Xatar – „Bei uns geht es um Qualität.“

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Klar, ein Album auf Platz eins der deutschen Charts zu platzieren, ist für Rapper heutzutage wirklich keine Sensation mehr – und auch bei Xatars „Baba aller Babas“ hatte man damit durchaus gerechnet. Die weitaus größere Herausforderung: Langlebigkeit. Wie man das macht? So wie Xatar: mit Qualität.

Denn oft genug ist im deutschen Rap mit Verkündung der Erstwochenplatzierung die Euphorie schlagartig vorbei: Als Fan wird man in der mittlerweile tatsächlich als solcher kommunizierten „Promophase“ mit Interviews, Beef-Kindergarten und Vorbestell-Links regelrecht erschlagen – um dann ernüchtert festzustellen, dass die brav erworbene Deluxe-Edition-Musik gerade mal für eineinhalb CD-Durchläufe HipHop-Unterhaltung ausreicht.

Und auch wenn Xatar dank Mantel-Sperenzchen und Goldraub-Legende genug Material für die medialen Durchlauferhitzer bot und auch selbst mit Chartoptimierungsmaßnahmen keineswegs geizte, liegt die Sache bei „Baba aller Babas“ ganz anders als bei der Konkurrenz: Das Album ist nicht nur dank Baba-Ansagen am laufenden Band für die üblichen Straßenrap-Konsumenten interessant, sondern darüber hinaus schlicht ein Statement in Sachen Rap-Kunst. Reimtechnik und Flows, die Jahre intensiver Auseinandersetzung mit der bestmöglich platzierten Silbe atmen. Ohrwurm-Lines, die man sofort in seinen ewigen Rap-Zitatschatz aufnimmt. Beats, die nicht nur perfekt auf Xatars lyrische Performance zugeschnitten sind, sondern sowohl im Beats-by-Dre-Schulkinderkopf als auch in der Kindersitz-Familienkarre so viel Bums erzeugen, dass man einfach nicht skippen will. Kurz gesagt: Xatar produziert nicht einfach CD-förmigen Merch für YouTube-Dullis. Sondern richtig gute Rapmusik, die den Namen auch verdient.

Du kamst aus dem Knast, hast dann direkt die Promophase gestartet und „Baba aller Babas“ fertiggestellt – wie bewerkstelligt man so etwas?

Indem man das einfach macht. Das ist ja nix Besonderes. Ich war ja davor schon Freigänger und konnte ein bisschen arbeiten. Da hab ich beatmäßig schon vorgelegt, denn das ist das Einzige, was bei uns ein bisschen länger dauert. Daran habe ich schon ein halbes Jahr lang gearbeitet bis zur Entlassung. Und ab der Entlassung dann einfach Vollgas gegeben: geschrieben, geschrieben, geschrieben und dann in der letzten Sekunde aufgenommen. Bis zur Masterabgabe war noch nichts wirklich fertig.

Normalerweise hört man von Menschen, die im Knast sind, nicht wirklich viel. Du hast es aber geschafft, während der ganzen Zeit auf dem Schirm zu bleiben: Du hast ein Album rausgebracht und bist damit gechartet, hast ein erfolgreiches Label aufgezogen und deine Künstler gepusht. Wie schafft man das, wenn man eingesperrt ist?

Das geht nur durch Dribbeln, Bruder. Ich hab versucht, so viel zu dribbeln, wie ich konnte. Weil ich einfach nicht mitansehen konnte, wie das ganze Ding, das ich aufgebaut hatte, untergeht. Deswegen hab ich jede Lücke, die ich finden konnte, genutzt. Mit dem Album, das ich im Knast gemacht habe, hat es angefangen, dann kam Schwesta Ewa, die wir gesignt haben. Dann Ssios Mixtape. Gott sei Dank hatte ich ein Handy im Knast. Damit konnte ich einiges machen, viel Druck auf die Jungs ausüben, auf die Künstler und auf das Label, damit die was machen. Denn für die war die Situation ja auch nicht wirklich erfolgversprechend. Aber dann ruft eben Xatar aus dem Knast an und sagt: Du machst jetzt ein Mixtape. Zu dem Zeitpunkt kannte ja Ssio niemand wirklich. Und ihm zu erklären, dass das jetzt Sinn machen würde und er dafür auf ein Semester verzichten sollte, das war schon nicht einfach. Genauso bei Ewa: Scheiß mal auf deine Arbeit, mach jetzt Mucke – und das von jemandem, der sich aus dem Knast meldet. Das ist schon bisschen komisch, aber mit viel Überzeugungskunst, viel Telefonierei und auch den Support der Medien, von Groove Attack und ein paar Rappern, hat das doch funktioniert, dass man Sachen rausbringt.

„Wenn man cool zu Leuten ist, dann sind die auch cool.“

Wieso hören die Leute auf dich, selbst wenn du im Knast bist?

Keine Ahnung. Und viele haben ja auch nix gemacht. Aber was das HipHop-Game angeht, war es ja richtig cool: Industrie, Labels und Künstler, alle Leute, die ich dort schon vorher kannte, wissen ja, dass ich ein guter Junge bin. Ich fucke ja keinen ab. Es gab unter den Künstlern aber auch Leute, die helfen wollten, wo ich aber gemerkt hab, die wollen dadurch nur Credibility abgreifen. Denen ging es darum, etwas mit meinem Namen zu machen, weil ich im Knast saß und die das gut gebrauchen konnten. Aber sonst war alles cool. Ehrlich gesagt, hab ich über die Frage noch nie wirklich nachgedacht. Für mich war das selbstverständlich. Aber du kennst das ja: Wenn man cool zu Leuten ist, dann sind die auch cool.

Ab wann konntest du denn absehen, wann du wieder am Start sein kannst? Ab wann konntest du diesen Albumplan wirklich verfolgen?

Bis einen Tag vor meiner Entlassung konnte ich das nie wirklich absehen. Ich hab komplett gepokert. Es hieß ja schon 2013, dass ich in den Freigang kommen könnte. Aber es ist dann nicht passiert. Und es hat sich bis Ende 2014 durchgezogen, dass mir jede Woche erzählt wurde: nächsten Monat, nächsten Monat. Das war auch ein Grund, warum Schwesta Ewas Platte so lang gedauert hat. Ich hatte ihr gesagt, dass ich das Album auf jeden Fall produzieren will – und bis dahin müsst ihr warten. Ich dachte, da wird schnell etwas passieren, aber letztendlich mussten wir zwei Jahre warten. Bis ich letztes Jahr in Freigang gekommen bin, konnte ich zwar arbeiten, aber ich wusste immer noch nicht, wann ich entlassen werde. Es gab die Möglichkeit, dass ich letzten Dezember entlassen werde – was dann auch passiert ist – oder halt ein halbes Jahr später. Wir haben letztlich alles darauf eingestellt, dass ich entlassen werden könnte – und dann wollten wir direkt loslegen. Wenn das nicht geklappt hätte, hätten wir alles wieder abgesagt und alles auf ein halbes Jahr später geplant. Da hätten wir natürlich ein bisschen Verlust gemacht. Aber Gott sei Dank hat noch alles geklappt.

Wie sieht Freigang konkret aus? Was konntest du machen, was nicht?

Da gibt es verschiedene Varianten: Zum einen, dass du 21 Tage im Jahr hast, die du dir aussuchen kannst. An diesen Tagen kannst du raus, auch wirklich nach Hause gehen und tun, was du willst. Ich durfte aber nur arbeiten. Das heißt, ich musste mir einen Job suchen. Ich hab aber einen guten Job bei Groove Attack gefunden, wo ich Mucke machen konnte. Das war mein Glück. Allerdings muss man dort von morgens bis abends bleiben, was auch kontrolliert wird. Aber für mich hat das gepasst, ich hab einfach von morgens bis abends Mucke gemacht.

Wurde dir das positiv angerechnet, dass du ein Label am Laufen hast?

Das ist war gar kein Thema. Es geht darum: Grundsätzlich hat jeder, der in Deutschland zum ersten Mal im Knast ist, das Recht, nach zwei Dritteln der Strafe bereits entlassen zu werden. Das fällt nur dann aus, wenn du mies Scheiße baust im Knast: Wenn du Leute schlägst oder Drogen verkaufst und dabei erwischt wirst – dann kann es sein, dass die Zwei-Drittel-Regelung bei dir infrage gestellt wird. Das sind die Faktoren, die da zum Tragen kommen. Was deine Arbeitssituation draußen angeht, ist Selbständigkeit eher nicht gern gesehen – die denken da schon eher an feste, angestellte Arbeit.

„Bei unseren Drums orientieren wir uns an Eastcoast-Sachen, wobei wir unsere Snares und Kicks noch mal deutlich lauter machen.“

Dein Album erinnert mich musikalisch sehr an Neunziger-Rap der Marke Bad Boy. Kannst du den Vergleich nachvollziehen?

Dicker, ich hab jetzt schon so viele Vergleiche gehört – und jeder sagt etwas anderes. (lacht) Und jetzt kommst du mit Bad Boy. Ich selbst gehe da nicht nach solchen Schemata vor. Für mich zählt nur Quali. Natürlich haben wir Einflüsse, die sehr tief sitzen, aber eigentlich machen wir einfach Beats. Wenn uns eine Skizze gefällt, dann arbeiten wir daran weiter und machen sie so fett wie möglich. Westcoast, Eastcoast, eine Mischung aus beidem, Death Row, jetzt Bad Boy – die Leute sagen dazu alles Mögliche. Aber ich selbst kann dazu eigentlich gar nix Vernünftiges sagen. Klar, bei den Drums orientieren wir uns schon an Eastcoast-Sachen, wobei wir unsere Snares und Kicks noch mal deutlich lauter machen. Jeder hat wohl einen Song, den er auf das ganze Album projiziert. Wir haben einen riesigen Pool an Beats, die wir selber gemacht haben und an denen wir für konkrete Projekte weiterarbeiten. Oder wir kriegen Beats, die wir so schon geil finden – wie das z.B. bei Reaf der Fall ist. Der Sound entsteht einfach im Prozess und nicht nach Schema. Was Drums angeht, haben wir für uns festgelegt, was wir gut finden. Was Sounds und Melodien angeht, muss es immer etwas sein, dass dich toucht oder dich zum Abgehen bewegt. Und so entstehen diese Dinger, die zwar melodiös sind, aber eben auch fette Drums haben.

Hört man sich die AON-Releases an, hat man schon den Eindruck, dass da eine große Vision dahintersteckt – es gibt mittlerweile einen erkennbaren AON-Sound.

Das stimmt auf jeden Fall. Wir haben uns über die Jahre sehr viel mit Beats beschäftigt und kamen irgendwann an den Punkt, wo wir sagen konnten: Wir finden Beats nur dann gut, wenn sie so und so klingen. Nur dann wollen wir auch darauf rappen. Und diesen Geschmack haben wir alle gemeinsam über eine lange Zeit entwickelt. Natürlich entstand der auch aus der Musik, die wir gehört haben, aber da spielt halt alles rein. Wir hören ja auch neuere Sachen, ich selber höre viel Rick Ross und solche Musik. Auf dem Album ist ja auch ein Skit drauf, der ein bisschen trappiger ist. Das finde ich auch cool, aber für mich ist Trap letztendlich zu einfach. Mir gefällt das nicht, wenn ich weiß, dass der Produzent da eigentlich nicht viel gemacht hat. Reaf hat einen Sound entwickelt, den er „Boomtrap“ nennt, wo er Boombap-Elemente mit Trap vermischt: 808-Drums, aber dafür krass viele Saxophon- und Rhodes-Samples, die für Trap komplett untypisch sind. Und der Skit ist genau so ein Ding, den ich mir gepackt und drüber gerappt hab. Auf Ssios Album wird es auch was in diese Richtung geben, auch auf anderen größeren Rap-Alben in Deutschland. Das ist ein ganz neuer Sound, den es so noch nicht gibt. Da bin ich wirklich stolz auf Reaf. Bei uns geht es nicht darum, dass wir in den Neunzigern hängengeblieben sind – das stimmt einfach nicht. Bei uns geht es um Qualität. Und dass die Qualität seit den Neunzigern ein bisschen abgenommen hat, was puren HipHop angeht, das ist einfach nicht zu bestreiten. Woran auch immer das liegt, ob die Leute mehr Bock, bessere Möglichkeiten oder die Aussicht auf mehr Geld hatten – ich weiß es nicht. Und es ist auch nicht so, dass ab 2000 plötzlich alle schlechtere Beats machten. Das ging eher schleichend. Jedenfalls ist vieles aus den Neunzigern, was die Qualität und auch die Kreativität angeht, bis heute untouchable. Vielleicht auch, weil die damals schon alle geilen Samples missbraucht haben. Und wir gehen einfach nach Qualität. Und deswegen ist der Sound dann bei uns ähnlich.

„Ich habe das Privileg, auf maßgeschneiderten Beats zu rappen.“

Glaubst du, dass du als Rapper einen Vorteil hast, weil du so tief in die Produktion involviert bist und obendrein eine musikalische Grundausbildung hast?

Das ist eine schwere Frage. Ich weiß nicht, wie das bei anderen Rappern im Kopf ist, wie die an die Musik rangehen. Ich könnte nicht einfach ein Beatpaket von einem fremden Produzenten nehmen und einfach über seine Beats rappen. Ich müsste da auf jeden Fall noch was dran ändern. Das war bisher immer so – und ich hab die Beats dann letztendlich auch nie genommen. Ich hab mir schon wirklich viel schicken lassen – wir sind da ja immer offen dafür – aber am Ende hab ich nie etwas davon genommen. Ich weiß, was ich haben will. Ich wusste von anfang an, was ich für einen Grundvibe auf meinem Album haben will. Das ist natürlich voll schwer, das über die ganze Produktion über beizubehalten. Wir haben das aber versucht und dabei unendlich viele Beats ausprobiert, die wir letztendlich doch nicht benutzt haben. Zwei, drei Tage vor Masterabgabe haben wir noch was geändert, Parts neu geschrieben, richtig Hektik. Aber das musste einfach sein, weil ich nun mal so arbeite. Ich weiß, ich will diesen Vibe haben, und dafür brauche ich diese und jene Art von Beats. Und dann gehen wir an die Produktion ran. Ich sage dem Bassisten, wie ich mir die Bässe vorstelle; das gleiche Prozedere mit dem Keyboarder, außerdem spiele ich selber Sachen ein. Dadurch habe ich das Privileg, auf maßgeschneiderten Beats zu rappen. Wie andere Rapper das machen, weiß ich nicht. Vielleicht hätten die das auch gerne so, vielleicht wollen die aber auch einfach nur den neuesten Scheiß haben. Für mich persönlich funktioniert es aber so viel besser, dann kann ich viel besser schreiben.

Apropos Schreiben: In Interviews hat Schwesta Ewa immer wieder erwähnt, dass du bezüglich ihrer Texte stets das letzte Wort hast und sie ihre Lyrics zur Abnahme in den Knast geschickt hat. Was ist dir bei Raptexten wichtig?

Bei ihr war ganz am Anfang halt die Sache mit den Reimen ein großes Thema, was sich aber recht schnell gelegt hat. Anfangs war das nicht so cool, aber das musste sie sich angewöhnen, da mehr Arbeit reinzustecken. Die andere Sache war der Flow und die Betonungen. Wir haben dazu extra eine Technik entwickelt, wie wir per Brief mit Strichen, Punkten, Kreuzen, Wellenlinien etc. uns gegenseitig Flows erklären konnten. Neben dem eigentlichen Text hatten wir eine Liste, was die Symbole bedeuten: Ein Kreis bedeutet, hoch zu betonen, eine Welle bedeutete, dass es so doubletimig sein soll – für jede Betonung und jeden Flow hatten wir ein Symbol. Ich wusste durch ihre Markierungen, wo im Text die Kick und die Snare sitzt. Das hat sie mir geschickt und daran hab ich oft Sachen geändert – die Kick woanders hingesetzt, dass sie anders in die Line reinkommt z.B. Durch diese Schule musste sie einfach durch, darauf hab ich bestanden. (lacht) Jetzt macht sie das aber alles selber. Den Feature-Part auf meinem Album hat sie zum Beispiel komplett selber gemacht – mittlerweile muss ich da nicht mehr drübergehen. Beim Mixtape ist das oft passiert, bei ihrem Album nur noch sehr wenig, mittlerweile hat sie es komplett gerafft. Sie lernt echt schnell. Wir wollten, dass ihr Flow zu unserem Style passt, das war alles. Und das hat auch geklappt, da ist alles cool.

Du hast also einen sehr technischen Ansatz, was Rap angeht.

Ja, natürlich. Bei Ewa kam ja noch dazu: Sie hat diesen Background, der ja schon für Gelaber sorgt. Und dann kam noch der Vorwurf, sie könne nicht rappen – was, wenn man ehrlich ist, auch am Anfang nicht gestimmt hat. Klar, sie hatte ihre Schwächen, aber vom Inhalt und von der Technik war sie gut. Wir mussten halt aufpassen, dass sie nicht zu viel Angriffsfläche für Hater bietet. Und deswegen war mir das sehr, sehr wichtig bei ihr.

Wir haben über Beats gesprochen, über Texte und Flows – wie viele Gedanken machst du dir über Images?

Sehr viel. Wir setzen uns hin und entwickeln so eine Art Corporate Identity für jeden Release. Bei mir war es offensichtlich das Gold, bei Ssio wird es natürlich etwas anderes sein. Die Künstler selber haben an solchen Dingen natürlich nicht so viel Interesse. Ssio interessiert sich nicht für Images und Marketing, der will einfach nur Mucke machen. Der will zusammen mit Reaf geile Beats machen, geile Texte schreiben, damit beschäftigt er sich sehr, sehr viel. Die CI entwerfen wir dann natürlich in Absprache mit ihm – er soll ja auch Bock drauf haben. Aber es muss halt gemacht werden. Gute Musik ist die eine Sache, aber man muss natürlich auch dafür sorgen, dass das so viele Menschen wie möglich mitbekommen. Und dafür braucht man einfach gutes Marketing, anders geht es nicht. Sonst würden wir ja drauf scheißen und einfach nur CDs machen anstatt Videos. Aber das funktioniert heutzutage leider nicht so, weil die Konkurrenz da auch sehr fleißig ist.

Neben dem Gold ist es bei dir vor allem der Mantel, der eine prominente Rolle spielt. Wie kam es dazu?

Ich habe nichts mit Mänteln zu tun. Ich weiß davon überhaupt nix. (lacht) Im Ernst: Das ist einfach eine Redewendung bei uns gewesen, ein Status, den man irgendwann erlangt. Im Sinne von: Pass auf, wie du mit mir redest. Und das haben die Leute mittlerweile verstanden und adaptiert.

„Ich bin einfach anders, ich trage keine Bomberjacke.“

Die meisten Straßenrapper, selbst wenn sie noch so hart rüberkommen wollen, verwenden eher ein junges, sportliches Image. Dein Mantel steht jedoch für das Image eines erwachsenen Mannes.

Genau darum geht es auch. Der Mantel steht dafür, dass man schon älter und erwachsener ist. Ich bin einfach anders, ich trage keine Bomberjacke. Das ist eben der Unterschied.

Du bist einer von wenigen deutschen Rappern, in dessen Wikipedia-Eintrag sich ein Kapitel namens „Kontroversen“ findet. Hältst du dich selbst überhaupt für so einen kontroversen Charakter?

Es gibt bestimmt viele Leute, die das, was da steht, auch erlebt haben. Nur sind die entweder keine Rapper und es interessiert niemanden. Oder es sind Rapper und die wurden nie bei so was erwischt. Da stehen ja nur Dinge, bei denen ich erwischt wurde. Vielleicht hab ich noch mehr gemacht, vielleicht auch nicht. Bis ich in den Knast kam, steckte ich einfach zu tief in beiden Welten; in der Musik und in der Straße. Ich hab das einfach nicht losgelassen, wie das zum Beispiel Haftbefehl gemacht hat: Er hat da einen Cut gezogen und sich nur noch auf Musik konzentriert – das hat er echt sehr gut gemacht. Ich hab damals aber nicht an den wirtschaftlichen Erfolg meiner Musik geglaubt und mich deshalb nicht von der Straße lösen können. Wenn ich 2007 angeschaut habe, wie es um die anderen Rapper steht, dann war das eine sehr bittere Zeit. Die Leute von den großen Labels sagten damals zu mir: Nur Sido und Bushido können mit Straßenrap Geld verdienen. Das Business war einfach tot.

Bereust du eigentlich, was damals alles passiert ist? Letztendlich lief es für dich ja sehr gut jetzt.

Ich denke mir jedenfalls nicht: Ich war fünf Jahre im Knast, dafür verkauft sich mein Album jetzt gut. Das wäre krank. Wenn man so lange im Gefängnis war, dann kann man so etwas nicht sagen, denn Knast IST einfach ekelhaft. Aber ich denke schon, dass alles, was passiert ist, mich zu dem gemacht hat, wer ich bin. Und damit kann ich im Moment schon glücklich sein. Wäre es anders gelaufen, wäre vielleicht noch größere Scheiße passiert.

Aber jetzt hast du den Cut ja gemacht.

Ja. Ich bin jetzt Musiker. (lacht) Und wenn man sich auf die Musik konzentriert – und zwar nicht nur als Rapper und Produzent, sondern auch als Labelboss – dann ist das mehr als ein Fulltime-Job. Der Job frisst extrem viel Zeit. Aber ich mache das gerne, denn ich habe nach der Zeit im Knast mehr Hunger, als man sich vorstellen kann.

Wie siehst du deine Zukunft? Was machst du in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass ich frei bin, Bruder. Das ist alles, was ich hoffe. Alles andere läuft schon so, wie es soll. Und so Gott will, werden wir mit Qualität überzeugen.