ERRdeKa: „Vielleicht ist ja genau das mein Image: unberechenbar zu sein“ // Interview

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Nach „Solo“ kommt „Liebe“. ERRdeKa ist bekannt für seinen ständig wechselnden Stil, seine Diversität. Nach ernsten Tönen gibt es ein Album mit der zwanglosen Herangehensweise eines Mixtapes: einfach auf gut produzierte Beats rappen. Unsere Redakteurin Antonia Weber hat sich mit ERRdeKa auf ’nen Kaffee getroffen und über „Liebe“, Hate-Comments, Höhenflüge und allgemein den Sinn des Lebens gesprochen.

Du bist jetzt nach fast drei Jahren gleich mit zwei Alben zurückgekommen. Mit „Solo“, was etwas ernster war und zum anderen mit dem chilligen „Liebe“. Insgesamt sind auf beiden LPs 30 Tracks. Woher nimmt man die ganze Inspiration? Und von „Solo“ zu „Liebe“ war es ja mit Sicherheit auch ’ne krasse Umstellung und eine andere Arbeitsatmosphäre oder?

Ich mache halt die ganze Zeit Tracks. Also auch in diesen zwei Jahren, in denen ich kein Album gemacht habe, habe ich Musik gemacht. Nicht immer Rap, aber viel produziert, zum Beispiel ein eigenes Mixtape. Zur Inspiration: es hat mich dann einfach manchmal gepackt. „Solo“ ist jetzt nicht ganz so gelaufen, wie ich’s mir vorgestellt hatte, weil es da bestimmte Releasestrategien gab. Und ich muss halt auch sagen, dass diese zweieinhalb Jahre in der heutigen Zeit schon ein Zeitraum ist, den man vielleicht nicht eingehen sollte. Aber „Paradies“ und „Rapunderdog“ waren halt so schnell hintereinander. Ich konnte dann halt nicht mehr, ich war nicht mehr wirklich inspiriert. Dann hab ich mir einfach die Zeit genommen und jetzt bin ich wieder voll drin, hab einen neuen Produzenten am Start, der auch aus Augsburg kommt. Es ist alles viel entspannter: ich musste nicht nach Berlin fahren die ganze Zeit, um irgendwas aufzunehmen, sondern ich konnte einfach zwei Straßen weiterfahren und da das Ding aufnehmen. Mit einem richtig guten Kumpel von mir, dem Daniel. Und so klingt das Album auch, nicht erzwungen, sondern wie die alten „Eyeslow“-Mixtapes, die ich gemacht hab: einfach auf Beats gerappt und Bock drauf gehabt.

Ja, man hört die Spontanität und den Spaß halt echt raus, dass du in so ’nem kreativen Flow warst und den ausgenutzt hast. Es ist halt nicht so komplett durchkonzipiert, sondern auf ’ne gute Weise zusammengewürfelt, dass man es trotzdem am Stück durchhören kann. Halt wie „Der Beat ist nice, das klingt geil, darauf hab ich Bock, das mach ich jetzt einfach“.

Das war auch unser Grundgedanke. Etwas zu machen, was man durchhören kann. Wie eine Playlist quasi, bei der man aber nicht denkt: „Der Beat ist mir jetzt viel zu stressig, davor war ich in ’nem ganz anderen Vibe, der Track bringt mich voll raus“.

Dann zu deinem Produzenten: DVNNY DRVMV. Er kommt ja eher so aus der Tech-House-Richtung. Wie kam’s zu der Zusammenarbeit? Und war es schwierig die beiden Musikrichtungen zusammen zu bringen oder hast du dich da auf ihn eingelassen? In „Intro“ sagst du ja auch: „Du fragst mich, was ist das für ein Beat. Frag mich nicht, Dvnny Drvmv war der Schmied.“

Das Ding ist wie gesagt: wir sind Homies. Er ist halt ein richtig guter Produzent von elektronischer Musik und auch sehr erfolgreich damit. Und ich wusste schon immer, dass er geil produziert und hab dann auch irgendwann gecheckt, dass er schon immer auf ’nem HipHop-Film ist. Der kennt mehr Deutsch- und vor allem Ami-Rap als ich, der zieht sich alles rein. Er ist eben Musiker durch und durch. Und er hat auch schon selbst Rap gemacht, deswegen meinte ich zu ihm, dass wir es ja einfach mal ausprobieren könnten. Einfach mal ’nen Mixtape machen, sind also ganz entspannt an die Sache rangegangen. Dann haben wir uns aber irgendwann gesagt, dass „Mixtape“ irgendwie immer nicht ganz so hochwertig und aufwendig klingt wie „Album“. Und die Beats sind alle von uns selber, wir sind mit den Texten und allem cool, wir können da auch ein Album draus machen und so ist das dann entstanden.

Gute Überleitung zum neuen Album: es heißt ja „Liebe“. War da irgendein krasser, tiefer Gedanke hinter? Hat es vielleicht auch was mit dem Label Keine Liebe zu tun oder war die Namensgebung auch so spontan wie der Rest?

Alles ein bisschen. Ich hab nie so ’nen richtiges Konzept. Ich nenn ein Album jetzt nicht so, weil dann alles danach klingen muss, dass das quasi der Überbegriff ist. Ja, ich hab mich halt von Keine Liebe getrennt. Der Track „Liebe“ stand schon, den wir hatten und irgendwie fand ich das Liebe-Ding, was wir hatten so als Wort ganz geil. Dann dachte ich mir, weil meine bisherigen Tracks alle super melancholisch oftmals waren, gibt es jetzt ein neues Feeling bei mir. Aus dem Label weg, jetzt ist es wie ein Restart und mehr hab ich mir aber auch eigentlich nicht gedacht.

Du hast ja das Label gewechselt, zu deinem eigenen Eyeslow-Label mit Janesis und Big B.

Im Endeffekt ist es so, dass Eyeslow der Anfang war, als ich angefangen habe die Mixtapes zu produzieren. Es gab ja die „Eyeslow“-Mixtapes und die hab ich mit den Kumpels von mir gemacht. Ja klar steht jetzt vorne dran, dass es Eyeslow ist, aber am Ende ist Sony das Label, was im Hintergrund steht. Der Plan ist schon mit Eyeslow irgendwann selber so ’nen Label zu gründen, wo ich auch andere Künstler vielleicht unter Vertrag nehmen kann. Wenns irgendwie geile Leute gibt, die da Bock drauf haben. Momentan ist es aber wie gesagt Sony.

Deine beiden Partner quasi sind ja auch Features auf deinem Album. Das war ja eher weniger überraschend. Wie kam das mit den anderen drei Features?

Die hab ich tatsächlich einfach angeschrieben. Den Donvtello hab ich über Tightill, Doubtboy und so gefunden. „Du hast geschlafen gerad digga, du hast geratzt“, gibt’s ja so ’nen Track von Donvtello und Tightill. Und da hab ich mir das angehört und gedacht: alter, was für ein krasser Rapper einfach. Und hab mir mehr Sachen von ihm angehört. So bin ich auf ihn gekommen, der hatte auch gleich Bock was zu machen. Bei kwam.e, der rappt ja hauptsächlich auf so Oldschool-Beats. Den hab ich auch angeschrieben, der hatte auch gleich voll Bock. Dabei fand ichs spannend ihn mal auf so ’nem Beat zu hören, irgendwie ganz erfrischend. Und Nils, also Corssen, der war eh mit mir auf Tour, das ist auch ein guter Kumpel von mir. Ganz entspannt. Ich bin jetzt nicht so, dass ich das und das Feature haben muss, nur weil das jetzt ein paar andere Leute mit auf mein Album zieht. Wirklich nur mit Leuten mit denen ich so coolen Kontakt hab.

Ja chillig, wie das Album halt sein soll. Weiter zu den Songs auf dem Album. Auf „Schulden“ sagst du ja, dass alles seinen Preis hat. Hast du damals für die Musik irgendwas aufgegeben und würdest du für irgendwas anderes die Musik, also das Rappen, aufgeben? Du hast nämlich mal in ’nem Interview von 2015 mit dem splash! Mag gesagt, dass Musik jetzt nicht dein ganzes Leben ist und du ohne Musik auch nicht aufgeschmissen wärst.

Also was das Finanzielle betrifft wäre ich jetzt nicht komplett aufgeschmissen, da hab ich noch ein paar andere Standbeine. Die Musik ist aber gefühlt in meinem Kopf so mein Hauptding, wo ich einfach am meisten Zeit und Leidenschaft reinstecke. Die Musik wird immer am Start sein, in welcher Form auch immer. Ob ich irgendwann mal für Leute produziere, ob ich ’ne andere Musik produziere, das bleibt offen. Momentan hab ich einfach Bock auf rappen und Rapmusik zu machen.

Ok, aber das muss nicht immer so sein, also du zwingst dich da zu nichts.

Ja, keine Ahnung. Also ich kann halt einfach nicht singen (lacht). Ich hätte halt Bock auch was gesangstechnisches zu machen, aber momentan ist es halt voll nice wieder zu rappen und ich bin auch schon wieder an ’nem neuen Album quasi dran. Ich hab halt diese Zeit gehabt, wo ich so vor Beats saß und mir dachte: ey, was soll ich jetzt sagen? Jetzt ist es halt so, dass ich die Beats bekomme und mir denke: krass, da weiß ich ganz genau was ich mache. Solange das gerade so flowt, will ichs komplett durchziehen, auch wenn es echt überstressig ist. Acker halt jeden Tag.

Ja klar, aber wenn man in so ’nem Flow drin ist, muss man den schon ausnutzen wie du sagst. Das macht halt ’nen Künstler aus. Das Video zu dem Track, also zu „Schulden“, war ja deutlich anders als zu die zu „Ethanol“ und „Liebe“. Das ganze war so filmartig und auch recht düster und ernst. Gab’s hinter dem Track und vor allem dem Video irgendeine Story? Und du bist ja auch nicht der Protagonist im Video, also ist es vielleicht auch deine Story, wenn’s eine gibt?

Der Track geht eigentlich darum, jetzt mal an einem ganz kleinen Beispiel: wenn man eine Beziehung hat und dem anderen geht’s schlecht, aber einem selber geht’s voll gut. Wenn man dann halt kein Bock hat das seelische Leid für den anderen quasi mitzutragen. Weißt du wie ich meine? Bei mir ist es teilweise so, dass wenn ich voll gut gelaunt bin mir es schwer fällt mich auf jemanden einzulassen, dem es halt schlecht geht. Weil ich mir halt denke: (überlegt kurz) ich bin voll auf dem guten Vibe. Ich will mir das jetzt nicht kill’n lassen. Anderes Beispiel: Drogen. Wenn jetzt einer ’nen Abfuck hat, ist es halt das Gleiche: alles hat einen Preis und damit muss man klar kommen. Und zurück zum Video: die Videoproduktionsfirma hat mir halt das Konzept gegeben und darauf hab ich mich einfach eingelassen. Normalerweise bin ich bei meinen Videos so, ich will alles ganz genau selber entscheiden, was passiert. Aber die haben mir einfach so ein geiles Konzept dahin gelegt. Es ist zwar nicht alles, was in diesem Song passiert, ganz genau bebildert. Aber es ist halt trotzdem ein geiles Konzept. Ich fand’s auch geil mit richtigen Schauspielern zu arbeiten. Der Typ, der das gemacht hat, hat schon bei Blutzbrüdas von Sido mitgespielt, bei Tatortproduktionen. Ich find das voll geil, eben weil ich auch jemand bin der Bock hat was anderes zu machen. Ich muss jetzt nicht mit der Drohne irgendwie rumfliegen und mich auf irgendwelchen Bergen zeigen oder irgendwie Gangster-Rap-Filme auf Deutsch machen. Das hat für mich halt nochmal einen anderen Anspruch, sowas zu drehen. Und ich fand’s trotzdem geil mit diesem Switch, dass ich nochmal vorkomme. Sonst hätte man auch denken können, dass wir irgendeinen Film genommen und den zusammengeschnitten haben.

Auf „Ethanol“ lässt du ja anklingen, dass Liebe manchmal wie eine Droge, ein Rausch sein kann. Dass man sich einerseits so geborgen und euphorisch fühlt, auf der anderen Seite auch ein bisschen verloren. So hab ich das jetzt wahrgenommen. Hast du vielleicht mal, wie du auch im Track erzählst, irgendwas verrücktes für Liebe gemacht, irgendwas, was halt ein „Süchtiger“ quasi machen würde?

Äääähm (denkt nach). Naja, also das Thema (denkt weiter nach). Sagen wir’s so, ich überspitze ja auch oft, in fast allen meinen Songs. Meine Fantasie ist in der Richtung halt auch krass.

Man will ja auch irgendwie ein Bild malen für die Hörer.

Ja, genau. Also, ich vergess auch immer super viele Sachen (lacht). Vielleicht ist es auch schon mal passiert, dass ich irgendeine Auseinandersetzung hatte, bestimmt sogar. Aber so weit ist es noch nicht gekommen, dass ich mich jetzt hätte prügeln müssen. Man macht sich halt irgendwie Gedanken, die einen abfucken. Ist halt so ein innerer Kampf manchmal.

Ja, das waren dann schon die drei Auskopplungen, die es gab: „Schulden“, „Ethanol“ und „Liebe“. Gab’s dazu schon Resonanz?

Ich hab so das Gefühl, dass die allgemeine Stimmung positiv ist. So wenn man sich mal die Likes und Dislikes auf Youtube und so anguckt. Natürlich gibt’s immer ein paar Hate-Kommentare. Irgendwie ist es halt immer schwierig, denn kein Mensch weiß, wenn ich sage, dass ich ein neues Album mache, wie das Album sein wird. Das ist halt mein eigener künstlerischer Anspruch. Deswegen sind die Fans manchmal so: Wir wollen wieder Tracks wie auf „Paradies“, wir wollen wieder Tracks wie auf „Rapunderdog“, wir wollen den alten ERRdeKa zurück. So ’ne Scheiße muss ich mir halt die ganze Zeit geben. Aber was mir super wichtig ist, dass mein Umfeld, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie „Solo“ nicht mehr so mitgezogen hat, dass das Feedback von diesen Leuten, die mir wichtig sind, gut ist. Auch bei Leuten in meinem Alter, denen „Solo“ und „Paradies“ zu poppig, zu groß, zu gezwungen waren. Die sind mit so ’nen Alben wie „Liebe“ viel mehr down, weil sie das voll geil hören können. Aber ich glaube auch, dass das junge Kids hören können, aber auch ältere Leute irgendwie. Da muss jetzt nicht auf Teufel komm raus ’ne epische Stadion-Hook dadrauf sein. Das ist halt bei dem Album überhaupt nicht der Fall. Es ist alles so in einer reduzierteren Form und das find ich ganz geil.

Aber wenn du dann mal solche Hate-Comments bekommst, die dich dann vielleicht auch treffen, denkst du dir dann so: „Roll das ins Paper, ich hab keine Zeit für die Hater.“ (beide lachen) Nee, aber wirklich, gehst du damit irgendwie um oder stört dich das überhaupt?

Naja, das Problem ist, dass wenn man 100 Kommentare liest, die alle gut sind und dann ein Kommentar kommt, der scheiße ist, dann macht man sich genau über den Gedanken. Die anderen sind einfach so: nice, nice, nice. Und ich denk mir so: ach echt, ja cool, ok. Ich bin halt immer noch so ein Mensch, der wirklich jeden Kommentar liest und kennt. Weil mich das wirklich interessiert, was die Leute von meiner Musik denken, aber oftmals sind diese Hate-Kommentare so blöd. Ich kann’s halt verstehen, wenn jemand sagt: Hey, da ist der Flow nicht ganz on point. Aber die Kommentare sind teilweise einfach so sinnlos, die sind einfach nicht gerechtfertigt. Entweder die Leute kennen sich zu wenig aus oder die Leute haten rum, weil sie rumhaten wollen. Da kann ich dann drüberlesen. Es nervt halt einfach, ich weiß nicht wieso Leute sich die Zeit für sowas nehmen. Dann hör ich’s mir entweder nicht an oder mir würde einfach nie einfallen unter ein Youtube-Video zu schreiben: boah, ist voll scheiße.

Ja, dann könnte man auch einfach zum nächsten Video, was einem gefällt und da was Positives schreiben. Naja, weiter zu „Tu was ich kann“. Da sagst, dass viele Leute, die Rap hören, meistens gar nicht so Bock haben auf deepe Lines oder sie teilweise auch gar nicht verstehen. Gehst du mit „Liebe“ so ein bisschen auf deren Wunsch ein oder ist es eher so, wie in einem anderen Part des Tracks, dass du dein Inneres nicht mehr nach außen kehren willst wie früher, also eine Art Schutz?

Wie ich es halt auch sage, wenn ich anfange deepere Sachen zu schreiben, wird es wirklich sehr sehr tiefgründig und vielleicht auch zu sperrig für manche Leute. Manche denken glaub ich nicht so weit, dass sie mir da folgen können oder ich drück mich nicht so aus, dass man das verstehen kann, was ich meine. Immer wenn ich sowas mach, ist es den meisten halt zu deep und melancholisch und dann kommt sowas wie: Wir wollen wieder Tracks wie auf „Rapunderdog“. Auf dem Album sind ja auch teils deepe Songs drauf, vor allem so gegen Ende hin, aber trotzdem hab ich auch versucht, dadurch, dass der Grundgedanke eben auch war das Album durchhören zu können, dass man nicht so aktiv hinhören muss, um das zu checken, um das mitzubekommen. Nicht immer zwar, aber es würde teilweise auch gar nicht auf die Beats passen, wenn ich da total sperrige, um die Ecke gedachte Dinger drauf packe. Das wäre too much. Aber jetzt bin ich auch wieder an Tracks, die sind inhaltlich tiefgründiger als das, was jetzt kam. Bei mir ist es immer so, ich brauch immer das eine, damit ich auch check, dass ich Bock auf das andere hab. Das brauche ich irgendwie. Ich bin nicht die ganze Zeit in so ’nem melancholischen Mood. Den lass ich halt manchmal raus und dann geht’s mir wieder besser, jetzt kann ich wieder anders.

Dafür muss Musik ja auch da sein, um Stimmungen einzufangen. Dann weiterhin auf „Tu was ich kann“ sagst du ja auch, dass du Höhenflüge nicht kennst und immer am hustlen bist und dich immer entwickeln willst. Warst du aber vielleicht doch schon mal kurz davor bisschen abzuheben?

Nee, echt überhaupt nicht. Bei mir ist es sogar das Problem, dass ich teilweise so sein könnte, vielleicht auch müsste. Ich hätte auf jeden Fall die Möglichkeit so zu sein, aber das bin ich halt einfach nicht. Sobald ich mal so in die Richtung gehe, hab ich auch super viele Freunde, die sagen: hey digga, das ist nicht cool. Ich hab einfach keinen, den ich nur kenne oder mit dem ich nur zusammen bin, weil ich Rapper bin oder Künstler bin. Ich muss mich meistens eher dazu drängen mal zu sagen: hey, nice gelaufen oder hey, du hast ’nen neuen Plattenvertrag am Start. Das ist immer für mich alles so: ja, das ist halt meine Arbeit und es geht immer weiter.

Ja, Selbstlob kann schwierig sein.

Genau, ich feier mich dann dafür nicht so krass. Also ich find’s natürlich geil, wenn dann Leute am Start sind, die das feiern oder die mir das Feedback geben auf Konzerten oder was weiß ich. Das find ich super, da freu ich mich, da bin ich dann auch richtig gut gelaunt. Aber meistens eher so: ok, ist cool. Muss mich aber noch weiterentwickeln, es muss weitergehen, weiter verbessern.

Dann nochmal zurück zum Interview von 2015 mit uns. Da ging’s um „Rapunderdog“ und dass du damit vielleicht so ein bisschen versucht hast dein Image von „Paradies“ zu korrigieren. Du meintest aber, dass dir das eigentlich egal ist und du deine Musik auch nicht auf Image auslegst. Und jetzt so nach dem eher introvertierten „Paradies“, dem so gar nicht introvertierten „Rapunderdog“, dem ernsten „Solo“ und dem chilligen „Liebe“. Willst du dich irgendwann mal auf eine Richtung festlegen oder auf ein Image? Weil jeder Künstler will ja für irgendwas stehen oder irgendwas verkörpern.

Das Ding ist, ich hab mal versucht mich auf etwas festzulegen, aber es geht einfach nicht. Weil ich einfach Gefallen dran gefunden hab, so viele unterschiedliche Sachen zu machen. Vielleicht ist ja genau das mein Image: unberechenbar zu sein. (lacht) Zumindest was Musik betrifft. Ich will einfach nur gute Musik machen. Ein großes Idol von mir, wenn man das so bezeichnen kann, ist A$AP Rocky und der hat halt auch teils übelst deepe Songs am Start, dann total trippy Songs und dann irgendwelche Clubbanger. Und dann hat er Songs am Start, die einfach nur geiler HipHop sind, zu 100 Prozent. Das find ich halt geil und das hör ich mir auch voll gerne an, da werde ich jedes mal total erfrischt. Und vielleicht ist es in Deutschland sozusagen ein Problem, dass Leute dich nicht in eine Schublade stecken können. Ich mach jetzt keinen Bones und Raf Camora-Sound, aber ich mach auch keinen Verbales Style Kollektiv-Sound. Ich will mich da nicht festlegen. Vielleicht steht mir das oftmals im Wege. Weil die Leute sich auch oft denken: ok, jetzt klingt es auf einmal so, da muss ich mich erstmal drauf einlassen. Meine Alben sind meistens nicht gleich so, dass man denkt: oh krank, krasses Album. Sondern eher, dass man ein paar Mal hören muss und dann gefällt’s einem halt richtig. So find ich sind auch bei mir die besten Alben, die ich kenne: immer nach mehrmaligem Hören fand ich sie dann richtig geil. Ich fühl mich dann aber auch teilweise ein bisschen außen vor, weil ich halt nicht aus Berlin komme. Das ist ja heutzutage sehr wichtig, dass du aus Berlin kommst, damit du mit dem und dem connecten kannst. Aber ich bin trotzdem glücklich so, wie es ist und läuft.

Das ist ja auch das Wichtigste. Der letzte Track deines Albums ist dann „Dystopia“. Dystopien sind ja, wenn ich damals in Ethik aufgepasst habe (lachen beide), das Gegenteil von Utopien. Also eher negative Zukunftsvisionen, wodurch ich dann auch gleich auf ’ne ziemlich ernste Frage komme: findest du, dass die Entwicklungen, die es gerade gibt, in allen Bereichen, Gesellschaft, Politik und so weiter, ob hier in Deutschland oder weltweit, so unumkehrbar sind? Also dass alles auf so ein Endszenario zusteuert. Oder bist du da eher so auf deinem „Liebe“-Vibe, dass Liebe das alles ändern kann?

(Denkt lange nach). Also ich finde es verschlimmert sich tatsächlich alles. Ich finde es verschlimmert sich das ganze politische Thema, auch das musikalische Thema verschlimmert sich. Dass Leute nur noch Musik machen, um irgendwelchen Konzernen und deren Playlisten gerecht zu werden. Das finde ich einfach übelst schlimm. Dass die das halt alle mitspielen. Und oftmals platzen solche Blasen dann irgendwann oder es gibt ja auch immer Gegenbewegungen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie sich allgemein die Menschheit entwickelt. Ich nehm mich da auch gar nicht heraus, ich mach mir nur Gedanken darüber. Jeder wird halt immer dümmer, weil das Scheiß Iphone halt alles für einen regelt. Es läuft alles irgendwie bergab, hab ich das Gefühl. Es ist natürlich nicht alles schlecht, es entstehen auch viele Vorteile daraus. Aber es wird halt alles zu übermäßigem Konsum und es ist alles zu jeder Zeit verfügbar und jeder muss da und da am Start sein. Jeder muss am tollsten auf Instagram aussehen. Ich finde es einfach krank. Ich habe vorhin gemerkt, ich saß so an der Spree, wie weird das auf einmal ist, wenn du dich nur an die Spree setzt und nicht in dein Handy starrst, sondern einfach nur Leute anschaust oder aufs Wasser starrst oder so. Da fühlst du dich erstmal so wie ’nen Weirdo (lacht). Weil du einfach nichts zu tun hast. Solche natürlichen Sachen verlernt man einfach. Wenn du in eine Bar reingehst und deine Freundin geht aufs Klo, stehst du alleine mitten im Raum drin. Was machst du? Du schaust halt auf dein Handy. Das find ich so bescheuert einfach. Man verlernt einfach alles, im Zeitalter der digitalen Medien, in der Beschallung von allem möglichen.

Abschließend dann nochmal zurück zu „Liebe“. Auf dem Track sagst du: „Denn was wichtig ist, hat man vergessen, so formt uns die Welt.“ Wo wir gerade beim Thema sind. Willst du vielleicht in diesem Sinne noch irgendwelche weisen Worte loswerden, was wichtig sein sollte.

Naja, im Thema Musik würde ich den Leuten mitgeben, dass sie anfangen sollten der Musik die Wertschätzung und Aufmerksamkeit zu geben, die sie eigentlich verdient. Das finde ich total schade. Man hat früher anders Musik gehört. Also ich bin jetzt keiner der sagt: früher war alles besser (lacht). Weil ich bin ja auch in einem Zeitalter aufgewachsen, in dem das mit Screening und so losging. Aber ich find’s halt einfach voll schade, damals wurde Radio voll verteufelt und heute hören alles Radio, in dem sie Spotify-Playlisten hören. Und dann alles, was ihnen gefällt, speichern sie sich einfach ab. Die kennen immer nur einen Song, aber nicht wirklich was der Künstler macht. Man befasst sich einfach zu wenig mit dem Musiker selbst. Manche wollen das auch gar nicht so, aber das find ich halt schade, dass der Künstler dadurch gezwungen wird die ganze Zeit Tracks rauszubomben, um halt da zu gelten. Für mich als Musiker oder Person, die sich mit Musik beschäftigt ist es halt ganz normal, dass wenn ich einen Künstler kennenlerne, dann geh ich auf Spotify, aufs Künstlerprofil und höre mir ein Album an. Das kennen halt manche Leute gar nicht. Das war für mich, vor allem als ich mal Statistiken gesehen habe, wieviele einfach nur für einen Song auf Künstlerprofile klicken, wieviele nur Playlisten anhören, erschreckend.