Bekenntnis eines Ex-Fans (Teil 1: Prinz Pi)

Die Stimmen derer, die mit der neuen Verpackung des Berliners nichts mehr anzufangen wissen, mehren sich. Laurens Dillmann gehört dazu. In seiner Freitags-Kolumne "Botschaften aus dem Jahre 1919" macht er sich diesmal Gedanken über das Verhältnis zwischen Künstlern und ihren Fans und erläutert, weshalb der Prinz einen beträchtlichen Teil seiner früheren Anhänger vergrault hat.

Geschichten von ersten Malen sind immer gut. Hier ist also eine:

Libellen ziehen Zickzacklinien, am Himmel wandern träge Kumuluswolken entlang. Hochsommer, 05/06/07, weiß nicht mehr genau, irgendwas mit Phillip Lahm und Winkelknallern. Wir schießen einen Fußball gegen ein Garagenwellblechtor. Laute Schläge, Hinterhof-Dubstep. Vom anliegenden Balkon keift eine Mutter zu uns herab. Wir sollen gefälligst leiser kicken, WER KANN DENN BEI DEM LÄRM DIE BILD LESEN!? Mein Freund nutzt die Unterbrechung und geht pinkeln. Ich angle mir seinen liegengelassenen MP3-Player. Play – „Zeit ist Geld“ von Prinz Pi, damals noch Porno. So bin ich „zu Rap gekommen“, falls mal jemand fragen sollte.

Zeitsprung. Es hat sich einiges geändert im Hause Keine Liebe. Ein Nummer-1-Album, ausverkaufte Hallen und ein stattlicher Kinnmantel. Paraäl datsu hat die Antilopengang-Retourkutsche „Leben und Streben des Friedrich Kautz“ rund 150.000 Youtubeklicks und die Wörter Prinz und Pi sorgen immer öfter für betroffene, denn verzückte Mienen. Viele alteingesessene Fans sind abgesprungen, ich gehöre dazu. Meine Fan-Flucht hat jedoch tiefergehende Gründe als lediglich „einen neuen Style“, den man einfach nicht mehr feiert. Es folgt, Trommelwirbel, die Erläuterung.

(Wenn mutige Feuilleton-Journalisten einen Verriss schreiben, duzen sie gerne die entsprechende Person. Ich bite hiermit offiziell!)

Lieber Friedrich, damals hast du mir vielleicht das Leben gerettet. Nachdem ich mir „Zeit ist Geld“ via  LimeWire beschafft hatte, verbarrikadierte ich mich in meinem Kinderzimmer und inhalierte Beats, Texte und Attitüde. Ich glaube, meine Eltern haben mich zwei Wochen nicht zu Gesicht bekommen. Das hatte etwas von Katharsis. Von da an war mir bewusst, dass es dort draußen Renitenz gab. Kreativität, Verlangen nach guten Gesprächen. Und die Wut, all das vorenthalten zu bekommen. Ich war mir sicher, dass meine Heimatstadt nur einen Hort darstellt, einen Käfig, dessen Gitter verbiegbar sind, wenn man nur fest genug daran rüttelt. Und ich weiß heute, dass es vielen so ging.

Vor einiger Zeit stieß ich auf dieses Video. Wohl ursprünglich als Konzertbericht geplant, dient es eher als Einblick in die heikle Zeit, die von Unsicherheit, übertriebenem Respekt vor Kameralinsen und Kopfchaos geprägt ist. Pubertät. Die Lebensphase, die sich mit „tiefgründigen Texten“, die das eigene Weltbild bestätigen, besser aushalten lässt. Friedrich, ich glaube, mit verqueren Weltbildern, jugendlicher Wut und großem Unwohlsein im eigenen Umfeld kennst du dich aus. Du hast all das in dem Song „Keine Liebe“ komprimiert, der Internet-Leak, der den Grundstein für deine Karriere gelegt hat.

„Keine Liebe“ ist dein Hit, dein Mambo No. 5 unter lila Wolken, und das mit 17 (um deine Frage von damals zu beantworten: In dem Alter hat man automatisch immer Recht)!
„Ich war ja auf einer krassen Eliteschule und mochte die Leute in meinem Semester gar nicht – die mich auch nicht. Ich war krass unzufrieden mit dieser Schulzeit. Das waren sehr oberflächliche, verwöhnte, reiche Kids oder Nerds. Da habe ich mich mit niemandem gut verstanden. Dann habe ich diesen Song geschrieben.“
Das sagst du über die Entstehungsgeschichte des Tracks.

Zeitsprung. Täusche ich mich, oder erfüllen die Jugendlichen, die du als Abziehbilder irgendeiner fiktiven Generation in deinen Videos auftreten lässt, nicht dieselben Attribute, die du an deinen damaligen Mitschülern nicht ausstehen konntest? Alle wunderschön, ihre Familien können sich offenbar Motorräder mit reichlich PS leisten und gedanklich kreisen sie um sich selbst. „Jeder von uns denkt das Gleiche, keiner, der mich versteht“, rappst du auf einem anderen Track. Hä!? Als ich noch begeisterter Anhänger deiner Musik war, habe ich dich doch verstanden? Mir ging es doch genauso wie dir!

Ich fantasiere gerne von einem „Vertrag“ zwischen Künstler und Fan. Das Dokument ist ziemlich simpel gehalten, lediglich zwei Anforderungen. Erstens: Der Künstler darf tun und lassen, was er will. Er ist schließlich kein Dienstleister (Wie es neulich so schön in der Beginner-Ansage hieß). Diese Freiheit hat ihm der Fan zu gewähren. Dafür genießt er folgende Rechte: Er darf vom Künstler nicht für dumm verkauft werden. Man könnte auch sagen, er sollte nicht dumm kaufen müssen. Mir wird zum Beispiel immer noch nicht klar, wieso ich plötzlich Bob-Dylan-Biographien wälzen muss, um die Genialität deiner Texte zu erfassen. Das ging doch früher auch ohne?!

Verzeih mir bitte die Prise Sarkasmus. Mir liegt wirklich etwas daran, dir zu erklären, was mich und so viele andere mittlerweile an deiner Selbstvermarktung stört. Dass man auch in fortgeschrittenem Alter Musik macht, die Jugendlichen gefällt, oder im Laufe der Karriere seinen „Style“ ändert, ist nämlich keinesfalls ein Frevel. Auf das Wie kommt es an. Und dein Wie nehme ich dir nicht mehr ab. Und ich weiß heute, dass es vielen so geht. Kleiner Kulturtipp: „Captain Krümel“ von Rainald Grebe, ein Lied über seine Pubertät. Der Mann ist rund zehn Jahre älter als du. Ihm nehme ich jedes Wort ab. Dir nicht. Weißt du, woran das liegt?

Schuld ist der Nimbus, an dem du seit Beginn deiner Karriere werkelst. Du warst eben immer das Wunderkind, wie du nie müde wurdest, zu betonen. Die ominösen „Anderen“ galt es zu bekämpfen, du hast alles anders gemacht und dich selbst als funkelnden Diamanten profiliert, über dessen Fund man sich besser diebisch freuen sollte. Stefan Raab nervte entsetzlich und die Musikindustrie war feuerrot und hatte einen Dreizack. Und nun sitzt du auf dem TV-Total-Sofa und deine Videos animieren mich dazu, Coca-Cola und schicke Klamotten kaufen zu wollen? Friedrich, das Gefährliche an einem Nimbus ist: Wenn man ihn selbst demontiert, reagieren, die, die ihm früher zugejubelt haben, ungehalten. Sie haben das Gefühl, einer Täuschung aufgesessen zu sein.

Ich möchte dir noch ein kleines Fundstück zeigen, ein vor fünf Jahren erschienenes Interview, das interessante Aussagen von dir enthält. Mir ist bewusst, dass ein halbes Jahrzehnt eine lange Zeit ist, allerdings fielen mir fast die Augen aus den Höhlen, als ich deine Aussagen von damals mit deiner heutigen Selbstvermarktung verglichen habe.

„Ich finde einfach, dass man ein politisches Bewusstsein haben muss und mich kotzt es an, wenn junge Leute sich nur über Klamotten und Musikgeschmack und über irgend solchen oberflächlichen Unsinn definieren.“

Zustimmung.

 „Es gibt nicht viele Leute, die sozusagen, die Dinge so formulieren können, dass die Leute ihnen zuhören. Aber wenn du diese Gabe hast, dann musst du die dazu benutzen, was Gutes daraus zu machen. Du musst einen Mehrwert schaffen für die Gemeinschaft.“

Zustimmung.

 „Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass man heute allerhand Grund hat, zu protestieren.“

Zustimmung. Das habe ich mit dieser Kolumne getan. Lieber Friedrich, ich hätte es schön gefunden, wenn wir als Künstler und Fan zusammen gewachsen wären. Danke für die tolle Zeit, aber ich bin raus aus der Pubertät und kann auf jemanden verzichten, der mich musikalisch wieder hineinführen will. Vielleicht als kleine Wiedergutmachung: Ich maße mir zumindest an, deine Wandlung nachvollziehen zu können. Du hast eine Diskographie vorzuweisen, die seinesgleichen sucht. Du hast mit Ideen um dich geworfen und nur die wenigsten davon waren ungenießbar. Du bist Vater geworden. Du musst und willst Geld verdienen, wie wir alle. Ich gönne dir jeden Cent, ehrlich. Außerdem, du weißt doch:
„Wir jammern gern. So sind wir Deutschen.“ Du hast eben doch immer Recht!

 

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