Ach, R. Kelly, ach – Alles, was man über den Fall wissen muss

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Vor wenigen Tagen erschien die dokumentarische Mini-Serie „Surviving R. Kelly“, die die Opfer R. Kellys zu Wort kommen lässt. Er steht unter Verdacht, mehrfach minderjährige Frauen missbraucht zu haben. Eine Einschätzung von Miriam Davoudvandi.

Eigentlich absurd, dass die Doku „Surviving R. Kelly“ erst nach Jahren für eine große Diskussion um R. Kelly sorgt. Eigentlich hätte man ihn schon vor Jahren genauer unter die Lupe nehmen müssen. Eigentlich. Die meisten erinnern sich vermutlich an die Geschichte aus den anfänglichen 2000ern, dass R. Kelly einer 14-jährigen in den Mund gepinkelt haben soll. Es geht nicht darum, sexuelle Kinks anderer Menschen zu kommentieren oder hier „Todesstrafe für Kinderschänder“ zu skandieren, sondern darum, dass das besagte Mädchen minderjährig war und nicht nur was Alter, Reife und Status angeht ein eindeutiges Machtgefälle besteht, welches R. Kelly schon oft für sich auszunutzen schien. Aber das ist nicht alles. In den letzten Jahren seit Leak des Videos (und auch davor) schien Kelly sein Unwesen getrieben zu haben, viele Geschichten sind untergegangen. Einige davon wurden in Surviving R. Kelly aufgerollt. An dieser Stelle: Schaut einfach diese Doku.

Besonders interessant für Musikfans dürfte das Verhältnis zwischen R. Kelly und Aaliyah sein. Nicht nur, dass er sie (mit gefälschten Dokumenten) heiratete, als sie 15 und er 27 war (als sie sich kennenlernten war sie 12) – sie betrachtete ihn als Mentor, er produzierte ihr erstes Album und verfasste Texte für sie. Ausgerechnet „Age Ain’t Nothing But A Number“ schrieb er für die damals 15-Jährige und im Duett zu „Your Body’s Callin'“ singt er „My body’s callin yor you, girl I know you want me“, während Aaliyah mit „Boy my body’s callin‘ you so do what you’ve gotta do. Are you hungry? Do you wanna eat?“ antwortet. Makaber, dass er genau an diesen Songs heute noch verdient.

Aber auch seine eigenen Songs geben Hinweise. Beispielsweise „I Like The Crotch On You“: „C’mon baby, let me see you swing it. I like the way you come up, baby, when you wiggle it. Jiggle it, mmm tasty. And once you see the Ds, oh you’re gonna want to freak me. Only if you’re old enough, baby. 18 and over or 16 and under.“ Auch Songs wie „Ignition“, „Bump n Grind“ und „Down Low (Nobody Has To Know)“ haben einen faden Beigeschmack.

Ja, R. Kelly hat eine einzigartige Stimme, hat bestimmt einigen Künstler_innen geholfen und ist ein musikalisches Ausnahmetalent. Aber all diejenigen, die R. Kelly weiterhin beschützen, schützen auch ein System, das Opfer zu Täter_innen macht und Täter_innen zu Opfer. Und je mehr man seine Musik hört und seine Person verehrt, desto mehr verletzt man Betroffene. Und jeder Stream ist reines Geld, das das Machgefälle zwischen Opfern und Tätern immer größer werden lässt. Vergessen wir nicht: Ausgleichszahlungen in Missbrauchsfällen sind keine Seltenheit. Auffällig, wie bei fast allen Missbrauchsvorwürfen gegen Künstler_innen: Die Streamingzahlen schießen in die Höhe. Klar, es sind bestimmt viele Personen dabei, die sich einfach nur informieren wollen, aber tut dies bitte indem ihr die Texte bei Genius lest oder über Hooktube statt YouTube ohne Klicks zu schenken. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass es nicht nur beim unschuldigen Info-Scouting bleibt, sondern dass solche Fälle vielen Künstler_innen gar nicht schaden – ganz im Gegenteil.

Insgesamt ist es begrüßenswert, dass sich immerhin einige Leute aussprechen, wie z. B. John Legend, 6lack oder Chance The Rapper, der zugab, dass es ein Fehler war, einen Song mit R. Kelly aufzunehmen. Er erklärte es damit, dass er sehr sensibel reagiere auf Unterdrückung Schwarzer Männer, was verständlich ist und auch bei mir im ersten Moment den Wunsch nach Solidarität auslöst. Dennoch bleiben Statements einiger Kollaborateure R. Kellys aus, in der Musikindustrie wird sich gegenseitig Schutz geboten. Auch ist es kaum überraschend, dass die Doku ausgerechnet von Dream Hampton – einer Autorin, HipHop-Journalistin und Kulturkritikerin – als ausführende Produzentin umgesetzt wurde.

Vielleicht ist der Fall R. Kelly auch der Antoß für eine Bewegung, die der Musikszene noch fehlt. Von Drake ist vor wenigen Tagen auch ein Video aufgetaucht, in dem er eine 17-Jährige küsst (er war 23), wofür er heftig kritisiert wird. Ich bin gegen radikale „Cancel Culture“, d. h., dass man Menschen direkt abschreibt und ihnen die Möglichkeit der (irgendwann eintretenden, durch harte Arbeit an sich selbst mit professioneller Hilfe) Re-Sozialisierung nimmt. Die meisten Menschen haben irgendwo eine zweite Chance verdient, aber wo gab es bei R. Kelly je Einsicht oder eine Entschuldigung? Seine Reaktion auf die Doku: Er möchte einfach alle verklagen. Auch von Drake würde ich mir eine Erklärung wünschen, da nur darüber zu sprechen irgendwann mal irgendetwas verändern kann. Ein positives Beispiel, was zumindest Selbstreflektion angeht, wäre Famous Dex. Kellys scheinheiliger, manipulativer Song „I Admit“, der vor einigen Monaten rauskam, erklärt meiner Meinung nach gar nichts.

Ach, Musikindustrie, ach. Es gibt noch einiges zu tun.

Update 22. Januar: R. Kelly soll zwei Deutschland-Konzerte spielen. Mittlerweile gibt es dagegen eine Petition, die ihr gerne unterzeichnen könnt.