Döll: „Was die meisten Leute süchtig macht ist ein großer Gewinn. Und den hatte ich.“ // Interview

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Die „Weit entfernt“-EP machte Döll zur ewigen Deutschrap-Hoffnung. Dass er parallel zu den Lobeshymnen mit sich zu kämpfen hatte, bekam man kaum mit. Bis jetzt. Mit seinem Solo-Debüt „Nie oder jetzt.“ legt Döll alles offen. Miriam Davoudvandi hat sich mit ihm in einer Kneipe in Berlin-Schöneberg getroffen, um einige durchlebte Struggles zu besprechen.

Auf “Für den Fall” sagst du: “Denk‘ ständig an ’nen Überfall um mich abzusichern für den Fall” – Wie realistisch ist es, dass dieser Fall eingetreten wäre?

Hundertprozentig realistisch. Es ist mir unglaublich schwer gefallen, über die Spielsucht zu schreiben, weil sie mir sehr nahe gegangen ist über einen langen Zeitraum. Wenn man sich den klassischen Suchtverlauf anguckt, den du als Spieler hast, ist das der Punkt, an den du irgendwann kommen wirst – Stichwort Beschaffungskriminalität, Überfälle usw. Du hast das in dem Moment das Bedürfnis, das Suchtmittel Geld zu besorgen, daher also hundertprozentig.

Wie fing das mit der Sucht an?

Ich glaube wie bei den meisten jungen Erwachsenen. Im Sportbereich ist das Thema allgegenwärtig, du kannst fast kein Fußballspiel auf internationaler Ebene verfolgen, ohne dass du während des Spieles mit Werbung von Glücksspielanbietern vollgeballert wirst. Gerade wenn du Fußballfan bist, liegt es nahe, dass du dir sagst: “Ich weiß, dass Bayern München am Wochenende gewinnt. Warum sollte ich nicht 20€ drauf setzen?” Was die meisten Leute dann süchtig macht ist ein großer Gewinn und den hatte ich. Auch mehrfach. Das Fatale ist nicht, dass du Geld verlieren kannst. Klar, das ruiniert im schlimmsten Fall dein komplettes Leben und das von drei Generationen nach dir, aber das wirklich schlimme ist, dass du Geld gewinnst und sich das so in dein Unterbewusstsein reinfrisst, dass es dir sagt “Du bist ein Gewinner, du kannst es nochmal machen.” Wenn es finanziell auf anderer Ebene nicht klappt, dann machst dus eben hiermit.

Das wäre auch meine Frage gewesen: Ging es dir also weniger um das Verlieren und dass man es sich danach wieder beweisen und den Verlust ausgleichen will, sondern ums Gewinnen?

Ja, total. Auch wenn man mal richtig großen Verlust macht, die Krankheit sorgt dafür, dass du das schnell wieder vergisst und dich daran erinnerst, wie das Gefühl war, als du Gewinne eingefahren hast.

Eigentlich bedenklich, dass sogar jede noch so kleine Firma zur WM/EM Firmentippspiele macht und das alles gar nicht hinterfragt wird…

Nicht nur da. Ich gehe nicht davon aus, dass du Fernsehen guckst, oder? Wenn ich manchmal meine Mutter besuche und mir das gebe fällt mir immer wieder auf: Du kannst nicht durch Sportkanäle oder auch normale Privatsender zappen, ohne dass du mit Werbung von Online-Casinos berieselt wirst. Online dasselbe.

Auf demselben Song rappst du “Stand kurz vor dem Aus und besoffen vor 17 in Essen”. Magst du mal erzählen, was genau vorgefallen ist?

Es geht um unsere Show, die wir damals in Essen gespielt haben, auf der ziemlich genau 17 Leute waren. Ich hatte nie die Erwartungshaltung nach Essen zu kommen und vor einem Millionenpublikum zu spielen, ich weiß ja, wo ich stehe. Als wir damals in den Laden gekommen sind und gemerkt haben, dass niemand da ist, meinten alle “Heute ist ein Derby, die kommen bestimmt später noch”, aber es wurde immer später und es kam keiner mehr. Wir haben eine Menge Arbeit reingesteckt um den Leuten mehr als eine Stunde Rap-auf-Beat zu bieten und am Ende des Abends müssen wir draufbezahlen, die Leute, die beteiligt sind, müssen ja auch bezahlt werden. Mit den Lorbeeren, die ich die Jahre davor bekommen habe, hat das nicht zusammengepasst. Das eigene Camp zu zitieren ist immer so ‘ne Sache, aber “Kritikerliebling, Kontostand niedrig” hat da schon auf die Situation gepasst. Was auch hinter der Line steckt: Ich trete nicht besoffen auf. Es gibt Leute, die das können, aber wenn ich nur eins, zwei große Biere halbes Glas trinke, kann ich schon keine L-Laute mehr richtig artikulieren. Es ist auf jeden Fall schwieriger vor 17 Leuten statt vor 17.000 aufzutreten, da du jede einzelne Reaktion siehst.

Kommen wir mal zum Skit. Kannst du die Story dahinter erzählen?

Das ist Gibmafuffi, der sich mit einem Taxifahrer unterhält. Der Typ im Skit sagt auf jeden Fall mehr, als er vermutlich sagen wollte. Er beschreibt damit u.a. auch den Rap- und Selbstständigkeitshustle, finde ich. Auch da geht es am Ende darum, dass du deine Freunde, mit denen du zusammenarbeitest, bezahlst und das danach an den Mann bringst – kaufen und verkaufen. Außerdem stimmt auch die Kritik am Finanzamt (lacht). Und es gibt einen Bezug zu Offenbach!

“Ich bleib” hast du deinem Bruder Mädness gewidmet. Wie hat er darauf reagiert, als er den Song zum ersten Mal gehört hat?

Er hat ihn nicht alleine gehört, ich habe es ihm vorgespielt und es war auf jeden Fall ein sehr, sehr emotionaler Moment.

Ich bin meinem ganzen sozialen Umfeld total dankbar, dass sie das alles mitmachen.

Döll

Bei “All Day Pt. 2” hat mich eine Line irritiert: “Alle meine Probleme sind eine Bitch und an fast jedem sind Frauen beteiligt.” Das Thema Frauen und Ex-Freundin kamen im Laufe des Albums häufiger auf, aber die Line wirkte auch mich nicht sonderlich selbstreflektiert, sondern eher wie eine Schuldzuweisung.

Das hat für mich gar keine große Meta-Ebene, es ging nur darum, dass ich beziehungsmäßig durch viele Dramen gegangen bin.

Wenn man seinen Partner oder Partnerin dafür lobt, dass er oder sie viel Scheiße mit einem durchgemacht hat, impliziert es ja oft, dass man die Person in eine scheiß Situation gebracht hat.

Ja, aber das sehe ich dann eher als Schuldzuweisung an mich selbst. Die Person hat viel durchgemacht, weil ich sie in die Situation gebracht habe, ich sehe es daher eher als Diss gegen mich selbst. Ich bin meinem ganzen sozialen Umfeld total dankbar, dass sie das alles mitmachen, auch gerade weil in so einer Albumproduktion ein absolutes Minimum an Zeit übrig bleibt.

Du hast einen Song nach Héctor Lavoe benannt, hat das mit deinem Studium zu tun oder gibt es Parallelen zwischen euch?

Ich habe drei-vier Jahre lang in Madrid gewohnt und studiert, wo viele Lateinamerikanner_innen wohnen, wodurch dort sehr viel Salsa gehört wird. Ich höre auch unheimlich gerne Salsa, vor allem die Sachen von Fania Records. Zwischen Héctor und mir sehe ich schon Parallelen, der Typ hatte extrem viel mit sich selbst zu kämpfen, aber war auch ein Stehauf-Männchen.

Du hast das Album komplett in Eigenregie rausgebracht, “Ich und mein Bruder” kam noch über Four Music raus. Hat das einen Grund, warum du dich für diesen Weg entschieden hast?

Ich wusste auf den allermeisten Ebenen, mit wem ich zusammenarbeiten möchte, egal ob auf der Audio-Seite oder auf der visuellen Seite, daher habe ich nicht die Notwendigkeit eines Majors oder Labels im allgemein gesehen. Mir wird oft vorgeworfen, dass ich nach der “Weit entfernt”-EP hätte nachlegen müssen. Das stimmt wahrscheinlich auch. Daher ist die Platte für mich auch der Versuch, mich in Eigenregie dahin zu kämpfen, wo ich sein kann. Das ist zwar auch der Grund, warum ich gerade körperlich am Ende, krank und übernächtigt bin, aber es fühlt sich trotzdem gut an.

Das Gefühl hatte ich auch nicht, dass es da an etwas gefehlt hätte. Ich fand das Gesamtbild sehr stimmig, sogar so banale Sachen wie dein Instagram-Account wirkten professionell und passend.

Haha, gerade da musste ich für mich einen passenden Weg finden, weil das teilweise gar nicht mein Film ist. Als alle angefangen haben, in ihr Handy zu sprechen… (lacht). Vereinzelt mache ich das ja auch selbst, nur empfinde ich das jetzt für mich selbst nicht als ein Muss und mache es deshalb auch nicht ständig. Ich bin jetzt auch nicht der Typ, der sich beschwert, warum ein Song über’s Handy und nicht über eine Boombox läuft und es freut mich, wenn Leute sehen, dass in allem Arbeit drinsteckt. Es wurde sich auch über die Premium-Vinyl beschwert und gewitzelt, ob ich mir einen Grafiker gespart habe. Dabei ist das wie beim Texten. In dem Moment, in dem du weniger (Silben) benutzt, ist es viel schwieriger, etwas auszudrücken, bzw. zu gestalten..

Wenn die Leute wüssten, wie viele Rot-Töne es auf der Welt gibt!

Ja! (lacht) Das ist FF0000, glaube ich.

Heutzutage hat ja auch jede_r Künstler_in auch eigene Playlisten bei Spotify, sodass sich die Frage nach Einflüssen und Lieblingssongs usw. fast schon erübrigen. Du hast das nicht, daher erzähl mal, was du die letzten Monate so gehört hast.

Meine Platte hatte zu Beginn ausschließlich den klassischen Boom-Bap-Sound, aus dem ich eigentlich auch komme, aber gerade die Enaka-Produktionen, die später hinzu kamen, schauen schon etwas über den Tellerrand hinaus. Ich bin niemand der Zuhause sitzt, “The Infamous” hört und denkt: “Warum ist nicht alles so wie früher?” Klar, ich feiere auch alte Sachen, aber z. B. als 6ix9ine rausgekommen ist, habe ich den jeden Morgen beim Duschen gehört, weil mich das gepusht hat. Außerdem bin ich großer Drake-Fan, ich mag Roc Marciano extrem, viel Salsa. Auch nach Jahren höre ich noch die “Dirrty”-EP von SDiddy.

Wie kam es dazu, dass du bei einem AnnenMayKantereit-Song mitgeschrieben hast?

Kurz nach meiner EP hat sich Henning immer wieder ziemlich gut über mich geäußert. Dann kam “Hurra, die Welt geht unter“ raus, Audio88 & Yassin waren mit K.I.Z. auf Tour und er hat sie da besucht und mich immer wieder grüßen lassen. Dann hat er uns bei einer Köln-Show besucht und es kam eines zum anderen. Was viele nicht wissen: Henning hat ein unheimliches Rap-Wissen. Tatsächlich glaube ich, dass er besser rappt als viele Leute, die damit ihr Geld verdienen. Mittlerweile ist er ein guter Freund geworden. Und er ist einer der krassesten Songwriter, die Deutschland hat, finde ich.

Wie geht’s eigentlich mit deinem und Mädness’ Podcast weiter?

Es war nie die Idee, in das Podcast-Game zu steppen, oder damit auf Podcast-Festivals aufzutreten. Ich feier einfach das Format und damals war absehbar, dass in nächster Zeit keine Musik kommt, also haben wir es genutzt, um die Zeit zu überbrücken. Aber Marco hat mich zum Album interviewt, das kommt dann bald raus. Es ist auf jeden Fall auch ein bisschen weird, wenn ein Familienmitglied dich interviewt.

Fotograf Till aus dem Off: Wie Weihnachten halt.

Ja, genau. (lacht)

Fotos: Till Wilhelm