Galv & S. Fidelity: „Immer, wenn ich ’ne neue Line hatte, bin ich wieder ans Mic gegangen.“ // Interview

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Wer Galv schon mal live gesehen hat, weiß, dass der junge Mann ein echter MC ist. Egal ob Freestyle oder auf Platte, er überzeugt mit assoziativen Lyrics und um die Ecke gedachten Punchlines auf voller Länge. Für seinen neuesten Streich „Shigeo“ hat sich der mittlerweile in Ecuador lebende Rapper mit einem Berliner Produzenten der Extraklasse, S. Fidelity zusammengeschlossen. Unser Autor Till Wilhelm hat letzteren besucht, um sich in einem Skype-Gespräch mit Galv über die Entstehung des gemeinsamen Albums, Videoaesthetics und die Disziplin des Livebattles zu unterhalten.

Wann wurden die Tracks auf Shigeo aufgenommen?

Galv: Ich glaub, der erste ist 2015 aufgenommen worden, der letzte 2017 auf jeden Fall.

Wieso hat es zur Veröffentlichung so lange gedauert?

Galv: Oder wann haben wir den letzten Track, „Shigeo“ aufgenommen?

S. Fidelity: Nee, war schon auf jeden Fall 2017, aber ist auch ’ne gute Weile her.

Was habt ihr denn in der Zwischenzeit damit gemacht?

S. F: Na, dran weitergearbeitet. Mixing und Arrangement haben viel Zeit in Anspruch genommen. Aber vor allen hatten wir beide schon jeweils Alben, die gerade rausgekommen sind. Dann mussten wir „Shigeo“ einfach ein bisschen zurückpushen. Als wir fertig waren, aufzunehmen, war das alles auch noch relativ nah an Galvs „3 Moonz“-Platte. Da war dann klar, dass die jetzt Priorität hat.

G: Du verwechselst das aber auch, unsere war noch nicht fertig, als die „3 Moonz“ kam. Als unsere fertig war, hast du dein Album noch reingeschoben und ich hab provisorisch „50/50“ mit Dj Crypt veröffentlicht. Dann hat es nochmal ’ne Weile gedauert, zu entscheiden, über welchen Vertrieb wir gehen wollen.

Die Platte habt ihr dann aber hier in Berlin aufgenommen? Das heißt, Galv, du musstest immer pendeln?

G: Genau, ich bin dann immer rübergepilgert.

S. F: Galv kam eigentlich immer von IRGENDWO dann, ne?

G: Das waren die Jahre, wo ich eigentlich überall gelebt habe.

S. F: So ohne Wohnsitz… (lacht)

Wo habt ihr das in Berlin aufgenommen?

S. F: Das war alles an der Osloer Straße, in meinem alten Studio. Ich hatte das mit Bluestaeb zusammen und da ist in der Zeit irgendwie alles entstanden. Das war unser Bootcamp, andauernd gingen befreundete Musiker ein und aus. Da ist meine letzte Platte entstanden, da ist viel von der „Rodalquilar“ von Bluestaeb entstanden, da ist die Platte von JuJu Rogers entstanden, oder ein Teil davon zumindest. Aber das gibt’s jetzt nicht mehr.

Wie kommt es, dass so viele instrumentale Gastbeiträge auf der Platte zu finden sind?

S. F: Wir haben da im Nachhinein noch mit vielen Instrumentalisten zusammengearbeitet, aber am Anfang haben wir uns immer nur zu zweit getroffen. Außer bei einer Session, da war der Nussigmilde am Start, deshalb ist der da auch als Feature vertreten.

Der war einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort?

S. F: Ja, sozusagen. Der ist eigentlich ein alter Freund von Galv. Und später haben wir dann eben versucht, dem Album musikalisch nochmal ‚ne neue Ebene zu geben. Da haben wir beide noch so unsere Leute angehauen, die halt krass spielen, um den Sound zu ergänzen.

Habt ihr das dann musikalisch am Ende auch alles zusammen organisiert? Oder war das S. Fidelitys Aufgabe als Produzent?

G: Ich bin auch musikalisch unterwegs! (lacht)

S. F: Bei der Platte haben wir auch gar keine Vorgaben an die Leute gegeben – Wir schicken denen einfach die Tracks und sagen „Mach, was auch immer du willst!“. Dann kams halt zurück und ich bin nochmal drübergegangen, hab‘ das bei manchen Leuten komplett verfrickelt, es gibt aber auch Leute, die haben fünf Spuren geschickt, aber nur drei Sekunden sind auf dem Album. Und dann gibt’s einen Song, „Wasserzeichen“, den hat Jo Aréna komplett gechanged mit dem, was er geschickt hat. Es kommt also immer darauf an, was da kommt.

S.Fidelity gilt als absolut detailverliebt, Sekunde für Sekunde wird ausproduziert – Galv als assoziativ, gerade im Freestyle bewandert: War die Zusammenarbeit schwierig? Auch gerade, weil ihr anscheinend in unterschiedlichen Tempi arbeitet?

G: Eigentlich voll, wie du’s halt sagst. Ich war auf jeden Fall immer früher fertig.

S. F: Auf jeden Fall, bei ALLEM. (lacht)

G: Ich habe mich ja auch riesig darüber gefreut, mit jemandem wie ihm zusammen zu arbeiten, das Schlimmste war aber, glaube ich, wenn ich um 1 Uhr morgens völlig fertig weggepennt bin und ich um 5 Uhr auf der Studiocouch aufwache, er über mich gebeugt ist und sagt „Dikkaaa, hör mal, ich hab die Drums noch verändert!!!“. Weil er dann einfach wirklich fünf Stunden lang nur die Drums gefrickelt hat und ich dann gesagt hab „Ok, jetzt reicht’s, ich geh‘ nach Hause.“ (lacht) Sowas war das Schlimmste während der ganzen Produktion, ansonsten: Killa. Aber S. Fidelity ist auf jeden Fall voll der Perfektionist. Aber für mich war das Projekt eigentlich Total Freedom, weil ich halt nebenbei noch das „3 Moonz“-Ding gemacht hab, wo ich mich für meine Verhältnisse schon echt beschränkt habe in meiner Arbeitsweise.

Habt ihr die Videos auch schon während der Albumproduktion abgedreht?

S. F: Naja, das Album war schon auf jeden Fall zuerst fertig. Es war auch immer klar, dass wir ’ne Platte machen, aber das ganze Drumherum kam erst nach der Musik. Wir haben das eigentlich erstmal nur aus nem komplett musikalischen Standpunkt betrachtet. Was es im Nachhinein auch oft schwierig macht, sich zu überlegen, was wir da überhaupt zu erzählen wollen. Wir haben dann die Videos gemacht, bevor wir genau wussten, was mit der Platte passiert, aber fertig war sie.

Habt ihr die Videos selbst konzipiert?

G: Das war vor allem ich, beziehungsweise mit meinen Videoleuten zusammen. Das erste Video (zu „Wieso Gerade Schräg“, Anm. d. Red.) ist eigentlich aus der Covershooting-Idee von Veedel Kaztro entstanden. Da hab‘ ich einfach nur drauf bestanden, dass wir drehen, wenn wir schon 5qm-Spiegel durch halb Berlin schleppen, dann können wir eigentlich auch gleich ein Video daraus machen. Was auch übelst klug war, weil am Ende das Cover von Veedel gar nicht aus dem Shooting entstanden ist. Das zweite, dann zu „Osloer Straße“, ist ja eine Kopie von John Knowns „Atmosphäre“-Video, das haben wir dann auch mit seinem Filmmann gedreht. Für den zweiten Teil von diesem Video hatte ich dann die Idee, dass man da an dieses Denkmal (Völkerschlachtdenkmal, Leipzig, Anm. d. Red.) geht, das ja auch schon öfters benutzt wurde, aber da nur mit so Raumaufteilungseffekten spielt. Durch die Konstruktion dieses Denkmals ist eben schon ein analoger visueller Effekt da, den man ausnutzen kann. Das Video zu „Wasserzeichen“ war ein reines Studio-Video, auch recht improvisiert. Da hab ich das Konzept spontan mit meinem Kumpel Namean entwickelt, der das dann gedreht hat.

Generell sticht in den Videos diese Spiegel-Optik hervor – referiert das aufs Album?

G: Genau, das war, wenn überhaupt etwas, der rote Faden, diese Spiegelebene.

S. F: Ja, das ist auch eben so ’ne Form, die wir uns da überlegt haben. Natürlich basiert nicht die komplette Sound- und Videoästhetik auf Spiegeln, aber die Assoziation mit Spiegeln war schon da, bevor irgendwas anderes Visuelles stand. Passt natürlich gut zu der Platte, gerade, wenn man was zu zweit macht. Das hat sich jetzt mal mehr, mal weniger durchgesetzt, aber ganz stark ist es natürlich im Cover und im „Wieso Gerade Schräg“-Video.

Euer Video zu Osloer Str/Perlenvorhang ist eine Hommage an John Knowns „Atmosphäre“ – Konsumiert ihr überhaupt viel Musik der Kollegen?

G: Ich auf jeden Fall. Gerade John Known ist ja auch ein sehr eigener, auf seine Art geiler Rapper. Ich bin definitiv bei meinem eigenen Dunstkreis auch hinterher, alles anzuhören. John und ich haben ja auch schon ein paar gemeinsame Tracks.

S. F: Ich bin, ehrlich gesagt, was Deutschrap angeht, ziemlich schwach auf der Brust. Aber man kriegt natürlich das mit, was die Leute machen, die man eh kennt und das supporte ich dann auch. Aber auch dadurch, dass ich gar nicht ursprünglich aus Deutschland bin, bin ich musikalisch eigentlich gar nicht mit Deutschrap sozialisiert, gar nicht so in Deutschland verankert. Ich habe damit auch erst zu tun, seit ich in Berlin lebe. Da bin ich schon ziemlich Ami-sozialisiert.

Galv, du trittst wenig aus dem Rap-Rap-Kosmos heraus, das bleibt aber assoziativ und ist schnell wieder vorbei. Wieso aus sowas nicht einfach Konzeptsongs machen?

G: Das war die einzige Regel, die wir uns vorgenommen hatten: Dass wir uns keine strengen Regeln auferlegen. Ich bin sowieso eher liberal, was sowas angeht und wegen dem 3 Monde-Projekt hatte ich quasi schon das Limit meiner Limitation erreicht. Da war’s auch ganz gut, dass S.Fidelity kein reiner Rap-Producer ist, sonst hätt ich da mit ihm auch so viel über Konzepte nachgedacht, so konnte ich das therapeutische Schreiben ganz frei angehen.

Wie sieht dieser Schreibprozess aus?

G: Bei „Shigeo“ sind sogar die ersten Tracks ohne festen Text entstanden. Dadurch, dass Tim sich viel Zeit gelassen hat, durfte ich mir auch viel Zeit lassen und ich glaube, wir haben auch ein paar Tracks wirklich so Line für Line aufgenommen. Immer, wenn ich ’ne neue Line hatte, bin ich wieder ans Mic gegangen.

S. F: Auf „Osloer Straße“ gibt’s auch einen Part, der ist komplett Freestyle.

G: Und auch „Wasserzeichen“ ist voll improvisiert. Da macht man gute Erfahrungen, da kann man bessere, unvorhersehbare Flows kicken.

Stichpunkt Flows: Seht ihr bei den Raps auf „Shigeo“ die stimmliche Arbeit als Instrument als wichtiger an als den textlichen Inhalt?

S. F: Voll. Ich glaube, das war auchn Ansatz von vornherein. Wobei, eigentlich ist es mir später erst aufgefallen, dass es sich so verhält.

G: Doch, genau so würd ich das auch ausdrücken. Es ist ja auch textlich alles da, ich hab immer die Mehrdimensionalität gebracht. Hier und da sind natürlich auch so paar Spitterlines und viele Zeilen kann man auch dreimal wenden und drehen. Aber es geht eigentlich nie um ein zentrales Thema, sondern viel mehr um den Flow als musikalischen Aspekt.

Galv, du sprichst vier Sprachen – Wieso rappst du eigentlich ausschließlich auf Deutsch?

G: Naja, ich finde ja schon mehrheitlich im deutschen Rapkosmos statt. Ich hab eigentlich immer nur auf anderen Sprachen gerappt, wenn ich auch irgendwo war, wo’s ein anderssprachiges Publikum gibt. Aber ich will auch auf zukünftigen Projekten mal wieder andere Sprachen reinbringen, jetzt schreibe ich zum Beispiel auch wieder regelmäßig auf Spanisch. Teilweise Englisch, weil ich hier in Ecuador eben nur die beiden Sprachen spreche und dann kommt das auch von selbst.

S. F: Denkst du schon wieder auf Englisch?

G: Ich träume auf jeden Fall schon wieder auf Englisch und Spanisch. (lacht)

Bevor du nach Ecuador gegangen bist, warst du ja noch auf der Tapefabrik in Wiesbaden – Welche Bedeutung hat das Event für dich?

G: Das ist auf jeden Fall das Meet’n’Greet des Undergrounds. Ich feier’s hart und war auch von Anfang an dabei. Ich hab eigentlich auch in erster Linie bei DLTLLY gebattlet dort, weil ich sonst zum ersten Mal gar nicht aufgetreten wäre.

Was war dein Eindruck von dieser Disziplin?

G: Im Nachhinein wirken schon eher die positiven Aspekte davon nach, die drei Monate im Vorhinein waren schrecklich für mich. Drei Monate Zeit zu haben für drei Parts, ist für mich einfach viel zu viel Leerlauf. Das habe ich jetzt mal gemacht, aber keine Ahnung, ob ich mir das nochmal gönne.

Wie fandest du die Battle-Situation an sich für dich?

G: Das Battle-Feeling selbst kannte ich ja eigentlich schon. Und auf der Bühne fühle ich mich ja pudelwohl, früher war ich nur bei Freestyle-Battles wirklich aufgeregt. Und beim dritten Part, wo ich dann beschlossen habe, zu freestylen, hab ich mich dann auch ab und zu bisschen verzettelt. Aber wenn ich die ersten zwei Parts eh schon zwei Monate einüben kann, also naja… Unter was für Umständen musst du denn stehen, dass du das nicht hinkriegst?

S. F: (lacht) Das war der letzte Diss dieses Battles auf jeden Fall.

Ihr gebt auf dem letzten Track des Albums Shoutouts an T9 – Was haben die beiden mit eurem Album zu tun?

G: Ich war immer wieder parallel dazu bei denen im Studio und ich war einfach so geflasht von den Sachen, dass ich da einfach Shoutouts geben musste. Ein alter HipHop-Schuh, aber ich mach das immer noch.

Alles klar, cool – Wollt ihr noch was loswerden?

G: Naja, nächstes Jahr splash!, oder?

Hoffen wir’s mal!