Digitalluc: „Man kann mit einem Beat niemanden verletzen“ // Interview

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Digitalluc hat sich über die vergangenen Jahre mit seinen Beats eine Nische zwischen BoomBap-Einfluss, Jazz-Samples und organischer Detailverliebtheit geschaffen. Nun hat er mit „blu dot.“ sein Labeldebüt über die Mainzer Qualitätschmiede Sichtexot veröffentlicht und damit gleichzeitig einen kleinen Meilenstein gesetzt. Denn auch „blu dot.“ ist geprägt von sorgfältigen Details und vielschichtigen Melodien zwischen düsterer Nachtästhetik und hoffnungsvollen Stilbrüchen. Das ist auch der Grund, wieso wir uns mit dem Berlin-based Producer hingesetzt und über seine neuste Platte gequatscht haben.

Fotos: Nina Francesca Nagele

Fotos: Nina Francesca Nagele

Die „waitwait“-EP ist jetzt schon ein Weilchen her, in der Zwischenzeit hast du die „Re:ups“-Collection releast und jetzt „blu dot.“. Was hat sich denn in der Zwischenzeit musikalisch getan bei dir?

Also, es hat sich ganz viel getan. Ich habe sehr viel ausprobiert, rumexperimentiert – ganz viel Kram davon ist auch noch gar nicht veröffentlicht. “Blu dot.” ist jetzt einfach irgendwie die Weiterentwicklung, was das organische angeht – also dieser “waitwait”-Sound ’ne Nummer besser.

Hat sich im Vergleich zu deinem letzten Tape irgendwas an deiner Arbeitsweise geändert?

Eigentlich nicht. Klar man wird schneller, ich merke auch schneller ob der Beat gut wird oder ob er scheisse ist. Aber sonst hat sich eigentlich nicht viel verändert.

“Blu dot.” ist ja jetzt auch dein Labeldebüt bei Sichtexot. Hat auch dieser Fakt nichts daran geändert, wie du an die Sache herangegangen bist?

Ja doch schon irgendwie – dieses Sichtexot-Ding hat mir schon bisschen Druck gegeben anfangs. Deshalb hat das alles so lange gedauert, bis ich realisiert habe, dass ich es einfach so wie immer machen muss und dann wird das schon passen.

Du bist ja schon länger irgendwie mit Sichtexot affiliated, also schon vor “blu dot.”. Wie ist denn diese Connection zustande gekommen?

Ich war in München und habe ’ne Wohnung in Mainz gesucht. Hab dann über tausend Ecken den Kontakt vom Sichtexot-Gründer Anthony Drawn bekommen. Der ist zu diesem Zeitpunkt gerade aus seiner Wohnung ausgezogen, in die ich dann eingezogen bin. Dann ist man sich öfter über den Weg gelaufen, ich hab zu dieser Zeit auch viel mit Knowsum gemacht und irgendwie kam dann eins zum andern.

Holst du dir auch deine Inspiration aus der musikalischen Schiene, in der sich auch Sichtexot bewegt?

Also ich hör sehr viel Sichtexot, Tufu zum Beispiel hab ich früher rauf und runter gehört. Ich höre auch sehr viel Jazz, aber ich hör auch viel Deutschrap – da ist dann auch schonmal eine Portion Straßenrap dabei. Oder Ufo361 – Musik, die halt ganz andere Energie hat. Daraus zieh ich mir auch sehr viel Inspiration. Ich mein, mit so Musik hab ich eigentlich angefangen – mit dem ganzen Memphis-Kram. Quasi diese Urelemente von Trap, Three6Mafia und so – das waren die ersten Beats, die ich gebaut habe. Auch so Horrorcore, aber irgendwann bin ich drauf gekommen: um so Musik zu machen, muss man einfach mehr Ahnung von Musiktheorie haben und die hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht. Also habe ich einfach angefangen zu samplen.

Ich hab ne ganze Memphis-Platte fertig gemacht. Also so richtig dreckiger Scheiss – nur so 90er Jahre Memphis-Kram.

digitalluc

Machst du denn immer noch ab und zu so Memphis-Sound, oder bist du mittlerweile voll und ganz von den organischen Beats eingenommen?

Ich hab ne ganze Memphis-Platte fertig gemacht. Also so richtig dreckiger Scheiss – nur so 90er Jahre Memphis-Kram. Die wird auch hoffentlich bald rauskommen.

Du hast ja bis auf Teknical Development keine Rap- oder Gesangsparts auf deinem Tape. Was ist der Grund dafür? Wie kam’s zu der Auswahl?

Also ganz klar bewusst so wenig Rapparts. “Blu dot.” ist ’ne Instrumental-Platte und vielleicht bin ich auch viel zu wenig Rap-Fan. Ich wollte die wirklich rein Instrumental halten. Und Teknical Development reimt ja nicht mal wirklich, ist ja eher so Spoken Word. Und ja, ganz safe einer meiner Lieblings MCs.

Welchen Rapper würdest du denn gern auf auf deinem Beat hören?

Also Deutschrap-mäßig, auf jeden Fall Ufo. Ich bin da nicht so dogmatisch, also es muss nicht alles immer so verraucht, Sample-Jazz-mäßig sein. Also ich liebe das, aber ich begeistere mich für ganz andere Musik auch. Deshalb würd ich’s auch so nice finden, mal ’nen Ufo oder sonst wen auf meinen Beats zu hören.

Was sich seit deinem letzten Tape geändert hat: Du wohnst jetzt in Berlin. Die einen Musiker lieben es, die anderen hassen es. Hat dich die Stadt an sich beeinflusst?

Auf jeden Fall. Man kann sich aus der Stadt hier schon wahnsinnig viel Inspiration rausholen. Allein schon alles, was Nachts passiert. Ich meine damit jetzt gar nicht Partys, sondern die Stadt ist ja nie wirklich am Schlafen. Berlin hat schon auch ’nen Einfluss – es ist aber auch irgendwie ’ne Hassliebe. Ich lieb’s hier, aber manchmal denke ich mir, dass ich hier unbedingt wieder weg muss.

Ich arbeite auch nur in der Nacht – Ich bin auch der Meinung, dass ich Nachts die besseren Beats baue.

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Fotos: Nina Francesca Nagele

Fotos: Nina Francesca Nagele

Wenn wir jetzt schon von der Nacht reden: In deinem Pressetext steht, dass „blu dot.“ ein Soundtrack für die Nacht ist. Generell merkt man bei dir die Faszination mit dem Nächtlichen, dem Mond und co. Woher kommt das und was fasziniert dich so daran?

Boah, das klingt jetzt sehr pathetisch (lacht), aber in der Nacht ist alles ruhig. Es ist dunkel, man sieht nicht das, was man am Tag sieht, man kann komplett für sich allein sein. Ich bin auch ganz klar ein Nachtmensch. Ich arbeite auch nur in der Nacht – Ich bin auch der Meinung, dass ich nachts die besseren Beats baue. Ich mache tagsüber eigentlich nie Musik, es passiert alles nachts.

Was noch ganz stark auffällt, ist deine Detailverliebtheit. Wieso sollte man deiner Meinung nach als Produzent so viel Wert auf Details legen?

Es macht einfach den Unterschied. Auf der neuen Platte sind ja zum Beispiel hauptsächlich nur Loops. Aber wenn du’s wieder und wieder hörst, findest du in den Loops immer wieder was neues. Auch bei mir selbst ist das so: Wenn ich es öfter höre, habe ich viel mehr Bock darauf, weil man irgendwann ein Element entdeckt, das man vorher nicht wahrgenommen hat. Es wird nicht langweilig und die Musik bekommt auf lange Sicht etwas Unvergängliches. Außerdem, ’nen Beat zu bauen, ist ja auch ein Stück weit, sich selbst was zu beweisen. Also verliert man sich da ganz schnell in Details – hier noch ne Fläche, da noch ne Percussion – weil man einfach alles geben will. An manchen Beats wächst man dadurch und an manchen geht’s in die andere Richtung. Es gibt Phasen, da baut man einen Beat nach dem anderen und alles ist top und dann bau‘ ich einen schlechten Beat und stelle alles in Frage.

Du machst ja alles digital. Deine Beats klingen aber nicht so, als würde sie aus einem Computer kommen, sondern teilweise viel mehr, als würdest du mit einer MPC arbeiten. Wie kommt das?

Das kommt von einem umfangreichen Sounddesign und viel Übung (lacht). Es ist halt echt jahrelanges Herumschieben und Arrangieren, bis es so klingt, wie es soll. Und dann ist es meiner Meinung nach ziemlich egal, ob es aus dem Computer kommt oder aus einer MPC.

Ein Künstler sollte sich nicht aufgrund irgendeiner Verantwortung jemand andern Gegenüber in seiner Kunst einschränken lassen – zumindest nicht, solange man niemandem damit schadet.

digitalluc

„blu dot.“ hat ja schon eine sehr düstere Atmosphäre. Trotzdem ist es aber nicht nur bedrückend, sondern hat gleichzeitig irgendetwas Wohlwollendes. Was bedeutet das Tape für dich selbst?

Es ist irgendwie eine Selbsttherapie, eine Aufarbeitung der Vergangenheit. Das hört man auch in den Skits – alles, was da vor kommt, sind Dinge, die ich erlebt habt. Also, die Skits sind ja von Prodigy, aber er spricht über Dinge, die ich zu 100% nachvollziehen kann. Die Platte ist zwar sehr düster, aber sie hat Hoffnung. Und ich glaube, das ist ganz wichtig. Musik hilft mir und auch ganz vielen anderen Künstlern halt einfach echt, irgendwelche einschneidenden Erlebnisse zu verarbeiten. Das klingt jetzt wieder echt abgedroschen, aber Musik hat mich auch irgendwie zu ’nem besseren Menschen gemacht. Bevor ich angefangen habe Musik zu machen, war ich auch teilweise echt ein Arschloch – ich hatte einfach andere Werte.

Depression bzw. generell das Verarbeiten von Emotionen in Rap & HipHop-Gefilden ist ja gerade ein viel besprochenes Thema. Wenn man das Ganze bisschen allgemeiner betrachtet: Jemand wie Lil Peep oder $uicideboy$, deren Musik davon lebt, haben unzählige junge Fans, für die Mental Health kein Tabuthema mehr ist. Gleichzeitig passiert aber auch genau das Gegenteil, und zwar, dass Depressionen zu einem Accessoire werden. Wie denkst du darüber?

Ich finde es total wichtig, die Musik zu machen, die man machen möchte. Und ich meine dieses Verantwortungs-Ding – klar, das Eine führt zum Andern, trotzdem denke ich, dass ein Künstler sich nicht aufgrund irgendeiner Verantwortung jemand anderem gegenüber in seiner Kunst einschränken lassen sollte – zumindest nicht, solange man niemandem damit schadet. Wäre ich ein Rapper, würde ich kein Thema auslassen, nur weil die Möglichkeit besteht, dass irgendein Fan das falsch aufnimmt und deshalb dann Scheiße baut. Im besten Fall machst du die Musik ja für dich selbst. Aber so Vorbildfunktion von Künstlern ist ein schwieriges Thema. Bei mir spielt das ja zum Glück keine Rolle – Man hat so wenig Sprachelemente, man kann mit einem Beat niemanden verletzen und genau das macht es so angenehm. Wenn man jemanden beeinflusst, dann beeinflusst man jemanden eher zum Guten.

Arbeitest ja auch gerade an deinem Debütalbum. Kannst du uns dazu was erzählen?

Es wird eine gesunde Weiterentwicklung, aber bei den Arrangements passiert viel mehr. Ich will dieses Loopbasierte brechen – es wird mehr Live-Elemente geben, es wird musikalisch ausgefeilter, mehr Abwechslung. Einfach geilere Arrangements, einfach MEHR (lacht). Auf „blu dot.“ waren jetzt ja Anthony Drawns Saxophon-Parts die einzigen Live-Elemente, da kommt dann viel mehr: Es kommen Drums, Keyboard, Bass, Synthies – alles.