound zieht sich konsequent durch die folgenden Anspielstationen. Bemerkenswert ist hierbei, dass die brachiale Vortragsweise auch bei dem deepen „Hinterher“ nicht abreißt. Hier geht’s nämlich um die Erkenntnis, zu wenig Zeit mit der eigenen Mutter verbracht zu haben, bevor sie starb. Danach geht’s weiter in gewohnter Manier: Der eigene Lebensstil wird verherrlicht, immer mit der Betonung, dass man Jahre dafür hustlen musste, um jetzt da zu stehen, wo man ist. Waschlappen werden mundtot gemacht und Frauen werden wahlweise erniedrigt oder angehimmelt – das hängt wohl von der Perspektive des Betrachters ab. Die lyrischen Drive-Bys aus dem Benzer und der Stolz aufs eigene Schaffen verdichten sich zur Hälfte des Albums und man kann sich vorstellen, wie es weitergeht. Bestimmte Motive wiederholen sich und manche vermischen sich mit neuen: „9mm“ ist im Prinzip „CL 500“, nur dass es jetzt um eine Waffe statt um ein Auto geht.

Auch wenn das Themenspektrum überschaubar bleibt und kein Song extrem ausbricht – schon der Titel suggeriert sich wiederholende Zyklen – kommt dennoch nicht der Verdacht auf, das Album wäre durch schwächere Nummern künstlich gestreckt worden. Es wird getragen von der eingangs erwähnten Mentalität und vom schlitzohrigen Humor der kompletten Bande. Man spürt beim Hören, dass alle in der Gang an einem Strang ziehen und aufopferungsvoll für einander einstehen. Das Potenzial der Straßenbande ist aber mitnichten schon voll ausgeschöpft: „Ebbe & Flut“ ist eher ein pubertierender Teenager, auf den man große Stücke hält. Einer, der zu seinen Schönheitsfehlern steht: Statt Make-up auf die Pickel zu schmieren, gibt’s auf blödes Glotzen „Fick dich!“ als Antwort. Im Moment gehört er zu den Coolsten in der Klasse und redet nicht mit Hipstern oder Fotzen ohne Arsch. Ob der Support vom Pausenhof auch nach Schulschluss noch da ist und der ignorante und authentische Pfad schließlich durch die Tür des Elternhauses führt, ist jetzt noch egal – glücklicherweise. Denn wie die Aggro-Erfahrung lehrt, entstehen in genau dieser Phase die zukünftigen Klassiker.