Das Ende der Provokation

Wie ist Favorite wohl gerade auf Nicki Minaj zu sprechen? Es entbehrt ja nicht eines gewissen Wahnsinns, mit was für einem Timing zuletzt zwei Musikvideos in die mehr oder weniger öffentliche Wahrnehmung holpern.

Erzählen wir kurz nach. Seit dem 7. November ist der zurückkommende Favorite »Europas wichtigster Mann« und unterstreicht das mit einem Video, in dem er sich per Greenscreen in originales Filmmaterial von Adolf Hitler und dessen Vertrauten und Gästen auf dem Obersalzberg montieren lässt. Uniform, Schäferhund und rote Armbinde inklusive – natürlich mit »Fav«-Logo statt NSDAP- oder SS-Insignien. Nicki Minaj legt unter der Regie von Jeffrey Osborne ein Animationsvideo zu »Only« vor, das sich ebenso großflächig an der Panzerästhetik des »Dritten Reichs« bedient und an den entscheidenden Stellen eben Young-Money-Logos statt Hakenkreuzen einsetzt. Beide Videos erscheinen, nicht ganz zufällig, rund um den Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Da enden auch schon die Gemeinsamkeiten der beiden Videos. Während »Only« einer wild durchmischten Comic-Ästhetik huldigt, um Ass-and-Titties-Allmachtsfantasien zu visualisieren, wirkt Favorites rustikaler Wandschrank-Klamauk wie eine Hitler-Doku von »Upps – die Pannenshow«. Es geht aber an dieser Stelle weder darum, ob das handwerklich gut gemacht ist, noch möchte ich die Keule politischer Korrektheit schwingen oder irgendwem eine rechte Gesinnung unterstellen. Das wäre Unsinn. Vielmehr möchte ich die Frage in den Raum werfen, wie Provokation in der heutigen Praxis so funktioniert.

Einerseits scheint es ja aufzugehen. Ich schreibe darüber, ihr lest es, zumindest ein bisschen, und irgendwer wird sich schon aufregen. Glückwunsch. Andererseits drängt sich der Eindruck auf, diese omnipräsente Provokation nach dem Gießkannenprinzip – viel hilft viel – ist längst aus dem Ruder gelaufen, weil sie kaum noch kalkulierbar ist. Während auf Minaj immerhin die Anti-Defamation League anspringt, haben für Deutschlands Rap-Medien erwartungsgemäß nur Feature-Ankündigungen und Vorbestellungs-Links einen Nachrichtenwert. Sonst keine Wortmeldungen, alles normal. Was nützt die schönste Provokation denn, wenn auf Dauer der Shitstorm ausbleibt? Und ja, unterdessen regen sich immer noch Menschen darüber auf, dass Samy Deluxe sich mit dieser seltsamen Boy-London-Mütze gezeigt hat, und sogar ein bald zwei Jahre alter Boykottaufruf gegen – ausgerechnet – die Orsons wird heute noch gebetsmühlenartig an Konzertveranstalter verschickt. So wirklich vorhersehbar sind diese Mechanismen eben nicht mehr.

Die Relationen dessen, worüber es sich aufzuregen lohnt und was man nur beiläufig abschätzig anblinzelt, sind völlig willkürlich geworden. Da hat sich ein Fler, der offenkundig keine Probleme damit hat, vor Frei.Wild aufzutreten, offenkundig darauf eingelassen, mit ideologischen Versatzstücken vom rechten Rand mehr als nur zu kokettieren. Sein herablassender Vortrag in Richtung Farid Bang, der wegen seines Migrationshintergrundes in Deutschland nur Gast sei, macht die gefällige Standard-Argumentation »Aber meine besten Freunde sind Ausländer« noch schwieriger als bisher. Ein beträchtlicher Teil der Kommentatoren macht sich inzwischen vor allem über Flers Interpunktion lustig, als wäre das eine adäquate Reaktion auf den weltanschaulichen Problemmüll, um den es eigentlich geht. Und der damit verbundene ungeschönte Blick in die Volksseele via Kommentarbereich: geschenkt. Schaut euch das selbst an und überlegt, wozu die imstande sind, wenn sie alle wählen dürfen. Unterdessen stilisiert am anderen Ende des Spektrums die Antilopen Gang die Rechtsextremistin Beate Zschäpe zur pop-humorigen Titelantiheldin eines Songs, an dessen Ende man vor lauter Zynismus kaum noch weiß, ob U2 jetzt weniger scheiße ist als die Terrorzelle NSU.

Noch mal: Ich finde es gar nicht per se verwerflich, wenn Favorite oder sonstwer über einen Hitler-Kontext einfach mehr Aufmerksamkeit bekommen möchte. Hitler und meinetwegen auch die Zschäpe müssen Objekt von Humor, müssen Witzfigur sein dürfen, und Humor hat immer auch mit dem Überschreiten von Grenzen zu tun. Aber nicht jede Grenzüberschreitung ist im Umkehrschluss Humor oder gar Satire. Es lohnt sich, den Kontext im Blick zu behalten. Humor funktioniert nämlich viel besser, wenn er eine zweite Ebene hat, die über die unvermeidlichen Dummheiten in den Youtube-Kommentaren hinausgeht. Bei K.I.Z. war der böse Mann mit dem kleinen Bart letztes Jahr immerhin der blöde Hartz-Assi und swaggy Rapper als Sinneinheit aus Text und Video, nicht bloß eine knallige Deko, die man unabhängig vom Song beliebig gegen andere Diktatoren, Terroristen oder Massenmörder austauschen kann. Mit Flers offenem Brief sind wir im bitteren Ernst angekommen.

All das sind Symptome gesellschaftlicher Veränderungen, einer Abstumpfung und Übersättigung, die von sieben »Saw«-Folterflicks bis zu Sex mit Prostituierten auf der Konzertbühne reicht: Krawall sells, und zwar auf auf ganzer Bandbreite von hihi-lustig bis brandgefährlich. Dabei kann man sich immer auf bequemen Relativismus zurückziehen und dem mutwilligen Missversteher den schwarzen (respektive braunen) Peter zuschieben: Niemand muss mitmachen und -lachen, wir meinen es nicht böse, wir wollen doch nur spielen. Niemand ist automatisch ein Nazi, nur weil er oder sie Nazi-Symbolik in Videos verwurstet. Das verstehe ich. Aber ich fühle mich trotzdem weder provoziert noch unterhalten, sondern nur komisch von der Seite angemacht. Vielleicht sollte man das Hitlern auch einfach mal sein lassen, wenn man es doch gar nicht so meint. So originell ist das nämlich gar nicht. Am Ende bleiben die übrig, die es wirklich ernst meinen.