dvsn: „Die Leute haben da dann ein Ding draus gemacht, sie wollten wissen wer wir sind.“ // Interview

von am

Nineteen85 wischt etwas gelangweilt mit dem Finger auf dem Smartphone stetig von unten nach oben, bis er darauf hingewiesen werden muss, dass auf der Bühne der 59. Grammy- Verleihung gerade Drake’s „Hotline Bling“ mit einem güldenen Grammophon als bester Rap-Song prämiert wird. Da der Six God gerade auf Tour ist, soll der Producer (sprich: nineteen85) auf die Bühne – so kann man seinen (kommerziellen) Karrierepeek natürlich auch angehen. Wenn er also nicht in Millionenproduktionen für andere Künstler*innen steckt, lässt er Daniel Daley’s Stimme in nicht-so-überraschenden Falsettos auf Reverse Snares gleiten – das Ergebnis: dvsn (ausgesprochen: division) – also Teilung, Trennlinie, Spaltung. Es benötigt keine kruden mathematischen Theorien, die Sache mit dem Namen kann mit einem immer wiederkehrenden Statement der R’n’B Gruppe um October’s Very Own erklärt werden: „We separate from the pack.“ Mit dieser und weiteren steilen Thesen im Klemmbrett treffe ich vor ihrem Berlin Konzert im Bi Nuu auf Daniel Daley – zusammen mit Producer nineteen85 zu gleichen Teilen Kopf und Stimme – vor allem aber Kopfstimme des Duos.

Auf der Bühne läuft der Soundcheck für die Instrumentals des zweiten Albums „Morning After“, und das ziemlich laut. Also, in Relation zu den noch wenigen anwesenden Personen, denen mindestens allen entweder fette Ketten, AAA-Pässe oder wie mir – zumindest ein Hausschlüssel um den Hals hängen. Backstage auch unbrauchbar; zu viele Menschen, zu viele Stimmen. Wenig später schüttle ich in einem kleinen Raum in den Kellergewinden des Bi Nuu Daley’s Hand, atme ordentlich Six-Gottpartikel ein und dann durch.

Ist nineteen85 überhaupt hier heute Abend?

Nein, leider nicht! Er musste spontan wieder nach Toronto, um ein paar Studiosessions zu absolvieren. Du weißt schon, er ist ein sehr lukrativer Producer im Moment und sehr gefragt. (lacht) Ich hab aber ein wundervolles Back-Up dabei!

Wenn du DIE Stadt gerade schon ansprichst.. Glaubst du, dass euer Projekt dvsn ein Produkt Torontos ist?

Das so zusammenzufassen klingt zwar plausibel, würde unseren Geschichten aber nicht komplett gerecht werden. dvsn ist vor allem das Produkt zweier Menschen, die unterschiedliche Erfahrungen in der Stadt gemacht haben, nicht identische Hintergründe mitbringen – aber musikalisch in die selbe Richtung zeigen. Für 85 kann ich da nicht sprechen, aber ich selbst beanspruche wohl eher meine jamaikanische Herkunft für mich. Ich würde dir da jetzt die klassische Single-Mom Geschichte erzählen, dass sie zu Janet Jackson und die Leute am Block eben zu Riddims getanzt haben – das hat mich geprägt.

Da schwingt ja ganz schön Nostalgie mit, würdest du eure Musik denn eher als futuristisch oder nostalgisch beschreiben? Maxwell, den ihr auf „POV“ gesamplet habt, sagt euch auch nach, dass ihr es schafft, eine 90er Jahre Kulisse für die „woke ones of the future“ zu kreiieren.

Hmm, ich glaube es ist beides. Das coole an dvsn ist, dass wir uns auf dem sehr schmalen Grat bewegen, der uns erlaubt, die „next Generation“ im R’n’B zu sein – während wir immer noch die traditionellen Wurzeln des Genres hochhalten.

Okay, steile These, aber: Für den kommerziellen Erfolg war es ja bis vor kurzem nicht sonderlich hilfreich, aus Kanada zu kommen und sich in der Hip Hop Sphere zu bewegen..

Ja das stimmt! Es war nicht immer so, aber seit den letzten paar Jahren ist unsere Stadt voll auf der Karte. Mittlerweile können alle sehen, woraus wir bestehen und dass der Hype der Stadt nicht grundlos ist. Als ich 85 in der Highschool kennenlernte, hatten wir beide eher den Wunsch, Rapmusik zu machen. Auch wenn ich damals schon meinen Tanten am Telefon vorgesungen habe, zu der Zeit wollte ich unbedingt rappen. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich realisiert habe, dass meine wirkliche Gabe das Singen ist. Und im übrigen glaube ich, dass das für die musikalische Landschaft der Stadt und unsere Entwicklung als Künstler auch besser so ist. (lacht)

An dieser Stelle muss ich fragen: Inwiefern spielt für dich das OVO-Movement in die Karten des Glow-Ups von Toronto?

Ich glaube, Drake war wirklich derjenige, der die Tür für uns alle eintrat. Er ist unglaublich gut darin, das Scheinwerferlicht in dem er seit Jahren steht, auf die Stadt in der für ihn alles anfing, zurück zu leuchten. Und das alles indem er immer noch ein wahnsinnig wichtiger und großer Teil davon ist.

Das Album kommt gut ohne Features aus – trotzdem krieg ich da ein bisschen den „No New Friends“-Vibe.

(lacht) Ne ne ne, immer und gerne mit Freunden! Auf diesem Album war es aber so, dass wir uns direkt in die Songs verliebt haben, die wir gemacht haben. Als wir es fertig gestellt haben, hatten wir nicht das Gefühl, dass uns da was fehlt. Wir sind aber immer offen dafür, mit anderen Künstler*innen zusammenzuarbeiten, auch auf Alben. Aber dieses Mal haben wir die Geschichte komplett auf den Songs erzählt, und nach unserer Meinung auch auf die bestmögliche Art und Weise.

„Oft ist es so, dass er nur einen kleinen Part von einem Beat fertig hat, der loopt dann die ganze Zeit im Studio und irgendwann machen wir da dann einen ganzen Song draus.“

Daniel Daley

Meine nächste Frage wäre produktionsspezifischer und eigentlich für nineteen85.. vielleicht kannst du sie ja beantworten?

Ich könnte meine Stimme verstellen! (lacht)

Okay, gerne! Lass uns loslegen!

Nee, er würde mich umbringen! (lacht, mal wieder) Ich kann das nicht beantworten!

Na gut, ich mach es dir mal ein bisschen einfacher: Wer entscheidet über die Themen, die ihr auf euren Songs behandelt?

Das machen wir beide! Wir setzen uns zusammen und reden über jeden Song – über jedes Element. Über den Beat, die Drums, das Thema. Manchmal kommt er mit einem Songtitel, oder manchmal habe ich schon die ganzen Lyrics fertig und er muss einen Beat finden. Oft ist es so, dass er nur einen kleinen Part von einem Beat fertig hat, der loopt dann die ganze Zeit im Studio und irgendwann machen wir da dann einen ganzen Song draus. Es ist immer unterschiedlich, aber wir sind beide defintiv gleich viel an allem beteiligt, was man von dvsn hören kann.

Kritiker*innen würden sagen, dass R’n’B heute ein bisschen verwässert ist und kaum Risiken eingeht..

Ich würde sogar sagen, dass das stimmt! Bis vor kurzem jedenfalls. Ich glaube die neue Generation geht das anders an. Wir erzählen wahre Geschichten, egal wie schockierend sie auch sein mögen. Egal, was davon dann bei den Leuten ankommt, was sie daraus machen. R’n’B Künstler*innen heute werden immer bequemer damit, sie selbst zu sein – und das ist alles was man sich als Konsument*in nur wünschen kann.

Nach eurem ersten Album „sept. 5th“ gab es ja nicht sonderlich viel Informationen über euch im Netz. Meistens sah man nur euer Symbol. War das so gewollt?

Das stimmt, und liegt wohl zum einen daran, dass wir die ersten Songs über Soundcloud releasten. Ohne Bewegtbild und tausend Presse-Shootings zeigt man natürlich erstmal nicht so viel von sich. Von da an veränderte sich alles, die Leute bekamen Wind davon. Über uns wurde gesprochen, unsere Musik wurde auf Blogs geteilt. Weil wir eben noch nicht so viel Material hatten, haben wir uns dann erstmal dazu entschieden, das Logo zu verwenden. Das Zeichen ist eine deutliche Referenz an das, was wir repräsentieren. Wir grenzen uns vom Rest ab. Die Leute haben da dann ein Ding draus gemacht, sie wollten wissen wer wir sind. Uns hat das erstmal ziemlich gut gefallen, dieser Zustand, dass sich die Fans erstmal nur auf die Musik konzentrieren können. Das alles hat aber auch dazu geführt, dass OVO auf uns aufmerksam wurde. Und ab dann ging es rasend schnell, wir kamen manchmal gar nicht hinterher. Wir sind wahnsinnig dankbar für alles, auch wenn wir es nicht immer ganz greifen können.

Random Promo-Move gone right. Und dass ihr und Majid Jordan (Anm. der Redaktion: auch bei OVO gesignt) eure neuen Alben quasi zur selben Zeit gedroppt habt, war das wenigstens ein weirder Marketing-Move?

Haha, nein. Das war auch nicht Absicht. Wir haben sie einfach gleichzeitig fertig gestellt, und wollten dann auch nicht länger warten. So kam es, dass wir beide unsere Alben im Oktober releasten. Und naja, mal ehrlich: Es ist schon ganz schön cool Octobers Very Own zu sein, und dann im Oktober zu releasen.