Yaw Herra: „Wenn mir jemand keinen Respekt zeigt, dann zeige ich ihm auch keinen.“ // Interview

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Henry Appiah ist ein aufstrebender Künstler, der in den letzten Jahren unter dem Namen KnG (König nicht Gangster) erste Erfolge verzeichnen konnte. Kürzlich wurde er bei Corn Dawg Records gesignt, hat sich in Yaw Herra umbenannt und veröffentlicht am Freitag, den 19. Mai seine fünf Tracks starke, vielseitige EP „Stimme der Unvernunft“. Unser Autor Fabi Süd hat ganz genau hingehört und mit ihm über seinen Werdegang, Freestylecyphers auf dem splash!, seine liebste Grassorte und über die Vereinbarkeit von Respekt und Battleattitude gesprochen. Außerdem: Für fleißige Leser verlosen wir am Ende des Interviews „Stimme der Unvernunft“ auf Vinyl!

Ich habe gehört, du „rollst wieder mit HipHop“. Mit dieser Reminiszenz an die Reimemonster Afrob und Ferris MC offenbarst du deine ursprüngliche Deutschrapsozialisation?

Auf jeden Fall. Ich wurde oft mit Afrob verglichen, Leute erinnert mein Rapstil an ihn und er ist auch ein Godfather deutschen Raps.

Du warst auch mal auf einer Jam mit ihm und DJ Premier?

Ja, das war 2010, mittlerweile war ich schon öfter mit ihm auf Veranstaltungen. Damals habe ich einen Rapcontest gewonnen und bin dann in Frankfurt aufgetreten. Ich rappte zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre. DJ Premier, Afrob und Tone waren auch mit von der Partie. Präsentiert wurde das Ganze von HipHop.de. Später gab es auch noch ein Interview, aber da war ich erst 19 und wenn man sich das anguckt wird man denken “Woah der Junge war aber sehr nervös”. Ich wollte damals einfach rappen und freestylen. Alles andere war mir egal.

Damals hießt du schon „König nicht Gangster“?

Der Name ist mit einem Kollegen entstanden, wir waren besoffen am rappen und haben uns über gar nichts großartig Gedanken gemacht. Ich wollte einfach Mucke machen.

Auf deinem Song „The MC“ von 2013 hast du auch Afrob erwähnt und einen Beat von KRS-One gepickt. KRS-One, Wu Tang Clan, N.W.A. – sind das so deine Wurzeln?

Ich habe ganz ehrlich noch nie ein ganzes Album von KRS-One angehört. Ich finde seine Einstellung cool und feier auch einzelne Songs. Anfangs habe ich viel Eminem und Westcoast-Geschichten gehört. Dr. Dre, Snoop Dogg, Xzibit, Biggie, 2Pac, Mobb Deep. Wu-Tang habe ich erst später gehört und da war ich geschmacklich schon fokussierter sodass mich das nicht so intensiv geprägt hat.

Hast du ihn mal auf dem splash! gesehen?

Ja, aber leider habe ich drei Songs verpasst, darunter auch „The MC“. Den Rest hab ich mir angeguckt und er ist live super. Energiegeladene Shows wie seine finde ich cool.

Wie sieht’s mit eigener Live-Erfahrung aus – die hast du zum Großteil auf Tour mit Olli Banjo gesammelt?

Ich war 2013 mit ihm unterwegs und habe ein, zwei Mal sein Backup gemacht. 2014 war ich dann bei der “Dynamit”-Tour als Support Act dabei. Chefket habe ich 2015 auf ein paar Terminen seiner “Nachtmensch”-Tour begleitet. Ansonsten war ich 2012 auf der VBT-Tour und habe auf dem splash! 2013 beim Open Mic gefreestylt während Drob Dynamic moderierte. Ich kam damals auf die Stage und hatte keinen Plan, wie die Leute mich wahrnehmen würden. Da kam Johnny Rakete auf mich zu und meinte “Hey, du bist doch KnG”. Das hat mich damals sehr gefreut, auch wenn er der einzige war, der mich erkannte.

Wenn es Geld gibt, gib es Geld und wenn nicht, macht man es eben trotzdem.

Yaw Herra

Wurde dein neues Label Corn Dawg durch deine Livegigs auf dich aufmerksam?

An das klassische “vom A&R weggesignt werden nach dem Konzert” glaube ich nicht mehr. Heute geht es nur noch um Reichweite. Zwei von den Mitarbeitern von Corn Dawg haben wie ich auch in Koblenz gelebt. Vielleicht haben sie meinen Lokalrepresenter-Song gefeiert.

Deinem Onlineauftritt nach zu urteilen waren deine Strukturen schon vor deinem Signing recht professionell – frei nach dem Motto „indie ist the new major“. Was hat dich dazu motiviert, trotzdem zu einem Universal-Sublabel zu gehen?

Dass da irgendwo in den Credits ganz klein Universal steht, beeinflusst mich gar nicht. Kendrick oder die 187 Strassenbande sind ja auch Künstler von Universal. Bei Universal Urban kann es passieren, dass jemand beim Interview dabei sitzt und einem auf die Finger schaut bzw. dem Journalisten auf die Fragen. Mein Manager und ich sind immer ein Zwei-Mann-Team. Viele andere, mit denen wir zusammenarbeiten sind Freunde, die glücklicherweise Fotografen, Video- oder Musikproduzenten sind. Persönlich kommen wir gut miteinander klar und jeder zieht seine Vorteile daraus. Wenn es Geld gibt, gibt es Geld und wenn nicht, macht man es eben trotzdem um sich gegenseitig zu supporten. Als Künstler ist es schwer alle glücklich zu machen. Wenn ich einen Song mit Video rausbringen möchte, brauche ich erst einen Beat, muss den Song aufnehmen, dann mixen und mastern lassen und dann muss ich noch das Video drehen. Das heißt: Ich könnte für einen Song mehr als tausend Euro investieren und immer noch nichts daran verdienen. Du kannst auch Regelungen finden, damit es für alle Leute was bringt, sie beispielsweise in die Credits schreiben, damit andere auf sie aufmerksam werden, wo es dann vielleicht auch Cash gibt. Wenn man so und so viel Geld erwirtschaftet hat, dann teilt man das natürlich brüderlich. So kommt man nach vorne.

Wie integrierst du jetzt Corn Dawg Records in diesen Prozess?

Corn Dawg können mich noch mehr unterstützen, aber sie lassen uns komplett auf unserem Film. Die wollen mich nicht verändern, sondern finden das so gut, wie wir es bisher gemacht haben. Hin und wieder wollen sie mit uns über ein paar Ideen sprechen. Da geht es nicht darum meinen Sound zu verändern, sondern andere Menschen in den Prozess zu integrieren. Wenn mir eine Idee nicht gefällt, kann ich das natürlich sagen. Ich habe meine Seele nicht verkauft und bin immer noch mit meinem alten Team. Es bleibt überwiegend alles beim Alten. Gemeinsam mit meinem Label habe ich aus einem Pool an Songs fünf für meine EP ausgewählt. Über das Label habe ich ein größeres Team und wir wollen bei den Großen mitspielen.

Hatte deine Namensänderung von “König nicht Gangster” zu Yaw Herra etwas mit dem Signing zu tun?

Die Namensänderung habe ich mir schon länger überlegt. Seit 2011/2012 hab ich Kommentare zu meinem Namen bekommen. Ursprünglich hatte mich ein ehemaliger Kumpel, mit dem es mittlerweile krasse persönliche Differenzen gibt, so genannt. Unabhängig von dem Ganzen habe ich mich gefragt: “Möchtest du dich für immer ‘König nicht Gangster’ nennen?” Der Name war sehr unpersönlich. Mit dem neuen Label hat sich einfach der perfekte Moment für die Namensänderung ergeben. „Grünes Licht“ ist das erste Release unter neuem Namen auf dem neuen Label.

Auf „Grünes Licht“ rappst du „Denn ich lernte: ‘Lass dir bloß von keinem etwas sagen’. Deshalb landete mein Name häufig in nem Strafverfahren“. Bringt dich dein Dickkopf öfter in Schwierigkeiten?

Das war früher so. Ich war jung und habe viel Blödsinn gemacht – heute würde ich sagen, dass es unnötig war. Es hätte nicht sein müssen, sich für anderen Leute zu prügeln. Ich weiß nicht, wie das in Berlin ist, das ist ja eine komplett andere Welt. Aber man muss bedenken, dass Koblenz eine Kleinstadt ist, die weniger Einwohner hat als Neukölln – der Taxifahrer heute fand es süß, als ich ihm erzählte woher ich bin (lacht). Aber bei uns gibt es Leute, die extra rausgehen um sich zu prügeln. Und Rassismus ist immer noch sehr präsent. Dann heißt es halt „der schwarze Henry hat mir die Zähne ausgeschlagen“. Das ist also echt oft ungerecht gelaufen. Ich wusste wer es war, aber ich verpfeife niemanden.

Du rappst auf dem Song „Manchmal“ von Respekt und sagst „manchmal wär ich gern wie du“. Wer sind denn deine Vorbilder?

Einer meiner größten Vorbilder ist Martin Luther King. Ich habe letztens mit meine Mutter über Respekt diskutiert. Ich meinte zu ihr: Wenn mir jemand keinen Respekt zeigt, dann zeige ich ihm auch keinen. Ich bin zu jedem respektvoll, egal was er macht oder was er für eine Vorgeschichte hat, solange derjenige sich mir gegenüber auch respektvoll verhält. Meine Mutter sagt, das sei ein kindisches Verhalten, aber es gab einfach zu viele Situationen, in denen ich mich unfair behandelt gefühlt habe.

Auf „Grünes Licht“ ist die Line „Bin ich Optimist, nur weil ich das nicht eng seh wie n‘ Asiat“. Diese oberflächlichen Klischees in deinen Battle-Tracks passen nicht zu den politischen Ansprüchen, die du auf deinen früheren Releases vertreten hast. Hast du für dich einen Kodex anhand dessen du deine Aussagen auswählst?

Jeder kann seine Tracks gestalten wie er möchte. Ich denke mir dann aber nicht “da muss jetzt diese oder jene Pointe noch rein.” „Grünes Licht“ ist, wie du schon gesagt hast, ein Battle-Track. Das heißt, der soll nicht den Zweck erfüllen, dass man sich danach denkt “peace, love and harmony”. Klar, ist die Frage nach Frieden immer in meinem Kopf. Es läuft so viel verkehrt auf dieser Welt und es wirkt manchmal so, als würde es keinen Frieden geben können ohne Krieg. Aber da würden wir hier jetzt ein zu großes Fass aufmachen müssen.

Deine Ganze EP transportiert viel Battle-Attitüde, politisch hast du dich aber etwas zurückgenommen und transportierst auch ein paar persönliche Sachen.

Ja voll, auf der EP ist von allem etwas dabei. „Nein“ und „Grünes Licht“ sind eher Battle-Tracks, „Come smoke with me“ ist ein Track übers Kiffen und die anderen beiden Songs sind ziemlich persönlich.

Du scheinst schon kein schlechtes Vorbild für die Kids zu sein. Auf deiner Facebookseite machst du zum Beispiel auf eine Anti-Nazi-Demo aufmerksam.

Wir können viel meckern, aber tun dann sehr wenig um etwas zu verändern. Warum ist das so? Weil wir vielleicht zu wenig sehen, weil uns das vielleicht unangenehm ist? Weil wir keine Lust haben? Aber so wird man nie etwas verändern. Ich gehe auch andere Wege, die ich jetzt noch nicht unbedingt öffentlich präsentieren muss. Viva Con Agua gibt’s jetzt zum Beispiel auch in Koblenz – solche Sachen sind mir extrem wichtig. Wenn ich irgendwie Leute unterstützen kann, wieso sollte ich das dann nicht tun? Für sowas muss man kein reicher Mann sein. Ich möchte die Welt immer ein Stück weit zu einem besseren Ort machen. (lacht) Das klingt jetzt ein bisschen dramatisch, ist aber so.

Ich kiffe halt, aber mache deswegen kein Fass auf.

Yaw Herra

Auf „Come smoke with me“ hast du auch wieder so eine Line: „Ich will mich dicht rauchen so lange bis ich ausseh wie ‘n Schlitzauge“.

Das hört sich im ersten Moment vielleicht ein bisschen komisch an, aber ich spiele eben viel mit Klischees. Dass genau diese beiden Lines auf der EP gelandet sind, ist Zufall.

Ich habe gelesen, dass du dich nach der Weedsorte “Jack Herer” benannt hast.

Ja voll, das Yaw ist an meinen ghanaischen Namen angelehnt und das Herer habe ich ein ein bisschen abgewandelt.

Du betonst auch immer wieder deine Hustler-Mentalität und rappst, dass du ungern stehen bleibst. Da ist Jack Herer als Sativa mit seiner aktivierenden Wirkung ja vielleicht genau das richtige Gras um auch stoned ein paar Steps nach vorne zu machen, oder?

Jack Herer finde ich gut, weil es mich nicht so drückt. Ich will das Kiffen nicht total cool nach außen verkaufen – ich kiffe halt, aber mache deswegen kein Fass auf. Leute denken vielleicht ich bin ein Hänger und wenn ich einen Joint rauche würde ich mich natürlich am liebsten entspannen, zurücklehnen und Nichts tun. In einer Welt, die sich die ganze Zeit dreht kannst du aber nicht die ganze Zeit entspannen. Wenn du was erreichen willst, kannst du entweder nur davon träumen was zu erreichen oder du musst Dinge tun um deinem Traum näher zu kommen. Irgendwann habe ich aufgehört um jeden kleinen Erfolg so ‘nen Wind zu machen, weil mir klar wurde, dass ich eigentlich ganz woanders hin will. Ich will immer weiter machen und ich schreibe jeden Tag – wenn ich aber den ganzen Tag kiffe, dann mache ich nichts.

Hattest du auf deinen Battle-Tracks konkrete Rapper bzw. irgendwelche Wack MCs vor Augen, die dich zu den Lines inspirieren?

Meine Zeilen sollen die Leute zum Schmunzeln bringen. Aber ich habe dabei eigentlich nie irgendwelche konkreten Rapper vor Augen. Mir geht es dabei viel mehr um die Reime und den Kontext. Viele fokussieren sich nicht mehr so sehr auf die einzelnen Zeilen und Parts, deshalb finde ich teilweise Straßenrap auch so krass uninspiriert. Ich möchte meinen eigenen Sound kreieren und etwas Besonderes erschaffen – Run The Jewels zum Beispiel haben das geschafft. Das Ding ist, viele finden Battlerap an sich nicht mehr so interessant. Außerdem möchte ich niemanden biten und mich nicht verstellen – ich möchte über mich hinauswachsen. Deshalb wird meine nächstes Projekt, das schon in Arbeit ist, etwas melancholischer. Danach soll es wieder mehr nach vorne gehen.

Wie versprochen gibt’s Geschenke. Wenn du „Stimme der Unvernunft“ auf Vinyl gewinnen möchtest, dann schreibe eine Mail mit deiner Adresse und dem Betreff „Yaw Herra“ an win@splash-mag.de. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Wer sich das Ganze lieber live anhören möchte, kann das am Freitag, den 19. Mai um 17 Uhr im hhv-Store Berlin tun.