Bushidos „Mythos“: Lebende Legende oder langweilig? // Review

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Eine kleine Zeitreise: Vor zwanzig Jahren fing Bushido in seinem Jugendzimmer an mit rappen. Seit mehr als zehn Jahren zählt der EGJ-Chef zu den einflussreichsten Musikern im deutschsprachigen Rap-Kosmos. Am Freitag erschien sein (je nach Zählweise) dreizehntes Solo-Album. Doch erfüllt Mythos auch die Erwartungen eines Jubiläums dieser Größenordnung? Unser Redakteur Max Baran ist Bushido-Fan erster Stunde. Konnte Bushido auch alteingesessene Fans überzeugen? Eine Review frei von Stern-Cover-Stories, Clan-Geschichten und Co.

„Ich hab‘ jahrelang gehustlet für Bares in der Tasche.
Heute zieh‘ ich meine Visa ohne Limit durch die Kasse.“

Unsterblichkeit

Mit den zuvor in den letzten drei Monaten veröffentlichten Musikvideos („Hades“, „Mythos“, „Für euch alle“ und nicht zuletzt „Mephisto“) deutete Bushido bereits einige Elemente an, welche die Herzen seiner Fans höher schlugen ließen. Wohlwissentlich, dass ein nicht kleiner Teil dieser Fangemeinde aus heute Erwachsenen besteht, deren Jugend von Bushidos heute fast schon legendär wirkenden MPC-Beats und wütenden Texten begleitet wurde. Bushido selbst war dabei nie wirklich weg, seine Karriere war und ist von großem Medieninteresse. Was im Laufe dieser Zeit jedoch verloren ging, das war diese gewisse Mystik, die man in seinen frühen Teenager-Jahren in Form von Gänsehaut bei Klassikern wie „Demotape“, „King of Kingz“ und natürlich „VBBZS“, wortwörtlich noch spüren konnte. Und tatsächlich versucht „Mythos“ auch an genau jene mystischen Elemente anzuknüpfen – naja, der Name sollte schließlich auch besser halten, was er verspricht.

„Der Weg des Kriegers ist kein Satz, sondern alles, was ich hab‘. Deshalb kommen wir zu dir und ficken dich in deiner Stadt!“

Mythos

Es klingt nach Aufbruchsstimmung auf diesem Album. Hier trifft die altersweise Vergangenheit (bei „Est. 1998“ voller Stolz, bei „Das Leben“ sehr nachdenklich) auf die mit Tatendrang erwartete Zukunft. „Inshallah“ mit Capital Bra ist ein sympathischer Ohrwurm, „Hades“ mit Samra eine Kombination aus düster, hungrig und zornig – der Sound für die griechische Unterwelt eben. Selbst wer Bushido vorwerfen wollen würde, er könne mit 40 Jahren gar nicht mehr Musik, die auch dem Zeitgeist gerecht wird, abliefern, sollte spätestens seit „Für euch alle“ kaum noch Argumente finden. Bushido ist also zum Glück kein deutscher Eminem (shots fired, sorry). Vielmehr schafft er es selbst nach so langer Zeit, in der viele Spannungsmomente sich drohen zu wiederholen, noch immer authentisches Storytelling auf süchtig machenden Instrumentals zu reimen, die man am liebsten mit der Papp-MPC-Deluxe-Box nachbauen möchte. Am deutlichsten wird dies bei „Stiche“ – hier findet Bushido gar zum guten alten Worddropping-Stil von „Sonnenbankflavour“ zurück und der Hörer ist dazu angeregt, sich aus einem Haufen von Puzzleteilen ein großes Ganzes zu denken. Auch das erinnert an alte Zeiten. Das Feature mit Akon bei „Unsterblichkeit“ hätten die meisten eher 2005 gewünscht, aber auch 2018 klingt der Song – überraschend und trotz eines Hauches von Skurrilität – gut.

Die langjährigen Bushido-Fans dürften viel Freude an „Geigenkoffer“ haben. Knapp dreieinhalb Minuten Statement-Rap auf einem eingängigen Geigen-Sample, dazu dumpfe Drums und ein melancholisch wirkendes Outro. Anspielungen auf Fehden oder die Konkurrenz finden sich, wie üblich, auf fast allen Tracks – bei „Hyänen“ und vor allem „Mephisto“ sind sie jedoch Hauptinhalt. Das passt gut zum Konzept des Albums, kann den in Nostalgie versunkenen Bushido-Fan jedoch auch an manchen Stellen durchaus stören. Denn „Mythos“ überzeugt in erster Linie durch persönliche Tiefe, es ist ein Album, das man mehrmals hören sollte, um die Perspektive des aktuellen Bushidos gänzlich zu fühlen. Wir hören einen geerdeten Familienvater, für dessen Rap-Karriere einfach immer noch „Kein Ende“ in Sicht zu sein scheint. Das, was der 20-jährige Bushido einst auf seinem Demotape mit Klassikern wie „Schlangen“ oder „Neues Kapitel“ beinahe prophetisch skizzieren konnte, schließt auf „Mythos“ einen Kreis.

„Es ging um meine Seele, ging um meine Freiheit, Liebe und Karriere, vom Bordstein bis zur Skyline“

Geigenkoffer

Bushido hat es geschafft, seinen Legendenstatus hierzulande mit diesem Album abermals zu zementieren. Mythos schafft es Zeitsprünge sowohl lyrisch als auch musikalisch zu meistern, an denen schon ganze Alben vergleichbar großer Deutschrapper gescheitert sind. Selbst ohne die Neubesetzung von Ersguterjunge wäre dieses Album ein Geschenk an alle Fans gewesen. So liegt nun ein Werk vor, welches biografisch und zeitgemäß zugleich klingt. Die große Stärke dieser Bushido-Zeitreise liegt darin, dass sie das Beste aus Vergangenheit mit Zukunft vereinen kann, ohne dabei die Gegenwart zu vergessen. Vielleicht war Bushido tatsächlich seit 2003 nicht mehr so authentisch. Und vielleicht war Ersguterjunge seit vierzehn Jahren nicht mehr so vielversprechend wie heute.