Zwischen Selbstüberschätzung und Selbstzweifeln: Drakes „Scorpion“ // Review

von am

Gab es Anfang letzten Jahres mit „More Life“ nur eine Playlist, steht mit „Scorpion“ nun ein vielversprechendes Output in den Startlöchern. Wir haben reingehört.

Nach Playlist und Fokus auf den Single-Markt folgt, wer hätte es gedacht, ein Doppelalbum. Damit reiht sich der Kanadier in die illustre Reihe von Tupac, Wu-Tang, Outkast und Jay-Z die schon vor ihm Doppelalben auf die Welt losgelassen haben. Konzeptionell hat sich Drake für zwei unterschiedliche Herangehensweisen entschieden. Steht die erste Seite von „Scorpion“ – ein Name, der wahrscheinlich auf Drakes Sternzeichen anspielt (und ja, er ist sowas von ein Skorpion) – im Zeichen von Rap, so fokussiert sich Drizzy auf der B-Seite eher auf Gesang und R’n’B – auch wenn eine glasklare Unterscheidung beim 6God sowieso nie wirklich gemacht werden kann. Insgesamt kommt Drakes fünftes Studioalbum so auf insgesamt 25 Songs, eine Menge Holz.

Den Einstieg in „Scorpion“ findet man mit „Survival“. Vortragsweise, Inszenierung und Ansprache des Publikums. Alles für ein gutes Drake-Intro ist vorhanden. Mit Sicherheit das Beste seit „Legend“, auch wenn ihm das epochale „Tuscan Leather“ mit seinen Beat-Variationen eine Nasenlänge voraus ist. Drake klingt hungrig und arbeitet Geschehnisse aus der letzten Zeit auf. Schon hier fällt auf, wie aktuell die Texte sind. Eine nicht-physische Veröffentlichung des Albums macht es möglich, dass scheinbar bis letzte Woche am Werk geschraubt wurde.

Während Songs wie „Nonstop“, „8 Out Of 10“ oder „Can’t Take A Joke“ mit ihren flächigen Beats, messerscharfen Punchlines und starken Flows überzeugen, kehren Nummern wie „Elevate“ oder „Sandra’s Rose“ – mit Premo-Beat – die soulige Seite Drakes nach außen. Will heißen: introspektive Texte, gemäßigte Punchline-Dichte und wesentlich wärmere, verspieltere Instrumentals.

„A wise man once said say nothing at all.“

Drake „Emotionless“

Die Highlights der ersten Seite verstecken sich zwischen diesen Nummern. Das bereits im Vorfeld ausgekoppelte „God’s Plan“ zählt allein schon durch die Erinnerung an das phänomenale Video in diese Kategorie. Ein weitere Höhepunkt ist „Emotionless“, nimmt Drake hier wieder direkten Bezug auf die jüngste Vergangenheit. Ja, er rappt hier das erste Mal über seinen Sohn und warum seine Vaterschaft erst mit „The Story Of Adidon“ an die Öffentlichkeit kam. Ansonsten? Starkes Instrumental von 40 und No ID, dass dem gesamten Stück einen souligen Anstrich gibt. Ein bisschen fühlt man sich zu Drakes Anfangstage zurückversetzt.

Der alles überragende Track ist „Talk Up“ mit dem einzigen Feature der A-Seite: Jay-Z. Straight Rap auf einen Dirty-South-Beat von DJ Paul. Drake reißt ab, Jay-Z reißt ab. So fresh und aggressiv hat man beide (zusammen) schon lange nicht mehr gehört. Auch hier wieder merkt man die Aktualität der Platte, referenziert Jigga mit einer fulminanten Line auf XXXTentacions Tod und den Fall Trayvon Martins.

Y’all killed X and let Zimmerman live. Streets is done.

Jay-Z „Talk Up“

Seite A endet so stark. Weggewischt ist der Eindruck, den vor allem „Views“ vermittelt hat, Drake sei satt. Und welch cleverer Schachzug, die R’n’B-Seite einzuläuten, indem man mit keiner anderen als Aaliyah die Rap-Seite beendet.

Doch ist „Scorpion“ an dieser Stelle noch nicht vorbei. 13 weitere Songs warten. Diese mögen in sich war nicht so stark sein, wie die ersten zwölf, gehören aber trotzdem zum besseren Material, das Drake in den letzten Jahren veröffentlicht hat. Aber der Reihe nach. „Peak“ zeigt gleich auf, dass es sich hier um eine andere Herangehensweise geht. Drake singt und singt und singt. Eine komplette Abkehr von den Flow-Abfahrten der ersten Seite. Ist das schlecht? Beileibe nicht!

Highlights gibt es nämlich auch hier wieder genug. „Summer Games“ mit seinem positiven Vibe und einer tollen Melodieführung oder das bereits bekannte „Nice For What“, das mit seinem Lauryn-Hill-Sample sich zum perfekten Pop-Song entfaltet. Richtig spannend wir es bei „Thats How You Feel“ und „In My Feelings“, wo er den alten Cash-Money-Drizzy rauslässt. Er benutzt Ausschnitte von Nicki Minajs Performance von „Boss Ass Bitch“ und Samples von Lil Wayne und der verstorbenen Mangolia Shorty, zu Lebzeiten auch bei Cash Money gesignt. Zum Schluss samplet er nochmal die „Atlanta“-Folge über sich selbst. Was für ein Referenzen-Massaker.

This is the first positive DNA we ever celebrated.

Drake „March 14“

Daneben überrascht „Don’t Matter To Me“ mit einer unveröffentlichten Vocal-Spur des King of Pop: Michael Jackson. Diese scheint jedoch nicht aus der allerbesten Quelle zu stammen, hört sich Michaels Gesang an, als wäre sie mit einem Nokia 3010 aufgenommen und mit Hilfe von viel Hall in den Song eingebaut worden. Ohne hohen Erwartungen, keine wirkliche Enttäuschung, aber in dieser Form überflüssig.

Abgeschlossen wird „Scorpion“ mit „March 14“. Hier lässt Drizzy noch einmal komplett die Hosen runter und geht erneut auf seine Vaterschaft ein. „Single father, I hate when I hear it, I used to challenge my parents on every album, now I’m embarrassed to tell them I ended up as a co-parent“, ist die Line die hier hängenbleibt.

Was bleibt nach diesen anderthalb Stunden? Drake ist immer noch Drake. Selbstüberschätzung trifft auf Selbstzweifel, aggressive Lines gegen angedeutete Gegner stehen Geschichten über verblichene Lieben und kurze Romanzen gegenüber. Trotz Überlänge schafft es Drake durch einen stringenten Aufbau und gutem Songwriting bei Laune zu halten. „Scorpion“ ist das beste Drake Album seit „Nothing Was The Same“, auf dem Drizzy ähnlich versiert, hungrig und reflektiert zugleich klang.